Kapitel 7: Ein Rabe unter Schwänen
Dakeria trat hinaus auf die verdreckte Straße. Sie musste zunächst herausfinden, inwiefern die Versorgungskette noch vorhanden war. Ohne Versorgung, keine Soldaten. Die Rechnung war simpel. Sie brauchte eine Liste aller noch verfügbaren Ressourcen, der Versorgungslage, der verbleibenden Truppenstärke, sowie der Aufstellung des Feindes.
Sie sah sich um. Es waren nicht viele Menschen auf der Straße. Die meisten zogen einen Karren, auf dem Verwundete geladen waren. Sie erkannte das Blut schon aus der Ferne. Der Karren kam vor einem notdürftig aussehenden weißen Zelt zum Stehen. Andere Karren transportierten starre bleiche Körper ab – die Leichen. Dakeria entschied, als erstes dorthin zu gehen. Die Wahrscheinlichkeit auf aktuelle Informationen war dort derzeit am höchsten.
Dakeria beschleunigte ihre Schritte und betrat das Lazarett. Sofort stieg ihr der Geruch von faulendem Fleisch, Schweiß und Blut in die Nase. Es stank bestialisch und es wimmelte von Fliegen. Die Luft war erfüllt von Schmerzensschreien und Sanitätern, die einander hektisch Dinge zuriefen.
Dakeria sah sich um. Die wenigen Heiler hatten alle Hände voll zu tun, auch wenn sie nicht genug hatten, um die Verwundeten versorgen zu können. Sie sah zu, wie ein Sanitäter Stoffbahnen aus den Zeltwänden schnitt, um diese als Verbände nutzen zu können. Die Flaschen mit Heilsalben und Antibiotika waren bereits aufgebraucht, von Heiltränken ganz zu schweigen. Mehrere Patienten teilten sich eine Liege und die Heiler versuchten mehrere Personen auf einmal zu behandeln. Sie hatten schlichtweg zu wenige Hände.
„Kann ich helfen?“, fragte Dakeria schließlich. Die nächste Heilerin sah sie mit zusammengekniffenen Augen an: „Habt ihr überhaupt irgendeine Ahnung von dem, was wir hier tun?“
„Ich habe bereits mehrere kleinere Verletzungen behandelt.“, Dakeria zog einen Verband aus ihrer Beintasche – sie hatte stets ein Notfallset dabei, falls sie auf ihrer Mission verletzt werden sollte. Sie zog außerdem zwei kleine Heiltränke und eine Salbe für Brandverletzungen heraus. Xerxes hatte früher darauf bestanden, dass sie es mitnahm. Auch wenn sie es bisher noch nie gebraucht hatte.
„Euch schickt der Himmel!“, sagte ein anderer Sanitäter und griff sofort nach der Brandsalbe.
Dakeria sagte nichts und half der Heilerin an ihrem Patienten einen Druckverband anzulegen. Gleichzeitig nutzte sie die Gelegenheit, um an Informationen zu kommen: „Wie schlimm ist es?“
„Pfft. Das seht ihr doch.“, murmelte sie, die Augen immer noch auf den Patienten gerichtet. Ihr Gesicht war zu höchster Konzentration erstarrt.
„Wie viele Verwundete kommen täglich rein?“, fragte Dakeria nun. Die Heilerin schwieg zunächst.
„Zu viele, um Zeit mit zählen zu verschwenden.“, sagte sie schließlich.
„Ich brauche eine Zahl. Wie viele Leute kehren kampffähig zurück? Welche Medikamente fehlen?“
Die Heilerin schien nun etwas verärgert: „Seht ihr denn nicht, dass wir beschäftigt sind?!“
Dakeria erwiderte ihren Blick vollkommen ausdruckslos: „Doch. Darum frage ich jetzt.“
„Wir sind euch dankbar für eure Hilfe. Aber ich muss euch jetzt leider bitten zu gehen.“, die Stimme der Heilerin hatte sich verändert. Sie klang aufgebracht. Und genervt.
Dakeria verneigte sich: „Wie ihr wünscht.“
Dann verließ sie das Zelt. Offenbar musste sie anders an Informationen kommen…
Sie wandte sich gerade zum Gehen, als sie zwei weitere Sanitäter hinter dem Zelt reden, hörte: „…wenn wir bis morgen nicht noch mehr Verbände auftreiben können, verlieren wir die nächsten zehn ebenfalls…“
Dakeria blieb stehen und wandte sich zu dem Sprecher um: „Wie viele Weber befinden sich noch in der Stadt?“
„Ich…äh…-was?“, der Sanitäter, der die Brandsalbe genommen hatte, sah sie verwundert an.
„Weber.“, wiederholte Dakeria.
„Äh… keine Ahnung… die Weberei ist im unteren Ring. Keine Ahnung, ob sie überhaupt noch steht, aber…-!“
„Vielen Dank.“, beendete Dakeria das Gespräch und ging, ohne ein weiteres Wort. Sie brauchten Stoffe… die Chance war gering, aber vielleicht konnten die Weber noch irgendwoher etwas auftreiben. Dakeria bahnte sich ihren Weg zum unteren Ring, in dem die meisten Handwerker ihre Werkstatt hatten. Normalerweise herrschte hier ein geschäftiges Treiben. Händler gingen ein und aus. Doch nun waren die staubigen Straßen bis auf ein paar Totengräber leer.
Die Luft roch nicht wie üblich nach Metall und Rauch. Die Schmiede war leer. Die Öfen erloschen. Wahrscheinlich war selbst das Erz knapp geworden. Sie sollte später überprüfen, wo geschürft wurde.
Sie lief weiter. Ein paar Häuser weiter brannte es. Irgendwas schien das Dach zertrümmert zu haben. Dem Einschlag zufolge ging sie von einem Katapult aus. Zum Glück war dieses Haus direkt zwischen zwei bereits vollständig heruntergebrannten Ruinen gelegen. So konnte sich das Feuer nicht weiter ausbreiten.
Sie überlegte. Auf den umliegenden Bergen hatte sie keinerlei großes Kriegsgerät gesehen. Sie ging also erst einmal davon aus, dass die Val’kyren das Katapult zerstört hatten. Doch auf eine Vermutung konnte sie sich nicht verlassen. Sie musste sie später überprüfen.
Endlich kam die Weberei in Sicht. Anders als bei den meisten Häusern waren die staubigen Fenster nicht zugezogen. Es brannte ein schwaches Licht.
Dakeria betrat die Webstube. Dutzende Webstühle und Spinnräder standen still. Die Weber saßen auf ihren Schemeln und blickten sie überrascht an: „Was wollt ihr?“
„Stoffe. So viel ihr mir geben könnt.“, sagte sie knapp.
Einer der Weber lachte nur trocken und ein anderer stieß ihn mit dem Ellbogen in die Rippen. Dann erklärte er: „Unsere Schafe sind alle tot. Ohne Wolle haben wir nichts, aus dem wir etwas herstellen könnten.“
„Was ist mit anderen Materialien? Leinen aus Flachs zum Beispiel?“, hakte sie nach.
„…das hat man hier seit Jahren nicht mehr angebaut. Das Meiste haben wir importiert. Aber unsere Handelsschiffe sind schon seit Ewigkeiten nicht mehr zurückgekommen.“, sagte ein Weber in der Ecke.
„Was ist mit Hanf?“, fragte Dakeria nun.
„…ein paar Seile vielleicht.“, murmelte jemand, „Aber die sind teilweise schon kaputt. Nicht für die Armee zu gebrauchen.“
„Schneidet sie auf.“, ordnete Dakeria nun an.
