Hi Sunny! Schön, so viele von euch noch hier zu treffen. ^^V (Wobei, ich glaube, dass ihr fast n wenig auf die neuen User abfärbt, denn auch sie sind prima Leute, hab ich den Eindruck. xD)
Uund dann gehts auch wieder los hier mit ner neuen Binsenweisheit. Wobei, diesmal gehts vielleicht nicht mal so lehrreich zu, denn was ich euch zeigen möchte ist mal wieder ein Blogeintrag von Traumfängerin, einer jungen Frau, die bereits schon mal hier im Thread vertreten ist.
Aber ich finde den Artikel prima. Auch deshalb, weil er mal eine gute Begründung dafür liefert, warum man oftmals doch recht schnell ermüdet, selbst wenn man mal genug hat von der Bild-Zeitung und Gerichtsshows und ja eigentlich gewillt wäre, sich einmal mit etwas Kultur zu beschäftigen...
Ist zwar etwas länger diesmal, aber lest es, wenn ihr mögt.
Die Schwere der Bedeutungsschwere
Sie sitzt gegenüber. Sie mit den großen rehbraunen Augen, den vollen, geschminkten Lippen. Sie, die sich kleidet wie ein Künstler, den typischen dunkelhaarigen lockeren Dutt zu der schwarzen Kleidung trägt, und doch kleidet sie sich eben nur wie einer.
Sie sitzt gegenüber und liest vor.
Sie liest aus ihrem Text, den sie schrieb. Ein Text über eine Figur. Eine Figur, allein mit der Erinnerung an bessere Zeiten.
Und dieser Text trieft.
Ich sitze gegenüber. Ich mit den mischfarbigen Augen, den irgendwann am frühen Morgen vielleicht mal geschminkten Lippen. Ich, mit dem billigen Rosé in der einen und der Zigarette in der anderen Hand.
Ich sitze gegenüber und höre zu.
Ich sitze gegenüber und ertrinke in ihrem triefenden Text.
Sie liest ihren Text mit tausenden von Kunstpausen. Die Sätze bestehen zum Teil nur aus ein paar Wörtern. Sie liest sie leidend. Trägt dazu diesen zutiefst betroffenen, bewegten Blick auf ihrem betroffenen, bewegten Gesicht. Jeder Satz, so scheint mir, beinhaltet das ganze Ausmaß einer kompletten menschlichen Tragödie. Und es sind viele Sätze. Zu viele Sätze, selbst für ein Tragödienleben.
Sie liest ihren Text, den sie mit ihren ausgemergelten Händen hält, den viel zu dünnen, zerschnittenen Armen. Immer wieder der leidende Blick aus den großen Mädchenaugen. Sie ist viel älter als ich und doch ist sie es, wenn ich es mir so recht überlege, wieder nicht.
Ich lese keinen meiner Texte, wieso auch. Ich würde ihn lesen, wie ich ihn schreibe. Nüchtern. Gerade in dem Moment, in dem es mir am meisten wehtut, werde ich am sachlichsten. Es ist ein wenig, so fällt mir auf, wie in Kästners Sachlicher Romanze, die liest er auch wie eine Abhandlung und gerade dadurch könnte man schreien vor bloßem, puren Schmerz und stummer, blinder, fassungsloser Wut.
Es liegt in der Knappheit, in dem, was nicht gesagt wird.
Mir fällt gerade ein Film ein. Ein Film, der von einem Mann und einer Frau handelt, die sich treffen, eine Nacht miteinander verbringen, in der sie so tun, als wäre es für immer, um nach dieser Nacht beide wieder in ihr Leben zurückzukehren. Eine schöne Idee, aber jede Gefühlsregung ist ausformuliert. Statt eines alles so viel besser sagenden stummen Blickes steht die Frau vor dem Spiegel und deklamiert theatralisch: Manchmal stelle ich mir vor, tot zu sein., so dass ich denke, dass ich mir auch manchmal vorstelle, mein Fernseher würde tot sein und ich wäre frei von der Verlockung, mir Filme von der Sensiblität eines wildgewordenen Elefantens im Porzellanladen anzusehen.
Denn, was dieser Film und sie mit den leidenden Augen vollkommen übersehen: Sobald man beginnt, Bedeutung zu zelebrieren, fällt ebendiese Bedeutung in sich zusammen. Wenn man stattdessen eben gerade so tut, als hätte etwas keine Bedeutung, entdeckt der wahre Zuhörer zwischen den Zeilen die leise, tatsächlich so bedeutende Botschaft. Und diese Entdeckung ist nicht nur unvergesslich wunderschön für jeden, der sie macht, sondern ist auch tatsächlich die, bei der das Leid zu etwas Sinnvollem führt: Einer Gefühlsregung, einer Bewegung, einer Veränderung.
Sie gegenüber jedenfalls schafft das nicht. Mit gerunzelter Stirn und zwei Zigaretten später, bei einem einseitigen Text eindeutig ein Zeichen für einen hohen Stresspegel meinerseits und extrem gedrosselter Lesegeschwindigkeit ihrerseits, verfolge ich die letzten Sätze ihres pseudo-literarischen, bedeutungsschweren Textes. Sie endet ihren Schlusssatz mit einem zutiefst berührten Seufzer, sanfte Tränen stehen in ihren Augen und sie sieht sich um, Lob und Zuspruch erwartend.
Der Text stirbt ja schon fast vor Bedeutung., kommentiere ich trocken. Mir ist schlecht. Ich weiß nicht, ob von dem Text, den zu hastigen Zigaretten, dem Billig-Rosé oder der Kombination aus allem drei. Ich weiß nur, dass man noch soviel schöne Texte schreiben kann und sich noch so künstlerhaft anziehen und leidend inszenieren kann - wenn man es nicht ist, ist man es nicht.
Ja, wenn man es nicht ist, ist man es nicht, so wird es sein., murmle ich noch vor mich hin, stehe auf und drücke geistesabwesend und vor mich hin sinnierend meine Zigarette aus, schütte den Rest des Rosés in die nächstgelegene Topfpflanze und mache mich ohne Abschied, mit der zweitbesten Gesellschaft der Welt, nämlich mir selbst, auf den Weg nach Hause.
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Uh, und da hab ich grade zufällig noch was entdeckt... Und irgendwie passts ja auch zu Ostern. Es handelt sich um eine kleine Reihe von Kurzfilmen, fünf, um genau zu sein. Die Sprache ist niederländisch, aber die Untertitel stehen ja auch noch da. Und die Dinger sind irgendwie eine recht gelungene Mischung von Humor und Traurigkeit...
Und den ersten Teil zeig ich euch einfach mal...
Adriaan - Ein Sarg für Stippie
Und falls ihr das tatsächlich auch nicht übel finden solltet, und euch auch den ganzen Rest ansehen möchtet - und das auch in halbwegser Bildqualität - programmiert euren Rekorder auf ARTE, nächsten Samstag früh, so von 9 bis 10 Uhr
Edit: uund falls ihrs versäumt habt, aber sich wer irgendwann doch mal alle Teile ansehen möchte, kann sich derjenige ja bei mir melden. Ich hab ne Kopie ^^