Beiträge von Haggard

    Ich wünsch dir alles Gute zum Geburtstag und allezeit ein dickes Fell, scharfe Klauen und n sanftes Herz. Hab ne gute Zeit, Cazuh Lynn, feier schön und lass dich reich beschenken - und falls es das Studium dir irgendwann mal erlaubt, dass du selbst wieder Herr deiner Zeit wirst, schau ruhig mal wieder öfter vorbei... ooV

    P.S.: Kuchen findest du im Kühlschrank! xD

    Der Schwertmeister

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    Ein alter Krieger hatte viele Schüler um sich versammelt, die von ihm lernten.
    Einst kam ein junger Schwertkämpfer zu ihm, entschlossen, den alten Meister zu besiegen. Neben seiner Kampfausbildung hatte der Junge eine sehr spöttische Zunge, erkannte schnell die Schwächen des Gegners. Er wartete immer erst die erste Bewegung des Gegners ab, fand seine Schwachstelle und tat mit blitzartiger Schnelligkeit den tödlichen Schlag. Noch nie vorher hatte ihn jemand besiegt.
    Der alte Meister nahm die Herausforderung an.
    Als sie sich gegenüberstanden, begann der Junge ihn schlimm zu beschimpfen. Er warf Dreck, spuckte ihn an, versuchte, ihn mit den schrecklichsten Beleidigungen zur ersten Bewegung zu bringen. Doch der Alte stand regungslos und schweigend da. Schließlich war der Junge erschöpft, er erkannte,dass er besiegt worden und ging seines Weges.
    Die Schüler frageten den Meister enttäuscht, wie er solche eine Schmach erduldet hatte, ohne anzugreifen oder sich zuwehren, und warum der junge Krieger gegangen war.
    "Wenn jemand kommt, um dir etwas zu geben", sagte der Alte, "und du nimmst es nicht an, wem gehört es dann..?"

    Die Taube

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    Zwei Männer kamen zu einem Meister und fragten, ob sie bei ihm bleiben und Unterricht nehmen durften. Der Meister wollte sie erst auf die Probe stellen.
    Er gab beiden eine Taube und sagte: "Geht zu einem Platz, wo euch niemand sieht und tötet die Taube.“
    Der eine Mann verschwand ohne Zögern hinter einer Mauer und tötete die Taube.
    Der andere lief den ganzen Tag auf der Suche nach einem Ort, an dem er die Taube ungesehen töten konnte, umher, kam aber schließlich abends mit dem immer noch lebenden Vogel zurück.
    Der Meister fragte ihn: "Nun, hast du keinen geeigneten Ort gefunden?"
    "Nein, Meister. Es gab nirgendwo einen Ort, an dem ich nicht stets gesehen wurde."
    "Oh, und wer hat dich denn immer gesehen?" fragte der Meister.
    "Die Taube," antwortete der Mann.

    Der Axtdieb

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    Ein Mann fand eines Tages seine Axt nicht mehr. Er suchte und suchte, aber sie war verschwunden.

    Der Mann wurde ärgerlich und verdächtigte den Sohn seines Nachbarn, die Axt genommen zu haben.

    An diesem Tag beobachtete er den Sohn seines Nachbarn ganz genau. Und tatsächlich: Der Gang des Jungen war der Gang eines Axtdiebs. Die Worte, die er sprach, waren die Worte eines Axtdiebs. Sein ganzes Wesen und sein Verhalten waren die eines Axtdiebs.

    Am Abend fand der Mann die Axt durch Zufall hinter einem großen Korb in seinem eigenen Schuppen.

    Als er am nächsten Morgen den Sohn seines Nachbars erneut betrachtete, fand er weder in dessen Gang, noch in seinen Worten oder seinem Verhalten irgend etwas von einem Axtdieb.

    Diogenes und die Linsen

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    Eines Tages saß Diogenes auf der Schwelle irgendeines Hauses und aß einen Teller Linsen. In ganz Athen gab es kein billigeres Essen als dieses Linsengericht.
    Anders gesagt, einen Teller Linsen zu essen bedeutete, daß man sich in einer äußerst prekären Situation befand. Ein Minister des Kaisers sagte zu ihm: "Wie bedauerlich für dich, Diogenes! Wenn du lernen würdest etwas unterwürfiger zu sein und dem Kaiser ein bißchen mehr zu schmeicheln, müßtest du nicht soviele Linsen essen."
    Diogenes hörte auf zu essen, hob den Blick, sah den wohlhabenden Gesprächspartner fest an und antwortete: "Bedauerlich für dich, Bruder. Wenn du lernen würdest ein paar Linsen zu essen, müßtest du nicht so unterwürfig sein und dem Kaiser ständig schmeicheln."

    Arbeitsleben

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    Sein Rücken schmerzt, als hätte er den ganzen Tag Kohlensäcke geschleppt, Schweiß steht ihm auf der Stirn, er fühlt sich total gestreßt. Er geht zu schnell, er tut alles zu schnell, er zwingt sich zu einer langsameren Schrittfolge, dann steht er am Automaten, zieht gleich zwei Päckchen Zigaretten, damit er am nächsten Mittag nicht schon wieder los muß.

    Früher wäre er noch auf ein Bier in Huberts Eckkneipe gegangen, das läßt er jetzt auch weg; die Gespräche, die Fragerei, alles geht ihm auf die Nerven. Außerdem muß er noch ein paar Formulare ausfüllen, die morgen früh zur Post müssen. Terminsachen.

    Dann muß er noch Kurt anrufen wegen des Kredits, dann Hildegard, um sie zu bitten, die Verabredung zum Mittagessen zu verschieben wegen des Arzttermins. Sowieso ein Streßtag heute. Morgen wird es noch schlimmer, er hat das Auto inseriert. Zig Anrufe werden kommen - bei dem günstigen Preis.

    Er wischt sich die Stirn. Formulare, Telefonate, Termine, Behördenkram, er kennt keinen Feierabend, seit er arbeitslos ist...

    Die beiden Wölfe

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    Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten.
    Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: "Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend."
    "Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?", fragte der Junge.
    "Es wird jener sein, den ich füttere..." antwortete der Alte.


    Monster

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    Ein Mann bereiste ein fernes Land. Er wanderte einen Weg entlang und sah einige aufgebrachte Leute am Feldrand stehen. Er ging zu ihnen und erkundigte sich, was denn los sei. Sie deuteten aufs Feld hinaus und antworteten ihm: "Siehst du nicht, da sitzt ein grünes Monster! Es wird uns alle töten, lauf um dein Leben!"
    Der Mann schaute aufs Feld und sah dort eine dicke Melone liegen. Daraufhin sagte er zu den Leuten: "Aber, keine Panik. Das ist eine Melone, paßt auf, ich zeigs euch." Und er lief aufs Feld, setzte sich neben die Melone, zog ein Messer heraus und begann, die Melone zu verspeisen.
    Die Leute waren daraufhin nicht weniger erregt und riefen: "Seht, der Fremde nimmt es mit diesem Monster auf! Wie konnte er es besiegen? Er muß mit dem Teufel im Bunde sein! Fangt ihn und tötet ihn!"
    Und sie fingen und töteten ihn...