Die Weber blickten zu ihr, als hätte sie den Verstand verloren. Doch Dakeria ignorierte die Blicke: „Bringt alles, was ihr noch habt zum Lazarett. Sie brauchen Verbände. Oder andere saugfähige Materialien. Stimmt euch mit den Sanitätern ab.“
Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, trat sie wieder hinaus und dachte über ihre nächsten Schritte nach. Sie brauchte mehr Informationen.
Da sie nun eine Kriegsfürstin war, könnte sie einfach zum Kriegsrat gehen und Informationen verlangen. Doch sie wusste bereits, wie das enden würde. Die Generäle schrien sich gegenseitig an und würden einer Val’kyre wie ihr ohnehin keine relevanten Informationen zukommen lassen. Sie brauchte einen anderen Plan… am besten Informationen von den Soldaten selbst.
Ihr Blick fiel auf das Gasthaus. Erschöpfte Soldaten brauchten Erholung…
Und die Wahrscheinlichkeit, dort auf einige davon zu treffen, war hoch. Vielleicht konnte sie dort das ein oder andere aufschnappen.
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Brief eines Sanitäters
„Diese neue Kriegsfürstin ist mir unheimlich. Obgleich manche sie lediglich als Schoßhund des Prinzen sehen, vermeine ich etwas anderes zu erkennen. Sie schritt heute durch unser Lazarett, als ginge sie durch ein Lagerhaus. Kein Zögern. Kein Mitleid. Kein Entsetzen. Sie fragte nach Zahlen. Nach Vorräten. Nach Verbänden. Nicht ein einziges Mal fragte sie nach den Namen der Sterbenden. Hört sie denn nicht ihre Schreie? Sie sagte, sie wolle diesen Krieg gewinnen. Doch ich frage mich, wie viele dafür sterben müssen…“
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„…wie ich höre, ist deine Val’kyre zurückgekehrt.“
König Arvid hatte den Saal betreten, ohne dass Xerxes es bemerkt hatte. Er bereitete sich bereits innerlich auf eine Standpauke vor und hielt dem kühlen Blick seines Vaters stand: „Das stimmt.“
Der König lief zu den großen Fenstern, von denen aus er die ganze Stadt im Blick hatte. Er sah Dakeria durch die Straßen wandeln.
„Sie scheint nicht zu wissen, wann eine Schlacht verloren ist.“, sagte er.
Xerxes trat neben ihn: „Oder vielleicht sieht sie Möglichkeiten, die wir noch gar nicht in Betracht gezogen haben.“
Arvid schnaubte: „Du setzt großes Vertrauen in diese Frau.“
„Deswegen habe ich sie zur Kriegsfürstin ernannt.“, bemerkte Xerxes. Er versuchte angestrengt ein Grinsen zu unterdrücken, als er sah, wie sein Vater mühsam versuchte, nicht die Beherrschung zu verlieren. Doch dieser atmete tief durch und erklärte mit zusammengebissenen Zähnen: „Als König wirst du es dir nicht leisten können, einer einzelnen Person derart zu vertrauen.“
Xerxes blieb vollkommen entspannt. Sein Blick ruhte auf seiner Val’kyre: „Nein… aber jemandem zu Misstrauen, der sein ganzes Leben für mich und dieses Reich opfert, halte ich für den größeren Fehler.“
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Dakeria betrat das Gasthaus. Die Stimmung war gedrückt und kaum jemand schien überhaupt Notiz von ihr zu nehmen. Die Soldaten starrten in ihre mehr oder weniger leeren Bierkrüge. Sie bahnte sich ihren Weg bis hin zu einem Tisch in der hinteren Ecke des Raumes. Nah genug, um die Gespräche zu belauschen, aber weit genug weg, um nicht gestört zu werden.
Sie war schließlich nicht gekommen, um mit jemandem zu sprechen. Ihr war bewusst, wie man sie hinter ihrem Rücken nannte. Die einzige schwarze Val’kyre von Val’garath. Den ‚Raben‘. Dunkel. Anders. Ein Rabe unter Schwänen. Doch das störte sie nicht.
Die Soldaten waren laut. Die meisten tranken sich ihren Frust von der Seele.
„…dieses Gesöff ist ja kaum zu ertragen! So lasches Bier hab ich schon lange nich mehr gehabt!“, sagte einer und ein anderer Soldat, der einen blutigen Verband um den Kopf trug, pflichtete ihm bei: „Jaow. Das Zeug wird immer wässiger!“
Verstehe. Der Wirt scheint das Bier zu strecken. Möglicherweise wird das Korn rationiert.
Dakeria nahm diese Information auf und sah sich weiter um. Eine kleine Familie kauerte in einer Ecke, zusammen unter eine zerissene Decke gedrängt. Im Hinterzimmer waren weitere.
Ein paar andere Soldaten sprachen über das Tor der Hauptstadt: „…wenn die nicht bald was machen, steht der Feind in ein paar Tagen in der Stadt. Lange hält das nicht mehr…“
Ein anderer sprach über die Munition: „…Schmied sagt, es gibt mein Eisen mehr…“
Dakeria hörte nur zu. Beobachtete. Notierte.
Nach einigen Stunden setzte sich jedoch jemand zu ihr. Sie kannte das bärtige, wettergegerbte Gesicht. Gyron. Ein alter Haudegen und einer der wenigen, die schon einmal eine Schlacht mit ihr bestritten hatten.
Er nickte ihr ernst zu: „Nun, da du hier bist, sehe ich vielleicht doch noch eine Chance, kleiner Rabe.“
Dakeria sah ihn nur ausdruckslos an: „Ihr nennt mich jetzt also auch ‚Rabe‘.“, stellte sie fest. Gyorn grinste: „Die jungen Burschen haben sich den Namen ausgedacht.“, er nahm einen kräftigen Zug aus seinem Krug, „Und ich hab ihn übernommen.“
Dakeria kniff die Augen zusammen: „Warum?“
Gyorn lehnte sich zurück und strich sich den Bierschaum vom Bart: „Na weil er zu dir passt. Raben sind erstaunlich kluge Vögel. Wusstest du, dass sie sich Gesichter merken können? Sie bemerken Dinge, die die meisten außer Acht lassen würden.“
Dakeria legte den Kopf schief, wie ein Hund, der etwas nicht verstand.
„Sie beobachten erst. Dann handeln sie. Und sie verschwenden ihre Kräfte nicht für Dinge, die nichts bringen.“, er schmunzelte, „Außerdem werden sie von den anderen gemieden. Damit habt ihr wohl einiges gemeinsam.“
Dakeria schaute in ihren Krug. Sie versuchte den Zusammenhang zu verstehen. Schließlich sagte sie nur: „Ich wusste nicht, dass Raben so intelligent sind.“
Gyorn lachte laut und polternd auf, sodass sich einige sogar zu ihm umdrehten: „Das überrascht mich jetzt!“
„Warum?“, fragte Dakeria.
