Tief und traumlos lag Spikes Bewusstsein in seinem Körper gefangen als ein fernes Geräusch seinen Weg in die Tiefen seines Schlummers fand. Ein heiseres Knurren... nur ein kurzes Geräusch; Und doch der Zündfunke einer Kettenreaktion, welche Bilder und Erinnerungen ihn ihm hervor holten und ihn schlagartig ins Leben zurückriefen.
Er riss die Augen auf - und blickte in die bluttriefende Fratze des Wesens, das er nun nur zu gut einem Sagas zuordnen konnte. Sein Herz erstarrte vor Entsetzen beim Anblick der messerscharfen, klingengleichen Zähne, die ihm aus nur einer Armlänge Entfernung entgegenbleckten.
Doch plötzlich begann die furchtbare Fratze vor ihm eine Art schwankenden Tanz.
"Üüch bin ein böhser Sagas - und möchte dich frääzzen..." erklang dazu begleitend eine übertrieben gestellte Frauenstimme, doch noch verging ein Augenblick, ehe Spike realisierte mit welch bösem Streich er es hier zu tun hatte.
Mittlerweile war die Morgendämmerung angebrochen, und als Spike seinen Blick vom Maul des Monsters löste erkannte er im schwachen Morgenlicht allmählich die Fremde, die breit grinsend mit dem abgetrennten Haupt der Bestie in ihrer Hand vor seiner Nase herumfuchtelte und sich dabei kaum dagegen wehren konnte vor Vergnügen los zu glucksen.
Hätte er den Namen der Fremden gekannt - er hätte sie und ihre Nachkommen in diesem Moment für Generationen verflucht. Stattdessen rollte er sich zur Seite weg und sprang erschrocken auf.
"Bist du irre? Oder war zur Hölle hast du eigentlich für ein Problem?!" stiess er so wütend hervor, wie es sein völlig aus jedem Takt geratener Kreislauf eben zulies, doch nur einen Augenblick später musste er sich hinknien, da ihm seine kraftlosen Beine wegzuknicken drohten und fügte eben dieser Erkenntnis noch ein "...und was hast du nur mit mir gemacht?!" hinzu.
Spikes Verhalten schien sich allerdings wenig darauf auszuwirken, dass die Laune der Frau ausgezeichnet war, sie wandte sich schwungvoll auf der Ferse um, und während die langen Locken ihres roten Haares tanzend der Bewegung folgten verstaute sie den Kopf des Sagas in einem Beutel und verschnürte ihn mit einem gekonnten Griff.
"Also erstmal." begann sie und wandte sich dabei wieder Spike zu.
"Ich habe heute einer äusserst mürrischen und undankbaren Person das Leben gerettet; Und das gleich zwei Mal!" grinste sie, und verlieh dem Satz mit einem entsprechenden Handzeichen Nachdruck.
"Und ich habe einen Sagas im Alleingang zur Strecke gebracht, während sich gewisse Leute im Schutze meiner Tarnklamotten einfach mal genüsslich ausschafen, da ist ein kleiner Scherz auf ihre Kosten doch wohl drin oder?"
Wobei sie bei dieser Bemerkung nach dem Umhang fasste, den Spike im Aufstehen am Boden liegen gelassen hatte.
"Was heisst hier genüsslich ausschlafen?!" fuhr ihr Spike ins Wort. "Mir ist kalt, ich bin wie gerädert und kann mich kaum auf den Beinen halten, seit du diesen Trick mit mir abgezogen hast!"
"Ach, komm schon." spottete die Fremde. "Der Imitaeanima- Zauber entzieht einem Menschen ein wenig Blut, Fett und ein ein paar Haare, und da ich keine Zeit hatte dich zu fragen nahm ich einfach mal an, das würdest du im Tausch gegen dein Leben wohl zu opfern bereit sein. Ausserdem, zwei warme Mahlzeiten und ein paar Mützen Schlaf und du bist wieder in Ordnung."
"Und drittens, dein Pferdchen hab ich auch wieder gefunden." fügte die Frau noch mit einem Augenzwinkern hinzu, während sie auf Spikes Pferd deutete, welches einige Meter entfernt friedlich zwischen Moos und Farnen das spärliche Gras abweidete.
