Jap, Sonntag ist`s. Und nachdem ihr letzte Woche verschont geblieben seid kriegt ihr heute gleich wieder zwei Sachen vorgesetzt, von denen die zweite zweifellos zur Extrem lang- Kategorie zählt. Muahahahar...
(Und obendrein gibts auch nichts grossartiges aus ihr zu lernen, es ist mehr eine Art Momentaufnahme aus dem Leben einiger unterschiedlicher Menschen, aber irgendwie gut geschrieben, wie moi fand.)
Der Palast - eine Parabel
Ein armer Mann kam zum Rabbiner: "Es ist schrecklich, Rebbe, ich bin geschlagen wie Hiob. Ich, mein Weib, meine acht Kinder und zu allem Überfluss auch noch meine Schwiegermutter, wir leben in einem einzigen Zimmer miteinander."
Fragte der Rebbe: "Haste Hühner?"
"Ja, vier."
"Nimm sie herein ins Zimmer."
Nach einer Woche kam er zum Rabbi und sagte: "Es ist noch schrecklicher. Die Hühner machen alles dreckig. Eins hat gepickt den Säugling, mein Weib hat gejagt das Huhn über die Betten."
Der Rabbi fragte: "Haste ein Kalb?"
Und als der Mann ängstlich nickte, sagte er: "Nimm herein das Kalb."
Nach vier Tagen kam der Mann angerannt: "Rebbe, ich kann`s nicht aushalten länger! Das Kalb brüllt und trampelt auf den Kindern herum, die Hühner fliegen durch`s Zimmer und legen Eier ins Bett." Der Rabbi dachte jetzt lange nach, dann fragte er: "Haste ein Pferd?"
"Ja, ich hab` eins, ein kleines - aber Ihr werdet doch nicht wirklich wollen, dass..."
"Nimm herein den Gaul sofort", verlangte der Rabbi.
Schon am anderen Morgen kam der Mann schreiend angerannt: "Das ist zu viel! Keine Minute länger will ich aushalten diese Hölle. Wir werden alle völlig meschugge."
"Nun", sagte der Rabbi, "wenn Du es wirklich nicht länger aushalten kannst, nimm heraus die Hühner, nimm heraus das Kalb, nimm heraus den Gaul."
Der Mann rannte heim. Nach einer Stunde kam er wieder, lachte, klatschte in die Hände und schlug sich die Schenkel: "Rebbe, ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt. Uns ist, als säßen wir in einem Palast..."
xD"
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Regen (von Wastebo)
Der alte Mann steht vor seinem Cafe. Sein Blick geht in den Himmel. Außer Wolken sieht er nichts. Es bleibt nicht viel Zeit, bis zum Regen, und auch sonst. Wenn er sich umdreht, blickt er auf Plastiktische und zugeklappte Sonnenschirme. Wieso die da noch stehen, weiß er nicht. Er ist sich nicht einmal sicher, weshalb er selbst noch da ist.
Die Tische werden nass, das ist alles, was er denkt. Man muss sie fortschaffen bevor der Regen kommt. Vielleicht wird er sie auch stehenlassen, im Grunde spielt es keine Rolle. Die Geschäfte gehen schlecht, früher war das anders. Seitdem regnet es auch mehr. Wegen den Polkappen, die schmelzen oder der Erde, die angeblich immer wärmer wird, nicht hier, im Gesamten, es ist schwer zu sagen. Könnte er nochmal von vorn anfangen...aber Neuanfänge gibt es keine und wer kann wissen, ob dann alles besser oder auch nur anders wäre.
Die Autos rollen wie von selbst vorbei, aus manchen blicken Kinder, ihre Augen sind groß und müde. Sie wissen auch nicht, was sie sagen sollen. Er hat schon daran gedacht, sich einfach auf die Straße zu stellen, alles was es dazu bräuchte, wär ein bisschen Hoffnung und ein Schild, aber bis jetzt hat er keine Idee, was man darauf schreiben kann. Er reibt sich die Augen und beginnt zwischen den Tischen herumzulaufen, bleibt ab und zu stehen, um mit der Hand über das Plastik zu streichen, es ist noch warm. Auf der anderen Straßenseite geht eine Frau mit zwei großen Einkaufstüten, immer wieder richtet sie den Blick nach oben.
Angenommen, es beginnt zu regnen, in diesem Augenblick, dann, überlegt er, blickt sie hier herüber, blinzelt, zuckt die Schultern und rennt quer über die Straße direkt in das Cafe. Er bringt ihr einen Kaffee und erhält dafür ein Trinkgeld und ein Lächeln, weil sein Kaffee gut ist. Noch regnet es nicht, er greift nach dem Besen und fegt den Boden zwischen den Tischen. Aber der Staub ist in der Überzahl und er weiß auch gar nicht, was er will. Schon bald lässt er sich auf einen Stuhl fallen und starrt ratlos auf die Straße oder in den Himmel, je nachdem, wohin der Blick gerade geht. Irgendwann steht er auf und geht in den Laden. Als er wieder rauskommt, hat er ein Schild aus Pappe unterm Arm, stellt es auf die Straße und setzt sich wieder hin. Auf dem Schild sind nur ein Pfeil und etwas, das eine kleine Sonne sein soll.