„Na weil du doch der beste Beweis dafür bist!“
Sie senkte den Blick. Sie schien nachzudenken. Aber Gyorn unterbrach ihren Gedankengang: „Also? Wie sieht dein Plan aus?“
Nun war Dakeria wieder in ihrem Element. Sie blickte auf: „Die Versorgungskette sichern, so gut es geht. Und mehr Soldaten auftreiben. Danach entwickele ich eine neue Strategie.“
„Probleme, um die sich eine Kriegsfürstin kümmern sollte.“, bedachte Gyorn. Ihn beschlich ein ungutes Gefühl – doch es legte sich, als Dakeria sagte: „Seine Majestät Prinz Xerxes hat mich zur Kriegsfürstin ernannt.“
Gyorn gluckste: „Wann ist das denn passiert? Soweit ich weiß, bist du doch erst seit ein paar Stunden hier!“
Dakeria schien die Frage nicht so recht zu verstehen: „Direkt nach meiner Ankunft.“
Gyorn lächelte. Natürlich hatte Xerxes das getan… wenn seine geliebte Val’kyre es verlangen würde, würde er sich wahrscheinlich sogar den Arm eigenständig abhacken.
„Bezüglich der Soldaten wurde ich bereits informiert, dass sämtliche Anstrengungen bereits unternommen wurden. Ich werde prüfen, ob das zutrifft. Zudem möchte ich euch bitten, ein paar Männer aufzutreiben, um das Schlachtfeld nach Metallen und weiteren Materialien abzusuchen. Alles, was uns von Nutzen sein könnte.“
„Das werde ich. Aber erst morgen früh. Die Männer sind erschöpft. Sie haben den ganzen Tag gekämpft.“, erwiderte Gyorn. Dakeria schien darüber nachzudenken. Früher hätte sie das Prinzip von Erschöpfung nicht verstanden. Mittlerweile schon.
„Dann schickt die Frauen.“, sagte Dakeria stattdessen.
Gyorn verschluckte sich beinahe an seinem Bier: „Die Frauen? Die werden mich verfluchen! Mich für verrückt erklären!“
„Dann erklärt ihnen den Zweck. Und informiert mich, sobald ihr aufbrecht. Ich werde euch Deckung geben.“, erwiderte Dakeria, kurz angebunden.
„Du willst dir beim Orden wirklich keine Freunde machen, was?“, grummelte Gyorn nun.
Dakeria schüttelte den Kopf: „Seine Majestät hat mich darüber informiert, dass der Orden sich ohnehin gegen uns gewandt hat. Es gibt also keinerlei Gründe an unsinnigen Traditionen festzuhalten.“
Die Art, wie sie ihn ansah, gefiel ihm nicht: „…du meinst das wirklich ernst.“
Sie hob eine Augenbraue: „Ja. Warum sollte ich es nicht ernst meinen?“, fragte sie verwundert.
„Weil kein General seine Leute auf ein Schlachtfeld schickt, um Schrott zu sammeln.“, erwiderte Gyorn grinsend.
„Es ist kein Schrott. Es sind Waffen, die noch nicht geschmiedet wurden. Ressourcen, die noch nicht genutzt wurden.“, erklärte Dakeria bestimmt.
„Selbst wenn wir alles einsammeln, werden wir kaum länger als ein paar Tage, vielleicht ein paar Wochen durchhalten.“, gab Gyorn zu bedenken.
Dakeria stand auf: „Ich werde mich umsehen. Vielen Dank für die Gesellschaft. Ich muss jetzt gehen.“
Gyorn nickte nur. Kurz bevor sie den Raum verließ, rief er ihr über die Tische noch etwas zu: „Kleiner Rabe!“
Sie wandte sich um.
„Lass dir Zeit… ich bin mir sicher, dass du etwas finden wirst, das wir seit Jahren übersehen.“, sagte er ruhig. Dakeria nickte nur und verschwand schließlich in der kühlen Abendluft.
Ein paar Soldaten warfen Gyorn skeptische Blicke zu: „Ihr vertraut der schwarzen Val’kyre?“
Gyorn nickte nur und brummte: „Von allen vertraue ich ihr am meisten. Ich habe schon mal eine Schlacht mit ihr bestritten… naja. Mehr als eine. Sie hat sich verbessert.“
Im Gastraum war es still geworden. Aller Augen waren auf den alten Veteranen gerichtet. Gyorn entging das nicht. Er brummte: „Also, wenn ich hier schon meine alten Geschichten zum Besten geben soll, brauch ich definitiv noch ein Bier.“
Ein paar fingen an zu lachen und jemand stellte ihm einen neuen Krug hin. Gyorn nickte anerkennend. Er strich sich über den Bart: „…also gut… es ist schon ein paar Jahre her… wir waren an einer Küste, irgendwo hinter Demacia stationiert. Niemandsland… ich weiß noch, dass wir zusätzliche Söldner angeheuert hatten.“ Gyorn blickte in die Ferne, als sei er völlig in Gedanken versunken. Und wahrscheinlich war er das auch. Er erinnerte sich an die Schlacht, als sei es seine erste gewesen.
„Die Schlacht war bereits verloren, bevor ich es überhaupt begriff. Nicht militärisch – noch nicht. Aber die Männer waren erschöpft und der Vormarsch kam nur langsam voran. Damals kämpfte ich noch unter der Flagge des Ordens… ein rechtschaffener Kommandant, der sämtliche Regeln befolgte.“
Ein paar Soldaten kicherten, doch Gyorn winkte gutmütig lächelnd ab: „Ja, ja das war ich tatsächlich. Jedenfalls – ihr kennt die Regeln. Frauen sollten laut dem Orden nicht aufs Schlachtfeld. Aber das hat Dakeria natürlich nicht davon abgehalten.“
Sein Grinsen wurde bei der Erinnerung noch breiter: „Sie hat sich einfach als Mann verkleidet. Die Haare unter dem Helm versteckt in einer Rüstung, die ihr viel zu groß war. Und ich habs wirklich erst bemerkt, als sie mit mir sprach…. Sie hat versucht mich zu warnen. Mehrfach. Ich hab nicht zugehört. Vielleicht weil mein Stolz ein bisschen verletzt war.“
Ein paar lachten und Gyorn grinste weiter: „Ja, ja, lacht ihr nur. Damals war ich ein stolzer Mann!“
Er schüttelte den Kopf: „Sie kann ziemlich lästig werden, wenn man ihr nicht zuhört.“
„Was hat sie danach gesagt?“, fragte jemand aus den hinteren Reihen. Gyorn sah kurz rüber. Ein junger Soldat. Wahrscheinlich war dies seine erste Schlacht.
„Dass wir nicht weit kommen würden. Hätte ich ihr zugehört, hätte ich gewusst, dass der Feind bereits Schützengräben ausgehoben hatte. Wir hatten keine Zeit gehabt, das Gelände auszukundschaften. Ich handelte strikt nach den Vorgaben des Ordens. Und warf Dakeria aus der Einheit. Hab ihr gesagt, sie soll gehen.“, Gyorn gluckste, „Und ja… sie ist gegangen. Allerdings nicht sehr weit.“
Er nahm einen tiefen Zug aus seinem Krug: „Sie hat sich einfach zwischen ein paar Felsen versteckt. Nur mit einer Armbrust bewaffnet und mit Schnee im Mund, damit man ihren Atem nicht sah.“
Ein paar Soldaten tuschelten und Gyorn deutete mit dem Krug zu ihnen: „Ja, Schnee. Kühlt die Luft aus dem Mund ab, sodass man keinen Dampf sieht. Solltet ihr euch vielleicht für eure nächsten Einsätze merken.“
Das Tuscheln erstarb und ein paar der jüngeren Soldaten nickten tatsächlich. Dann fuhr er fort: „Sie lag dort wahrscheinlich schon seit Stunden. Beobachtete das Feld. Die Gräben. Alles… ich hab sie gar nicht bemerkt, als wie vorrückten.“
Er stellte den Krug ab und seine Miene wurde plötzlich ernst: „…und dann trat genau das ein, wovor sie mich gewarnt hatte.“
Es wurde still. Die Erinnerung schien zu schmerzen.
