Die schwarze Val'kyre

Zu viele Münzen? Ab in die Spielhalle!
Das ACG Casino hat geöffnet.

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  • Vorwort: (könnt ihr skippen. Ich finds nur richtig ein bisschen was zu meinem braindump zu sagen)

    Also.... Zunächst einmal: keine Ahnung was das hier ist. Ne Fanfiction? Ne Lightnovel? Keine Ahnung. Spielt irgendwie im League of Legends Universum.

    Also... diese Geschichte ist ALT.

    Und zwar *richtig* alt.

    Ich werde gar nicht erst so tun, als wäre es anders - ich finde diese Geschichte peinlich. Extrem peinlich. Aber ich glaube, genau das passiert, wenn man Jahre später seine alten Fanfics ausgräbt. Das ist quasi eine universelle Erfahrung.

    Ach ja: Triggerwarnung: Gewalt. Mehr kann ich im Moment leider noch nicht sagen. Das ganze Ding ist sowieso noch in Arbeit. Kann sein dass ich die Triggerwarnung später anpassen muss.

    Wie auch immer...

    Viel Spaß beim Lesen.

    Viel Spaß beim Fremdschämen.

    Und falls ihr es tatsächlich bis zum Ende schafft...

    Herzlichen Glückwunsch. Ihr seid stärker als ich, wenn ich meine eigenen Dialoge noch einmal lese. ❤️

    Hab euch lieb! ❤️

  • Teil I : Was von uns bleibt

    Kapitel 1 – Die neue Assistentin

    Dakeria versuchte, ihre neue Umgebung einzuordnen, doch der dichte weiße Nebel schien das gesamte Boot zu verhüllen.

    Seit fast einer Stunde stand sie an Deck und versuchte irgendwas zu erkennen. Doch es schien vollkommen unmöglich. Nichts als endloses Weiß…

    Sie beobachtete die Nebelwand, die selbst die Sonne verschluckte. Sie hatte versucht, die Geschwindigkeit des Schiffes abzuschätzen. Die Veränderungen der Strömung. Den Wind. Doch es hatte keinen Sinn. Dieser Nebel war unnatürlich. Zu eben. Zu gleichmäßig.

    Sie konnte nicht einschätzen, wie lange die Fahrt noch dauern könnte. Und das machte sie wahnsinnig.

    Sie seufzte leise. Dann bemerkte sie ein verdruckstes Lachen neben sich und wandte sich um.

    Razuel tat sofort so, als hätte er sie die ganze Zeit über vollkommen ernst beobachtet. Lediglich die Tatsache, dass die Lachfalte hinter seinem grau melierten Bart noch nicht ganz verschwunden war, bezeugte ihr das Gegenteil.

    Sie betrachtete ihn eine Weile. Er war offenbar sehr amüsiert.

    „Meister?“, fragte sie.

    Er schien ihren Blick bemerkt zu haben und schmunzelte wieder: „Deine Vorsicht in Ehren. Doch im weißen Nebel der gesegneten Inseln wirst du nichts erkennen können, fürchte ich.

    Dakeria sah ihn an: „Die gesegneten Inseln? Also sind wir fast da?“

    Der alte Meister wies zum Schiffsbug: „Sieh selbst.“

    Der Nebel begann sich vor ihnen zu öffnen, wie ein weißer Vorhang und gab endlich den Blick auf die Inseln frei. Dakeria hatte schon viele Geschichten über diesen geheimnisumwobenen Ort gehört, doch keine wurde der gleißenden Herrlichkeit, wenn die Sonne auf die goldverzierten weißen Türme der arkanen Hallen fiel, gerecht.

    Dakerias emotionslose Miene wich etwas, das man bei ihr nur zu selten sah – Staunen.

    „Beeindruckend, nicht wahr?“, hörte sie Razuel sagen.

    Dakeria schienen die Worte zu fehlen. Vor ihnen erstreckte sich ein beeindruckender Hafen, gänzlich aus weißem Stein, der sich ringförmig um die Boote wand. Die eigentliche Stadt lag dahinter. Gebäude mit seltsamen geradlinigen Formen, von Gold verziert und mit sorgfältig angelegten Gärten.

    Ihre Augen huschten über das Gelände.

    Der Hafen war relativ groß für einen Ort, der normalerweise nicht gefunden werden sollte. Sie sah verschiedene Handelsschiffe, aber auch einige die andere Gelehrte befördern sollten. Keine erkennbaren Sicherheitsmaßnahmen. Keine Patrouille. Wenige Krieger in Rüstungen, die so kunstvoll gestaltet waren, dass sie sich unmöglich zum Kampf eignen konnten. Sie mussten andere Verteidigungsmöglichkeiten haben.

    Das Schiff stieß sanft im Hafen an und Dakeria folgte ihrem Meister über eine kleine Holzplanke von Bord. Niemand entdeckte sie sofort. Vielleicht war es von Vorteil, dass Razuel selbst einst ein Gelehrter der arkanen Geheimnisse Helias gewesen war.

    Sie blickte zu ihm und war wenig überrascht über den leichten Ausdruck der Freude in seinen falkengelben Augen, als er seine alte Heimatstadt wieder erblickte.

    Doch nun schien er diesen Moment der Sentimentalität beiseitezuschieben. Sein scharfer Blick fiel wieder auf seine Schülerin: „Dakeria. Warte hier.“

    „Verstanden.“, sagte sie nur und sah zu wie ihr Meister in der Menschenmenge verschwand.

    Sie stellte die Anweisungen ihres Meisters schon längst nicht mehr infrage. Er würde ihr sagen, was er vorhatte – sofern er es für relevant hielt.

    Sie hielt sich absichtlich etwas abseits, auch wenn sie sich sicher war, dass bei all dem Gedränge niemand sonderlich viel Notiz von ihr nehmen würde.

    Es herrschte ein buntes Treiben am Hafen. Gelehrte und Magier unterhielten sich mit Händlern seltener Artefakte und ein paar winzige Yordle tappten eifrig umher, die dünnen, fellbehafteten Arme voller Folianten.

    Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.

    Nein… das schwarze Oratorium würde nicht einfach von irgendeinem Gelehrten herumgereicht werden, wie ein Sack Kartoffeln. Es war irgendwo hier… zumindest hatten ihre Informationen darauf hingedeutet.

    Dakeria sah sich weiter um.

    Sie erkannte ein paar Schlangenrufer vom Volk der Buhru. Sie verehrten die Schlangengöttin – Nagabouros. Außerdem waren da einige Vastaya – Vesani, um es genau zu nehmen. Interessant. Dakeria hatte noch nie einen von ihnen getroffen, obwohl sie mit dem Meister bereits mehrmals um ganz Runeterra gereist war.

    Sie unterdrückte den Wunsch zu ihnen zu gehen und ihnen Fragen zu stellen. Angeblich konnten sie mit ihrer Magie Erinnerungen kanalisieren und Dakeria hätte nur zu gern mehr darüber erfahren.

    Stattdessen fielen ihre Augen auf die Gebäude. Irgendwo hinter diesen Mauern musste es sein…

    „Hier.“, riss eine vertraute Stimme sie aus ihren Gedanken, „Nimm das.“

    Razuel war zurückgekehrt und warf ihr ein Bündel Stoff hin.

    Dakeria entfaltete es. Eine helle Kutte mit goldenen Ornamenten. Leichter Stoff. Keine Polsterung.

    Razuel sah die Zweifel in ihrem Gesicht: „Zieh dich schon um. Mit deiner normalen Kleidung sieht man aus hundert Metern Entfernung, dass du keine Arkanistin bist.“

    Dakeria seufzte. Ihr war ja durchaus bewusst gewesen, dass sie für diese Mission nicht einfach in ihrer normalen Kleidung auftauchen konnte… sie hatte schon genug Missionen in weitaus schlimmerer Gewandung gemeistert… aber ein Teil von ihr hatte gehofft, zumindest irgendwas tragen zu können, was in einem Kampf nicht derart hinderlich war.

    Doch sie sagte nichts dazu und begab sich zurück zum Schiff, um sich umzuziehen.

    …der Stoff war leicht. Zu leicht. Ihre herkömmliche Kleidung besaß ebenfalls einige Stoffbahnen, doch diese waren nicht so fließend. Sie fühlte sich fast nackt, obwohl sie mehr Kleidung trug als gewöhnlich. Keine Verstärkungen über Brust oder Arm. In einem Kampf würden die langen weiten Ärmel definitiv hinderlich werden. Das Mieder schränkte ihre Bewegung ein. Unpraktisch.

    Aber zumindest ließ sich unter dem Mantel problemlos ein Dolch verbergen. Sie befestigte ihn an einer Stelle, an der sie problemlos an ihn herankommen würde und blickte noch ein letztes Mal in den Spiegel.

    Die Frau, die zurückblickte war blass. Weißer als Schnee. Ihre Augen hatten die Farbe von Porofell. Nein. Heller noch. Die Lippen und die Augen dunkel geschminkt. Dakeria hatte nie einen Nutzen darin gesehen, aber sie hatte es sich bei den Saltatio Anima angewöhnt. Ihr langes schwarzes Haar war unter der Kapuze halb verdeckt und fiel in dicken Locken über die Schultern. So lang, dass es bis zu ihrem Gürtel reichte. Sie war einigermaßen zufrieden mit ihrer Verwandlung, als sie ein winziges Detail bemerkte. Ihr Halsband.

    Sie nahm es ab und blickte einen Moment darauf. Schlicht. Schwarz. Das Symbol der Saltatio Anima in silbernen Ornamenten über türkisgrünem Stein. Nur ein Relikt aus der Vergangenheit. Es würde bei ihrer Mission stören.

    Sie legte es zu ihrer Rüstung und trat nun nach draußen.

    Unter dem Gewand spürte sie den Wind sofort stärker.

    Razuel wartete bereits und musterte sie ungeduldig. Seine Augen nahmen jeden Zentimeter wahr. Jedem anderen wäre es überaus unangenehm gewesen, so angestarrt zu werden. Doch Dakeria war es gewohnt. Sie war vieles gewohnt.

    Schließlich nickte er: „Perfekt.“

    In genau dem Moment bahnte sich ein Mann den Weg durch die Menschen. Er war hochgewachsen und schien aufgrund der grauen Stellen in seinem Bart und den Falten zufolge, ungefähr so alt zu sein, wie der Meister selbst.

    „R-Razuel!? Was – macht zum Teufel machst du hier?!?“

    Seine Stimme klang zugleich erfreut, als auch besorgt. Der misstrauische Unterton entging Dakeria nicht.

    „Ah, Nwago, mein alter Freund.“, sagte Razuel lächelnd. Nwago schien das anders zu sehen, obwohl er die Umarmung des Meisters mit einem gequälten Blick über sich ergehen ließ.

    „Was… was machst du hier? Du wurdest doch von der Akademie verbannt…!“

    Schlagartig änderte sich Razuels Blick. Seine gelben Augen starrten ihn an. Kühl. Scharf. Und so unheimlich, dass Nwago zusammenzuckte. Doch nur für einen Augenblick. Dann lächelte Razuel, wie zuvor. Hatte er sich das gerade eingebildet?

    Razuel winkte Dakeria herbei: „Darf ich dir meine Schülerin vorstellen? Das ist Dakeria.“

    Sie trat lautlos näher und verneigte sich respektvoll. Gleichzeitig blieben ihre Augen an Nwago haften. Er verbarg seine Nervosität nicht gerade. Im Gegenteil. Machte ihm ihr Meister solche Angst, nur durch seine Anwesenheit?

    „Ich habe sie hergebracht, weil sie etwas über die-!“, fuhr Razuel fort, doch in diesem Moment schien Nwago seine Stimme wiedergefunden zu haben: „Nein.“

    Razuel lächelte wieder und fuhr fort, als wäre nichts gewesen: „Sie möchte ihre Kenntnisse der arkanen Künste vertiefen.“

    Nwago wurde immer blasser.

    „Nein… ich… Razuel, hör mir zu. Du weißt genauso gut wie ich, dass die Sicherheitsmaßnahmen seit… seit damals verschärft wurden. Ich kann nicht einfach einer Außenstehenden Zugang gewähren!“

    Dakerias Blick fiel wieder auf ihren Meister. Seine Haltung war immer noch entspannt. Sein Lächeln unverändert.

    Er strich sich nachdenklich über den Bart. „…Hm… ja, das ist wohl ein Problem…“, sagte er und legte den Kopf leicht schief, „…hilf mir auf die Sprünge, alter Freund… welche Strafe stand nochmal darauf?“

    Nwago erstarrte. Die Farbe entwich nun vollständig aus seinem Gesicht. Razuels Lächeln hingegen blieb dasselbe. Doch er hatte nun dieses seltsame Funkeln in den Augen, das Dakeria schon oft an ihm gesehen hatte, wenn er jemanden in die Ecke trieb.

    „…Verbannung?“

    Nwago gab einen erstickten Laut von sich, als Razuel sich zu ihm neigte.