    Der Bogenschütze

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    Es war einmal ein König, der durch eine kleine Stadt zog und überall Anzeichen sah, die darauf deuteten, dass jemand in der Stadt ein Meister in der Kunst des Bogenschießens war.
    An Bäumen, Hecken, Zäunen und Mauern waren konzentrische Kreise aufgemalt und genau in der Mitte all dieser Kreise war das Loch eines Pfeiles. Der König fragte, wer denn der meisterliche Bogenschütze war. Man zeigte ihm einen zehnjährigen Jungen. "Das ist wirklich unglaublich", sagte der König.
    "Wie ist es denn möglich, dass du solch ein fantastischer Bogenschütze bist"?
    "Das ist ganz einfach", lautete die Antwort des Jungen, "Zuerst schieße ich und dann male ich die Kreise".

    Die Blume der Kaiserin

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    Einst lebte im alten China ein junger Prinz, der zum Kaiser gekrönt werden sollte. Zuvor jedoch musste er heiraten, weil es das Gesetz so vorschrieb. Da es darum ging, die künftige Kaiserin auszuwählen, musste der Prinz ein Mädchen finden, dem er blind vertrauen konnte.
    Dem Rat eines Weisen folgend, ließ er alle jungen Frauen der Gegend in seinem Palast zusammenrufen und sprach zu ihnen: „Ich werde jeder von euch einen Samen geben. Diejenige, die mir in sechs Monaten die schönste Blume bringt, wird die zukünftige Kaiserin von China sein.“
    Nun waren unter den geladenen jungen Frauen viele schöne und reiche zu finden, aber auch die Tochter des Palastgärtners, die den Prinzen schon viele Jahre heimlich liebte. Auch sie erhielt ein Samenkorn und ging glücklich damit nach Hause.
    Jeden Tag hegte und pflegte sie nun das Korn, sorgte für Dünger, Wasser, stellte es ins Sonnenlicht und nährte es mit all ihrer Hingabe und Liebe, die sie für den Prinzen empfand.
    Drei Monate vergingen, und nichts keimte. Die junge Frau versuchte alles, sprach mit vielen Gärtnern und Bauern, doch keiner der Ratschläge führte zum Erfolg. Ihre Liebe war indes so lebendig wie eh und je. Schließlich waren die sechs Monate vergangen und in ihrem Blumentopf war trotz all ihrer Bemühungen nichts gewachsen.
    Am Tag der erneuten Audienz erschien die junge Frau mit ihrem Blumentopf ohne Pflanze und sah, dass die anderen Bewerberinnen großartige Ergebnisse erzielt hatten. Jede hatte eine Blume und eine war schöner als die andere.
    Dann nahte der entscheidende Augenblick. Der Prinz kam herein und sah eine Bewerberin nach der anderen eindringlich an. Anschließend verkündete er das Ergebnis: Er zeigte auf die Tochter des Gärtners als seine zukünftige Frau.
    Die anderen Frauen murrten und fragten, weshalb er denn ausgerechnet jene erwählt hatte, der es nicht gelungen war, eine Pflanze zu ziehen.
    Da erklärte der Prinz seine Wahl: „Sie war die einzige, die eine Blume gezogen hat, die sie würdig macht, Kaiserin zu werden – die Blume der Ehrlichkeit. Alle Samen, die ich verteilt habe, waren unfruchtbar und konnten unmöglich Blumen hervorbringen...“

    Ist das schon betrügen?

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    Wo gehen eigentlich die Tränen hin wenn, man sie nicht weint? Ich kann es euch sagen, sie fließen innerlich hinab Richtung Herz - und setzen sich dort fest an einer Stelle, an der sie nicht gesehen, nicht festgestellt werden können, bilden dort einen kleinen Knoten, den man nicht sieht, nur spürt. Immer dann spürt, wenn man über Vergangenes nachdenkt, sich ein klitzekleiner Gedanke bemerkbar macht, dass alles anders hätte kommen können. Ich glaube, das nennt man Melancholie dieses Zwicken ganz in der Nähe des Herzens. Vielleicht auch Bedauern. Vielleicht kann man es auch gar nicht benennen.

    Jedenfalls ist es soweit. Schlaflos. Entsetzt, dass das mir passiert. Gerade mir, mit meinem festen Plan, meinen Vorsätzen, der Angst, dass irgendetwas mal wieder anders kommt, als ich das vorher peinlich genau, präzise, festgelegt habe.

    Das Leben ist schon verrückt sagte er, und sprang damit ohne zu zögern in mich hinein, hat sich festgesaugt, raubt mir den Atem.

    Schlaflos. Dabei war doch alles immer ganz klar. Heiraten, schöne Wohnung, irgendwann Kinder kriegen, Familie, genau in der Reihenfolge, niemals würde ich das, was ich heute hab, aufs Spiel setzen, niemanden verletzen, nicht meinen Mann, am wenigsten mich selbst.

    Ich liebe dich, was soll ich machen. Worte die doch keiner zu mir je mehr sagen darf, außer einem. War es der Alkohol, die Rockmusik in dieser Nacht. Aber, wusste ich es denn nicht schon immer? All die Jahre spürte ich seine Blicke. Ich hatte ihn schon immer gern, das habe ich unzählige Male zu meinen Freundinnen gesagt. Nur nie zu ihm.

    Er liebt mich also. Na und? Ich bin verheiratet. Zu spät. C’est la vie. Warum hast du nie etwas gesagt? Ist das schon betrügen, dieses Gefühl. Das Verlangen, jemanden anderen in den Arm zu nehmen nur einmal. Ich will mich doch nur wieder einmal begehrt fühlen. Ich liebe meinen Mann.

    Schlaflos. Ich fahre ziellos durch den Ort, vorbei an seinem Haus. Brennt Licht, ist er da? Von einer Kneipe in die andere, hab heut Ausgang, lache ich. Ich spüre, dass er genauso daran denkt, wie ich, wir verfehlen uns, wo ich auch hingehe. Das schlechte Gewissen wegen meiner Gedanken bringt mich um, wie könnte ich je mehr tun als an ihn denken.

    Ich lande im Stamm-Cafe, gebe es auf für heut, bald ist Wochenende, man wird sich wohl wieder irgendwo sehen, lass es auf sich beruhen, vielleicht kann man ein paar verstohlene Worte wechseln, sich entschuldigen, ist ja nichts passiert wir waren betrunken. Nur eine Umarmung, nicht mal ein Kuss, war ja nichts weiter, ein guter Freund.

    Da sitzt er. Er ist sonst nie da. Reiner Zufall sagt er. Ich glaube ihm. Darf nichts anderes glauben. Wir reden. Immer drum herum wie im Kreis. Er sagt es tut ihm leid. Ich sage es braucht ihm nicht leid tun. Mir tut es leid, dass es ihm Leid tut. Er sagt er ist schuld, ich sage ich bin schuld. Alles wird gesagt, und alles bleibt ungesagt.

    Ich weiß, es war die Wahrheit. Er liebt mich schon lange. Zu spät sagt er, ich war schon immer zu spät. Ich sage ich weiß. Augen strafen unsere Worte Lügen, ich sehe mich um: Keiner der uns beachtet, ist leer heute hier. Zuhause schläft mein Mann, an den ich mich anschmiegen werde, mir heute Nacht nehmen werde, was nur er mir geben darf.

    Ruf mal an sagt er, und ich denke besser nicht. Ich weiß nicht, was sonst passiert, ich darf nicht darüber nachdenken. Ich fahre weinend nach Hause. Ich liebe meinen Mann.
    Ehrlich.

    (Saskia B.)

