Dass ich mich Jahrelang davor drückte, war dem Mecha-Setting des Animes geschuldet. Zu meinem Erstaunen stellte dies jedoch keinerlei Probleme dar und war letztlich sogar eines der Dinge, die mir an NGE gefallen haben.
Wie ich bereits nach 11 Episoden in einem anderen ACG Thread schrieb, hoffte ich zu diesem Zeitpunkt noch auf das Eintreten der verworrenen Handlung, die mir im Vorfeld immer wieder genannt wurde. Die sollte dann auch noch kommen. Jedoch in anderer Form als ich es mir erhofft hatte.
Ton/Musik:
Hier gibt es eigentlich kaum etwas zu beanstanden. Im Gegenteil ich denke abseits des sehr markanten Opening, ist besonders die Tontechnische Untermalung eine der großen Stärken des Animes. Beispielsweise das beklemmende Hintergrundrauschen jedes Mal, wenn Gendou Ikari mit dem UN-Komitee spricht.
Was mir negativ auffiel, aber und in diese Kategorie vielleicht nicht ganz reinpasst, sind die manchmal fehl am Platz wirkenden und teilweise abrupt endenden Schreie am Ende von Szenen oder gar Folgen. Aber das scheint damals allgemein ein gängiges Mittel gewesen zu sein. Daher kann ich darüber hinwegsehen.
Bild/Animation:
Während ich mich etwas näher mit dem Thema NGE beschäftigte, las ich, dass es dem Studio wohl an Geld mangelte.
Ich finde, dies merkt man an manchen Stellen gar nicht und an anderen wiederum sehr stark. Die Animationen der Mechas wirken für damalige Verhältnisse wirklich sehr gelungen und auch die kontrastreiche Farbwahl in vielen Szenen war für mich ein gelungenes Stilmittel.
Dann gibt es jedoch Szenen wie das Ende von Episode 24, in welchem über eine Minute rein gar nichts geschieht. Hier kann man natürlich argumentieren, dass es die Dramatik der Szene hervorheben würde ... dies halte ich aber für Unsinn. Vermutlich dachte man sich, hier sei ein guter Moment, um Geld zu sparen.
Charaktere:
Hier weiß ich leider gar nicht so recht, wo ich überhaupt anfangen soll. Denn der Anime eröffnet dem Zuschauer sehr viele interessante Handlungen zu verschiedenen Protagonisten.
Bedauerlicherweise aber nimmt die Handlung rund um Shinji letztlich all den Platz ein und dies ist gelinde gesagt mehr als Schade.
Denn gerade Shinji ist meiner Meinung nach einer der größten Schwachpunkte der Serie.
Wir verfolgen einen Jungen, welcher sich selbst hasst. Was ihn in eine Abwärtsspirale der Selbstgeißelung drängt, nur um die Akzeptanz zu erhalten, die er sich innerlich herbeisehnt. Die meisten seiner Aktionen wirken auf mich aber nicht nach Hilferufen, sondern nach dem Bedürfnis, Aufmerksamkeit zu erhalten. Wenn wir vom Ergebnis der letzten Folge absehen, hat man bei ihm auch am wenigsten Charakterentwicklung.
Anders als bei Asuka oder Rin. Besonders Asuka konnte ich den größten Teil des Animes partout nicht ab. Aber gegen Ende wurde sie immer interessanter und ich hätte wirklich zu gern gewusst, wie es mit ihr weiterging.
Rin hingegen wird sich immer mehr bewusst, dass sie mehr sein will als nur ein Werkzeug. Das allein wäre schon einen Anime für sich selbst wert gewesen. Ein Klon, der immer mehr zu einem eigenständigen Lebenswillen findet, würde ich mir sofort anschauen.
Dass Shinji letztendlich zu sich selbst findet und sich akzeptiert, ist eine gute Botschaft. Aber seine Gesichte ist nun mal in meinen Augen, im Vergleich zu anderen Protagonisten, nicht sonderlich interessant.
Handlung:
Ich gebe zu die Verknüpfung von Maschinen und Pseudoreligion ist schon ein echt cooles Setting gewesen.
Die Handlung ist zu Beginn einfach gestrickt. Ende der Menschheit>Wiederkehrende Bedrohung->Prophezeiung-> Heldenreise.
Erst im letzten Drittel der Serie kristallisiert sich heraus, dass die Serie mehr sein möchte als ein SciFi Mecha Anime.
Dies jedoch nicht im Guten. Letztlich werden sehr viele Türen geöffnet, aber keine davon wird wirklich geschlossen. Nicht einmal die Applaus-Szene nach Shinjis erlangen von Selbstakzeptanz im Finale kann als das Schließen einer Tür gesehen werden. Denn es wird ja darauf gedeutet, dass dies nur eine von vielen Welten ist.
Von Episode 20 bis 23 war ich sogar positiv angetan. Langsam wurde ein Punkt erreicht, der spannend und vielversprechend war.
Nur um in Folge 24 mit Kaworu das fifth child und den letzten Engel zu bekommen. Ihn aber in dieser Folge dann auch gleich wieder sterben zu lassen. Alles daran fühlte sich falsch an. Damit meine ich nicht den Charakter, sondern die Handlung dieser Folge in eine einzige Folge zu packen. Man hätte ihn bereits früher implementieren sollen. Denn so wirkte die Bindung, die Shinji in nur einer Folge zu ihm aufbaute, dermaßen unnatürlich, dass mich dies schon fast sauer machte.
Episode 25 und 26 sind mir noch nicht ganz schlüssig. Welche Realität sieht man beispielsweise in den Szenen, in welchen Misato und Ritsuko erschossen auf dem Boden liegen? Was genau sollte dieses in der Welt welche wir verfolgen ausgelöst haben? Es gab davor ja gar keinen Grund dafür. Und auch das "Danke Mutter, Danke Vater, Danke an alle Kinder". Soll das vom Autor an den Zuschauer gehen oder ist das von Shinji?
Wenn es von Shinji kommt, verstehe ich es noch weniger. Denn bis zum bitteren Ende hat ihm sein Vater rein gar nichts gegeben, wofür er dankbar sein könnte.
Fazit:
Ich verstehe, warum NGE, so viele Fans hat. Und ich glaube wirklich, die Geschichte hätte noch gewaltig mehr Potenzial gehabt, wäre sie in mehr als 26 Folgen umgesetzt worden. Denn häufig wirkt NGE sehr gehetzt und man springt von einer Handlung zur nächsten. Besonders die Charaktere rund um Shinji haben so viel mehr Screen time verdient. Der Anime vereint sehr viele Elemente und schreckt dabei, sei es Depression, Homosexualität oder Realitätsflucht, auch nicht vor Themen zurück. Im Gegenteil, sie werden explizit verdeutlicht.
Für die damaligen Gegebenheiten muss dies natürlich ein großes Ding gewesen sein. Und in gewisser Weise setzt NGE damit auch Maßstäbe.
Trotzdem sehe ich NGE nicht als ein Meisterwerk, sondern als einen guten, nicht schlecht gealterten Klassiker an.
Ich bewerte ihn heute mit 7,5 von 10 Punkten
Hätte ich ihn zu seinem Release gesehen wären es vermutlich 8,5 von 10 gewesen.