    „Vergiss nicht, wieso du hier bist, Hauptwächter…“

    Dakaria beobachtete Nwagos Reaktion. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet und seine Hände zitterten fast unmerklich. Dabei hatte Razuel lediglich eine Information erwähnt. Interessant.

    Sie zählte die Sekunden.

    Vier. Es waren lediglich vier Sekunden, bis Nwago aufgab. Dakeria hatte wenigstens mit sechs gerechnet. Waren Menschen wirklich so leicht zu manipulieren?

    „Nun gut…“, sagte Nwago und rieb sich die Schläfen. Er wusste nicht einmal ansatzweise, was Razuel vorhatte… aber vielleicht war das auch besser so. Sein Blick fiel wieder auf Dakeria: „…ich suche ohnehin nach einer Assistenzkraft für unseren neuen Archivar. Aber ich weiß nicht, ob-.“

    Razuel ließ ihn nicht ausreden und klopfte ihm beherzt auf die Schulter: „Besten Dank, mein Freund.“

    Nwago sah aus, als würde er die Entscheidung jetzt schon bereuen. Razuel ignorierte ihn jedoch und wandte sich nun an seine Schülerin: „Dakeria, geh zu ihm.“

    Sie nickte und tat wie geheißen. Ihre Schritte waren lautlos. Ihre Haltung gerade. Und ihr Blick… emotionslos. Sie war nicht weniger unheimlich als ihr Meister.

    Nwago wandte den Blick ab und sah noch einmal zu Razuel: „Und was hast du nun vor? Die arkanen Hallen sind für dich Tabu! Eigentlich solltest du nicht einmal hier sein!“

    Den Meister jedoch schien das nicht zu stören, denn er sah unbekümmert in Richtung Gasthaus: „Ich erquicke mich an einer Auswahl erlesener Getränke und angesehener Damen.“, er grinste nun, „…oder um es für dich verständlich auszudrücken… Lust und Völlerei, mein Freund.“

    Mit diesen Worten verschwand er in der Menge und ließ Nwago mit Dakeria allein zurück. Dieser schüttelte den Kopf. Was hatte dieser alte Sack nur vor?

    Eine ruhige, melodische Stimme riss ihn aus seinen Gedanken: „Hauptwächter Nwago?“

    Für einen Moment konnte Nwago die Stimme nicht zuordnen. Dann fiel ihm auf, dass sie wohl zu Dakeria gehören musste, welche ihn bereits geduldig anblickte.

    „Entschuldige, ich war wohl in Gedanken.“, erwiderte Nwago und musterte die junge Frau. Ihr Blick ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren – obwohl sie ihn lediglich fragend ansah. Doch ihre Augen… wirkten, als wäre sämtliches Licht darin schon vor langer Zeit erloschen. Wie eine Puppe. Er wollte sich nicht ausmalen, was das arme Ding unter Razuels Lehre durchgemacht haben musste. Razuels Methoden waren schon damals überaus fragwürdig.

    „Folge mir, bitte.“, sagte er schließlich und bahnte sich einen Weg durch die Menschen. Immer wieder blickte er zurück, um zu schauen, ob das Mädchen auch hinterherkam – doch meistens stand sie bereits direkt hinter ihm. Also beschloss er nur noch nach vorn zu sehen, damit ihn ihre toten Augen nicht mehr anstarrten.

    Der Weg führte sie am Marktplatz vorbei, hinauf über die breite Hauptstraße. Zum Glück waren die meisten Gelehrten von den ionianischen Vesani-Abgesandten abgelenkt, sodass sie ohne Probleme zum Akademiegelände gelangen konnten. Die Wachen, die das goldene Tor zur Eingangshalle bewachten, nahmen kaum Notiz von Nwagos Anhängsel und irgendwie war er sehr erleichtert darüber. Razuel hatte sie gut getarnt. Auch wenn Nwago besser nicht nachfragte, woher er diese Kleidung herhatte. Je weniger er wusste, desto besser.

    Sie passierten das Tor und gelangten nun durch die fein säuberlich gepflegten Gärten der Akademie. Dakeria gefiel es hier nicht. Zu glatt. Zu eben. Zu viel offenes Gelände. Zu rein. Zu sauber. Alles in ihr sagte, dass sie hier nicht hingehörte. Doch sie war gut darin geworden, dieses Gefühl zu verdrängen.

    Vor einer gewaltigen Eingangstür machten sie Halt. Sie hatte drei Einkerbungen und keinerlei Türgriffe oder gar Schlüssellöcher. Dakerias Interesse war wieder geweckt. Bestand ihre Verteidigungsstrategie im Notfall darin, sich in diesem Gebäude zu verschanzen? Allerdings…

    Sie beendete den Gedanken nicht, da in Nwagos Hand nun drei arkane Kugeln aufgeflammt waren, die sich prompt in die Einkerbungen der Tür einfügten. Ein tiefes Grollen hallte durch den Innenhof und die Tür gab endlich den Blick ins Innere frei.

    Nwago bedeutete ihr, weiter zu folgen und Dakeria betrat ehrfürchtig die beeindruckendste Eingangshalle, die sie je gesehen hatte. Sie befand sich auf einer Brücke, die sich meterweit bis zu einer goldenen Tür in der Ferne erstreckte. Beim Blick über das Geländer sah sie ein Labyrinth aus turmhohen Bücherregalen, deren Ende sie nicht einmal erkennen konnte. Sie erstreckten sich über mehrere Stockwerke und waren mit Büchern, Schriftrollen und verschiedensten Reliquien gefüllt. „Dies.“, sagte Nwago nun und breitete die Arme aus, „Ist das arkane Archiv.“

    Dakerias Augen weiteten sich. Ihr Herz schlug schneller und sie spürte ein leichtes Kribbeln. Es war… aufregend.

    Nwago kannte diesen Blick. Er würde nie das Gefühl vergessen, als er zum ersten Mal die arkanen Hallen betreten hatte! …doch ein wenig bedauerte er sie auch. Niemand war gern einem Thresher… oder genauer gesagt, Grael unterstellt. Der Mann war allen unheimlich. Allerdings…, wenn sie Razuel als Lehrmeister gewohnt war, würde sie schon mit ihm klarkommen. Gewiss wird sie schon mit ihm fertig werden. Außerdem war dies ohnehin momentan das geringste Problem. Es würde weitaus schwieriger werden, die Sache zu vertuschen.

    Da sie keine Ortskundige war, würde es auffallen, wenn sie sich in der Hauptstadt verlaufen würde. Es war besser, wenn sie die Hallen vorerst nicht verließ. Das war sicherer und würde ihm unangenehme Fragen ersparen. Er würde sich später nach einem Schlafplatz für sie erkundigen.

    „Hauptwächter Nwago?“, wieder war es Dakerias Stimme, die ihn aus seinen Gedanken riss, „Ist alles in Ordnung? Ihr zittert.“

    Er starrte einen Moment in ihre toten Augen, bis er realisierte, dass sie Recht hatte. Er hatte sogar den Schlüssel für die Tür vor ihnen fallen gelassen. Dakeria hob ihn auf und reichte ihn Nwago. Ihre Augen schienen sein Verhalten stetig zu analysieren. Ganz genau wie Razuel. Erschreckend genau wie Razuel. „Oh… nein, es geht mir gut… vielen Dank.“, stammelte er und nahm den Schlüssel mit einem beschämten Lächeln wieder an sich.

    Er atmete einmal tief durch. Dann schloss er die Tür vor ihnen auf, hinter der sich eine lange Wendeltreppe befand. Sie mussten bis ganz nach unten. Normalerweise sparte sich Nwago diesen Weg, da er ohnehin nicht viel mit den Threshern zu tun hatte. Doch da nun Razuels Schülerin hier war, würde er sie wohl öfters im Auge behalten, als ihm lieb war.

    Es ging endlos weit nach unten. Das Licht, das durch die Fenster drang verschwand, bis die Räume lediglich noch von der ein oder anderen Laterne erhellt waren.

    Als sie nach einer Ewigkeit unten angekommen waren, war Nwago sichtlich erschöpft. Im Gegensatz zu Dakeria. Sie ließ den Blick durch die Gänge schweifen, während Nwago nach Atem rang.

    Als er sich wieder gefasst hatte, bedeutete er Dakeria ihm erneut zu folgen. Dakeria bemerkte, dass seine Nervosität hier ihren Höhepunkt erreichte. Der Hauptwächter zuckte bei jedem Geräusch zusammen. Sie war sich nicht sicher, ob es an der Dunkelheit oder an der Totenstille lag, die diesen Teil der Archive umgab. Oder an ihr.

    Der Hauptwächter schien genau zu wissen, wo er lang musste, und Dakeria prägte sich die Wege des Labyrinths so gut es ging, ein. Es gab kaum markante Wegpunkte, was es etwas schwieriger machte. Doch Dakeria war gut darin geworden, minimale Abweichungen in Geländen festzustellen.

    Nun blieb Nwago stehen und sah sich aufmerksam um. Dakeria bemerkte bereits den Mann, der nur wenige Meter von ihnen entfernt stand. Dunkles Haar. Blass. Sein Gesichtsausdruck war kalt wie Stein. Kapuze. Er sah mit einem Blick zu ihr, den sie nur zu gut kannte: er analysierte sie. Interessant.

    „Ah.“, machte Nwago, als er ihn endlich entdeckte, und winkte ihn heran, „Dakeria, das ist Grael, Wächter der Schwellen.“

    Grael beobachtete die Fremde. Sie verneigte sich respektvoll vor ihm und während dieser Bewegung fiel ihm der Dolch auf, den sie versteckt hielt. Sie ließ sich nichts anmerken, auch wenn ihr sein Blick definitiv nicht entgangen war. Zudem hatte er diese blasse Gestalt noch nie auf dem Akademiegelände gesehen.

    „Grael, das hier ist Dakeria. Eine Arkanistin aus Übersee. Sie wird für die nächsten Monate deine Assistentin sein.“, durchbrach Nwagos Stimme die Stille.

    Grael schien davon nicht sonderlich begeistert: „Bei allem Respekt, Hauptwächter… wir dürfen Außenstehenden nicht den Zugang zu diesem Teil des Archivs gewähren.“, sein Blick wurde kälter und die Art wie er das Wort ‚Außenstehende‘ sagte, ließ Dakeria wissen, dass er ihr Geheimnis bereits durchschaut hatte, „besonders nach den… Vorkommnissen der letzten Tage.“

    „Das lass meine Sorge sein.“, antwortete Nwago mit gespielter Zuversicht. Er zwang sich zu einem Lächeln, „Ich bin sicher, dass Dakeria dir eine große Hilfe sein wird!“ Er sagte dies in einer schwungvollen Art, aber als Graels Blick ihn traf, war es ihm, als sei es plötzlich zwanzig Grad kälter im Raum geworden.

    „Ich brauche keine… Assistentin.“, erwiderte dieser nur. Trotz der Ruhe in seiner Stimme war die Atmosphäre um ihn herum unverkennbar angespannt.

    Nwago richtete sich auf und tat sein Bestes, autoritär zu klingen: „Dies ist eine Anweisung, keine Bitte. Dakeria, geh zu ihm. Ich komme später noch einmal wieder, nachdem ich die restlichen Formalitäten geklärt habe.“

    Dakeria selbst schien sein Verhalten nichts auszumachen. Ein bewundernswertes Mädchen… allerdings war sie Razuels Schülerin. Wenn sie Razuel ertrug, konnte sie Grael erst recht ertragen. Nwago war überrascht, denn er meinte sogar einen Ausdruck von Neugier in ihrem Gesicht erkennen zu können, als sie an Graels Seite trat. Dieser jedoch blickte sie nur schweigend an.

    Nwago fiel ein Stein vom Herzen, als er sich schließlich von den Beiden entfernte.

    2 Mal editiert, zuletzt von WobblyWhisker (7. September 2026 um 13:55) aus folgendem Grund: Hab's überarbeitet. Liest sich hoffentlich besser.

  • Kapitel 2 – Der Wächter

    Erlok Grael betrachtete sie. Ihm war sofort klar, dass diese Frau keine Arkanistin im eigentlichen Sinne war. Die Waffen, die sie versteckte. Die Art wie sie sich bewegte. Die Art, wie sie ihn ansah. Sie schien jede Bewegung, jeden einzelnen Atemzug zu beobachten.

    „Ich bitte um Verzeihung, Wächter Grael. Offensichtlich wurdet ihr nicht von meiner Ankunft informiert.“

    Selbst die Art wie sie sprach… diszipliniert. Kühl. Wie eine Puppe… oder eine Soldatin. Lediglich ihre Kleidung war hier hergestellt worden. Und er wusste auch, wem sie einst gehört hatte…

    „Ich hoffe, dass ich eure Erwartungen erfüllen kann.“, sagte Dakeria ruhig. Ihre Stimme verriet absolut nichts über ihren Gemütszustand. Ebenso wenig wie ihr Blick, mit dem sie ihn immer noch musterte.