    The Soldier And Death (leider blos auf englisch x_X")

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    Gedichte von Tim Burton

    Das Pferd und der Esel

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    Ein Bauer trieb ein Pferd und einen Esel, beide gleichmäßig beladen, zu Markte. Als sie schon eine gute Strecke vorwärts gegangen waren, fühlte der Esel seine Kräfte abnehmen. "Ach", bat er das Pferd kläglich: "Du bist viel größer und stärker als ich, und doch hast du nicht schwerer zu tragen, nimm mir einen Teil meiner Last ab, sonst erliege ich."

    Hartherzig schlug ihm das Pferd seine Bitte ab: "Ich habe selbst meinen Teil, und daran genug zu tragen."

    Keuchend schleppte sich der Esel weiter, bis er endlich erschöpft zusammenstürzte.

    Vergeblich hieb der Herr auf ihn ein, er war tot. Es blieb nun nichts weiter übrig, als die ganze Last des Esels dem Pferde aufzupacken, und um doch etwas von dem Esel zu retten, zog ihm der Besitzer das Fell ab und legte auch dieses noch dem Pferde oben auf.

    Zu spät bereute dieses seine Hartherzigkeit. "Mit leichter Mühe", so klagte es, "hätte ich dem Esel einen kleinen Teil seiner Last abnehmen und ihn vom Tode retten können. Jetzt muss ich seine ganze Last und dazu noch seine Haut tragen..."

    Larissas Traum

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    Larissa steht am Mikrofon im Scheinwerferlicht,
    Ein grell überschminktes Kindergesicht,
    Ein Outfit wie zu einer Traumschiffeinweihung,
    Ein Mix aus Straßenstrich und Oscarverleihung.
    Larissa singt wie alle Mädchen, die 16 sind,
    Nicht besser, nicht schlechter, und wenn sie heut gewinnt,
    Ist sie schon fast ein Star und eine Woche weiter
    Und eine Sprosse höher auf der Quotenleiter.
    Dafür gibt sie alles, dafür macht sie sich halb nackt
    Dafür räkelt sie sich rührend unbeholfen im Takt
    Und ist doch näher dran an Diddl-Maus und Hello Kitty
    Als an Madonna und Sex and the City.
    Larissa muß vor drei Juroren bestehn,
    Wie drei Affen, die nichts hören, die nichts sagen und nichts sehn,
    Die sie messen, schikanieren und kritisieren,
    Die sie feixend verletzen, die selektieren.
    Und manches Aufdiefolterspannen, mancher Hohn
    Hat schon irgendwas von einer Scheinexekution.

    Deutschland macht sich lustig, Deutschland zappt sich schlapp,
    Deutschland jubelt hoch und Deutschland kanzelt ab.
    Deutschland spielt die Richter des Kindergerichts.
    Deutschland will nur spielen, Deutschland tut doch nichts.

    Larissa steht am Mikrofon im Scheinwerferlicht,
    Sie wartet fiebernd auf das Telefongericht.
    Der dritte Platz, hey, Glückwunsch, Larissa!
    Aber die drei Hütchenspieler wissen es besser,
    Sie schicken Pferdchen in ein Rennen, das dann
    Außer ihnen selbst, niemand gewinnen kann.
    Die Leute auf den Bänken trampeln und johlen,
    Das nächste Mal wird sie den ersten Platz holen!
    Es ist wie damals beim Wurstschnappen beim Kinderfest,
    Nur diesmal geht es um die Wurst, und diesmal läßt
    Sie sich die Chance nicht aus den Händen reißen,
    Diesmal ist sie entschlossen, sich festzubeißen.
    Dafür läßt sie alle Sprüche über sich ergehn,
    Erträgt die Demütigungen, nur um hier oben zu stehn,
    Im Studio vor der menschlichen Klatschkulisse,
    Die sich Häme wünscht, Lästern, Spott und Verrisse.
    Und draußen wartet die Flachbildschirm-Nation
    Auf den Geldgewinn aus der Telefonaktion.

    Deutschland macht sich lustig, Deutschland zappt sich schlapp,
    Deutschland jubelt hoch und Deutschland kanzelt ab.
    Deutschland spielt die Richter des Kindergerichts.
    Deutschland will nur spielen, Deutschland tut doch nichts.

    Larissa steht am Mikrofon im Scheinwerferlicht
    Doch irgendwie trifft sie den Ton heute nicht.
    Die ersten kichern, die ersten pfeifen,
    Sie versucht die Schmähungen noch abzustreifen.
    Sie steckt wie ein Boxer lächelnd die Schläge ein
    Und spielt eisern vor, nicht getroffen zu sein,
    Heut rufen sie nicht an, heut lassen sie sie fallen.
    Gottverlassen, entblößt, abgestürzt vor allen,
    Eine Eislaufprinzessin, die Tränen vergießt
    Auf der Tränenbank und ihr Make-up zerfließt.
    Was war sie für ein witziges, strahlendes Mädchen
    In der Schülerband in ihrem Uckermarkstädtchen!
    Sie war der Superstar, beneidet und hofiert
    Und heut Abend demoliert und aussortiert.
    Eine Verliererin, eine Welt bricht zusammen –
    Eine Kinderseele, übersäht von Schrammen.
    Und mit dem nächsten Werbeblock endet hier
    Larissas Traum - und ihre Zukunft liegt hinter ihr.

    Deutschland macht sich lustig, Deutschland zappt sich schlapp
    Deutschland jubelt hoch und Deutschland kanzelt ab.
    Deutschland spielt die Richter des Kindergerichts.
    Deutschland will nur spielen, Deutschland tut sonst nichts.

    (Reinhard Mey)