„…erst ein Pfeil… dann zehn… dann hunderte. Unsere Schilde reichten kaum aus. Wir kamen nicht weiter.“
Er atmete schließlich aus und sie Anspannung fiel ein wenig von ihm ab: „Ja… wir waren verloren… aber dann sah ich, wie ein paar der feindlichen Schützen fielen.“
Er grinste wieder: „Zuerst dachte ich, dass der Wind sich irgendwie gedreht hätte, damit die Pfeile die Richtung änderten.“
Die Soldaten brachen in Gelächter aus und Gyorn meinte nur: „Ja, ja. Lacht ihr nur. Jedenfalls… irgendwann bemerkte ich, dass das kein Zufall sein konnte. Jemand half uns. Und verdammich noch eins – die Treffer saßen. Und dann entdeckte ich sie… allein zwischen den Felsen… dieses dumme Gör.“
Gyorn schnaubte: „Ich dachte, wenn wir das überleben, mach ich sie nen Kopf kürzer!“ Dann hielt er inne und fügte nüchtern hinzu: „Naja. Wahrscheinlich hätte ich das doch nicht getan. Aber ihr wisst, was ich meine.“
Ein paar lachten.
„Aber ich war ziemlich sauer.“, sein Blick wurde wieder ernster. „Dann kamen neue feindliche Schützen hinzu und der Pfeilhagel wurde stärker. Unsere Männer kamen nicht voran… und dann sah ich sie.“
Gyorn schüttelte den Kopf. Nach einer Pause fügte er hinzu: „Die idiotische Frau, die nur mit einem Messer bewaffnet mitten aufs Schlachtfeld rannte.“
Ein Teller wurde fallen gelassen und das Gelächter erstarb augenblicklich: „Was?!“
„Sie ist direkt in den Schützengraben gesprungen. Auch wenn sie auf dem Weg dorthin von mehreren Pfeilen getroffen wurde. Und sie hatte nur ein Messer dabei.“Gyorn sah in die Runde und hob eine Schulter, „Ein paar Schützen versuchten, auf sie zu schießen. Aber der Graben war so eng, dass sie sich kaum bewegen, geschweige denn zielen konnten. Und dann begann sie zu tanzen.“
Es wurde wieder still.
„…sie… tanzte?“, wagte es jemand zu sagen.
Gyorn nickte und lächelte schwach: „Ja… zumindest sah es aus wie ein Tanz. Sie bewegte sich zwischen ihnen, wich aus und schlug zu. Jeder Schritt bedeutete einen Toten. Die waren am Ende so sehr mit ihr beschäftigt, dass sie keine Zeit mehr hatten, auf uns zu schießen… so war sie schon damals.“
Er sah in die Runde, nahm noch einen kräftigen Zug und fuhr fort: „…als der letzte Schütze fiel, kam sie endlich aus dem Graben raus. Und dann ging sie einfach seelenruhig zurück zu uns. Sie kämpfte weiter. Nicht als Soldatin. Schließlich hatte sie keinen Rang mehr, seit ich sie rausgeworfen hatte. Sie hat einfach beschlossen, dass sie nun an unserer Seite kämpfte.“
Seine Stimme versagte. Seine Hand fuhr unbewusst über eine alte Narbe: „…und dann wurde ich getroffen. Schwer. Unsere Linie brach auseinander… ich lag dort und wusste, dass mein letztes Stündlein geschlagen hatte.“
Gyorn sah auf den Platz, an dem Dakeria zuvor gesessen hatte: „…und dann tauchte sie wieder auf. Diese idiotische Frau.“
Er schüttelte erneut den Kopf: „Sie hat gar nichts gesagt, sondern einfach versucht, mich hochzuhieven und wegzubringen. Dass das eine dumme Idee war, brauch ich euch glaube ich nicht sagen. Ich hab mindestens dreimal so viel gewogen, wie sie und noch dazu trug ich eine Rüstung, die nass vom Schnee war. Aber sie hat es trotzdem getan.“
Die Spannung im Raum war fast greifbar. Kaum einer wagte noch zu atmen, aus Angst Gyorns Stimme nicht weiter zu hören. Dieser trank noch einen Schluck und fuhr fort: „…Sie hatte mehrere Pfeile abbekommen. Einer in ihrer Schulter. Einer im Bein. Einer in ihrer Seite. Sie strauchelte. Fiel hin. Stand wieder auf. Und fiel wieder hin. Der Feind sah sie schon gar nicht mehr als Bedrohung. Sie sah sowieso aus, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Aber sie lief weiter.“
Gyorn atmete langsam aus.
„Sie brachte mich und dann auch noch zwei, drei andere zurück. Als wir im Lager ankamen, wäre sie beinahe umgekippt.“, ein mattes Lächeln erschien wieder auf seinem Gesicht: „Aber dafür hatte sie natürlich keine Zeit.“
„Warum?“
„Weil sie sich um die Verwundeten kümmerte.“, er griff wieder nach seinem Krug, „Und mich mit Fragen bombadierte. Vielen Fragen.“
Gyorn seufzte gespielt genervt und imitierte Dakerias Stimme: „Warum ist der Soldat da zusammengebrochen?“
Er nickte nur: „…weil sein Kamerad vor seinen Augen gestorben war. Dakeria sagte lediglich, dass das taktisch unklug sei. Sie verstand es nicht… verstand einfach nicht, warum Menschen manchmal nicht rational handelten, obwohl es ihnen schaden konnte… also fragte sie weiter.“
Gyorn sah ins Feuer: „Warum weinen die Soldaten? Warum verlieren sie den Mut? Warum kämpfen sie weiter, obwohl die Situation aussichtslos ist? Warum folgen sie einem Befehl, der offensichtlich ihren Tod bedeuten konnte?“
„…das war auf jeden Fall die längste Nacht meines Lebens.“, grinste er schließlich. Er setzte sich wieder auf: „Und dann fragte ich sie was. Warum sie hier war und weiterkämpfte, obwohl sie keinen Grund dazu hatte. Und da deutete sie auf ihren Söldnerkameraden – keine Ahnung wie er wirklich hieß, sie hat ihn immer nur ‚Scream‘ genannt – und sagte, dass sie immer an seiner Seite kämpfte.“
Eines der Waschweiber warf ein: „Und? Sah er wenigstens gut aus?“ Sie und ihre Kolleginnen kicherten. Gyorn winkte ab: „Seh ich aus, wie jemand, der das beurteilen kann? Ist ja auch egal… also. Ich hab sie dann gefragt: ‚Könntest du noch normal reagieren, wenn dein Kamerad stirbt‘? … und da sagte sie nichts mehr. Und dann hab ichs verstanden.“, er ließ den Krug sinken, „Sie war ihm aufs Schlachtfeld gefolgt, obwohl sie dort nicht hätte sein dürfen. Sprang in Schützengräben und schleppte sich mit Pfeilen im Körper durch das Schlachtfeld. Nicht weil es taktisch sinnvoll gewesen wäre. Sondern weil er ihr wichtig war.“
Stille legte sich über den Raum und Gyorn lehnte sich zurück: „Und irgendwann in der Nacht war Dakeria verschwunden. Ich wusste nicht, was sie vorhatte… aber ich konnte mich auch kaum bewegen. Nach ihr zu suchen war vollkommen unmöglich. Also warteten wir. Wir versuchten zu schlafen, weil wir am nächsten Morgen wieder ausrücken wollten.“
Gyorn verdrehte die Augen: „Natürlich hatte ich diese närrische Frau wieder unterschätzt.“
Ein paar Zuhörer lächelten verhalten.