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Die Sonne ist schon seit dem Morgen verschwunden. Bisher hat sich niemand auf die Suche nach ihr gemacht, es hätte auch gar keinen Sinn. Links und rechts stemmen sich die Häuser in den Wind, die Straße liegt bereits am Boden. An den Fenstern kleben die Gesichter der Alten wie traurige Fensterbilder. Auf dem Gehsteig läuft ein Mädchen. Sie wird gar nicht gesehn. Sie ist ja auch schon fast nicht mehr da, nur noch ein Punkt, vielleicht nicht einmal das. Die Straße ist grau und der Himmel ist grau. Als Unterscheidung zwischen oben und unten bleibt das Wort.
Wenn ein Windstoß kommt, geht er einfach durch das Mädchen durch, oder auch an ihr vorbei, man weiß es nicht. Da sind Stimmen in der Ferne und das Geräusch von knackenden Zweigen. Sie will nichts sehen, nichts hören und nichts wissen. Es gibt auch gar nicht viel zu sehn. Vereinzelt rollen Kinder über die Straße und die Worte liegen wie der Regen in der Luft. Das Moos spürt sie auch dort unter den Füßen, wo gar keines wächst, sie stolpert über Kieselsteinchen und zittert mit den Blättern. Alles in allem gab es schon bessere Zeiten. Was bleibt, ist ein kleines rotes Licht am Ende des Tunnels.
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Karl hat die Ampel nicht gesehn, Karl sieht überhaupt nichts mehr. Laura hat ihren Gurt losgemacht und hängt zwischen Karl und dem Lenkrad und küsst ihn auf den Mund. Karl schiebt sie sanft zurück auf den Beifahrersitz und versucht sich wieder auf die Straße zu konzentrieren. „Schatz, ist ja schön, dass du dich so auf das Essen freust, aber wenn du so weitermachst, werden wir nicht heil ankommen. Außerdem ist es doch nur...ich meine, es ist bloß ein Geschäftsessen.“ Laura rutscht auf ihrem Sitz herum. „Aber du bist sonst nie zu Geschäftsessen eingeladen, es kann sehr wichtig sein, hast du gesagt. Hast du doch? Alle, die bei euch was zu sagen haben, sind da. Das waren deine Worte. Ich bin schon ganz kribbelig. Geht es dir nicht auch so?“ Karl blickt stumm geradeaus. „Schatz, was ist denn los, warum sagst du nichts?“ „Es ist nichts.“ Zur Bekräftigung klopft er mit der flachen Hand auf das Steuer.
Laura schaut wieder zum Fenster hinaus. Dann dreht sie den Kopf und lächelt. Karl lächelt zurück. „Ja, vielleicht ist es wichtig, aber das braucht dich nicht zu kümmern, ich werde das schon hinkriegen, irgendwie.“ Sie sagt: „Schau mal, der Himmel, es sieht nach Regen aus. Wollen wir nicht draußen grillen, morgen?“ Karls Hände legen sich etwas fester um das Lenkrad, aber sie bemerkt es nicht. „Ja, morgen, aber ist das denn jetzt so wichtig, was morgen ist?“
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Mit einem kräftigen Ruck wischt der alte Mann das Selbstmitleid beiseite. Man hat ihm Hände gegeben, damit er etwas tun kann, und es sind nicht irgendwelche Hände. Kräftig und geschickt sind sie, das sieht er mit einem Blick. Das Glück liegt in der Ferne, er weiß von Ländern, Ländern ohne Regen, warme Länder, Länder wie das Paradies. Wenn er nochmal von vorn anfangen könnte, dann dort, das ist sicher. Er steht am Fenster und sieht und hört und riecht das Meer. Darin sind Wellen bis an den Horizont und irgendwo dazwischen die Boote der Fischer wie kleine Inseln, mit ihren bunten Segeln. Er schließt die Augen und hat nicht vor, sie in nächster Zeit wieder aufzumachen.
Auf den Wellenkämmen treibt die Möglichkeit. Alles ist ganz einfach, der Laden wird verkauft und dann nichts wie weg, über den Schatten und den Ozean, ehe es zu spät ist. Als er die Augen wieder öffnet und sich in der Fensterscheibe sieht, weiß er, dass es bereits jetzt zu spät ist. Er steht auf, streckt die Arme aus und lässt sie wieder runterfallen. Ein paarmal geht das so und wenn man ihn sieht, muss man an einen Vogel denken, der nicht fliegen kann.
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Es ist wie mit den Seifenblasen, ein Fliegen und Zerplatzen, denkt das Mädchen. Unter ihren Füßen, vor ihren Augen, hinter ihrem Rücken, an ihrer Seite marschiert das Leben weiter, hier tanzen sie, aus der Reihe und auf Nasen und dort drüben taumeln sie wie Blinde. Sie fühlt sich fehl am Platze, irgendwie passt das alles nicht zusammen. Jetzt läuft sie durch die Straßen und ist gefangen in der Grauzone zwischen Herbst und Winter, und nachher, was ist nachher. Nichts ist mehr sicher, die Wolken baumeln an unsichtbaren Fäden und was ist, wenn sie fallen, gibt es ein Geräusch, ein Wort oder etwas in der Art.
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