Harry - Ostschleuse
"Guter Mann;" bestätigte ich mir in Gedanken, denn dass er meine Geste zwar nicht ausschlug, aber meinen Verlust auf eine einzelne Kastanie beschränkte, das imponierte sowohl meinem Ego als auch meiner Habgier.
Und obwohl seine Mimik mir einen Augenblick lang verriet, dass auch ihm die eine oder andere Frage unter den Nägeln zu brennen schien begann er mir die Ereignisse zu schildern.
"Tja, das Hunde Nest war nicht nur für Hunde gedacht..." begann er, hielt dann aber inne, und suchte nach einer ruhigeren Ecke zu welcher er sich aufmachte, mit der stummen Aufforderung seines Blickes, ich solle ihn begleiten.
Das tat ich auch, obwohl ich mir zunächst keinen rechten Reim darauf machen konnte, aber ich vermutete, dass er die Unterhaltung an einem etwas ungestörterem Ort fortsetzen wollte - was mir nur Recht war. Denn noch ignorierte man mich nach wie vor und so konnte es auch bleiben.
Denn zwar war angesichts dessen dass man mich plötzlich in Ruhe lies die Hoffnung in mir neu aufgeflammt, das Wakeyashi und die ganze Mission zum Himmel stanken. Dadurch würde aus meiner Befehlsverweigerung und Fahnenflucht plötzlich sogar irgendwas couragiertes, ja regelrecht heroisches! - und die Vorstellung gefiel mir meiner Eitelkeit ungleich mehr - aber auch dann wars besser, überlegte ich, niemandem über den Weg zu laufen der mir im Durcheinander mit einem schnellen Schnitt durch die Gurgel mein Plappermäulchen verschliessen konnte.
Eine Überlegung, die auch dazu führte dass ich mich dem Rothaarigen zwar weiter näherte - aber im Groben die Reichweite seiner Klinge abschätzte und meine Füsse anwies, tunlichst ausserhalb dieses Radius zu bleiben.
Zumindest eine Weile, denn das was danach kam... lies meine Knie weich werden und ich musste mich bemühen mich weder trotz leeren Magens vor ihm zu übergeben, oder völlig ins taumeln zu geraten.
Ich hielt ihn eben noch für guter Dinge, schliesslich lachte er und schien fröhlich. Das tat er sogar, während er mir die furchtbaren Dinge schilderte, die sich zugetragen hatten - aber das verlieh der Szenerie etwas Unheimliches, Groteskes. Als wäre das Lachen eine brüchige Fassade vor dem Schlund des Entsetzens, wie eine Stütze, an den der Geist sich verzweifelt klammert um nicht darin hinabzustürzen.
Tote! Verletzte! Ein Kommandant, der durchdreht... Was für ein Wahnsinn! Ich waagte garnicht, ihn gleich danach zu fragen, wer sterben musste, wer verwundet wurde. Mir fehlte die Kraft dazu, denn vor meinem geistigen Auge sah ich die Gesichter der Leute, mit denen ich von der Basis hier her gekommen war nur zu klar. Sicher, manche waren mir weniger zuwider als andere - aber den Tod wünschte ich niemandem. Nicht Nike, nicht Naito, nicht Spyridon, noch nicht einmal Katsuro....
Eine Welle rasenden Wutes, von Altem und neuem Schmerz drohte mein Herz zu überschwemmen und meinen Verstand hinfortzuspülen. Dieses gottverfluchte Militär verkaufte den Leuten Grausamkeit als Heldenmut, und Leben wegzuwerfen als Opferbereitschaft! Ich konnte mich nicht lösen von der Vorstellung, wie sinnlos der Tod der beiden Opfer war. Unser Befehl lautete nicht, uns oder unsere Familien vor einem Angriff zu schützen, einen Angriff zu verhindern oder so verdeckt wie möglich an Informationen zu kommen, die Menschenleben gerettet hätten! Wir sollten blind in ein Bienennest stechen, und irgendwelchen Bonzen neue Haustierchen beschaffen!!
Waren Karens Befehle genauso sinnvoll, lebensrettend und ruhmreich gewesen...?
Ich kochte vor Zorn und überhörte beinahe, als mir der Rothaarige verriet, das ihm wohl aufgefallen war, das ich seinen Namen vergessen hatte...
"Aber gut, Bart war mein Name im übrigen."
Ich war drauf und dran gewesen, zu explodieren, aber nun sah ich ihn an, wie er mir seinen Namen wiederholte und schämte mich meiner Wut... Das war nicht der richtige Ort für Zorn - und nicht die richtige Person.
WOFÜR das hier richtig war, ich wusste es nicht, und mir fehlten die Worte.
"Meine Fresse, Bart..." begann ich tonlos, und zwang mich meinen Blick von ihm zu lösen.
Ein Augenblick, der mir wie eine Ewigkeit erschien verging wortlos, ehe ich seufzend aufblickte und die Gegend untersuchte.
"Ich bin mir sicher, die servieren hier irgendwo auch einen Schnapps; Ich glaub, ich könnt einen vertragen;"
Dann suchte ich seinen Blick und fuhr fort, während ich mit dem Daumen auf mich zeigte.
"Wie stehts mit dir? Harry - hier - lädt dich auch ein."
