Tag 1

Als ich dein Zimmer betrete, ist die Sonne erst frisch aufgegangen. Durch das mittelgroße Fenster zu deiner Rechten scheint immer das Licht der aufgehenden Sonne, durch das Fenster zu deiner Linken, das der untergehenden Sonne.


Ich habe dich nie aus dem Fenster blicken sehen. Trotzdem putze ich sie jeden Abend, damit du vielleicht doch eines Tages einen sehnsüchtigen Blick nach draußen riskierst.


Du schläfst, glaube ich.


Leise setze ich mich auf den Boden vor dir, nur um wieder deine Schönheit zu betrachten. Selbst wenn du deine Augen in meiner Gegenwart nur selten offenbarst, kommt es mir so vor, als würde ich jeden Tag durch diese diamantgrauen, mit trüben bedeckten Augen in den Himmel schauen.


Seltsam, nicht wahr?


Gründlich betrachte ich dein Zimmer. Dir scheint es vermutlich viel eher wie ein goldener Käfig. Dennoch soll er immer sauber sein für dich, mein kleiner Vogel.


Kein einziges Staubkorn soll deine reine, magische Ausstrahlung beflecken. Außerdem magst du Staub nicht.


Dein kleiner Körper zuckt. Es ist eine minimale Bewegung, aber ich habe sie gesehen.


Anders als die so seltenen schönen Tage, willst du mich weder anschauen, noch deutlich zeigen, dass du meine Anwesenheit zur Kenntnis nimmst. Fast schon, als würdest du versuchen sie zwanghaft wegzudrängen und in einen Käfig zu sperren, so wie ich es mit dir getan habe.


Die Stille muss unerträglich sein.


Sanft lächelnd spreche ich zu dir. Ich spreche gerne mit dir, selbst wenn du dir wahrscheinlich abertausende schönere Sachen vorstellen könntest. Deine ruhige, sanftmütige Aura vermittelt mir das Gefühl einen Zufluchtsort zu haben.


Weißt du noch? Am Anfang, als ich dich herholte, da hatte ich keine Ahnung davon. Du sahst so betrübt und traurig aus, dabei bist du doch so schön. Deine Augen haben tagelang nur auf dem beschmutzten Boden gehaftet. Jedoch immer nur auf der einen Stelle. Es war mir ein Rätsel, was du damit versuchtest du zagen. Nach etlichen Tagen war ein leises Niesen der einzige Beweis deiner physischen Anwesenheit. Ich hatte Angst, du seist krank. Dem war nicht so. Du warst gesund. Ein Freund riet mir, ich solle doch dein Zimmer reinigen. Ich tat es. Und auf wundersame Weise kam kein Geräusch mehr von dir. Irgendwie fand ich es Schade, ich habe gerne dein Niesen gehört. Es war schließlich das Einzige, das ich von dir zu hören bekam. An diesem Tag öffnetest du zum ersten Mal deine Augen. Deine wundervollen Augen blickten mich direkt an. Wenn ich an diesen Tag denke bilde ich mir ein, ich hätte einen Funken gesehen. Ob es wohl Dankbarkeit war? Ein weiteres Rätsel.


Du bist ein Rätsel.


Achtsam schaue ich auf meine Uhr. Meine Zeit ist gleich um. Eine der wenigen Regeln, die ich mir selbst gab, um es dir erträglicher zu machen.


Der Minutenzeiger springt auf die Zwölf, als ich mich abwende und dir den Rücken kehre. Ob es Einbildung ist, kann ich nicht sagen, dennoch fühle ich deine Augen auf mir. Als ich die Tür jedoch schließe, hängst du in gleicher Weise regungslos in der Ecke, wie zuvor. Fast so, als wäre sämtliches Leben aus dir gewichen. Lediglich deine hebende Brust überzeugt mich vom Gegenteil.


Leise klickend schließe ich die massive Holztür. Zur Sicherheit drehe ich den Schlüssel zweimal um.


Sanft streiche ich über die Tür.


Die Tür zu meinem Schatz.


Meinem Himmel.


Meinem kleinen Vogel.