    Woher kam sie? Und warum war sie hier?

    Er würde es herausfinden. Definitiv. Und er würde herausfinden, was sie im Schilde führte.

    „Wir werden sehen.“, sagte er knapp, „Folge mir.“

    Dann ging er los, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Wenn sie nicht hinterherkam, war das nicht sein Problem.

    Schnellen Schrittes lief er durch das immer größer werdende Labyrinth aus hoch aufragenden Regalen. Das einzige Licht kam von seiner Laterne, die er in der Hand hielt. Würde Dakeria ihn in der Dunkelheit verlieren, war sie verloren.

    Ohne sich nach ihr umzusehen, erklärte er schließlich: „Als Wächter ist es unsere Aufgabe, die hier gelagerten Artefakte zu bewachen und zu schützen.“

    Seine Schritte hallten leise auf dem polierten Steinboden wieder und die Laterne warf lange Schatten an die Wände.

    „Wir müssen in der Lage sein, jedes einzelne Objekt zu finden und zu beschreiben, welches sich in unserer Obhut befindet. Und ich kann derzeit nicht guten Gewissens behaupten, dass dies momentan gegeben ist.“, fuhr er fort. Schließlich blieb er vor einem kleinen Tisch mit verschiedenen Gegenständen stehen. Als er sich endlich umdrehte, war er überrascht, dass Dakeria direkt hinter ihm stand. So, als wäre sie schon die ganze Zeit über da gewesen. Er hatte nicht einen ihrer Schritte gehört. Sie war lautlos, wie eine Katze.

    „Wie darf ich das verstehen, Wächter?“, fragte sie.

    Für einen Moment hielt er inne. Ihre blassen Augen taxierten ihn immer noch. Sie schien zudem kein bisschen außer Atem zu sein. Er ließ sich nichts anmerken.

    „Offenbar sind einige Wächter nicht in der Lage, die ihnen anvertrauten Objekte ordnungsgemäß zu verwahren.“, sagte er schließlich. Er wandte sich ab und nahm einen der Gegenstände vom Tisch. Es war ein goldener Schlüssel mit einem großen roten Edelstein, der in den Griff eingelassen war.

    „Dies ist der Schlüssel des Herzens. Er muss alle neununddreißig Stunden in dem dazugehörigen Schloss gedreht werden. Außerhalb dieser Zeitspanne kann er jedoch für jede beliebige Art von Schloss verwendet werden.“

    Dakeria blickte ihn aufmerksam an. Wie lästig. Sie war eine gute Schauspielerin, keine Frage… doch er bemerkte auch etwas anderes in ihrem Blick. Neugier. Unverfälschte Neugier.

    „Wenn Ihr mir die Frage gestattet… wurde schon einmal beobachtet, was geschieht, wenn man es nicht tut?“

    Grael legte den Schlüssel zurück und wandte sich nun an Dakeria. Er beobachtete ihre Reaktion ganz genau, als er erklärte: „In der Tat. Leider haben gewisse Wächter die Angewohnheit, den Schlüssel zu nehmen, um sich durch die Gänge der Archive zu bewegen. Wächter Alms hat es versäumt, den Schlüssel rechtzeitig zurückzubringen. Daher wurde der Schlüssel seinem Namen gerecht und schloss Alms Herz auf.“

    Dakeria versuchte es zu verbergen. Doch sie konnte Grael nicht täuschen. Er war mittlerweile gut darin, Menschen zu lesen. Wie sich ihre Gesichter in Bruchteilen einer Sekunde minimal veränderten. Wenn sie Verachtung, Angst oder Trauer zu unterdrücken versuchten. Besonders ersteres erkannte er oft, wenn er mit seinen Wächterkollegen sprach. Doch Dakeria zeigte nichts davon. Im Gegenteil… sie war … aufgeregt.

    „Was ist genau geschehen?“, fragte sie. Lediglich ihre Stimme blieb normal. Vielleicht ein einziger Laut etwas höher als sonst.

    „Nun… was er aufgeschlossen hat, werden wir nie erfahren, denn Alms überlebte diese Erfahrung nicht.“, sagte er nur.

    „Verzeiht die Frage.“, Dakeria neigte den Kopf, „Das war… unangemessen.“

    Unangemessen… natürlich.

    Grael bemühte sich, nicht die Augen zu verdrehen. Wie lange würde sie dieses Schauspiel wohl noch durchziehen wollen?

    „Wie auch immer.“, sagte er und griff nun nach den sich stapelnden Notizen auf dem Tisch. Jede einzelne war detailliert in einer sauberen Handschrift versehen. „Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, jedes einzelne Objekt, das sich derzeit in Verwahrung eines Wächters befindet, aufzulisten. Du wirst diese Objekte finden und zu mir zurückbringen.“

    Dakeria las sich die Notizen durch. Jedes Objekt besaß eine detaillierte Beschreibung, was es war und welche Gefahren davon ausgingen. Zudem stand direkt daneben jeweils der Name des Wächters und in welchen Gängen zu welchen Zeiten dieser anzutreffen war. Wahrlich perfekt. Dies umzusetzen, sollte kein Problem sein.

    Dakeria sah von den Notizen auf: „Ich habe verstanden.“

    Tagebucheintrag 1 – „Meine neue Assistentin“

    „Es ist beschämend, dass Hauptwächter Nwago denkt, er könne mit diesem offensichtlichen Verstoß gegen die Akademieregeln durchkommen! Glaubt er womöglich, dass diese Frau mich ersetzen könnte?! Ich werde beweisen, dass weder sie noch sonst jemand meinen Platz einnehmen wird! Ich bin ohnehin zu Größerem bestimmt. Diese Arbeit kann sie gern erledigen, wenn ich meinen rechtmäßigen Platz im inneren Kreis erhalte. Diese… Dakeria scheint nicht einmal eine Gelehrte zu sein. Dennoch muss ich einräumen, dass sie sich zumindest außerordentlich fähig erweist, einfachste Anweisungen zu befolgen – anders als einige meiner Wächterkollegen. Sie arbeitet schnell… effizient. Und, was vielleicht am Wichtigsten ist… sie stellt keine dummen Fragen. Trotzdem werde ich sie im Auge behalten. Bis dahin gibt mir ihre Anwesenheit Zeit, mich um ein paar meiner eigenen Projekte zu kümmern…“

    Einige Tage später…

    „Sucht ihr etwas, Hauptwächter Nwago?“

    Nwago zuckte zusammen. An ihre Stimme würde er sich besonders hier, an diesem dunklen Ort, wohl nie gewöhnen können. Dennoch schenkte er ihr ein warmes Lächeln: „Hallo Dakeria. Nun? Wie schmeckt die Arbeit?“

    Er wusste, dass Grael ihr wahrscheinlich keine Pause bei der Arbeit gönnte und war immer noch überrascht, dass das Mädchen keinerlei Anzeichen von Erschöpfung zeigte. Sie hatte einen Arm voll Folianten bei sich, die sie eilig, aber sorgfältig in das nahestehende Regal einsortierte: „Ich übe und lerne sehr eifrig, um Wächter Graels Erwartungen zu erfüllen.“

    Sie sagte das mit einer Selbstverständlichkeit in der Stimme, die ihn unangenehm an Razuel erinnerte. Dieser hatte früher ebenfalls hohe Erwartungen an seine Untergebenen. Teilweise stellte er sie vor grausame Entscheidungen. Reihenweise Gelehrte legten Beschwerden gegen ihn ein. Wenn er Dakeria als Schülerin akzeptiert hatte… Nwago mochte sich gar nicht vorstellen, was Razuel ihr angetan haben musste…

    Diese sah ihn an, als ob sie wartete, ob er noch etwas sagen wollte.

    Nwago lächelte milde: „Ja… Grael kann ziemlich streng sein.“

    Sie zog eine Augenbraue hoch. Smalltalk war offenbar nicht gerade in ihrem Interesse. Sie sortierte noch ein paar falsch zugeordnete Bücher aus: „Er ist pflichtbewusst bei der Sache und mir scheint, er kennt das Archiv besser als Ihr.“

    Empörung machte sich in Nwagos Gesicht breit. Diese Unverfrorenheit hatte sie definitiv auch von Razuel! Doch sein Ausdruck verwandelte sich rasch in Scham, als Dakeria auf das Buch in seinen Händen deutete: „Ihr seid hier, um die Quadratur des Kreises zurückzugeben. Wenn ich mich recht entsinne, seid Ihr mit der Rückgabe bereits drei Tage in Verzug.“

    Nwago staunte nicht schlecht. Er kannte Graels Aufzeichnungen. Perfekt – aber viel zu detailliert. Dass diese junge Frau sich offenbar derlei Dinge merken konnte, war beachtlich. Leicht beschämt händigte er ihr nun den Folianten aus: „Mir scheint, Grael hat dich gut ausgebildet.“

    Der leicht genervte Unterton in seiner Stimme war Dakeria nicht entgangen: „Er ist ein guter Lehrmeister, auch wenn er hohe Erwartungen hat.“

    Sie blickte ihn nun direkt an: „Offen gestanden bin ich mehr als überrascht, dass ihr jemanden wie ihn in den Archiven verstauben lasst. Ich habe nur wenige Menschen getroffen, die in der Lage sind-“

    „-Wir haben unsere Gründe.“, fiel Nwago ihr ins Wort. Seine Stimme war ein wenig kälter als sonst. Es ging sie nichts an. Schließlich hatte Malgurza, die höchste Adeptin der gesegneten Inseln, selbst über ihn entschieden. Er war gefährlich. Doch das brauchte Nwago einer Schülerin von Razuel definitiv nicht zu sagen. Er wollte gar nicht wissen, zu was diese Frau fähig war.

    Doch dann bemerkte er diesen Blick. Vor seinem geistigen Auge machte ihr Gesicht dem Razuels Platz. Derselbe Blick, mit dem er jemanden in die Enge trieb. Dakerias leblose Augen machten es nur schlimmer. Nwago bemerkte, dass sich Schweißtropfen auf seiner Stirn bildeten. Seine Hände waren kalt und zitterten.

    Er hatte Angst. Sehr viel sogar.

    Doch Dakeria beließ es dabei und sortierte weiterhin Folianten ein. Ihre Stimme war vollkommen neutral, als sie sagte: „Er mag euch unheimlich sein, doch das ist kein Grund, ihm einen Karrieresprung zu verweigern. Ganz gleich, wer das entschieden hat.“

    Nwago starrte sie ungläubig an. Fast so, als hätte sie seine Gedanken gelesen! Oder… Nein. Natürlich…

    „Razuel hat dir beigebracht, Menschen zu lesen.“, sagte er. Seine Stimme klang erstickt. Was hatte der alte Sack ihr noch beigebracht?

    „Das ist korrekt.“, sagte sie nur, „Ich würde euch übrigens bitten von weiteren Fragen bezüglich meiner Ausbildung abzusehen. Meister Razuel wäre nicht sonderlich erfreut darüber.“

    Nwago schluckte. War das lediglich eine Feststellung, oder eine Drohung?

    Er atmete einmal tief durch und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er nur, wie sich Dakeria entfernte. Leiser als der kleinste Windhauch.

    Tagebuch von Hauptwächter Nwago – Eintrag 1:

    „Diese Dakeria ist definitiv Razuels Schülerin. Sie ist genauso verschlossen, wie er. (Wenn auch wesentlich disziplinierter. Wenn ich nur daran denke, was Razuel im Gasthaus treibt… ich habe bereits mehrere Beschwerden wegen unangemessener arkaner „Streiche“, sexueller Belästigung und nicht weniger Schlägereien bekommen – dabei ist er noch keine drei Tage hier! Zumindest diesbezüglich ist Dakeria wesentlich angenehmer. Sie ist angepasst. Verhält sich unauffällig. Trotzdem… ich muss herausfinden, was sie vorhat. Sie ist definitiv aus einem bestimmten Grund hier. Vielleicht kann Wächter Grael mir helfen, etwas herauszufinden. Auch wenn ich ihn ungern um einen Gefallen bitte… -Nein. Es ist besser, wenn er keinen weiteren Verdacht schöpft. Vielleicht kann ich jemand anderes um Rat bitten…“

    Tagebuch von Hauptwächter Nwago – Eintrag 2:

    „Ich habe Grael gebeten, mich zu informieren, sollte sich Dakeria in irgendeiner Weise seltsam verhalten. Ich hoffe, dass er selbst keinen Verdacht schöpft… Aber da er ihr direkter Vorgesetzter ist, macht es nur Sinn, wenn er ein Auge auf sie hat. Es gibt mir selbst mehr Zeit, um Razuel zu beschatten. Auch wenn ich mir sicher bin, dass er das bereits eingeplant hat.“

    Tagebuch von Hauptwächter Nwago – Eintrag 3:

    „Es ist frustrierend, dass ich immer noch nicht weiß, was Razuel vorhat! Er gibt sich vollkommen normal! Nun… nicht, dass er je normal gewesen wäre. Seine Schülerin hat jedenfalls einiges von ihm gelernt. Sie scheint keinerlei Angst vor den Archiven zu haben, vor der Dunkelheit oder vor den Artefakten. Sie erfüllt ihre Pflicht pünktlich und ohne auch nur einen einzigen Fehler zu begehen. Sie stellt nur Fragen, wenn es die Arbeit betrifft und wenn es relevant ist. Teilweise denkt sie sogar mehrere Schritte vorraus. Ich glaube, selbst Grael scheint gelinde beeindruckt zu sein. Nun ja… sagen wir, ich glaube es jedenfalls. Aus ihm wird man genauso wenig schlau, was mich ebenfalls beunruhigt. Diese Ungewissheit bringt mich noch um den Schlaf!“

    Es wurde bereits dunkel. Grael beobachtete Dakeria. Sie war außergewöhnlich gut, in dem was sie tat. Und leise noch dazu. Im Gegensatz zu manch anderem. Sein Blick wanderte zu Vrelen, einem weiteren niederen Wächter, der hier war, um einige Artefakte zurückzugeben. Viele andere Wächterinnen ließen sich von seinem Aussehen blenden. Dakeria begegnete ihm mit einer Gleichgültigkeit, die sie beinahe sympathisch machte. Beinahe.

