Mein kleiner Vogel

Eine Kurzgeschichte, in der weder Anfang noch Ende eine Rolle spielt.

    Als ich dein Zimmer betrete, ist die Sonne erst frisch aufgegangen. Durch das mittelgroße Fenster zu deiner Rechten scheint immer das Licht der aufgehenden Sonne, durch das Fenster zu deiner Linken, das der untergehenden Sonne.


    Ich habe dich nie aus dem Fenster blicken sehen. Trotzdem putze ich sie jeden Abend, damit du vielleicht doch eines Tages einen sehnsüchtigen Blick nach draußen riskierst.


    Du schläfst, glaube ich.


    Leise setze ich mich auf den Boden vor dir, nur um wieder deine Schönheit zu betrachten. Selbst wenn du deine Augen in meiner Gegenwart nur selten offenbarst, kommt es mir so vor, als würde ich jeden Tag durch diese diamantgrauen, mit trüben bedeckten Augen in den Himmel schauen.


    Seltsam, nicht wahr?


    Gründlich betrachte ich dein Zimmer. Dir scheint es vermutlich viel eher wie ein goldener Käfig. Dennoch soll er immer sauber sein für dich, mein kleiner Vogel.


    Kein einziges Staubkorn soll deine reine, magische Ausstrahlung beflecken. Außerdem magst du Staub

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    Mein kleiner Vogel.


    Ich besuche dich jeden Tag zur gleichen Uhrzeit und bleibe auch nie länger als am Tag zuvor.


    Du bist wunderschön, auch wenn die wie in Ketten gelegt stumm die Zeit an dir vorbeiziehen lässt.


    Manchmal singst du sogar. Denkst du, ich höre es nicht? Deine Stimme ist doch so schön. Aber du singst nicht oft. Nur ganz selten, wenn du dir sicher bist, dass ich nicht in der Nähe bin.


    Und ganz selten, wenn ich dasitze und dich betrachte, blickst du in meine Augen, als könntest du mit ihnen bis in die Tiefen meiner Seele blicken. Doch sie suchen nicht die Meinen, um mir Vergnügen zu bereiten, sondern um stumm nach der dir genommenen Freiheit zu betteln.


    Es tut mir leid, ich kann dich nicht gehen lassen.


    Mein kleiner Vogel...

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