    Das Märchen vom Glück

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    Siebzig war er gut und gern, der alte Mann, der mir in der verräucherten Kneipe gegenübersaß. Sein Schopf sah aus, als habe es darauf geschneit, und die Augen blitzten wie eine blankgefegte Eisbahn. "Oh, sind die Menschen dumm", sagte er und schüttelte den Kopf, dass ich dachte, gleich müssten Schneeflocken aus seinem Haar aufwirbeln. "Das Glück ist ja schließlich keine Dauerwurst, von der man sich täglich seine Scheibe herunterschneiden kann!"
    "Stimmt", meinte ich, "das Glück hat ganz und gar nichts Geräuchertes an sich. Obwohl..." - "Obwohl?" - "Obwohl gerade Sie aussehen, als hinge bei Ihnen zu Hause der Schinken des Glücks im Rauchfang." - "Ich bin eine Ausnahme", sagte er und trank einen Schluck. "Ich bin die Ausnahme. Ich bin nämlich der Mann, der einen Wunsch frei hat."
    Er blickte mir prüfend ins Gesicht, und dann erzählte er seine Geschichte. "Das ist lange her", begann er und stützte den Kopf in beide Hände, "sehr lange. Vierzig Jahre. Ich war noch jung und litt am Leben wie an einer geschwollenen Backe. Da setzte sich, als ich eines Mittags verbittert auf einer grünen Parkbank hockte, ein alter Mann neben mich und sagte beiläufig: 'Also gut. Wir haben es uns überlegt. Du hast drei Wünsche frei.' Ich starrte in meine Zeitung und tat, als hätte ich nichts gehört. 'Wünsch dir, was du willst', fuhr er fort, 'die schönste Frau oder das meiste Geld oder den größten Schnurrbart - das ist deine Sache. Aber werde endlich glücklich! Deine Unzufriedenheit geht uns auf die Nerven.' Er sah aus wie der Weihnachtsmann in Zivil. Weißer Vollbart, rote Apfelbacken, Augenbrauen wie aus Christbaumwatte. Gar nichts Verrücktes. Vielleicht ein bisschen zu gutmütig. Nachdem ich ihn eingehend betrachtet hatte, starrte ich wieder in meine Zeitung. 'obwohl es uns nichts angeht, was du mit deinen drei Wünschen machst', sagte er, 'wäre es natürlich kein Fehler, wenn du dir die Angelegenheit vorher genau überlegtest; denn drei Wünsche sind nicht vier Wünsche oder fünf, sondern drei. Und wenn du hinterher noch immer neidisch und unglücklich wärst, könnten wir dir und uns nicht mehr helfen. 'Ich weiß nicht, ob Sie sich in meine Lage versetzen können. Ich saß auf einer Bank und haderte mit Gott und der Welt. In der Ferne klingelten die Straßenbahnen. Die Wachtparade zog irgendwo mit Pauken und Trompeten zum Schloss und neben mir saß nun dieser alte Quatschkopf!"
    "Sie wurden wütend?"
    "Ich wurde wütend. Mir war zumute wie einem Kessel kurz vorm Zerplatzen. Und als er sein weißwattiertes Großvatermündchen von neuem aufmachen wollte, stieß ich zornzitternd hervor: 'Damit sie alter Esel mich nicht länger duzen, nehme ich mir die Freiheit, meinen ersten und innigsten Wunsch auszusprechen - scheren Sie sich zum Teufel! 'Das war nicht fein und höflich, aber ich konnte einfach nicht anders. Es hätte mich sonst zerrissen."
    "Und?"
    "Was 'Und'?"
    "War er weg?" "Ach so! - Natürlich war er weg! Wie fortgeweht. In der gleichen Sekunde. In nichts aufgelöst. Ich guckte sogar unter die Bank. Aber dort war er auch nicht. Mir wurde ganz übel vor lauter Schreck. Die Sache mit den Wünschen schien zu stimmen! Und der erste Wunsch hatte sich bereits erfüllt! Du meine Güte! Und wenn er sich erfüllt hatte, dann war der gute, liebe, brave Großpapa, wer er nun auch sein mochte, nicht nur weg, nicht nur von meiner Bank verschwunden, nein, dann war er beim Teufel! Dann war er in der Hölle! 'Sei nicht albern', sagte ich zu mir selber. 'Die Hölle gibt es ja gar nicht und den Teufel auch nicht. 'Aber die drei Wünsche, gab's denn die? Und trotzdem war der alte Mann, kaum hatte ich es gewünscht, verschwunden...Mir wurde heiß und kalt. Mir schlotterten die Knie. Was sollte ich machen? Der alte Mann musste wieder her, ob's nun eine Hölle gab oder nicht. Das war ich ihm schuldig. Ich musste meinen zweiten Wunsch dransetzen, den zweiten von dreien, o ich Ochse! Oder sollte ich ihn lassen, wo er war? Mit seinen hübschen, roten Apfelbacken? 'Bratapfelbäckchen', dachte ich schaudernd. Mir blieb keine Wahl. Ich schloss die Augen und flüsterte ängstlich: ‘Ich wünsche mir, dass der alte Mann wieder neben mir sitzt!' Wissen Sie, ich habe mir jahrelang, bis in den Traum hinein, die bittersten Vorwürfe gemacht, dass ich den zweiten Wunsch auf diese Weise verschleudert habe, doch ich sah damals keinen Ausweg. Es gab ja damals keinen..."
    "Und?"
    "Was 'Und' ?"
    "War er wieder da?"
    "Ach so! - Natürlich war er wieder da! In der nämlichen Sekunde. Er saß wieder neben mir, als wäre er nie fortgewünscht gewesen. Das heißt, man sah's ihm schon an, dass er irgendwo gewesen war, wo es verteufelt, ich meine, wo es sehr heiß sein musste. O ja. Die buschigen, weißen Augenbrauen waren auch ein bisschen verbrannt. Und der schöne Vollbart hatte auch etwas gelitten. Besonders an den Rändern. Außerdem roch's wie nach versengter Gans. Er blickte mich vorwurfsvoll an. Dann zog er ein Bartbürstchen aus der Brusttasche, putzte Bart und Brauen und sagte gekränkt: “Hören Sie, junger Mann - fein war das nicht von Ihnen!” Ich stotterte eine Entschuldigung. Wie leid es mir täte. Ich hätte doch nicht an die drei Wünsche geglaubt. Und außerdem hätte ich immerhin versucht, den Schaden wieder gutzumachen. 'Das ist richtig', meinte er. 'Es wurde aber auch höchste Zeit.' Dann lächelte er. Er lächelte so freundlich, dass mir fast die Tränen kamen. 'Nun haben Sie nur noch einen Wunsch frei', sagte er, 'den dritten. Mit ihm gehen Sie hoffentlich ein bisschen vorsichtiger um. Versprechen Sie mir das? 'Ich nickte und schluckte. 'Ja', antwortete ich dann, 'aber nur wenn Sie mich wieder duzen.' Da musste er lachen. 'Gut,mein Junge', sagte er und gab mir die Hand. 'Leb wohl. Sei nicht allzu unglücklich. Und gib auf deinen letzten Wunsch acht.' - 'Ich verspreche es Ihnen', erwiderte ich feierlich. Doch er war schon weg. Wie fortgeblasen."
    "Und?"
    "Was 'Und'?"
    "Seitdem sind Sie glücklich?" "Ach so. - Glücklich?" Mein Nachbar stand auf, nahm Hut und Mantel vom Garderobenhaken, sah mich mit seinen blitzblanken Augen an und sagte: "Den letzten Wunsch habe ich vierzig Jahre lang nicht angerührt. Manchmal war ich nahe daran. Aber nein. Wünsche sind nur gut, solange man sie noch vor sich hat. Leben Sie wohl."
    Ich sah vom Fenster aus, wie er über die Straße ging. Die Schneeflocken umtanzten ihn. Und er hatte ganz vergessen, mir zu sagen, ob wenigstens er glücklich sei. Oder hatte er mir absichtlich nicht geantwortet? Das ist natürlich auch möglich.

    (Erich Kästner)