„Sie hatte ihren Kameraden mitgenommen und das ganze Feld präpariert. Keine Ahnung, wo sie überhaupt die Sprengfallen herhatten… Aber sie hat uns Zeit verschafft. Der Feind wusste nicht, welche Sprengfallen überhaupt scharf waren und welche ungefährlich.“, Gyorn setzte wieder den Krug ab, „Dakeria hatte verstanden, dass unsere Soldaten nicht mehr weiterkämpfen konnten. Also passte sie das Spielfeld an. Sie verschaffte uns genug Zeit, um uns auszuruhen, die Verwundeten zu versorgen, Rüstungen zu flicken und die Waffen zu reparieren.“
Er schnaubte: „Und ich bekam endlich Zeit darüber nachzudenken, wie zum Teufel ich eine Frau aus meiner Einheit werfen konnte, die das Schlachtfeld anscheinend besser vorbereitete als mein gesamter Stab.“
Ein paar lachten und Gyorn hob seinen Krug erneut: „An diesem Tag übertrug ich ihr das Kommando.“
Es wurde schlagartig wieder still. Das war mehr als eine Regelverletzung des Ordens, sondern eine bewusste Befehlsverweigerung. Es hätte Gyorn den Kopf kosten können.
„Obwohl sie noch nie eine Armee geführt hatte?“, fragte schließlich jemand.
Gyorn gluckste: „Obwohl sie absolut keine Ahnung hatte, wie man eine Armee führt! Aber … sie wusste, wie man Möglichkeiten erkennt. Und wisst ihr, was ihre erste Ansprache als Kommandantin war?“
Gyorn sah in die Runde: „Sie entschuldigte sich.“
Die Soldaten sahen ihn überrascht an.
„Ja. Sie hat sich entschuldigt. Für die Fehler, die sie gemacht hatte…“, er hob den Krug, „Und für die Fehler, die sie noch machen würde. Sie war keine große Kriegerin. Keine große Kommandantin. Noch nicht.“
Gyorn nahm einen letzten Schluck: „Aber sie hat nie aufgehört, Fragen zu stellen. Und sie war bereit, zuzuhören. Und darum vertraue ich ihr…“, er sah wieder ins Feuer, „Nicht, weil sie immer Recht hatte. Das hatte sie nämlich nicht… sondern weil sie nie aufgehört hat, herauszufinden, warum sie falsch lag.“
Er stellte den Krug ab, „Sie hat Fehler gemacht. Viele. Verdammt viele. Aber sie hat aus jedem etwas gelernt. Und wenn sie heute sagt, dass vielleicht etwas übersehen wurde... dann würde ich verdammt nochmal lieber herausfinden, was sie meint, bevor wir sie wieder ignorieren.“
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Dakeria bekam von all dem nichts mit. Sie stand bereits am Tor.
Wenn Gyorn ihrer Anweisung folgte, würde der Bergungstrupp frühestens bei Nacht ausrücken können. Es wurde bereits langsam dunkel.
Einerseits war das gut. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Feind sie entdecken würde, war geringer. Andererseits wäre die Sicht auch schlechter. Fallen, Minen und Ressourcen könnten leicht übersehen werden.
Das Risiko für den Trupp war zu hoch. Sie musste die Sache selbst in die Hand nehmen. Sie war schon auf dem Weg zum Schlachtfeld, als sie innehielt.
…ich muss Gyorn informieren.
Dann wandte sie sich um. Sie breitete ihre Flügel aus und flog wieder zurück zum Gasthaus.
Gyorn saß noch immer am Tisch. Er war umringt von Menschen. Wahrscheinlich hatte er wieder eine seiner alten Geschichten zum Besten gegeben. Doch nun, als sie ankam, wurde alles still.
„Ich habe den Plan geändert.“, sagte sie knapp.
Gyorn setzte sich auf und bedeutete, den anderen zu gehen: „Und?“
„Ich werde mich allein zum Feld begeben und das Gelände sichern. Folgt mir erst, wenn ich euch ein Zeichen gebe.“, erklärte sie.
Gyorn schwieg einen Moment. „Bist du sicher?“
„Ja.“ Dakeria zögerte nicht einen Moment bei ihrer Antwort. Natürlich tat sie das nicht… diese närrische Frau. Gyorn schüttelte den Kopf: „Und wenn du nicht zurückkehrst?“
„Dann bleibt ihr, wo ihr seid.“, antwortete sie ruhig.
Gyorn verdrehte die Augen: „Du hast wirklich ein Talent dafür, andere zu beunruhigen.“
Dakeria sah ihn daraufhin fragend an: „Das war nicht meine Absicht.“
Er brummte: „Nein. Natürlich war es das nicht.“
Sie legte den Kopf schief: „Das ist ineffizient. Ich muss euch leider bitten, eure Beunruhigung abzulegen. Ich empfehle mich.“
Gyorn lachte leise, während sie schließlich wieder das Gasthaus verließ. Gyorns Worte schwirrten ihr immer noch im Kopf rum. Doch das konnte warten. Die Nacht brach bald an. Sie wollte möglichst noch vorher auf dem Schlachtfeld ankommen.
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Die Luft war kühl und roch nach verbranntem Eisen, als sie landete. Ihr Blick wanderte über das Schlachtfeld. Im letzten Abendlicht zeichneten sich noch die Überreste der letzten Schlacht ab. Verbrannte Wagen. Leichen, manche schon vom Schnee bedeckt. Zersplitterte Schilde.
Es war still. Nur der Wind war gelegentlich zu hören und wirbelte feinen Schneestaub auf.
Es wirkte fast, als sei die Zeit stehengeblieben. Verstreute Waffen lagen unweit ihrer toten Herren. Umgestürzte Wagenteile ragten aus dem Eis. Hie und da glitzerte etwas metallisches – Pfeile und Speerspitzen. Manchmal auch Rüstungsteile. Der Bergungstrupp würde die Leichen untersuchen müssen – vielleicht konnte man einige Rüstungen des Feindes weiterverwenden.
Die Fußspuren waren schon leicht vom Wind verweht und feiner Schnee überdeckte einige davon. Doch manche waren tiefer und besser erkennbar. Dakeria betrachtete die Richtung, in die sie gelaufen sind. Ihre Rückzugsroute führte durch eine Engstelle zwischen zwei Felsen. Ein guter Ort für eine Falle.
Etwas am Boden zog ihren Blick auf sich. Ein Pfeil… doch die Federn am Ende waren… ungewöhnlich. Kein Vogel von dieser Insel oder aus dieser Gegend. Sie mussten von weit hergereist sein. Dakeria tippte auf Ionia oder Ixtal. Wenn sie tatsächlich so weit gereist sind, nur um ein relativ kleines Land zu erobern… mussten sie einen verdammt guten Grund dafür haben. Und sie würde herausfinden, welchen.
Außerdem mussten die Soldaten nach einer solchen Reise erschöpft sein. Allerdings war das nur eine Vermutung. Sie würde sie überprüfen müssen.
Als sie sich wieder aufrichtete, durchbrach eine schwache Stimme die eigentümliche Stille.