    „Ihr solltet euch von dem Spiegel fernhalten.“, hörte er sie sagen und wandte sich um. Dakeria hatte mit Vrelen gesprochen. Dieser stand direkt vor dem Spiegel des Jenseits… und starrte direkt hinein. Dieser Idiot! Noch einen Unfall in seinem Bereich konnte sich Grael nicht leisten… er wollte bereits aufstehen, doch genau in diesem Augenblick verhängte Dakeria den Spiegel mit einem Tuch. Sehr gut.

    Vrelens Beine klappten weg. Er sah vollkommen überfordert aus. Eine Mischung aus Wahnsinn, Angst und noch etwas anderem in den Augen. Er schaute zu Dakeria, die ihn wieder ignorierte.

    „Du hast… mir das Leben gerettet.“, stammelte er. Grael sah belustigt zu, wie Dakeria ein genervtes Schnauben unterdrückte.

    „Das ist korrekt. Und es wäre nicht erforderlich gewesen, wenn ihr Wächter Graels Anweisungen gelesen und befolgt hättet.“, sagte sie kühl.

    Vrelen schien sich langsam wieder zu fangen. Die Art, wie sie mit ihm sprach, schien ihm nicht zu gefallen. Wahrscheinlich war sie ohnehin die erste Frau, die ihn nicht anhimmelte. Eine kluge Entscheidung.

    „Wie wäre es, wenn ich dir als Dank ein Getränk ausgebe?“, fragte Vrelen mit seinem üblichen Charme. Doch Dakeria sortierte einfach weiter ihre Objekte ein und würdigte ihn keines Blickes. Er kam näher: „Dakeria?“

    Endlich sah sie ihn an. Dieses Mal versteckte sie ihre Emotion nicht. Sie war augenscheinlich ziemlich genervt: „Ihr haltet mich von der Arbeit ab. Wenn ihr keine weitere relevante Information für mich habt, würde ich euch bitten, euch in euren Arbeitsbereich zurückzuziehen.“

    „Ist das ein Nein?“, fragte Vrelen weiter.

    „Ich hege keinerlei Bedürfnis mit euch mehr Zeit zu verbringen als notwendig.“, antwortete sie kühl.

    Autsch. Das saß.

    Vrelen sah sie finster an. Wahrscheinlich würde er nicht so leicht aufgeben. Doch dieses Mal rauschte er lediglich mit hochrotem Kopf davon.

    Dakeria atmete erleichtert aus.

    „Du magst ihn nicht besonders.“, stellte Grael fest. Dakeria sah nun zu ihm, als hätte sie ganz vergessen, dass er auch noch da war. Keinerlei Emotion… oder… war das… Erleichterung?

    „Ich bin nicht an zwischenmenschlichen Beziehungen interessiert.“, sagte sie ruhig.

    „Zum Leidwesen einiger anderer Wächter.“, ergänzte er. Dakeria schwieg. Ihr war bewusst, dass ihr Aussehen das Interesse einiger anderer Wächter geweckt hatte. Doch bisher war keiner so aufdringlich wie Vrelen gewesen. Gut möglich, dass er mit Absicht hier aufgetaucht war.

    „Ich hege kein Interesse daran.“

    „Gut so...“, erwiderte Grael, mit einem Blick, der sagte, dass er auch nichts anderes von ihr erwarten würde.

    Stille trat ein, während sie die letzten Objekte verwahrten.

    ---

    Es dunkelte bereits, als Razuel zum Gasthaus zurückkehrte. Es war ein schöner Tag gewesen. Er hatte auf dem Marktplatz einige Schnäppchen ergattert und alles, was er nun noch wollte, war ein kaltes Getränk und sein warmes Bett.

    Doch je näher er kam, desto besser erkannte er die Gestalt, die vor dem Gasthaus auf ihn wartete. Er grinste. Es war nun wohl schon der vierzehnte Versuch, bei dem Nwago mit ihm reden wollte, um seinen Plan zu durchschauen. Irgendwie niedlich.

    „Razuel.“, Nwagos Stimme klang fest und bestimmt. Untypisch für ihn – besonders in Razuels Nähe. „Ich werde beantragen, dass du und deine Schülerin die Insel verlasst.“

    Razuel gähnte gelassen. Schon wieder die alte Leier… „Und weswegen? Mir wurde zugetragen, dass sie erst vor kurzem Wächter Vrelen vor dem sicheren Tod bewahrt hat.“

    Nwagos Stimme klang sofort unsicherer: „Das – das hat nichts damit zu tun! Ich weiß nicht, warum ihr hier seid, aber-!“

    „Aber was? Bisher haben wir dir doch in keinster Weise geschadet, mein Freund.“, Razuel lächelte entspannt und winkte einer Dame aus dem Gasthaus zu.

    Nwago brauchte einen Moment. Allein, dass Razuel sich hier aufhielt, konnte ihn den Kopf kosten! Auch wenn er ihm einiges zu verdanken hatte… das machte es nicht besser.

    „Ich habe Beschwerden über dich erhalten und das nicht wenige!“, knurrte Nwago.

    Razuel hob eine Augenbraue: „Nun gut… wenn du meinst. Ich gehe.“

    Nwago atmete erleichtert aus. Doch dann lächelte Razuel wieder: „Aber Dakeria bleibt.“

    Nwago starrte ihn nun fassungslos an. Das war doch nicht sein Ernst! „Warum sollte sie bleiben?! Sie wird mit dir gehen! Noch heute!“

    Razuel gluckste und Nwago platzte endgültig der Kragen: „Was ist daran bitte so lustig?!“

    „SIE hat nichts Falsches getan, oder?“, Razuels Gelassenheit machte ihn rasend. Wie konnte er nur so ruhig bleiben? „Sie trägt die Kleidung eines verstorbenen Wächters, die eigentlich mit ihm begraben werden sollte! Sie gehört nicht hierher! Und noch schlimmer, sie darf eigentlich überhaupt keinen Zugang zu den Archiven haben!“

    Razuel zündete sich ungerührt eine Pfeife an, während Nwago nach seinem Wutausbruch nach Atem rang.

    „…ICH habe sie nicht in die Archive geführt. Das warst du.“, sagte er genüsslich. Nwago warf ihm einen vernichtenden Blick zu: „Weil du sonst nicht lockergelassen hättest!“

    „Du hättest auch ‚Nein‘ sagen können.“, sagte Razuel und paffte einen Ring aus Rauchschwaden in die kühle Nachtluft.

    Nwago gab auf und setzte sich neben ihn. Sein Ärger war ein wenig verflogen.

    „Dann hättest du einen anderen Weg gefunden. Wahrscheinlich sogar einen noch gefährlicheren. So wie immer.“

    „Du meinst, wie damals, als ich die Wasser des Lebens aufgesucht habe?“

    „Du hast dort eine verdammte Zeremonie für irgendeine tote Göttin abgehalten!“, grummelte Nwago.

    Das Lächeln fiel aus Razuels Gesicht. Er sah plötzlich ernst aus. Doch er sagte nichts. Nwago wurde kalt. Wenn Razuel schwieg, war das schlimmer als jeder Schrei. Nwago entschied sich, das Thema nicht weiter anzuschneiden: „Warum seid ihr nun wirklich hier?“

    Razuel schwieg weiter. Nwago kannte dieses Schweigen. Bei Razuel bedeutete Schweigen nur selten, dass ihm nichts einfiel. Vielmehr überlegte er wahrscheinlich, wie viel Wahrheit sein Gegenüber vertragen konnte. Vielleicht hatte er die falsche Frage gestellt.

    „…sie wollte hierherkommen.“, hörte er Razuel schließlich sagen. Nwago blickte zu ihm. Er wirkte immer noch ernst. Doch seine Gesichtszüge waren eine Spur weicher geworden. Nwago hatte ihn selten so gesehen.

    „Du meinst deine Schülerin? Warum?“

    „…ja.“, Razuel paffte weiter an der Pfeife, ohne zu bemerken, dass sie aus gegangen war. Sein Blick war auf das Meer gerichtet, wo langsam die Sonne hinter dem Horizont verschwand. Irgendwann fand er seine Stimme wieder: „…ich habe aus ihr eine Waffe gemacht. Eine Waffe, stark und intelligent genug, um jeden Krieg gewinnen zu können…“

    „Warum?“, fragte Nwago erschrocken. Das erklärte einiges. Razuel hatte schon früher ein ungesundes Wissen über verschiedene Kampfstile und Kriegstaktiken gehabt…

    „…ich habe meine Gründe. Sie besitzt arkane Kräfte. Doch sie darf sie niemals einsetzen. Wenn sie es tut, zersplittert ihr Körper… damit sie sich dennoch zur Wehr setzen kann, habe ich sie ausgebildet.“

    Nwago schnaubte: „Warum sollte sie sich zur Wehr setzen müssen?“

    Razuel rollte mit den Augen: „Du hast nie die Welt außerhalb Helias gesehen. Natürlich fragst du das… Dakeria besitzt etwas, das sie einzigartig macht. Einzigartig genug, um sich viele Feinde zu machen.“

    Nun war es Nwago, der ihn nicht ernst nahm: „Du willst mir also sagen, dass du sie lediglich schützen wolltest, ja? Wer soll dir das bitte glauben?“

    Es wurde wieder still zwischen ihnen.

    „…du hast noch nie aus reiner Nächstenliebe gehandelt.“

    Razuel nickte: „Das ist wahr… aber Dakeria ist etwas anderes. Sie gehört zu meinem Volk.“

    Er zog ein kleines Medallion aus der Tasche seines Umhangs und reichte es Nwago. Es war mit anmutigen Ornamenten verziert und auf einem grünen Stein in der Mitte war etwas eingraviert, das wie ein tanzendes Skelett aussah: „Saltatio Anima…“, hauchte Nwago.

    Saltatio Anima. Die Seelentänzer. Ein uraltes Volk, bestehend aus fahrenden Spielleuten. Ihre Lieder brachten Freud und Leid… manche erzählen sich, dass sie sogar einst einen hochmütigen König verflucht hatten… aber das waren nur Legenden. Sie verehrten eine uralte Schöpfungsgöttin, die angeblich den Tod selbst erschaffen hatte.

    „…doch das war nicht der einzige Grund. Sie hat meiner Ausbildung standhalten können.“, fuhr Razuel schließlich fort. Seine Sentimentalität war augenblicklich verschwunden und Nwago schwante übles: „Will ich wissen, was das bedeutet?“

    Razuel lächelte und schwieg.

    Das heißt dann wohl Nein.

    Nach einer Weile sprach er weiter: „Es war ihr Wunsch, hierher zu kommen. Und ich denke, es ist vielleicht besser, wenn sie bleibt. Sie hat mehr Krieg und Elend gesehen, mehr ertragen, als es irgendjemand sollte. Sie hat Narben, die niemals heilen werden. Ich weiß nicht, was sie sich von diesem Ort erhofft… aber ich konnte ihr diesen Wunsch nicht abschlagen.“

    Nwago starrte ihn an. Er hatte etwas väterliches in der Stimme, wenn er so über sie sprach. Das passte nicht zu ihm. Nicht im Geringsten. Andererseits… wirkte Razuel für einen Moment verloren. Das war ebenfalls neu.

    Dieser zog nun eine Weinflasche hervor, entkorkte sie und führte sie zum Mund.