    Der kaputte Krug

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    Es war einmal ein Wasserträger in Indien. Auf seinen Schultern ruhte ein schwerer Holzstab, an dem rechts und links je ein großer Wasserkrug befestigt war.
    Nun hatte einer der Krüge einen Sprung. Der andere hingegen war perfekt geformt und mit ihm konnte der Wasserträger am Ende seines langen Weges vom Fluss zum Haus seines Herren eine volle Portion Wasser
    abliefern. In dem kaputten Krug war hingegen immer nur etwa die Hälfte des Wassers, wenn er am Haus ankam. Für volle zwei Jahre lieferte der Wasserträger seinem Herren also einen vollen und einen halbvollen Krug.
    Der perfekte der beiden Krüge war natürlich sehr stolz darauf, dass der Wasserträger in ihm immer eine volle Portion transportieren konnte. Der Krug mit dem Sprung hingegen schämte sich, dass er durch seinen Makel nur halb so gut war wie der andere Krug.
    Nach zwei Jahren Scham hielt der kaputte Krug es nicht mehr aus und sprach zu seinem Träger: "Ich schäme mich so für mich selbst und ich möchte mich bei dir entschuldigen."
    Der Wasserträger schaute den Krug an und fragte: "Aber wofür denn? Wofür schämst du dich?"
    "Ich war die ganze Zeit nicht in der Lage, das Wasser zu halten, so dass du durch mich immer nur die Hälfte zu dem Haus deines Herren bringen konntest. Du hast die volle Anstrengung, bekommst aber nicht den vollen
    Lohn, weil du immer nur anderthalb statt zwei Krüge Wasser ablieferst." sprach der Krug.
    Dem Wasserträger tat der alte Krug leid und er wollte ihn trösten. So sprach er: "Achte gleich einmal, wenn wir zum Haus meines Herren gehen, auf die wundervollen Wildblumen am Straßenrand."
    Der Krug konnte daraufhin ein wenig lächeln und so machten sie sich auf den Weg. Am Ende des Weges jedoch fühlte sich der Krug wieder ganz elend und entschuldigte sich erneut zerknirscht bei dem Wasserträger.
    Der aber erwiderte: "Hast du die Wildblumen am Straßenrand gesehen? Ist dir aufgefallen, dass sie nur auf deiner Seite des Weges wachsen, nicht aber auf der, wo ich den anderen Krug trage? Ich wusste von Beginn an über deinen Sprung. Und so habe ich einige Wildblumensamen gesammelt und sie auf Deiner Seite des Weges verstreut. Jedes Mal, wenn wir zum Haus meines Herren liefen, hast du sie gewässert. Ich habe jeden
    Tag einige dieser wundervollen Blumen pflücken können und damit den Tisch meines Herren dekoriert.
    Und all diese Schönheit hast du geschaffen."

    Der Bogen

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    Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr weit und sehr sicher schoss, und den er ungemein wert hielt.

    Einst aber, als er ihn aufmerksam betrachtete, sprach er: "Ein wenig zu plump bist du doch! Alle deine Zierde ist die Glätte. Schade! Doch dem ist abzuhelfen." fiel ihm ein. "Ich will hingehen und den besten Künstler Bilder in den Bogen schnitzen lassen."

    Er ging hin und der Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen und was hätte sich besser auf einem Bogen geschickt als eine Jagd?

    Der Mann war voller Freude. "Du verdienest diese Zieraten, mein lieber Bogen!" Indem will er ihn versuchen; er spannt, und der Bogen – zerbricht.

    (Gotthold Ephraim Lessing.)

    Im Grand

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    Das Grand Hotel heißt Grand Hotel, Park-Hotel, Excelsior, Eden, Esplanade oder ähnlich. Es steht in irgendeinem Land und ist exterritorial. In seinem Innern kann man zwanzig Jahre leben, ohne zu wissen, ob man sich in der Schweiz befindet oder auf der Insel Wak-Wak. Denn das Grand Hotel ist ein Stück vom souveränen Reiche der Grand Hoteliers und wird auch nach den Gesetzen dieser Nation regiert.
    Der Grand Hotelier trägt auch im heißesten Sommer ein Oberhemd mit langen Ärmeln. Er ist eine repräsentative Erscheinung und repräsentiert in der Halle. Bisweilen scherzt er gepflegt mit den Gästen in mehreren Sprachen. Es ist eine Ehre, mit dem Grand Hotelier zu sprechen. Wenn er nicht repräsentiert, hält er sich in einem Hinterstübchen auf, wo er rechnet oder ein Stündchen schläft.
    Die Oberkellner des Grand Hotels sind in drei Sorten eingeteilt, solche mit schwarzer Hose, weißer Jacke und weißem Querbinder, ebensolche mit schwarzem Querbinder und solche mit schwarzem Frack. So kennzeichnen sie ihren Rang. Die mit dem Frack scheinen die Oberst-Kellner zu sein, da sie seltener vorkommen und nur dekorativ herumstehen. Höchstens lenken sie den Einsatz der Truppe mit einem Blick oder Wink ihrer weißen Hände.
    Die Oberkellner arbeiten am lebenden Objekt und versorgen es mit Nahrung, wobei sie Gabel und Löffel zierlich mit einer Hand betätigen, auch wenn der Löffel allein genügt. Währenddessen unterziehen sich die Gäste der Aufgabe, wie artige Kinder dazusitzen und zugleich ein weltmännisches Gesicht zu machen, was sehr schwer ist. Voll Eifer bemühen sie sich, das Wohlwollen des Kellners zu erringen. Bald haben sie herausgefunden, welches seine Muttersprache ist, und reden ihn dann nur noch in dieser an. Sie studieren die Frage, wie man Trinkgeld auf die feinste Weise an ihn los wird, denn eine weniger feine könnte ihn verletzen, und sind fröhlich, wenn er es nimmt, was mit der Miene eines vertriebenen Königs geschieht. Der Oberkellner dankt dem geschulten Gast für seine Aufmerksamkeit durch ein menschliches Lächeln oder dadurch, daß er ihm die Speisekarte erklärt.
    Die Speisekarte des Grand Hotels ist nämlich geheimnisvoller als moderne Lyrik. Kein Mensch kann ahnen, was mit Potage á la Semiramis, Assiette Richelieu oder Coupe Voronzeff gemeint ist. Der Oberkellner weiß es. Es sind Kartoffelsuppe, Mohrrüben und Vanillieeis.
    Der Pianist des Grand Hotels sitzt am Flügel in der Halle. Er ist mit gediegener Eleganz gekleidet und stellt äußerlich eine interessante Mischung zwischen Bankdirektor und Dichter dar. Er spielt Im Chambre séparée von Heuberger, die Barcarole von Offenbach und die Ballszenen von Hellmesberger, die er alle geschickt aneinanderknüpft, so daß zum Beispiel die Letzte Rose von Flotow über die Prärie von Frimmel zwanglos in das Lied an den Abendstern von Wagner übergeht.
    Der Pianist spielt gedämpft. Alles im Grand Hotel ist gedämpft, Musik, Teppiche, Türen, Sessel, Gespräche, Hausdiener imd Zimmermädchen. Selbst das Essen ist gedämpft.
    Die Rechnung ist auch gedämpft. Der Oberkellner bringt sie auf einem Teller, den er diskret an seinen Magen drückt, so daß niemand durch den peinlichen Anblick der Rechnung beleidigt werden kann. Das Erledigen einer solchen Intimität verlangt die allergedämpfteste Behandlung. Der Ober schiebt den Teller delikat auf den Tisch und zieht sich wieder zurück. Der Gast wirft einen gefassten Blick auf das Papier, sieht hinweg über sämtliche Rubriken, als wären sie Luft, und stellt nur die Endsumme fest, denn nur diese ist bedeutend, sogar sehr bedeutend. Er läßt keinerlei Gemütsbewegung erkennen, sucht den Betrag zusammen und legt ihn auf die Rechnung. Sobald dies geschehen ist, taucht der Oberkellner wieder auf, ergreift unauffällig den Teller, wobei sein Daumen das Geld festhält, macht eine Verbeugung und zeigt die qualvlle Miene eines Edelmannes, den das Leben zu niedrigen Geschäften nötigt. Der Gast schaut taktvoll an die Decke.
    Niemals darf er sich für Kleinigkeiten interessieren, etwa, ob vielleicht aus Versehen ein Frühstück zu wenig aufgeschrieben ist, was ja passieren kann, niemals darf er von Geld sprechen. Das ist ein Wort, das im Grand nicht existiert. Es ist auch gut zu entbehren, es genügt, wenn die Sache, die es bezeichnet, glatt und füllig hinabfließt ins stählerne Reservoir im Hinterstübchen. Ohne Geräusch und im Verborgenen funktioniert des Grand Hotels goldene Kanalisation. Wer sich so weit vergißt, im Grand Hotel von Geld zu sprechen, ist einem Rüpel vergleichtbar, der sich in der Halle die Nägel schneidet, und der Ruf des Hauses leidet schrecklich unter ihm.
    Und gedämpft sind auch die Gäste. Sie sitzen stilvoll in der Halle und passen sich an. Sie haben die Sprache des Grand Hotels übernommen und nennen das Mitagessen Lunch. Wo lunchen wir morgen? sagen sie, lunchen wir hier oder nehmenr wir einen Lunchbeutel mit? Sie sind alle Millionäre, auch diejenigen, die daheim am Küchentisch zu lunchen pflegen. Der Genius des Grand Hotels will es so. Da sitzen die gedämpften Millionäre, geschmackvoll verteilt auf die vornehmen Sessel, und pflegen der gedämpften Langeweile.
    Dier Beherztesten unter ihnen aber machen sich davon. Draußen, verborgen vor den Blicken der Herren Oberkellner, schlagen sie unfein und listig den Weg zur nächsten Schenke ein, wo sie sich an den rohen Tischen niererlassen und einen Liter Wein aus dem Faß bestellen. Sie trinken, lachen vulgär und erholen sich vom Grand Hotel.