„Val…Val’kyre…“
Dakeria sah sich um. Die Stimme kam von links. Sie lief ein Stück in die Richtung und fand mehrere Leichen – und einen Soldaten. Er war am Leben. Noch. Sein Gesicht hatte bereits sämtliche Farbe verloren, die Lippen blau von der Kälte. Sie legte den Rest von ihm frei, der unter dem Schnee bedeckt war. Vermutlich hatte er sich mit letzter Kraft eingegraben, um nicht zu erfrieren. Es war eine unkluge Entscheidung – bei der Schwere seiner Verletzungen war es ein Wunder, dass er noch immer lebte. Tod durch Erfrieren wäre die angenehmere Option gewesen. Mehrere tiefe Stichverletzungen in der Bauchgegend. Viel Blutverlust. Sein Körper war zu lange unterversorgt gewesen.
„Ich kann nichts mehr für euch tun.“, sagte sie nüchtern. Der Soldat sah sie lediglich an. Nicht ängstlich. Sondern erleichtert.
„…ich weiß… ich… war so ein Idiot… ich… wollte… ihn noch einmal… wiedersehen…Petre…“
Dakeria hielt inne. Ein törichter Wunsch. Oder war es das, was man Hoffnung nannte? Razuel sagte einst, dass Hoffnung die Menschen dazu bringen konnte, erstaunliche Dinge zu tun. Oder sehr verzweifelte Dinge. Sie war sich nicht sicher, ob langsamer und qualvoller zu sterben, statt einfach zu erfrieren, dazugehörte. Also sagte sie nichts. Sie wandte sich zum Gehen.
„… Val’kyre…“, sprach der Soldat erneut und sie blieb stehen, „…werden wir… gewinnen?“
Sie wandte sich nicht um: „Ja. Ich habe es so beschlossen.“
Ihr Blick glitt über das Schlachtfeld, das immer mehr in der Dunkelheit verschwand. Sie würde Licht brauchen…
„…gut… dann war… mein Tod… nicht umsonst.“
Dakeria drehte sich wieder zu dem Soldaten um. Sein Lebenslicht war fast erloschen.
„Ich kann aus eurem Tod noch einen Nutzen ziehen. Wäre euch das recht?“, fragte sie kühl.
Der Soldat sah sie nur mit trüben Augen an und nickte, kaum merklich. Dakeria verlor keine weitere Zeit. Ihre Haut riss auf, als sie die Lebensenergie des Soldaten kanalisierte und daraus ein Licht formte. Der Soldat fiel leblos zu Boden. Dakeria selbst musterte ihre Hand. Die arkanen Risse leuchteten durch ihren Handschuh hindurch. Würde wahrscheinlich bis morgen dauern, bis sie sich regeneriert hatte. Ihr Körper war nicht dafür geschaffen, ihre tatsächlichen Kräfte einzusetzen. Aber wenigstens hatte sie nun ein kleines grünes Feuer in ihrer Handfläche.
Nun huschte sie vorsichtig durch die Reihen. Keine Fallen. Interessant. Aber taktisch ineffektiv. Zudem fand sie viele verschiedene Rüstungen. Sie erkannte den verstärkten Stahl aus Noxus. Die dicken, mit Leder und Fellen gefütterten Rüstungen aus Freljord. Leichte, hitzeresistente Rüstungen aus Shurima. Und einige, die sie selbst nicht einordnen konnte. Eine mögliche Erklärung für die fehlenden Fallen wäre, dass die Krieger aus verschiedenen Reichen kamen und es keine Zeit gab, sie in verschiedene Fallen aus fremden Ländern einzuweisen. Aber auch das war lediglich eine Mutmaßung.
Was sie allerdings mit ziemlicher Sicherheit nun wusste: Der Feind hatte globale Verbündete. Womöglich auch Söldner. Verschiedene Rüstungen, verschiedene Waffen und wahrscheinlich auch ein ganzes Sammelsurium aus verschiedenen Kampftechniken. Sie überlegte einen Moment. Wenn ihre Theorie korrekt war, konnte sie daraus einen Vorteil ziehen. Womöglich würde es dauern, wenn sie Verstärkung anfordern müssten. Außerdem wusste sie, dass manche Krieger aus anderen Ländern nicht an val’garathische Kost gewöhnt waren – im besten Fall könnte sie Vorräte zerstören oder sie mit giftigen einheimischen Beeren versetzen. Doch das wäre lediglich ein simpler Schritt. Dennoch sollte sie es im Hinterkopf behalten.
Sie richtete sich auf und sah nach Süden. Sie hatte bereits auf ihrem Weg hierher einige Schiffe gesehen. Das bedeutete, sie musste die Meere im Auge behalten. Am besten eine Seeflotte aufstellen. Im schlechtesten Fall mussten Späher genügen.
Ihr Blick fiel wieder auf den Boden. An Metallen würde es jedenfalls nicht mangeln, sofern der Bergungstrupp gründlich arbeitete. Die verschiedenen Rüstungen bestanden aus verschiedenen Materialen. Sie würde sie nach Eigenschaften sortieren lassen. Verstärkter Stahl für die Verteidigungsanlagen. Hitzeresistentes Material für alles, was auch nur ansatzweise heiß werden konnte. Leder und Felle als Kälteschutz.
Sie kniete sich hin und zog eine Leiche aus dem Schnee. Um seinen Hals ging an einem kleinen Lederband ein Fläschchen mit einer grünen Flüssigkeit. Es war halb leer. War das…?
Dakeria entkorkte es und fächerte sich vorsichtig den Geruch zu. Ein Heiltrank. Kein Zweifel. Sie stopfte ihn in ihre Tasche und begann weitere Leichen zu untersuchen. Es waren nicht viele. Am Ende hatte sie vielleicht zwanzig Stück beisammen. Besser als nichts.
Sie fragte sich, warum der Feind die Toten nicht barg… sie hatten ihr jede Menge Ressourcen zurückgelassen. Sie müsste sie lediglich verarbeiten.
Vielleicht hatten sie überstürzt fliehen müssen. Aber gegen eine schwache Armee machte das kaum Sinn. Vielleicht eine natürliche Ursache? Ein Blizzard, der die Sicht erschwerte?
Dakeria schüttelte den Kopf. Nichts als Mutmaßungen. Sie würde später die Soldaten befragen müssen.
Sie lief weiter über das Schlachtfeld. Es war, als erzählten die Toten ihr ihre Geschichte. Ein Leichnam, bekleidet mit dünner Rüstung, schmächtig – eigentlich als Soldat ungeeignet. Vermutlich noch nicht einmal volljährig. Sie bezweifelte, dass er hierhergekommen war, weil er eine Wahl hatte.
Dort, eine Kriegerin, neben ihr ein weißer Wolf. Ein Gefährte… oder ein Reittier. Er war mit seiner Herrin gestorben. Den vielen Wunden zufolge musste es ein langer harter Kampf gewesen sein.
Dakeria betrachtete gerade einen Leichnam eines heimischen Soldaten, als sie etwas spürte. Die Energie eines Lebenden. Schwach. Sehr schwach. Aber da. Sie schien aus der Richtung der verbrannten Siedlung zu kommen.
Dakeria trat näher. Das Haus war bis auf die Grundmauern abgebrannt. Doch bei genauerer Betrachtung erkannte sie die Griffe einer Kellerluke im Schnee. Lautlos öffnete sie die Tür und folgte der knorrigen Treppe nach unten. Der Raum war relativ groß und mit Regalen vollgestopft. Offenbar ein Vorratslager. In einer Ecke standen Säcke mit Kartoffeln und Äpfeln. Das dürfte den Bergungstrupp ebenfalls interessieren.
Ein erstickter Laut drang aus einer Ecke und Dakeria formte ihr Licht zu einer grün leuchtenden Klinge –
Es war ein Kind. Ein Mädchen mit dunkler Haut, verschiedenfarbigen Augen und strahlend hellblauen stacheligen Haaren. Sie schien nicht älter als zehn zu sein. Ihre großen Augen starrten voller Furcht auf die Klinge.