    „Ich hätte nie gedacht, dass du dich jemals für irgendjemanden verantwortlich fühlen würdest.“, Nwago nahm ihm die Flasche aus der Hand und tat selbst einen Zug. Razuel zuckte mit den Schultern und sah wieder aufs Meer hinaus, wo die Sonne ihre letzten Strahlen aufs Wasser fielen ließ…

    Einmal editiert, zuletzt von WobblyWhisker (7. September 2026 um 13:58) aus folgendem Grund: Auch überarbeitet. Nicht weniger mies, aber hoffentlich lesbarer

  • Kapitel 3: Die Falle

    Es dunkelte schon, als Dakeria die letzten Objekte einsortierte. Es hatte wesentlich länger gedauert, als sie eigentlich geplant hatte. Und das lag nur zum Teil an den Artefakten, die andere Wächter falsch einsortiert hatten.

    Die magischen Kugeln gaben nur noch spärliches Licht ab. Sie sollte sich beeilen.

    Dann hörte sie jedoch ein vertrautes Geräusch. Schnelle Schritte. Gleichmäßiges Tempo. Dennoch ohne Eile. Und so leise, dass man sie beinahe überhören könnte, wenn es nicht ohnehin so totenstill gewesen wäre, wie in diesem Moment. Sie wusste bereits, wer dieses Geräusch verursachte und sie war ein wenig erleichtert, dass er es war – und nicht jemand anderes.

    „Du bist noch wach?“

    Langsam drehte sie sich zu ihm um. Grael stand nur wenige Meter entfernt. Die Laterne in seiner Hand warf lange Schatten auf sein Gesicht.

    „Ich wollte meine Arbeit noch beenden.“, erklärte sie ruhig.

    Er trat näher und nahm ihr das Buch aus der Hand: „Es sieht dir gar nicht ähnlich, dass du dich verspätest…“

    Dakeria nickte nur und senkte ihre Stimme um eine Oktave: „Wächter Vrelen will mich weiterhin von der Arbeit abhalten. Er stand heute jede Stunde hier und hat versucht, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Ich habe keine Zeit für unnützes Geschwätz.“

    „Ist das so?“, er lächelte kalt. Dann fiel sein Blick auf den Einband des Buches. Sein Blick veränderte sich, kaum merklich. Es war eine Abhandlung über psychische Torturen. Keines der Werke, an die man einfach so kommt.

    Dakeria verzog keine Miene. Sie war wirklich gut.

    „Von wem hast du dieses Buch? Es gehört nicht zu unserem Bereich.“, fragte er schließlich. Sie hielt seinem Blick vollkommen ruhig stand: „Ich habe die Erlaubnis des Hauptwächters, mich hier weiterzubilden. Mir wurde nicht untersagt, dass ich mich in allen Bereichen des Archivs bewegen darf.“

    Grael lächelte: „Das war keineswegs eine Schuldzuweisung…“

    Sie sah ihn an. Keine Reaktion. Sie konnte nicht erkennen, was in ihm vorging.

    „…allerdings wundert es mich, dass eine…Arkanistin… sich mit solchen Werken befasst.“, fuhr er fort.

    „Meine Studien befassen sich mit der Kunst des Krieges.“, sagte sie nur kühl, „Ich möchte lernen, wie man einen Feind bricht, statt ihn zu bekämpfen.“

    „Und an welchem Institut wird das gelehrt?“

    „Es sind lediglich meine eigenen Nachforschungen.“ Ihre Stimme war etwas angespannter als sonst. Doch sie schien nicht nervös zu sein. Das überraschte ihn. Er hatte genug Beweise, um sie sofort rauswerfen zu lassen… Andererseits hatte sie durchaus sein Interesse geweckt.

    „…ich verstehe. Folge mir.“, sagte er nur. Und Dakeria ging ohne zu Zögern mit. Sie spielte ihre Rolle perfekt. Er führte sie immer tiefer in einen ihr unbekannten Teil der Archive. Vor einer sehr alt aussehenden Tür blieb er stehen. Er zog einen Schlüssel hervor – den Schlüssel des Herzens, um genau zu sein – und öffnete die Tür.

    Dieser Raum war dunkler und älter, als alle in denen sie bisher gewesen ist. Sie mussten tief unter der Erde sein. Es war dunkel und kalt. Und sie waren allein. Lediglich seine Laterne spendete etwas Licht.

    „…dieser Teil ist normalerweise für Außenstehende verboten…“, sagte Grael. Er ging langsam zwischen den Regalen hin und her und seine Finger strichen leicht über die verwitterten Buchrücken unzähliger Bücher, „…als meine Assistentin … solltest du mit jedem Teil des Archivs vertraut sein. Und mit jedem dir anvertrauten Objekt.“

    Dakeria schwieg. Sie wusste, dass an der Sache irgendwas faul war. Sie wusste nur noch nicht, was. Es war eine Falle. Ihr Blick fiel auf die Bücher. Folianten über arkane Folterwerkzeuge. Objekte, die in besonderen Behältern verstaut worden waren, weil ihre negative Energie bereits Menschen in den Wahnsinn getrieben hatte. Anleitungen für dunkle Rituale.

    …war das schwarze Oratorium hier?

    Nein. Sie würde es spüren.

    Dakeria wollte sich wieder zu Grael drehen, doch dieser war bereits verschwunden. Sie war allein.

    Was nun?

    Sie dachte kurz nach. Vielleicht blockierte etwas ihre Wahrnehmung. Dies hier war eine Chance. Sie würde sie sich nicht entgehen lassen. Andererseits wäre es ungünstig, wenn man sie hier entdecken würde… sie musste schnell sein.

    Sie bewegte sich eilig durch die endlosen Regalreihen. Eine nach der anderen… Nichts. Immer noch nichts.

    Stunden vergingen… es musste bereits Morgen sein, als sie die Suche aufgab. Doch als sie an die Tür trat, bewegte sich nichts. Abgeschlossen. Das war also sein Plan gewesen. Er hatte sie hier drin eingesperrt.

    Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Natürlich hatte er das… sie hatte ihn richtig eingeschätzt. Kalt. Gerissen. Ehrgeizig. Unnachgiebig.

    Langsam lehnte sie sich gegen ein Regal und wägte ihre Chancen ab. Sie kam nicht ohne Schlüssel hier heraus. Gegen arkane Schlösser waren ihre Fähigkeiten im Schlösserknacken recht nutzlos. Wenn sie ihre Magie einsetzte, hätte sie arkane Risse auf der Haut… und die zu erklären, wäre ein ganz anderes Problem. Ihr blieb wohl nichts weiter übrig, als zu warten.

    …was war das?

    Sie hörte etwas… Schritte…Stimmen…Wächter. Mehrere, wie es schien.

    Nun wurde ihr Lächeln breiter. Es war also nicht nur eine Falle. Es war eine Prüfung. Er war wirklich …

    Sie hörte, wie sie näherkamen. Besser, sie versteckte sich.

    „Seid ihr sicher, Wächter Grael? Ich kann mir einen Eindringling in der verbotenen Abteilung nur schwerlich vorstellen. Schließlich kommt man nur mit einem Schlüssel überhaupt hinein!“, sagte einer der Wächter skeptisch.

    Die Tür öffnete sich. Grael und drei weitere Wächter traten ein.

    „Ich bin mir absolut sicher.“, sagte er und deutete auf die Regale, „Seht ihr die Unordnung?“

    Der fremde Hauptwächter ließ den Blick durch den Raum schweifen: „…in der Tat… aber wo ist der Eindringling jetzt?“

    Grael sah sich um. Keinerlei Anzeichen von ihr. Methodisch ging er die Reihen ab, Sie musste hier sein. Es gab keinen zweiten Ausgang. Und der Raum konnte nur von außen aufgeschlossen werden. Sie musste hier sein… Irgendwo… Doch jeder Gang… jedes Regal… jeder Schatten… war leer.

    Der Hauptwächter verschränkte die Arme: „Nun, wer auch immer es war, ist nun weg. Ich werde eine spätere Untersuchung der Vorkommnisse einleiten. Falls ihr sonst keine weiteren wichtigen Anliegen habt, werde ich mich nun zurückziehen.“

    Ohne auf eine weitere Antwort zu warten, verschwanden er und die anderen Wächter wieder. Grael machte keine Anstalten, sie aufzuhalten. Seine Augen suchten den Raum ab. Sie war clever…

    Dann erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Auf einem einzelnen Regalbrett. Leicht zu übersehen. Eine einzelne Feder. Schwarz... mit Silber besetzt… und scharf, wie eine Rasierklinge. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich: „…eine Val’kyre…“

    Val’kyren waren eine Seltenheit in Runeterra. Es gab nur einen einzigen Ort, an dem sie auftauchten – eine Insel, weit abgelegen, westlich von Demacia. Sie galten als Kriegerinnen und waren durch einen Eid an ihren Herrn gebunden.

    Er hob die Feder auf und verließ den Raum. Gerade, als er die Tür wieder verschlossen hatte, ließ ihn eine monotone Stimme zusammenfahren: „Habt ihr da drin etwas gesucht, Wächter Grael?“

    Dakeria! Sie stand nur wenige Meter vor ihm. Ruhig. Emotionslos. Als hätte sie die ganze Zeit über dort gestanden.

    „Du…“, seine Stimme klang noch kälter als gewöhnlich, „Wie bist du…?“

    Sie trat plötzlich näher. Noch näher. So nahe, dass sie kaum noch eine Handbreit voneinander trennten. Und ihr Gesicht… diese monotone Porzellanmaske, die sie immer trug… fiel einfach weg. Sie lächelte. Es war das mörderischste Lächeln, das er je gesehen hatte. Ihre eisblauen Augen leuchteten vor unverkennbarer Freude. Sie senkte ihre melodische Stimme auf kaum mehr, als ein Flüstern. Leise. Fast verführerisch.

    „Das war ein guter Hinterhalt. Ihr habt meine Schwäche gesehen und sogleich ausgenutzt.“, sagte sie, „Doch selbst gut ausgebildete Soldaten versäumen es hin und wieder nach oben zu sehen. Dies…“, sie neigte den Kopf leicht, „War euer einziger Fehler.“

    Sie machte eine Pause. Dann verneigte sie sich vor ihm und fuhr mit normaler Stimme fort: „Ich bin euch dankbar für diese Lektion.“

    Grael konnte sich ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen: „Du siehst es als eine Lektion?“

    Dakerias Gesicht wurde nun wieder zu der wohlbekannten, emotionslosen Maske: „Meister Razuel hat mich früher ähnlich auf die Probe gestellt. Selbst wenn es von euch nicht beabsichtigt war, habe ich etwas gelernt.“

    Nun lehnte sie sich leicht zurück. Ihre Augen suchten die Umgebung nach anderen Wächtern ab. Als die Luft rein war, sah sie ihn wieder an: „Ihr wollt wissen, was meine eigentliche Mission ist.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Und sie hatte Recht.

    „…Das wäre zumindest ein Anfang…“, Graels Finger spielten mit der Feder in seiner Hand, „…kleine Val’kyre.“

    Für einen Moment sah sie überrascht aus. Er konnte nicht genau erkennen, ob es an dem Spitznamen oder an der Feder lag. Ihr Ausdruck versteifte sich. Offenbar gefiel ihr nicht, dass er ihr kleines Geheimnis entdeckt hatte.

    „…in Ordnung. Ich werde euch mein Missionsziel anvertrauen. Doch im Gegenzug erbitte ich eure Hilfe. Gibt es einen Ort, an dem wir ungestört reden können?“ Ihre Stimme klang ehrlich. Dennoch vertraute er ihr nicht. Allerdings kannte er die Archive… eine Val’kyre verschwinden zu lassen, wäre ein Kinderspiel, wenn es nötig sein sollte.

    Er wollte gerade etwas erwidern, als sich jemand in ihr Gespräch einmischte.

    „Störe ich?“, fragte Vrelen. Dakeria verdrehte die Augen. Interessant, dass sie hier ihre emotionslose Maske fallen ließ. Er schien sie wirklich zu stören. Doch dieser lächelte nur: „Dakeria, hast du heute Abend schon was vor? Ich dachte wir könnten… du weißt schon… zusammen was trinken, oder so.“

    „Ich trinke nicht.“, erwiderte sie kühl.

    „Dann lass uns was zusammen essen gehen. Irgendwas, wo du nicht die ganze Nacht hier verbringen musst. Ich glaube, etwas weniger unheimliche Gesellschaft würde dir guttun.“, er kam näher.

    „Mir reicht die Gesellschaft von Wächter Grael.“, sagte sie barsch.

    Vrelens Lächeln schwand. Er starrte zu ihm hinüber. In den Augen eine Mischung aus Überraschung… und Feindseligkeit. „Ich verstehe…“

    Nun lehnte er sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Dann ein andernmal…“

    Plötzlich ertönte ein scharfes, metallisches Klicken und Vrelen heulte vor Schmerz auf. Seine linke Hand, welche kurz zuvor noch auf dem Regal geruht hatte, steckte in einer Mausefalle. Grael warf Dakeria einen vielsagenden Blick zu, während Vrelen mit hochrotem Kopf davonrauschte.