    (Hellmut Holthaus)

    Echte Tölen

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    In meiner Nachbarschaft wohnt ein Flock. Er ist eingentlich kein Hund, sondern mehr eine Töle. Seine Gestalt ist klein und vollschlank, sein Fell schwarz mit hellbraunen Verzierungen, sein Blick gutmütig und treu. Aus seinem Ende wächst ein kolossaler Schwanz aus ihm heraus, den er trotz seines Gewichtes immer aufrecht trägt, eine lächerliche Dekoration, die beim Gehen hin und her schwankt wie ein Mastbaum im Wind.
    Von Rasse kann bei ihm überhaupt keine Rede sein, und ein Sommerfrischler, der mitsamt seinem wüstenfarbenen Rassehund in diese Gegend kam, erkundigte sich, als er die Töle erblickte, was das sei. Es scheine schlachtreif zu sein, fügte er hinzu. Der makellose Rassehund verharrte in vornehmer Reserve und sah über die Töle hinweg, als sei sie gar nicht vorhanden.
    Da wurde ich mir meiner Liebe zu den Tölen bewusst. Ich bin für die Tölen, und um keine Verwechslungen aufkommen zu lassen, schlage ich vor, dass wir die Unterscheidung zwischen Tölen und Hunden beibehalten.
    Es ist natürlich sehr einfach, Tölen mit Hohn zu überschütten und als Köter und Promenadenmischung zu bezeichnen. Sie sind ja wirklich sehr gemischt, aber ich möchte weiter nicht untersuchen, wie gemischt die Tölenverächter sind, und was für Mischungen sie darstellen. Echte Promenadenmischungen können übrigens unter unseren Hunden im Dorf kaum vorkommen; Hier fehlt die Promenade, wir haben mehr Waldmischungen, Wiesenmischungen, Feldwegmischungen. Wie dem aber auch sei, das Gemischte ist gerade das Beste an den Tölen, mir können sie gar nicht genug gemischt sein!
    Schönheiten sind sie nicht, sie laden eher zum Lachen ein als zur Bewunderung, und das macht sie mir sympatisch. Wenn das Wort erlaubt ist, möchte ich sagen, sie sind so menschlich. Sie sind nicht von den Kynologen am Schreibtisch ausgerechnet worden, und es ist nicht ein Züchter, der sie nach Plan im Zwinger geschaffen hat. Was sie geschaffen hat ist die Liebe der Tölen! Dem Leben selbst verdanken sie ihre Existenz, und das hat keine bunten Karteikarten, bunt ist es selber, und es geht in Freiheit durcheinander, wie unabänderlich und streng auch sein Grundgesetz ist. An der Töle kann man eine der feinsten und liebenswürdigsten Eigenschaften der Natur studieren: sie hat Humor. Die echte Töle kann meiner Zuneigung sicher sein.
    Nichts gegen die Hunde von Rasse. Es ist wahr, dass sie ssehr edel sind in all ihrer ausgeklügelten Reinheit, manche sind schön wie ein steinernes Denkmal. Ein Hund von Stande ist in jedem Augenblick seiner grossen Vorfahren ein Gedenk, er heisst Herkules vom Steilen Felsen, Nero von der Heidecksburg oder Rüdiger von Bechlaren. Respekt, Respekt! Tölen hingegen braucht man in keiner Hinsicht ernst zu nehmen, was ich sehr rücksichtsvoll von ihnen finde. Sie heissen einfach Flock, Männi oder Peter, so unbedeutend sind sie. Sie können keinen Preis gewinnen. Man kann mit ihnen nicht einmal prahlen! Infolgedessen sind sie vollkommen unnütz. Wozu sind sie überhaupt auf der Welt?
    Vielleicht einfach, um zu leben, das scheint ihnen vollständig zu genügen! Sie leben fröhlich vor sich hin, liegen geniesserisch in der Sonne, spielen mit den Kindern und verjagen die Einsamkeit, die immer über die alten Leute herfallen will.

    (Hellmut Holthaus)

    Seifenblasen...