Doch Dakeria machte zunächst keinerlei Anstalten, diese zurückzustecken. Kinder wirkten unschuldig – es konnte immer noch eine Falle sein. Das Mädchen trug zudem ein altes shurimanisches Amulett um den Hals.
„Steh auf.“, Dakerias Stimme war ruhig. Nicht drohend, lediglich kühl und fokussiert. Das Mädchen zitterte dennoch am ganzen Leib und ihre Beine schienen ihr nicht so recht gehorchen zu wollen. Sie strauchelte und fiel hin. Dakeria wartete. Dann schaffte sie es vorsichtig aufzustehen. Dakeria achtete auf jede ihrer Bewegungen. Wenn dieses Kind eine Waffe bei sich hatte, war sie jedenfalls gut versteckt. Ihre Kleider waren ein paar Nummern zu groß für sie. Sie trug keine Rüstung und war sichtlich abgemagert. Interessant. Warum hungerte sie, wenn neben ihr Säcke mit Nahrung standen?
„Wie lautet deine Mission?“, fragte Dakeria schließlich.
Das Mädchen wagte es nicht, sie anzusehen und legte ihre Hände auf den Hinterkopf. Sie zitterte. Ob wegen Dakeria oder wegen der Kälte, vermochte niemand zu sagen.
„…ich… soll mich verstecken. D-das – das hat Laneesha gesagt.“, brachte sie abgehackt hervor. Dakeria senkte ihre Klinge immer noch nicht: „Laneesha. Ist das deine Kommandantin?“
„S-sie ist mei-meine Schwester!“, große Tränen füllten die Augen des Kindes. Dakeria wartete, dass sie weitersprach.
„…sie-sie hat nicht gehorcht…. Da-darum hat man mich an die Front gest-stellt… als Strafe.“, sagte sie schließlich. Dakeria suchte ihr Gesicht nach dem kleinsten Anzeichen einer Lüge ab – doch sie schien glaubwürdig. Fürs erste.
Interessant.
„Was war ihr Vergehen?“, fragte Dakeria weiter.
Das Kind schniefte: „…sie…wir… haben Lebensmittel genommen. Von den anderen.“
„Warum?“, hakte die Val’kyre nach.
„…es… es gab Streit. Weil nicht genug für alle da war. Laneesha wollte, dass ich etwas mehr bekam.“, das Mädchen sah zu Boden und dicke Tropfen perlten von ihrem Gesicht auf den Boden.
Dakeria ließ die Klinge wieder zu einem Licht werden, was das Kind ungemein zu beruhigen schien: „Wie ist dein Name?“
„L-Liv.“, ihre großen Augen musterten die Val’kyre nun mit einer Mischung aus Angst und Neugier.
„Du unterstehst jetzt meinem Kommando, Liv. Sind noch andere hier?“, fragte Dakeria weiter.
Liv schüttelte den Kopf. Dann hockte sie sich auf den Boden und bedeckte ihre Augen mit den Händen und schluchzte.
Dakeria sah sie verständnislos an: „Warum weinst du?“
Liv schüttelte erneut den Kopf: „We-wenn ich dir h-helfe, töten sie meine Schwester!“
Dakeria schwieg. Ja, das war eine Möglichkeit. Aber es war auch nicht sicher, ob ihre Schwester überhaupt noch am Leben war.
Sie sah Liv scharf an: „Ich werde deine Schwester finden. Und dann verlasst ihr diesen Ort. Verstanden?“
Zu ihrer Überraschung war da zum ersten Mal ein Funken Hoffnung in Livs Augen: „Versprecht ihr es?“
Dakeria nickte nur. Ihr Blick fiel wieder auf die Säcke mit Vorräten… „Liv? Wenn du die ganze Zeit hier versteckt warst, warum hast du dann nichts davon gegessen?“
Das Kind sah verständnislos drein: „Das kann man essen?“
Dakeria sah sie prüfend an: „Ja. Kennst du keine Kartoffeln?“
„Kartoffeln sehen anders aus.“, widersprach sie, „dunkler und nicht so gelb.“
„Das, was du beschreibst, sind Süßkartoffeln.“, entgegnete Dakeria.
„Die sind aber gar nicht so süß!“, sagte Liv, energisch den Kopf schüttelnd. Dakeria schwieg. Wenn das so weiter ging, würde sie nur wertvolle Zeit verlieren. Ihre Stimme wurde eine Spur kälter und das Kind zuckte zusammen: „Komm jetzt mit. Bleib in meiner Nähe und keine verdächtigen Bewegungen – verstanden?“
Liv nickte nervös. Dann kletterten sie die alte Treppe hinauf und traten erneut ins Freie. Dakeria sondierte die Umgebung. Keinerlei Lebensenergie. Gut. Sie wandte sich wieder an Liv: „Was weißt du über den Kriegsverlauf?“
„Ich…äh….-was?“, stammelte diese. Sie schien die Frage gar nicht zu verstehen. Dakeria versuchte, die Frage präziser zu stellen: „Der Kriegsverlauf. Was ist passiert? Wer gehört zum Lager deiner Schwester? Wie viele Kämpfer habt ihr? Und wer führt sie an?“
Liv schien immer noch überfordert. Dakeria atmete tief durch und dachte nach. Sie musste die Frage einfacher formulieren: „…woran kannst du dich noch erinnern?“, fragte sie schließlich.
„…viele Leute. Es… es waren viele Leute. Manche haben komisch gesprochen…“, sagte Liv.
So weit, so gut. Dakeria dachte nach: „Welche Waffen hast du gesehen?“
Liv schien einen Moment zu überlegen: „…komische Säbel. Hämmer. Speere. Und ein Haus das Steine werfen konnte, aber das haben die mit den weißen Flügeln kaputt gemacht.“
„Ich verstehe. Eine letzte Frage noch, Liv. Warum kämpft deine Schwester für sie?“
Liv scharrte mit den Füßen und Dakeria wartete geduldig auf ihre Antwort.
„…Geld. Laneesha braucht Geld. Unsere Familie ist - …sie… sind nicht mehr da. Laneesha kümmert sich um mich. Darum musste ich mitkommen.“, erklärte das Mädchen.
Dakeria nickte nur. Eine Söldnerin also. Wie erwartet.
Plötzlich bemerkte sie eine Bewegung am Rande der Siedlung. „Duck dich!“, befahl sie Liv.
Doch das Kind erstarrte nur: „W-was ist denn?“
Dakeria antwortete nicht. Sie lauschte. Schritte die im Schnee knirschten. Eine Person. Langsam. Unregelmäßig. Womöglich verwundet. Es klang, als würde ein Bein nachgezogen.
Sie drückte Liv nach unten und sah die Umrisse einer Person zwischen den Schneeschleiern. Sie verwandelte ihr Licht wieder in die grüne Klinge. Eine Vorsichtsmaßnahme. Doch Liv riss die Augen auf: „Nein! Das ist Laneesha!“
Dakeria ließ den Blick auf der Gestalt ruhen, die sich langsam weiter durch den Schnee quälte. Auf diese Entfernung hätte sie niemand erkennen können. Liv musste außergewöhnlich gute Augen haben. Diese stürzte bereits nach vorn, ehe Dakeria sie aufhalten konnte.