    Sie atmete auf. Dann bemerkte sie seinen Blick und verdrehte die Augen: „Irgendwie musste ich ihn loswerden.“

    „Du solltest magische Artefakte nicht leichtfertig verwenden.“, erwiderte Grael und nahm die Mausefalle – ein kleines Artefakt, das sich in alles Mögliche verwandeln konnte, solange der Wille stark genug war, wieder an sich. Zu ihrer Überraschung klang er weniger streng als sonst. Tatsächlich sah sie zum ersten Mal den Anflug eines Lächelns in seinem Gesicht. Oder etwas, das einem Lächeln sehr nahekam.

    Sie wirkte ebenfalls etwas entspannter.

    „Das sagt ja der Richtige. Wie ich hörte, hat euch Wächter Rastofir mit einer Degradierung gedroht, solltet ihr den unbeschrifteten Folianten weiterhin studieren.“, erwiderte sie.

    „Er will nur die Anerkennung für sich.“, sagte Grael und trat näher. So nahe, dass nur sie ihn hören konnte: „Sonnenuntergang. Der rechte Flügel der Haupthalle.“, seine Stimme war zu einem unheimlichen Flüstern geworden, „…Lass mich nicht warten… kleine Val’kyre.“

    ---

    „Vrelen?“, Wächterin Yalanda sah von ihrem Schreibtisch auf, als er den Raum betrat. Er wirkte wütend, erschöpft und irgendwie niedergeschlagen. Yalanda wechselte einen Blick mit Lovir, seinem besten Freund. Dann fragte sie: „Alles in Ordnung? Du siehst… naja. Irgendwie niedergeschlagen aus.“

    Vrelem schüttelte nur den Kopf und ließ sich auf den Stuhl zwischen ihnen fallen.

    Lovir ahnte was los war und grinste: „Immer noch kein Glück bei der Neuen, was?“

    Vrelen warf ihm einen vernichtenden Blick zu: „Ich glaub, sie steht auf Grael.“

    Yalanda brach in Gelächter aus: „Guter Witz!“, doch als niemand ihr Lachen erwiderte, wurde sie schnell wieder ernst: „Warte… du meinst das ernst?“

    Lovir verschränkte die Arme hinter dem Kopf und ließ sich langsam zurückfallen: „Was soll daran so seltsam sein? Unheimlich und unheimlicher. Passt doch.“

    „Die Kleine gehört mir.“, knurrte Vrelen.

    Yalanda seufzte. Sie hatte es schon lange aufgegeben, Vrelen darüber zu belehren, dass Frauen keine Trophäen sind. Er schien sogar so außer sich zu sein, dass er nicht einmal die Schar Wächterinnen bemerkte, die ihm giggelnd zuwinkten. Dieses Mal schien es wirklich ernst zu sein.

    Vrelen stand wieder auf und Lovir sah ihm nach: „Mach bloß nichts, das du später bereuen könntest…“

    Es war ein guter Rat.

    Nur leider hatte Vrelen nicht zugehört.

    Einmal editiert, zuletzt von WobblyWhisker (7. September 2026 um 14:00) aus folgendem Grund: Eeeeeebenfalls überarbeitet!

  • Kapitel 4: Die Val’kyre

    Dakeria blickte gefühlt zum zehnten Mal über die Schulter. Die Haupthalle war gut gefüllt. Doch sie hatte bereits seit geraumer Zeit bemerkt, dass ihre Erscheinung für Aufsehen sorgte. Das war ungünstig. Normalerweise zog sie die Aufmerksamkeit der Leute bewusst auf sich, wenn sie für ein Ablenkungsmanöver sorgen sollte. Doch hier schienen sie die Blicke zu verfolgen.

    „Dakeria!“, sagte jemand.

    Sie wandte sich um. Hauptwächter Nwago eilte zu ihr. Er war leicht nervös, auch wenn er es zu verstecken versuchte: „Was machst du denn hier?“

    Dakeria blieb vollkommen ruhig: „Ich habe eine Verabredung mit Wächter Grael.“

    Nwago warf ihr einen überraschten Blick zu: „Eine… Verabredung?“

    Dakeria runzelte die Stirn. Was war daran so komisch?

    Nwagos Blick richtete sich hinter sie. Sie wandte sich ebenfalls um. Grael wartete bereits auf sie. Er wirkte ruhig, nicht angespannt.

    Nwago lächelte: „Ich… verstehe. Dann wünsche ich viel Spaß… also bei der Verabredung.“

    Dakeria nickte nur. Sie verstand immer noch nicht, was er ihr damit sagen wollte. Doch es war auch egal. Sie ging eilig zu Grael, welcher ihr bedeutete, mitzukommen.

    Er führte sie nach draußen, vorbei an den Gärten der Akademie, zu einem anderen Gebäude. Es schien ein weiterer Teil der Akademie zu sein. Doch er führte sie durch mehrere Gänge und Treppen immer weiter nach unten. Schließlich standen sie auf einer Plattform. Es schien wohl eine Art Teleporter zu sein. Als er ihn aktivierte, begann ein Puls aus blassblauem Licht sie einzuschließen. Augenblicke später befanden sie sich unter den arkanen Hallen. Die Gänge waren alt und ein leichter Modergeruch lag in der Luft. Sie schienen nicht oft benutzt zu werden. Steinbögen verschwanden in der Dunkelheit und eine dicke Staubschicht bedeckte den Boden.

    „Vor langer Zeit wurden hier die ersten Schriften und Artefakte gelagert.“, seine Stimme drang durch die Dunkelheit. Er ging weiter voran, während seine Laterne weite Schatten an die Wände warf, „Nun wird es zu einem Gewölbe für die Vesani umgebaut. Wir haben nicht viel Zeit.“

    Dakeria nickte. Sie folgte ihm leise. Leise genug, dass sie bemerkte, wie sich weitere Schritte ihnen näherten.

    „…Wächter Grael…“

    „-Ich weiß.“

    Er setzte seinen Weg ungehindert fort, bis sie schließlich in einem gewölbeartigen Keller angelangt waren. Einzelne Steinsäulen stützten das Mauerwerk, doch sonst war der Raum gänzlich leer.

    Dann, ohne Vorwarnung, verschwand Dakeria in der Dunkelheit.

    Grael drehte sich weder um, noch rief er nach ihr. Nun, da er wusste, was sie war, konnte er bereits ahnen, was sie im Schilde führte.

    Als der Schrei im Korridor hinter ihnen ertönte, wusste er, dass er richtig lag.

    Wächter Vrelen lag auf dem Boden und hielt sich das Bein. Dakerias Dolch steckte darin. Nicht tief genug, um zu töten. Sie hatte ihn lediglich aufgehalten und an der Flucht gehindert. Nach allem, was er gehört hatte, recht ungewöhnlich für eine Val’kyre.

    Sie stand direkt vor ihm und hatte wieder dieses mörderische Lächeln im Gesicht. Vrelen zitterte am ganzen Leib.

    Seine Stimme hatte nichts mehr von seiner früheren Arroganz, als er stammelte: „D-Dakeria…! Ver-verzeih mir…. Ich…ich wollte nur-!“

    Doch die Val’kyre hob einen Finger.

    ScHwEig!

    Sie bewegte ihre Lippen nicht, doch ihre Stimme ertönte in Vrelens Kopf und ihre Augen begannen in einem unheimlichen grünen Licht zu leuchten. Sie streckte ihre Hand aus und ein grünlicher Schleier schien aus Vrelens Körper gezogen zu werden. Er floss in ihre ausgestreckte Hand und formte sich zu einer weiteren Klinge. Gleichzeitig tauchten an ihrer Schulter arkane Risse auf.

    „Spione sind ein unnötiges Risiko.“, sagte sie kühl.

    Vrelen blickte starr vor Angst auf das Messer: „I-ich werde niemanden sagen, dass-!“

    Er vollendete den Satz in einem weiteren Schrei.

    Dakeria sah ihm in die Augen: „Ich habe dir befohlen, zu schweigen.“

    Dann stach sie erneut zu. Ein weiterer Schrei.

    Grael betrachtete das Schauspiel beinahe belustigt. Dakeria bemerkte seinen Blick: „Was?“

    „Ich bezweifle, dass er schweigen kann, wenn er vor Schmerzen aufschreit.“, erwiderte dieser. Das schien Dakeria tatsächlich zum Nachdenken zu bringen.

    „Meister Razuel hat mir oft eine Klinge ins Fleisch gerammt. So oft, dass ich gelernt habe, nicht zu schreien.“, erklärte sie, als sei dies das Normalste auf der Welt.

    Grael betrachtete sie: „Dein Meister hat… interessante Lehrmethoden.“

    „Sie sind effektiv.“, erwiderte sie knapp. Dann wandte sie sich wieder Vrelen zu.

    Dieser war allerdings bereits in Ohnmacht gefallen, nachdem Dakeria das Messer in seinem Arm noch einmal gedreht hatte.

    „Bedauerlich.“, sagte sie. Sie hatte wieder ihre emotionslose Miene aufgesetzt und blickte nun zu dem Körper, der regungslos zu ihren Füßen lag. Mit einem gezielten Schnitt beendete sie sein Leben, „…die Kunst des Krieges besagt, ich solle den Gegner brechen, statt ihn zu töten. Ich war unaufmerksam. Ein Fehler.“

    „Hättest du ihn nicht getötet, hätte er noch für Ärger gesorgt.“, Graels Blick war auf die immer noch zuckende Leiche gerichtet. Er wirkte nicht verstört oder gar ängstlich. Tatsächlich wirkte er sogar entspannter, als sonst. Sie erkannte es mittlerweile an kleinen Dingen. Die Art, wie er den Kopf hielt. Die Art, wie sich seine Schultern entspannten.

    Wortlos legte Dakeria nun ihre Hand auf Vrelens Leiche. Das grüne Licht breitete sich auf dem Steinboden aus und die Leiche verwandelte sich langsam in eine weitere Steinsäule. Dann zuckte sie zusammen – ein weiterer arkaner Riss war an ihrer Hand erschienen.

    Als ihre Magie verblasste, war von dem toten Wächter nicht der Hauch einer Spur mehr zu sehen.

    „…du wolltest mir sagen, warum du hier bist… kleine Val’kyre.“

    Dakeria wandte sich zu Grael um. Er wartete auf ihre Antwort. Sie dachte einen Moment nach. „…In Ordnung…“ Sie lehnte sich gegen eine Mauer. Der kühle Stein beruhigte sie gleichermaßen und ließ sie erzittern, als erinnerte er sie an etwas.

    Sie blickte zu Grael: „…Wie ihr bereits erkannt habt, bin ich eine der schwarzen Val’kyren von Val’garath. Doch… das war ich nicht immer. Als Val’kyre wird man nicht geboren. Man wird auserwählt.“, ihr Blick fiel auf die Säule, die einst Vrelen gewesen ist, „…früher war ich ein Waisenkind. Die Saltatio Anima – das fahrende Volk der Spielleute – nahm mich auf. Sie verehrten eine uralte Göttin, die angeblich den Tod selbst erschaffen hatte… um Ordnung und Gleichgewicht in die Welt zu bringen. Diese Göttin wurde einst vernichtet, doch Teile ihrer Macht lebten in den heiligen Artefakten der Saltatio Anima weiter. Es gibt insgesamt sieben davon… und ich glaube, dass eines davon sich hier auf Helia befindet. Darum bin ich hier.“

    „Und warum ist dir dieses Artefakt so wichtig?“, fragte er nach.

    Ihre Stimme klang nachdenklich.

    „…das schwarze Oratorium. Ein Liederbuch meines Volkes. Nur eine Saltatio Anima kann es lesen und die Lieder daraus vortragen. Diese Lieder haben angeblich die Macht, die Seelen derer, die zuhören, anzuziehen und ihre Körper als leere Hüllen zurückzulassen.“

    Sie blickte ihn an: „Stellt es euch vor. Eine Schlacht, vierzig zu eins – und ein einziges Lied braucht es, um sämtliche Gegner zu besiegen. Ohne Kampf…“, sie strich über den arkanen Riss an ihrer Hand, „…ohne Magie. Es würde mir helfen, Val’garath zu schützen… und meinen Herrn. Ich bin durch einen Eid daran gebunden.“

    „Was geschieht, wenn du den Eid brichst?“, fragte er weiter.

    „Dann sterbe ich.“, sagte sie, vollkommen ausdruckslos. Als sei dies das Normalste auf der Welt. Doch es erklärte einiges… ihre Magie verwundete sie. Ihre Kampfkunst würde sie nicht immer retten können. Doch das Buch? Es könnte eine mächtige Waffe sein.

    Dennoch… etwas sagte Grael, dass sie nicht die ganze Wahrheit sagte.

    Doch das war vorerst egal.

    „…sagen wir, ich wüsste, wo sich das schwarze Oratorium befindet…“, sagte er und trat näher. Sein Lächeln war eiskalt, „…wärst du bereit, dafür zu sterben?“

    Sie blickte ihm direkt in die Augen: „Ja.“

    Sie hatte nicht gezögert. Nicht für einen einzigen Augenblick.