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    In einer grossen Stadt stand ein dünner Mann und machte Seifenblasen. Er hatte ein Gesicht wie ein fahrender Schüler, und das schnelle Hütchen auf seinem Kopf passte gut zu seiner windigen Beschäftigung. Graziös hielt seine Linke das Büchschen mit der Flüssigkeit, und die Rechte, die einen vorn zum Kreis gebogenen Draht zum Munde führte, tat ihre Arbeit mit dem Schwung eines Zauberkünstlers. Ganze Kolonien von schillernden Bällen schickte er in die Luft, und jeder Serie lachte er nach wie ein Kind. Er freute sich daran, obwohl er nicht zu seinem Vergnügen dastand, denn er wollte die Büchschen mit den Drähten verkaufen, fünfzig Pfennig die ganze Ausrüstung. Die Seifenblasen schwebten schön und stumm über den Lärm, ohne sich um die Strassenbahnen, Autos, Hausfassaden und Leute zu kümmern, die sich als farbige Abbilder in ihnen spiegelten. Die Leute sahen die bunten Kugeln, und einige betrachteten den Seifenbläser mit wohlwollendem Respekt. Das kam aber nicht daher, weil ihnen sein Werk gefiel, sondern weil sie in aller Eile eine Rechnung aufmachten. Materialkosten, überschlugen sie, fünfzehn Pfennig, kein schlechtes Geschäft! Seifenblasen, die Geld einbrachten, waren schliesslich genauso ernst zu nehmen wie jede andere Ware. Man konnte aber auch eine andere Rechnung aufmachen. Zehntausend Seifenblasen für fünfzig Pfennig, das waren zweihundert Seifenblasen für einen Pfennig! Dabei gab es solche, die jede einzelne ihren Pfennig wert waren. Das bedachte ich wohl und kaufte solch eine Apparatur. Ich wohnte in einer kleinen Pension am Stadtrand und am Sonntagmorgen stellte ich mich auf den Balkon und blies Seife. Ich blies als Amateur, es brachte mir nichts ein. Dennoch hätte ich Besseres nicht tun können, denn es war ein grauer Tag, und ohne die Seifenblasen wäre meine Stimmung ebenso grau gewesen. Seitdem weiss ich gegen Depressionen kein besseres Mittel als Seifenblasen. Leise lösten sie sich vom Draht, einige sanken langsam zu Boden, andere stiegen bis übers Dach hinaus und immer höher und liessen sich vom sanften Winde tragen und forttreiben, bis man sie nicht mehr sah. Es war aufregend, ihre Fahrt zu beobachten und zu sehen, wie manche von ihnen jedes Hindernis geschickt umschwebten. Es gab kleine, die in ganzen Scharen hervorgeschossen kamen, und prächtige dicke, um deren Schicksal man zitterte, wenn sie die Pappeln streiften. Ich fand heraus, dass man sie auch mit Zigarettenrauch füllen konnte, sie waren dann milchig grau von innen. Manchmal trafen sich zwei kleine in der Luft und verbanden sich zu einer grossen. Andere wieder verliessen den Draht als Zwillinge und betrachtete man die Blasen aus der Nähe, so zeigte es sich, dass ihre Oberfläche in ständiger Bewegung war und aus unzähligen Partikelchen bestand, die nach allen Richtungen durcheinanderflossen. Ich warf einen Blick in das Büchschen und stellte fest, dass ich kaum etwas verbraucht hatte von der Lösung. Befriedigt machte ich weiter. Eben war mir ein Prachtexemplar gelungen, ein grossartiges Gebilde in Orange und Violett, als die Pensionswirtin mit ihrem Sohn über die Strasse kam. Voller Staunen beobachtete sie mein Tun und wechselte mit dem Sohn einen Blick, als ob sie sagen wollte: Der da oben ist verrückt geworden, hoffentlich zieht er bald aus. Dann kam ein älterer Herr vorbei. Sein ernster Blick wurde ganz begehrlich und schien mir heraufzuzwinkern: Lassen Sie mich mal! Aber gleich hatte er sich wieder in der Gewalt und ging würdig weiter. Einer Dame schwebte eine meiner Kugeln gerade vor der Nase vorüber. Sie wollte lächeln, ich sah es deutlich, aber sie tat es nicht. Sie blickte wieder geradeaus und sah sich nicht mehr um. Hinter ihr kamen drei Kinder, die mit ihrem Papa spazierengingen. Der Papa entdeckte die Seifenblasen als erster. Er wollt ihnen eigentlich nicht mehr Beachtung schenken, als ein erwachsener Mann für solche Spielereien zeigen darf. Aber dann fiel ihm ein, dass er sich ja gar nicht zu beherrschen brauchte, er hatte doch die Kinder bei sich! Er beugte sich zu ihnen hinab und zeigte ihnen die Wunderbälle. Sie waren mein dankbarstes Publikum. Noch viele Leute sahen meine Seifenblasen, aber die meisten blieben mürrisch und taten, als hätten sie nichts gesehen. Es sind so ernste Zeiten! In ihren Köpfen bewegten sie ernste und wichtige Dinge. Vielleicht waren es auch nur Seifenblasen, wenn auch nicht so schöne. Dafür halten sie aber länger...

    (Helmut Holthaus)

    Wahrhaftige Geschichte von der Spazierfahrt oder mit dem Auto sieht man etwas von der Welt

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    Früher spazierte oder kutschierte man zu dem Gehöft oder der Mühle vor der Stadt, wo es ein Glas Milch oder ein Viertele Wein zu trinken gab. Später wurden aus den Mühlen und Gehöften Ausflugslokale, aber sonst blieb alles beim alten. Keine grosse Leistung, alles in allem vielleicht zehn Kilometer. Heute haben wir es viel schöner. Das Auto steht vor der Tür, und wir spazieren ins Auto. Schon das Einsteigen ist schön. Zwei nehmen vorne Platz, drei hinten, der Kleine kommt auf den Schoss, Justus zwischen die Knie, und da können wir nun gemütlich sitzen bleiben, alles andere macht das Auto. Und das Auto fährt ab mit Musik. Neben dem Kilometerzähler ist das Radio, und wir vernehmen das Lied „Der liebeskranke Mann“. Das ist schön. Auf der Strasse sind noch mehr Autos, eine ganze Menge. Sie fahren alle spazieren – ziemlich schnell, denn wenn man spazierenfährt, muss man sehen, dass man weiterkommt. Die Landschaft wird immer sehenswerter, aber der Mann am Steuer muss auf die Strasse achten. Das sollte etwas geben, wenn er nach rechts und links sehen wollte! Übrigens helfen ihm die anderen Insassen beim Achtgeben. Ihre Gesichter sind gespannte Aufmerksamkeit. Es ist sehr schön, auf die Strasse zu achten. Nur einer, es ist Angelo, hat woanders hingeschaut und etwas auf einem Kirchendach entdeckt. Ein Storch, ein Storch! ruft er. Aber die Kirche samt Storch ist längst vorbei. Nunmehr gelangen wir auf eine schnurgerade Strasse. Ewald, sagt die Tante, die etwas ängstlich ist, du fährst ja neunzig Kilometer! Ewald lacht: Das ist noch gar nichts, auf so einer Strasse kann man hundertsechzig fahren! Mit diesen Worten gibt er ein wenig mehr Gas. Der Zähler zeigt 100, 110, 120, 130. Es ist schön, hundertdreissig zu fahren. Aber leider ist die gerade Strasse schon zu Ende, und wir gehen wieder auf achtzig herunter. Jedenfalls hat Ewald mal schnell zeigen können, was in dem Wagen steckt. Es war ihm wirklich ein Kinderspiel. Wir passieren jetzt ein Dorf von verkehrsfeindlicher Bauweise. An einer Ecke taucht plötzlich ein Auto vor unserem Kühler auf, wie aus dem Nichts! Alle erschrecken, aber eigentlich ist es zum Erschrecken schon zu spät, denn die Gefahr ist bereits vorüber. Ewald hat die Lage geistesgegenwärtig gemeistert. Überstandene Gefahr ist etwas Schönes. Jetzt befinden wir uns in einem Hochtal. Seitwärts tut sich eine einsame Parklandschaft auf, durchflossen von einem Bach. Ein wunderschöner Ort! Man könnte vielleicht aussteigen und etwas am Bach spazierengehen? Das hängt davon ab, ob wir die berühmte Höhenstrasse noch mitnehmen können. In diesem Fall haben wir Landschaft in Massen vom Auto aus und brauchen nicht auszusteigen. Wir befragen die Karte, und es stellt sich heraus, dass wir sitzen bleiben können. Wir schaffen die Höhenstrasse noch! Es ist schön, sitzen zu bleiben. Auf kurvenreicher Strecke geht es zu ihr hinan. Elegant nimmt der Wagen die Kurven, ohne dass Ewald abstoppen oder schalten muss. Das ist sehr befriedigend und schön. Ringsum prachtvoller Wald. Am Strassenrand wachsen hohe Fingerhüte und blühen Vergissmeinnicht in blauen Teppichen, und daneben stürzt ein Quell über Felsbrocken herab. Nun ist nicht gesagt, dass Spazierfahrer solches nicht beachten. Denn es kann immer mal vorkommen, dass einem von ihnen übel wird. Justus kann die Kurven nicht vertragen. Er wird blass, ihm ist ganz elend, es will etwas aus ihm heraus, und wir müssen anhalten. Das ist sehr ärgerlich, und der Mann am Steuer sieht nach der Uhr. Man bedenke den Zeitverlust! Ohne diesen wären die Fingerhüte, blauen Blümchen und dergleichen in diesen Bericht nicht hineingekommen. Endlich hat Justus wieder etwas Farbe, es kann weitergehen! Fatalerweise sind jedoch während unseres Aufenthaltes drei langsame Autobusse an uns vorübergefahren. Nun haben wir sie ständig vor uns, und die Strasse ist fast zu schmal zum Überholen. Ewald aber wagt es. Nein! ruft seine Frau, du kommst nicht vorbei! Doch, sagt Ewald, und schon ist er vorbei. Es ging ganz knapp und war aufregend, aber jedenfalls halten sie uns jetzt nicht mehr auf. Es ist schön, keine Zeit zu verlieren. Wir haben nunmehr die Höhenstrasse erreicht und geniessen die Fernsicht. Tatsächlich ist sie sehr bedeutend. Ein äusserst günstiges Angebot in Naturschönheit. Mit einem einzigen Blick kann man mehr Landschaft konsumieren als sonst in einem Jahr! Selbst der Mann am Steuer kann manchmal kurz zur Seite sehen, denn hier oben ist nicht viel Verkehr. Sehr effektvoll sorgt unser Radio für musikalische Untermalung des Naturerleb- nisses, indem es ein oberbayerisches Jodellied spielt. Das ist sehr schön. Im Nu haben wir die Höhenstrasse hinter uns. Langsam beginnt es zu dunkeln, und wir eilen heimwärts. Das war ein schöner Tag. Zweihundertzwanzig Kilometer! Auf diese Weise haben wir etwas vom Leben. Mit einem Auto sieht man etwas von der Welt. Wir steigen aus. Es ist sehr schön, auszusteigen. Kinder, ist das Aussteigen schön!