Spike bemerkte sein Pferd, doch noch hingen seine Gedanken etwas anderem nach. Also war doch Hexerei und Magie im Spiel! Ein Gedanke, der ihn etwas besänftigte, denn seitdem er Ro vor Wochen verlassen hatte war ihm niemand begegnet dessen "Magie" über billige Kartentricks hinausreichte. Wenn die Frau tatsächlich mit echter Magie auskannte könnte sie ihm ja vielleicht auch seinen verlorenen Arm zurückholen!
Angesichts dieser Möglichkeit ebbte Spikes Ärger rasch ab und er gab sich in seinem Tonfall ungleich versönlicher
"Magie?! Etwa echte, richtige Magie?!"
Die Frage wiederum erstaunte nun die Fremde.
"Na klar echte Magie. Warum?"
"Meine Güte..." flüsterte Spike und senkte den Blick einen Augenblick lang überlegend zu Boden, dann suchte er den Blick der Frau, kniete sich vor sie hin und zog mit seinem rechten Arm die Kleidung zurück, die den verstümmelten Stumpf seines linken Oberarms bedeckte.
"Ich bin Spike aus Kyraius im Königreich Ro. Bring mir meinen Arm zurück und ich bin bereit zu zahlen oder zu tun, was immer du von mir verlangst."
Eine Geste und ein Anblick, die der Fremden den Atem stocken liess und die Begegnung in einen Moment der Stille eintauchte.
"Äh... " begann die Frau stammelnd und von Spikes Verhalten verunsichert. "Ich bin Joan Whitfort (für interessierte auch ein kleines Pic an dieser Stelle ^^) aus Sayle - und es freut mich zu sehen, das du offenbar ja doch zu Manieren fähig bist" Dann lies sie einen Augenblick vergehen, ehe sie in sanfterem Ton fortfuhr.
"Nur auch wenn es mir um deinen Arm Leid tut, ich kann dir nicht helfen, selbst wenn ich wollte..."
"Aber warum denn nicht?" fragte Spike enttäuscht und mit bitterer Stimme. "Du hast doch auch ein völliges Ebenbild von mir erschaffen, und das einfach im Handumdrehen."
"Na, so leicht wie es vielleicht aussah wars ja nun nicht!" protestierte die Fremde.
"Aber ein Illusionszauber nutzt Aura und Substanz eines Objekts oder Menschen als eine Art Durchschlag, sie erschafft keine Materie. Das ist ein grosser Unterschied."
"Was meinst du damit?" fragte Spike, während er sich enttäuscht aufrichtete.
Joan überlegte kurz.
"Nun, was denkst du wohl ist der Grund, weswegen ich in Wäldern Monstern hinterherjage, wenn ich genauso gut irgendwo am Strand liegen und es mit einem Zauberspruch Goldmünzen und gebratene Tauben regnen lassen könnte?"
Eine überraschende Frage auf die Spike nachdenklich eine Antwort zu finden versuchte.
"Ganz einfach." fuhr die Frau aber schon fort.
"Weil die Monsterjagd im Vergleich zu sowas ein Kinderspiel wäre. Ich meine, ich habe schon Magier gesehen, die die vier Elemente beherrschen und so auch Feuer oder Wasser kontrollieren und erschaffen können.
Aber nur jedes für sich. Gegenstände oder gar lebendige Materie besteht gleichzeitig aus vielen unterschiedlichen Elementen und Verbindungen.
Und diese Verbindungen spielen nochmal in einer völlig anderen Liga, denn auch wenn du zum Beispiel Zinn- und Kupfererz erzauberst ergibt das noch lange keine Bronze, blos weil du sie zusammen in einen Eimer schmeisst, verstehst du?"
Spikes Gedanken rasten. Er verstand gar nichts - nur, dass er all seine Hoffnungen in die Zauberei gesetzt hatte. Versuchte die Frau ihm etwa gerade klar zu machen, dass sie vergeblich waren? Das konnte nicht sein..! Das durfte nicht sein!
"Was versuchst du mir zu sagen?" fragte Spike bebend und Joan erkannte seine verzweifelte Erregung.