    Tagebuch von Hauptwächter Nwago:

    „Ich kann guten Gewissens behaupten, dass es bisher keinerlei ungewöhnlichen Vorkommnisse mit Dakeria gab. Vielleicht hatte Razuel recht und sie führt doch nichts im Schilde. Gleichzeitig meine ich, eine leichte Bindung zwischen seiner Schülerin und Grael zu erkennen. Ich habe irgendwie ein ungutes Gefühl bei der Sache… allerdings muss ich einräumen, dass ich mir kein Urteil darüber erlauben sollte. Es ist zudem recht angenehm, Grael hin und wieder lächeln zu sehen – Auch wenn er dadurch nicht weniger unheimlich ist…

    Bericht von Razuel:

    „Dakeria berichtete mir, sie hätte einen Hinweis auf ihr Artefakt gefunden und einen Verbündeten, der sie dorthin führt. Wenn mich nicht alles täuscht, kann nur von diesem Archivar, Grael die Rede sein. Eine nutzbringende Allianz, effizient eingefädelt… sofern sie keine Fehler macht. Ich gedenke, ihre letzte, die wichtigste Prüfung, vorzuziehen…

    „Ihr wolltet mich sprechen, Meister?“

    Razuel blickte beim Schreiben des letzten Absatzes auf. Dakeria war da. Er musterte sie. Ihr Gesichtsausdruck war emotionslos, wie immer. Er wandte sich wieder dem Papier zu: „Wie ich höre, arbeitest du ziemlich hart.“

    „Ich tue, was ich kann, um Wächter Grael zu unterstützen.“, entgegnete sie.

    „Und wie weit bist du mit deiner Mission gekommen?“, fragte er nun und drückte mit seiner Feder etwas stärker auf als gewollt. Ein großer Tintenklecks breitete sich auf seinem Bericht aus und er fluchte leise.

    „Meister?“, fragte sie.

    Razuel seufzte und griff nach einem weiteren Blatt Papier. Wenigstens daran mangelte es ihm in Helia nicht. Schließlich fragte er: „Was ist die wichtigste Vorraussetzung für einen Anführer?“

    „Sich selbst kontrollieren zu können und sich nicht von persönlichen Bindungen leiten zu lassen.“, antwortete sie, wie aus der Pistole geschossen.

    Razuel nickte: „Dann stell dir bitte eine Frage. Welche Bindung stellt in deinem Leben derzeit das größte Risiko dar?“

    Sie legte den Kopf schief: „Da gibt es drei Personen, die infrage kommen. Seine Majestät. Grael. Und ihr.“

    Razuel stutzte einen Moment. Dann wandte er sich wieder seinem Bericht zu: „Interessant, dass du so schnell zu einem Schluss gekommen bist…“

    „Was wollt ihr mir damit sagen, Meister?“

    Razuel drehte sich nun zu ihr: „Es ist Zeit für deine letzte Prüfung. Danach ist deine Ausbildung abgeschlossen und du kannst zu seiner Majestät zurückkehren und ihm endgültig als Val’kyre dienen.“

    Er bemerkte, dass sie diese Aussage in Aufruhr versetzte. Sie war aufgeregt… fast am Ziel… wie nachlässig. Sie sollte ihre Gefühle niemals zeigen.

    Razuel schüttelte den Kopf. Dann erklärte er: „…beseitige deine größte Bindung. Nur wenn du frei von Abhängigkeiten bist, wirst du die Anführerin, zu der ich dich ausgebildet habe.“

    Die Val’kyre verneigte sich vor ihrem Meister: „Ich habe verstanden. Wenn ihr mich nun entschuldigen würdet… ich habe eine Verabredung.“

    Tagebucheintrag 5 – „Meine neue Assistentin“

    „Ich gebe zu, sie falsch eingeschätzt zu haben. Diese Frau ist wahrlich gerissen… und außerordentlich rücksichtslos…. Ich frage mich, was sie zu tun bereit ist, um ES zu bekommen….

    Einmal editiert, zuletzt von WobblyWhisker (7. September 2026 um 14:01) aus folgendem Grund: Auch überarbeitet. Außerdem hatte ich Langeweile. Mal wieder.

  • WobblyWhisker 7. September 2026 um 13:52

    Hat den Titel des Themas von „Das schwarze Oratorium“ zu „Die schwarze Val'kyre“ geändert.
  • Kapitel 5: Ein hoher Preis

    Er erwartete sie bereits in einem weiteren, weit abgelegenen Teil des Archivs. Als sie nähertrat, bemerkte sie sein höhnisches Lächeln. Eine weitere Prüfung… eine weitere Falle…

    „Das, was du suchst, befindet sich dort.“

    Er deutete in die Kammer vor sich. Der Raum war gänzlich in tosende Flammen gehüllt. Das Feuer füllte jede Ecke des Raumes… mit Ausnahme eines kleinen Altars aus schwarzem Stein. Und darauf…. Lag ein einzelnes Buch. Der Einband weiß. Die Seiten schwarz. Und die Lettern und Noten darin waren golden. Das schwarze Oratorium.

    Es war echt.

    Dakeria konnte es spüren.

    Die Flammen umkreisten es, wie gehorsame Wächter und wagten nicht, es zu berühren. Ein uralter Schutzzauber, nahezu unmöglich zu bannen.

    Grael beobachtete ihre Reaktion ganz genau. Sie zeigte keinerlei Anzeichen von Angst oder Nervosität. Sie trat näher. Die enorme Hitze war schon aus dieser Entfernung kaum auszuhalten. Die Wärme vernebelte ihr den Verstand und verdrängte jeden klaren Gedanken. In weiter Ferne hörte sie seine Stimme: „…der Altar der Flammen. Geschaffen, um die gefährlichsten Artefakte zu schützen… das Oratorium ist dort. Hol es dir… wenn du kannst.“

    Sie hörte ihn lachen und nickte nur ruhig. Doch sein Lachen erstarb, als sie ohne zu Zögern in die Flammen trat. Sie war erstaunlich… konsequent. Doch dieses Inferno konnte sie nicht überleben. Das war vollkommen unmöglich. Die Flammen verschlangen sie augenblicklich. Ihre Haut… ihr Haar… und ihr Gewand… fingen Feuer. Ihr Fleisch verkohlte. Doch sie ging weiter, als ob nichts wäre. Sie schrie nicht. Grael erinnerte sich an das, was sie über ihre Ausbildung bei Razuel gesagt hatte… lag es daran? Oder war ihre Kehle ohnehin zu versengt, als dass sie auch nur einen Laut von sich geben konnte?

    Das Feuer wurde mit jedem Schritt heißer. Die Hitze wurde unerträglich. Normalerweise würde der Schmerz aufhören, sobald die Nerven verkohlt waren. Doch dies war ein magisches Feuer. Geschaffen, um endlose Qualen zu verursachen. Und dennoch… näherte sie sich weiter dem Altar.

    Ihre Finger, die letztendlich das Oratorium umschlossen, bestanden nur noch aus verkohlten Knochen. Doch sobald sie das Buch umschlossen… verschwand das Feuer. Seltsam. Das sollte eigentlich nicht passieren. Doch das war im Moment egal.

    Dakeria – nur noch ein verkohltes Skelett – brach zusammen. Grael vergewisserte sich, dass die Flammen tatsächlich versiegt waren und betrat den Raum. Er nahm das Liederbuch aus ihren verkohlten Händen.

    Törichte Val’kyre…

    Er blickte sie an.

    Die offensichtliche Entscheidung wäre es, zu gehen. Sie hatte ihren Zweck erfüllt. Sie war tot. Keine Zeugen. Keine losen Enden. Er wandte sich dem Ausgang zu… dann hielt er inne. Sein Blick wanderte zurück zu den Überresten von Dakerias Körper.

    Aus Gründen, die er sicht nicht erklären konnte, traf er eine andere Wahl.

    Tagebuch von Hauptwächter Rastofir:

    „Es beschleicht mich das ungute Gefühl, dass Wächter Grael etwas mit dem Verschwinden des schwarzen Oratoriums zu tun haben könnte. Nicht, dass ich ihm etwas unterstellen möchte. Er ist ein ehrgeiziger Mann, der weder Kosten noch Mühen scheut, um sich einen besseren Stand zu erarbeiten. Dennoch hat er eine dunkle Seite und sein Drang, gefährliche Artefakte zu untersuchen, könnte uns eines Tages noch den Kopf kosten…“

    Dakeria erwachte Stunden später. Sie lag in einem warmen Bett und starrte an die Decke. Der Architektur zufolge war sie immer noch auf dem Akademiegelände. Wo war sie?

    Sie versuchte langsam, sich aufzurichten. Jede einzelne Faser ihres Körpers schmerzte.

    „Du hast beachtliche Selbstheilungskräfte…“, sagte eine bekannte Stimme. Grael saß an einem Schreibtisch über ein Buch gebeugt – das schwarze Oratorium., „…kleine Val’kyre.“

    Sie starrte ihn überrascht an. Er hatte sie nicht liegen lassen, obwohl es die effizientere Option gewesen wäre.

    „…ihr habt mich nicht zurückgelassen.“, sagte sie nüchtern.

    Grael blickte nicht einmal von den Seiten auf: „Hätten die anderen dich gefunden, wäre mein Name gefallen, nicht wahr?“, sein Ton war so distanziert wie immer, „Und das hätte… unangenehme Fragen verursacht.“

    Dakeria betrachtete ihn. Seine Entscheidung klang logisch… wenn auch logistisch ineffizient.

    „…du hast die ganze Zeit über nicht geschrien.“, bemerkte er.

    Sie nickte: „Ich sagte bereits… ich bin körperliche Schmerzen gewohnt.“

    Sein Blick blieb undurchschaubar: „Was fürchtest du dann… kleine Val’kyre?“

    „Zu sterben, ohne meine Mission vollendet zu haben.“, erwiderte sie sofort. Doch sie sagte ihm nicht die ganze Wahrheit. Ihre wahre Mission war viel größer als Val’garath oder ihre Pflichten als Val’kyre. Aber selbst, wenn sie es ihm verraten würde - er würde ihr ohnehin nicht glauben. Schließlich sollte sie in dieser Form gar nicht existieren.

    „Verstehe.“, er klappte das schwarze Oratorium zu und bemerkte trocken: „Ich würde dir übrigens raten, deine neuen Kleider anzulegen.“

    Dakeria verstand zunächst nicht, was er meinte.

    Erst dann realisierte sie… dass sie vollkommen nackt war. Natürlich. Ihre Kleidung war verbrannt worden. Sie zog rasch die Decke über sich, ohne ihre neutrale Miene zu verlieren. Gerade noch rechtzeitig, denn in diesem Moment klopfte es an der Tür.

    „Wächter Grael? Seid ihr da drin?“, Lovirs Stimme drang durch die Tür, „Habt ihr Vrelen vielleicht gesehen? Wir vermissen ihn schon seit ein paar Tagen und…“

    Die Tür schwang auf. Lovir erstarrte.

    Sein Blick wanderte von Grael…

    …zu Dakeria in seinem Bett…

    … und wieder zurück.

    Ein breites Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus: „Oh… ich bitte um Verzeihung…. Ich wusste nicht, dass ihr… Besuch habt…“

    „Ich habe ihn nicht gesehen.“, sagte Grael ruhig.

    „Ver-verstehe… nun…da-dann will ich nicht weiter stören…“, sagte Lovir und verließ endlich den Raum.

    Es wurde still.

    Dakeria begann sich rasch umzuziehen, um sich weitere peinliche Augenblicke zu ersparen.

    „Das war… unangenehm.“, sagte sie schließlich und nahm ihm das Liederbuch aus der Hand.

    „Ein Grund mehr für dich, diesen Ort zu verlassen.“, erwiderte Grael. Er hatte Recht. Dennoch verzögerte sich ihre Antwort um einen Herzschlag länger als üblich. Natürlich bemerkte sie die Verzögerung. Doch warum, wusste sie nicht.

    Die Worte ihres Meisters echoten in ihrem Kopf wieder: „Beseitige deine größte Bindung, um frei von Abhängigkeiten zu sein.“

    Sie hatte lange darüber nachgedacht. Bindung war eine Schwäche. Wer etwas zu verlieren hatte, konnte erpresst werden – oder taktisch unkluge Entscheidungen treffen. Wer jemanden brauchte, um klar zu kommen, war niemals vollständig frei.

    Sie sah zu Grael. Sie brauchte ihn nicht mehr. Das schwarze Oratorium war in ihren Händen. Er hatte seinen Zweck erfüllt. Doch das war nicht die Aufgabe. Er war nicht ihre größte Bindung. Auch wenn sie sich in seiner Nähe tatsächlich etwas wohler fühlte. Doch das tat nichts zur Sache.