    Tja, auch dieser Thread hier hat n wenig gelitten, zum einen allerdings vergeht Unkraut ja bekanntlich nicht und zum andern hab ich ja die meisten anderen Sachen, die ich hier schon gepostet hab in meinem Textfile (der Quelle allen Grauens!) markiert. Was vorsorglich geschah, da ältere Leute - wie moi - ansonsten einen Hang dazu haben sich laufend zu wiederholen ^^"

    Somit weiss ich in etwa ja, was hier schon mal geschrieben war und ich stells halt wieder rein, ihr findets hier, auch wenn die Chronologie nich mehr ganz präzise sein dürfte o_O"


    Grundlagen der Chefkunde

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    In einem Osterhasengedicht heisst es:
    "In der Welt steht obenan,
    wer was Tüchtiges leisten kann."

    Ja, das ist ein schöner Vers, aber ich weiss doch nicht so recht. Bei den Osterhasen mag es ja stimmen, aber bei uns?
    Nehnmen wir nur die Sache mit dem Brötchenbeutel! Wer ist es, der ihn Abend für Abend vor die Tür hängt? Brötchen fallen eindeutig in die Abteilung Hauswirtschaft, Sachbearbeiterin ist also meine Frau, aber ich muss den Beutel hinhängen! Es ist so gekommen, dass ich es einmal tat. Damit war mein Schicksal entschieden. Jetzt bin ich der Fachmann für Brötchenbeutel. Fluchwürdiger Tag, an dem ich den Beutel zum ersten Male hinhängte! Ich hätte einen zehnzölligen Nagel in die Tür schlagen und den Brötchenbeutel daranhängen sollen. Dann hätte ich ihn niemals wieder anrühren dürfen. Ja, so wäre es richtig gewesen.
    Was ist es nun mit jener Osterhasenweisheit? Stehe ich etwa im Hinblick auf den Brötchenbeutel obenan? Vorn stehe ich, direkt an der Brötchenbeutelfront, obenan steht die Hausfrau, ich aber bin bloss tüchtig, der Brötchendienst klappt wie geölt.
    Nehmen wir ein Beispiel aus dem Zeitungswesen!
    Schon als Schüler übte ich fleissig auf auf meines Vaters Schreibmaschine, weil ich Journalist werden wollte. Auch erlernte ich die Kurzschrift im Selbstunterricht, denn irgendein Unglücksmensch hatte mir gesagt, dass diese Künste zum Journalismus gehörten. In der Stenographie brachte ich es nicht weit. Das war mein Glück, wie man gleich sehen wird. Mit der Schreibmaschine ging es viel besser. Zwar schrieb ich blos mit den beiden Zeigefingern, tipp, tipp, tipp, aber bald lernte ich es so gut, dass ich jedes mittlere Zehnfingermädchen in Grund und Boden tippte. Während es noch seine vielen Finger sortierte und mit der Schreibmaschine zu einem sinnreichen System zusammenfügte, machte ich schon den letzten Punkt! Ein so rasender Schreiber war ich, und ich war auch noch stolz darauf, ich Esel. Die Schreibmaschinenkunst war mein Verderb. Wenn meine Redaktionskollegen grossartig hinter ihren Schreibtischen sassen und diktierten, hockte ich an der Schreibmaschine und tippte meine Texte selber. Es gab nicht viele Schreibemädchen, denn jender Zeitungsbesitzer sparte an allem. Was lag nun näher, als dass die knappen Mädchen nur denen zur Verfügung standen, die des Maschinenschreibens unkundig waren? Die Herren spielten die feinen Chefs, hülten denkwürdige Sätze in Tabaksqualm zund sandten diese Geisteswolken ins weit geöffnete Mädchenohr. Ich aber brachte es nicht weit. Ja, es kam dahin, dass die Kollegen sagten, wenn gerade keine Schreibkraft greifbar war: "Du, könntest du mir nicht mal eben - du schreibst doch so schnell, es ist nicht lang!" Und dann schrieb ich auch noch die Texte der anderen.
    In der Welt steht obenan, wer was Tüchtiges leisten kann, hahaha! Stand ich oben an in der Redaktion? Ganz unten stand ich! Ich konnte noch von Glück sagen, dass ich das Drucken und das Zeitungsaustragen nicht gelernt hatte und so miserabel stenographierte. Sonst wäre ich auch noch Drucker, Pressestenograph und Zeitungsausträger geworden. Und schliesslich hätte ich die ganze Zeitung alleine gemacht! Denn was man kann, das hat man auch am Hals. Und hat man es erst am Hals, kann man kein Chef mehr werden, man kommt gar nicht dazu vor lauter Tüchtigkeit. Durch meine Tüchtigkeit im Tippen hatte ich meine Nichteignung für die Cheflaufbahn bewiesen.
    Was Tüchtiges können ist gut, aber nichts können hat auch etwas für sich. Ich habe Chefs gesehen, die nichts konnten, rein gar nichts. Das waren die schlauesten. Was soll man mit einem Menschen anfangen, der überhaupt nichts kann? Man kann ihn nur zum Chef machen! Als Chef braucht er blos einen freien Kopf zu haben und alles besser zu wissen - eine einfache Sache für solch einen Mann. Und ich habe auch Leute gesehen, die es nie zu etwas brachten. Sie konnten zuviel.
    Bei den Osterhasen mag es anders sein. Aber selbst ihnen traue ich nicht so ganz! Bestimmt läuft bei ihnen im Betrieb so ein langohriger Kerl herum, der noch nie ein Ei gelegt hat, keines anmalt und nur das grosse Wort führt. Das ist der Chef, obenan steht er in der Welt der Osterhasen.

    (Hellmut Holthaus)