Eine heisere Stimme drang durch die Stille: „…Liv?“
Kaum eine Sekunde später hing das Kind in ihren Armen und Dakeria schloss vorsichtig zu den Beiden auf. Laneesha sah aus wie eine ältere Version von Liv. Sie hatte dieselbe dunkle Haut und dasselbe hellblaue Haar. Nur dass es bei Laneesha lang war und in kunstvollen goldverzierten Knoten über ihre rechte Schulter fiel. Ihre bernsteinfarbenen Augen ruhten auf Dakeria und ihre Hand lag auf dem Köcher, in dem nur noch vier Pfeile steckten: „Ihr habt sie gefunden?“
„Sie hatte sich im Keller versteckt.“, erwiderte Dakeria emotionslos. Offenbar genügte das als Antwort, denn Laneesha sah wieder zu ihrer Schwester und ging sicher, dass ihr nichts fehlte. Dakeria beobachtete sie währenddessen. Ihr Bein war schwer verletzt und eine lange Blutspur führte genau zu ihnen.
„Dein Bein muss versorgt werden.“, sagte Dakeria knapp, „Es führt sie zu uns.“
Dann verhärtete sich ihr Blick. Sie hörte etwas. Schwere Schritte im Schnee. Metall. Sie wandte sich wieder zu den Schwestern um: „Wir sind nicht allein.“
Laneesha ließ Liv los und zog einen ihrer Pfeile. Sie wollte ihn gerade in die Sehne legen, als Dakeria ihr Einhalt gebot: „Warte. Lass sie näherkommen.“
„Warum?“, fragte Laneesha. Ihre Stimme klang bereits schwach. Sie würde nicht mehr lange durchhalten.
„Wenn du jetzt schießt, schneiden sie uns den Fluchtweg ab. Wenn wir eingekesselt sind, kann ich deine Schwester nicht kampflos hier rausbringen.“, sagte Dakeria. Ihre Augen waren vollkommen auf die Soldaten fixiert. Dann verwandelte sie sich – große schwarze Schwingen brachen aus ihrem Rücken hervor. Gut erkennbar für den Feind.
„Eine Val’kyre!“, rief jemand. Genau das, was Dakeria wollte.
„Liv, Laneesha – versteckt euch.“, ordnete sie an. Und Laneesha verstand, was sie da tat. Sie verschaffte ihnen noch ein bisschen Zeit.
Der Hauptmann brüllte gegen den Wind: „Lasst die Val’kyre nicht entkommen! Vergesst die anderen!“
Dakeria wartete, bis die Soldaten auf sie zustürmten. Dann erhob sie sich in die Luft – gerade hoch genug, damit sie ihr folgen mussten. Sie führte sie nach Osten. Weg von Laneesha und Liv.
Es funktionierte. Sie manövrierte sie durch eine Felsspalte. Dann wendete sie scharf und ließ diese hinter den Soldaten einstürzen. Sie waren von Liv und Laneesha abgeschnitten. Doch das stachelte ihren Zorn nur noch mehr an.
Dakeria lächelte. Dieses Lächeln hatte sie schon oft gezeigt. Es provozierte. Manche hielten es für Grausamkeit. Andere für Überheblichkeit. Doch tatsächlich diente es nur einem Zweck: Den Gegner im Glauben zu lassen, sie hätte die Kontrolle. Und genau das brachte sie dazu, unüberlegt zu handeln.
Sie flog wieder weiter, die andere Seite der Felsspalte passierend. Doch sie merkte, dass der Trupp sich zog.
Offensichtlich waren sie erschöpft. Zumindest ein paar davon. Ein Mann kam nicht mehr hinterher.
Dakeria wendete abermals scharf und stürzte mit einem einzigen Hieb hinab. Sie spaltete seinen Helm. Gerade genug, um ihn außer Gefecht zu setzen, ohne seinem Schädel etwas anzutun.
Es genügte, um die Soldaten wieder auf Trab zu halten. Sie flog durch eine weitere kleine Siedlung. Die Häuser waren verlassen, aber noch intakt. Die Dächer waren von einer dicken Schneedecke begraben.
Ein paar Soldaten wollten hinaufklettern: „Über die Dächer! Wir schneiden ihr den Weg ab!“
Doch ihr Kommandant hielt sie zurück: „Nein! Zusammenbleiben!“
Allerdings schien er seine Einheit nicht besonders gut unter Kontrolle zu haben, denn ein paar Soldaten lösten sich aus der Formation und ignorierten seinen Befehl. Sie rannten über die Dächer – welche prompt unter dem Gewicht ihrer schweren Rüstungen nachgaben. Sie stürzten ein. „Lasst sie liegen! Der Val’kyre nach!“, schrie der Kommandant.
Dakeria überlegte im Flug über die Ausgangssituation des Kommandanten. Hätte er die Soldaten geborgen, hätte er Soldaten dafür abstellen müssen. Tut er es nicht, würde das bedeuten, dass er zwei verwundete Soldaten unter Trümmern begraben im Schnee liegen ließ. Sie würden qualvoll sterben. Keine gute Ausgangslage, was man auch tut. Interessant. Sie sollte sich das für ihre späteren Strategien merken.
Ein Blick nach hinten bestätigte ihr, dass die Soldaten ihr immer noch hinterherjagten. Sie flog nun über eine glatte Ebene.
Ein Pfeil zischte an ihrem Ohr vorbei. Genau auf so etwas hatte sie gewartet. Sie ließ die Flügel einknicken und verdrehte den Körper leicht – so, als würde sie unkontrolliert abstürzen. Direkt auf einen kleinen Felsvorsprung.
Die Soldaten stürmten siegessicher hinterher. Sie waren schon halb bei ihr, als der Boden unter dem Gewicht ihrer Stiefel nachgab. Oder besser gesagt das Eis. Sie standen auf einem zugefrorenen See. Dakeria war früher öfters hier gewesen, bevor man sie zur Val’kyre ernannt hatte. Er war tief, fror aber nie komplett zu. Die Eisschicht war dick genug, um ein paar normale Menschen zu tragen – doch keine Armee in schwerer Rüstung.
Dakeria sah schweigend zu, wie die Risse unter den Soldaten größer wurden. Wie sie schließlich einsanken und erkannten, dass sie sie in eine Falle gelockt hatte. Die ersten versuchten noch, sich gegenseitig aus dem Wasser zu ziehen. Einer schien bereits aufgrund des Temperaturunterschieds das Bewusstsein verloren zu haben. Die schweren Rüstungen zogen sie immer weiter nach unten. Sie sogen sich mit Wasser voll. Panik brach aus. Ein paar warfen ihre Waffen fort und versuchten verzweifelt das Metall, das sie schützen sollte, loszuwerden. Wieder andere schlugen verzweifelt auf das Eis ein.
Dakeria beobachtete das Schauspiel. Sie konnte den Augenblick beinahe greifen. Der Moment, in dem der Überlebenswille dem Tod wich. Schon damals bei Vrelen hatte sie sich gefragt, was wohl in den letzten Augenblicken eines Lebens geschah. Angst. Das hatte sie bei ihm gesehen. Panik – das erkannte sie nun bei den Soldaten. Doch was war mit Razuel? Er war beinahe friedlich gestorben, obwohl er starke Schmerzen haben musste. Sie wusste selbst, wie es sich anfühlte, wenn man das Messer dreht, das im eigenen Fleisch steckt. Warum hatte er im Tod so friedlich ausgesehen?
Sie fand keine Antwort. Aber das war für den Moment nicht wichtig. Sie sollte zu Liv und Laneesha zurückkehren. Ein letztes Mal noch vergewisserte sie sich, dass ihr niemand folgen konnte. Dann brach sie auf.