"Naja, nochmals. Tut mir Leid wegen deinem Arm, aber ich wüsste nicht, wie ich dir helfen kann. Dazu wären ungeheure spirituellen Fähigkeiten nötig, und auch immenses Wissen in Alchemie und Transmutation, um die Elemente im Stadium des Zaubers verbinden zu können."
Joan zögerte einen Augenblick lang nachdenklich.
"Ich fürchte..."
"Und was ist mit Lemura?!" unterbrach Spike sie hart, denn er kannte das Ende des Satzes. Er wollte ihn nicht hören.
"Lemura..?" fragte Joan, und verstehen drang in ihre Gedanken.
"Ist das etwa der Grund deiner Reise? Du suchst echt nach Lemura? hakte Joan nach und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
"Und wenn es so wäre." erwiderte Spike, von ihrem Verhalten wiederum angesäuert. "Was gibt es da zu Lachen?!"
"Ach, nichts weiter. Ich hätte nur nicht daran gedacht, das jemand, der noch vor ein paar Stunden Irrlichter, Sagas und jede meiner Warnungen als blanken Humbuk abgetan hat ausgerechnet nach Lemura sucht..." zwinkerte sie.
Spike grummelte verstimmt unverständliche Sätze, wagte aber nach allem, was er in dieser Nacht erlebt hatte nicht zu protestieren.
"Nun sag schon, kennst du nun Lemura, oder nicht?" fragte Spike und bemühte sich doch um ein wenig zweckdienliche Freundlichkeit, da er ja doch an Informationen gelangen wollte.
"Ich kenne die Geschichten." erwiderte Joan und kratzte sich überlegend am Kinn. "Und ich verstehe nun auch, warum du nach ihr suchst, aber ob sie wirklich existiert weiss auch ich nicht..."
Wieder stieg die Enttäuschung in Spike hoch. Ein Umstand, der Joan nicht verborgen zu bleiben schien.
"Aber wenn es dir so ernst ist, dass du tatsächlich nur mit Sturmgepäck und riesen Glück von Ro bis hier her gekommen bist... ich kenne jemanden, der behauptete jemand zu kennen, der dir vielleicht helfen kann."
Dieser Satz reichte aus, um augenblicklich Spikes volle Aufmerksamkeit zu erlangen.
"Wen?! Zu wem muss ich gehen?" fragte Spike so hastig, das sich seine Stimme überschlug.
"Du könntest es in Albion versuchen." begann die Frau. "Das ist eine kleine Hafenstadt, eine gute Woche in südöstlicher Richtung von hier entfernt. Ein alter Bekannter erzählte mir mal davon, dass der ehemalige Bürgermeister angeblich aus Lemura stammen soll..."
Dann stoppte sie kurz und zog eine Augenbraue hoch.
"Aber meine Hand ins Feuer lege ich für diese Info nicht. Der besagte Bekannte ist nicht mehr der Jüngste und erzählt sehr gerne Gesichten..."
"Albion sagtest du?" sprach Spike mehr entschlossen als fragend. "Dann werde ich es dort versuchen."
"Wenn du meinst. Aber mach lieber in Dryden Pause und rüste dich aus. Wenn du dem Pfad von gestern weiter folgst erreichst du das Dorf in einem halben Tag - und hör in Zukunft auch mal auf gut gemeinte Warnungen!"
Spike schwieg etwas betreten, worauf die Fremde sich umwandte und sich zum Gehen bereitete.
"Na dann, viel Glück. Ich muss auch los, ich krieg keine Prämie wenn vom Kopf des Sagas nur noch Sand übrig ist."
Spike dachte nur an Albion, und die Möglichkeit einen Hinweis auf Lemura gefunden zu haben, aber als er gedankenverloren hinüber zu seinem Pferd blickte, das nach dem ganzen Albtraum wieder friedlich dastand musste er sich doch eingestehen, dass Joan, so sonderbar sie sich auch verhielt doch auch grosse Kühnheit zu besitzen schien und er ihr wohl trotz allem etwas schuldig war.
"Danke." stiess er kleinlaut hervor. "Für alles..."
"Geschenkt!" rief Joan im Gehen ohne sich nochmals zu Spike umzudrehen. "Aber empfiehl mich weiter!" lachte sie und verabschiedete sie sich dann mit einer Handbewegung.
"Und viel Glück!"