    Sie ging im Kopf ihre Bindungen durch…

    …da war zum einen ihr Gebieter. Prinz Xerxes von Talruin. Sie kannte ihn schon lange und er war einst ihr wichtigster Vertrauter gewesen. Allerdings verhinderte ihr Val’kyreneid, dass sie ihn tötete.

    Und dann war da noch Razuel. Ihr Vormund. Derjenige, der sie immer wieder folterte, damit sie verstehen konnte, wie sich ihr Opfer fühlte. Damit sie verstehen konnte, wie man seinen Feind brach – sowohl körperlich, als auch psychisch. Würde sein Verlust ihr schaden? Ja. Denn dann hätte sie keinen Lehrmeister mehr. Allerdings war Razuel ohnehin stets zu nachgiebig gewesen.

    Sie hatte ihre Entscheidung getroffen…

    ---

    Es war still in der Gaststube geworden. Kein Wunder – es war bereits weit nach Mitternacht. Razuel hatte den Wirt um sein letztes Bier erleichtert und genoss gerade die Ruhe, als die Tür aufschwang. Er konnte bereits ahnen, um wen es sich handelte, und war daher keineswegs erstaunt, Dakeria auf der Türschwelle zu sehen. Sie war allein.

    „Meister.“, sagte sie und verneigte sich respektvoll.

    Razuel stellte seinen Krug zurück auf den Tisch, als Dakeria näherkam: „Ich möchte, dass ihr mich begleitet.“

    Razuel hob eine Augenbraue: „Ist das so?“

    Sie nickte und ihre Augen verrieten keinerlei Information. Sehr gut.

    „Ich bin bereit, meine letzte Prüfung zu bestehen.“, erklärte sie.

    Razuel lächelte kalt. Das wurde aber auch Zeit…

    Er erhob sich und sie betraten schweigend die Hauptstraße. Dann bog Dakeria scharf nach rechts ab, zwischen ein paar wenigen Häusern hindurch, durch Gärten und ein altes Loch der Mauer. Sie kannte die Schleichwege bereits besser als ihr Meister! Beeindruckend.

    Sie führte ihn aus der Stadt hinaus, bis die Lichter der Gebäude hinter ihnen verschwanden. Schließlich erreichten sie eine kleine Höhle, nahe der Klippen. Razuel hörte, wie das Meer gegen die Felsen brandete.

    Er sah sich um. Es war niemand hier… eigentlich hatte er erwartet, dass sie ihre neue Bekanntschaft herlocken würde.

    Razuel wandte sich wieder an seine Schülerin, doch genau in diesem Augenblick stach sie zu. Selbst er hatte diesen Angriff nicht kommen sehen. Absolut lautlos.

    „…ich verstehe…“, sagte Razuel, während sein Blut langsam aus der Wunde sickerte.

    „Ihr sagtet, ich soll meine größte Bindung beseitigen. Das seid ihr. Es gab niemanden, dessen Urteil ich so lange befolgt habe. Niemanden, der mich so lange eingeschränkt hat.“

    Razuel lächelte matt. Er hustete. Blut. Noch mehr davon.

    „Du hast wirklich gut zugehört…“

    „Ich höre euch immer zu.“, erwiderte sie, während sie beobachtete, wie Razuels Kraft nachließ und er langsam zu Boden sank.

    „Das ist vielleicht das Schönste, was du mir je gesagt hast…“, brachte er abgehackt hervor. Seine Augen blickten sie noch ein letztes Mal an.

    Seine Schülerin… nein… das Wort passte irgendwie nicht…

    …er hatte sie ausgebildet… beschützt… befehle erteilt… sie zurechtgewiesen… sie hatte alles ertragen… und jetzt stand sie einfach da… ruhig… entschlossen… bereit zu tun, was er ihr beigebracht hatte… sie hätte ihn hassen können… doch ihre Augen waren vollkommen frei davon…

    Der stolz in seiner Brust verdrängte den Schmerz – für einen Moment. Dann drehte Dakeria die Klinge. Auch das hatte er ihr beigebracht. Es verursachte mehr Schaden und mehr Schmerz.

    „…meine… Tochter…“

    Das waren die letzten Worte, aus dem Mund ihres Meisters.

    Seine Augen wurden starr und das Licht darin war endgültig erloschen. Dakeria blieb einen Moment bei ihm stehen. Keine Worte. Kein Gebet. Keine Tränen. So wie es der Brauch der Saltatio Anima erlaubte.

    Dann wandte sie sich ab. Sie wusch das Blut ab und kehrte zurück nach Helia, als sei nie etwas passiert.

    Grael stand immer noch bei seinen Aufzeichnungen. Er sah zu ihr, als sie eintrat.

    „Du bist nass.“, sagte er nur.

    Dakeria ignorierte das: „Ich habe meine Prüfung bestanden. Ich werde diesen Ort nun verlassen, um meinem Gebieter zu dienen.“

    „Ist das so?“, erwiderte er.

    Eine kurze Stille entstand zwischen ihnen.

    „…zu schade.“

    Dakeria blieb stehen. Sie wandte sich wieder zu ihm um: „Was meint ihr?“

    „Das du gehst.“

    Sie betrachtete ihn: „Mein Meister ist tot. Ich habe getan, weshalb ich hergekommen bin.“

    „Ich weiß.“, seine Stimme war ungewöhnlich ruhig, „Es ist trotzdem schade, dass du gehst… meine kleine Val’kyre.“

    Dakeria schwieg. Sie wusste nicht, was sie mit diesem Satz anfangen sollte. Bedeutete er Bedauern? Oder war es schlicht die Feststellung, dass eine fähige Assistentin verloren ging? Grael war noch nie leicht zu lesen gewesen. Und Dakeria hatte keinen Grund eine Interpretation zu bevorzugen. Sie trat näher. Sie spürte etwas in ihrer Brust, wenn sie in seiner Nähe war. Enge. Unruhe. Sie dachte gar nicht lange darüber nach und vielleicht war auch genau das der Grund, weshalb sie es tat. Sie küsste ihn. Nicht besonders lang. Ihr Herzschlag war nur leicht erhöht. Gut. Sie trat wieder zurück. Dieses merkwürdige Gefühl war allerdings immer noch da. Sie konnte es nicht einordnen.

    Grael sagte nichts. Sie betrachtete ihn aufmerksam. Keine Ablehnung. Aber auch keine eindeutige Erwiderung. Sie konnte daraus nichts Verlässliches ableiten.

    Für den Moment konnte sie nicht einschätzen, ob das ihre Hypothese bestätigte… – er war ein Verbündeter. Keine tiefergehende Bindung, soweit sie es beurteilen konnte.

    „Ich werde zu meinem Gebieter zurückkehren.“, sagte sie und drehte sich um.

    „Das solltest du.“, hörte sie Grael noch sagen. Seine Stimme klang eine Spur kälter als sonst.

    Dann verwandelte sie sich. Schwarze Schwingen, mit Silber besetzt, brachen aus ihrem Rücken hervor und sie erhob sich elegant in die kühle Nachtluft.

    Der Matrose blickte sie überrascht an, als sie auf dem Deck des Schiffes landete.

    „Lady Dakeria?“, sagte er, als er sich wieder gefasst hatte.

    „Bringt mich nach Val’garath.“, ordnete sie ruhig an.

    Stille.

    Etwas stimmte nicht. Sie sah wieder zu dem Matrosen. Er zögerte.

    „…seid ihr sicher, dass ihr dorthin wollt? Das ist Kriegsgebiet.“, erklärte er schließlich.

    Dakerias Ausdruck verhärtete sich: „Seit wann?“

    Der Matrose blinzelte beschämt – vielleicht war es auch Angst: „…seit… seit über einem Jahr.“

    Es wurde schlagartig still. Dakerias Hand verkrampfte sich, als sie die Reling umschloss. Über ein Jahr… das konnte nicht sein… warum hatte sie nichts davon gewusst? …warum hatte Razuel ihr nichts gesagt?... sie dachte nach. Es gab nur eine logische Antwort darauf. Er hatte gewusst, dass sie zurückkehren würde, sobald sie davon erfuhr. Sie hätte ihre Ausbildung abgebrochen… vielleicht hatte er ihr Zeit geben wollen… doch was würde das bringen, wenn sie deswegen ihren Gebieter verlieren könnte?

    Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann öffnete sie sie wieder. Ihre Stimme war ruhiger geworden: „Ich verstehe. Bringt mich nach Val’garath. So nahe wie möglich.“

    Der Matrose salutierte und verschwand. Dakeria blieb allein zurück. Sie warf noch einen letzten Blick auf die gesegneten Inseln. Die goldenen Türme… die marmornen Hallen… bis der weiße Nebel sich wieder wie ein Schleier über sie legte.

    Es war bedeutungslos. Sie beschloss, fürs erste nicht mehr an diesen Ort zu denken. Ihr Ziel war Val’garath… Ihr Gebieter…. Ihre Heimat….

    Sie dachte wieder an Razuel…

    Sie hatte ihn getötet. Ihre größte Bindung.

    Und trotzdem fühlte sie sich nicht… frei.

    Nicht vollständig.

    Vielleicht hatte sie die falsche Antwort gefunden.

    Oder vielleicht… war sie noch nicht fertig damit, die richtige Frage zu verstehen.

  • Teil II : Wer wir waren

    Kapitel 6: Dakerias Gebieter

    Die Zeit verging quälend langsam… Dakeria verbrachte Tage auf dem Schiff. Tage voller Ungewissheit. Sie konnte nur hoffen, dass sie nicht zu spät kam… Warum hatte ihr Gebieter nicht nach ihr geschickt? War Xerxes vielleicht schon …? Nein. Das konnte nicht sein.

    Sie ließ ihren Blick über das dunkle, trübe Wasser schweifen. Der Himmel war wolkenverhangen und die Stürme auf rauer See häuften sich. Außerdem war es spürbar kälter geworden. Das war gut. Val’garath war noch nie für sein sonniges Wetter bekannt gewesen.

    Die Insel bestand aus verschiedenen Siedlungen und kleineren Städten, welche die Hauptstadt, Talruin, umringten. Es gab mehrere steinige Gebirge und in den Minen wurden seltene, wertvolle Mineralien geschürft, die über verschiedene Handelsrouten exportiert wurden. Genau deshalb war Val’garath auch ein begehrtes Angriffsziel.

    Allerdings war Talruin strategisch gut positioniert. Vom Nebelgebirge umringt, gab es nur einen einzigen Zugang – über den Fluss. Die Wachtürme der Bergkette waren ebenfalls ständig besetzt. Eigentlich leicht zu verteidigen. Zumindest in der Theorie.

    „Lady Dakeria?“, die Stimme eines Matrosen riss sie aus ihren Gedanken, „Der Käptn lässt verlauten, dass wir nicht weiter fahren werden. Will die Sicherheit der Crew nicht gefährden, Ma’am.“

    Dakeria nickte nur und der Matrose wandte sich ab.

    Ohne ein weiteres Wort verwandelte sie sich und erhob sich in die Lüfte. Sie konnte die Insel schemenhaft in der Ferne erkennen. Im Süden hatten einige Versorgungsschiffe angelegt. Sie fuhren unter keiner bestimmten Flagge. Gut zu wissen.

    Direkt dahinter sah sie die Zerstörung… verbrannte Dörfer. Schwelende Felder. Schreie. Dutzende Tote und viele Massengräber. Dakeria sondierte die Lage. Der Feind hatte mehrere Lager aufgestellt. Sie erkannte ein paar wenige Kriegsgefangene. Sie hatten sie am Leben gelassen… womöglich, um Informationen zu bekommen. Sie waren für den König nicht relevant genug, um für einen Geiselaustausch infrage zu kommen.

    Dakeria flog ein wenig höher, um nicht entdeckt zu werden und folgte dem Fluss. Der starke Qualm und Rauch erschwerte ihr die Sicht. Sie überquerte eine flache Ebene, auf der vor wenigen Tagen wohl gekämpft worden war. Sie erkannte es am Zustand der zurückgelassenen Leichen.

    Irgendwann erschien am Horizont die Gebirgskette, die Talruin umschloss. Sie atmete auf. Die Hauptstadttore waren verbarrikadiert. Sie erkannte Soldaten. Menschen. Lebende.

    Am Himmel sah sie die weißen Val’kyren. Sie observierten das Gelände und sahen aus, als hätten sie seit Ewigkeiten nicht mehr geschlafen. Doch ihre Blicke blieben scharf… zumindest die Meisten. Als Dakeria etwas tiefer flog, lösten sich zwei Val’kyren aus der Formation und jagten ihr nach. Wahrscheinlich hielten sie sie für den Feind.

    Dakeria blieb ruhig. Sie kannte das Kampfverhalten der weißen Val’kyren. Wenn sie einmal angriffen, würden sie nicht aufhören, bis man sie dazu zwang. Wie im Wahn flogen sie im Sturzflug der schwarzen Val’kyre hinterher.

    Dakeria wendete, kurz bevor sie auf dem Boden aufkam. Doch ihre Verfolgerinnen hatten weniger Glück. Sie hörte ein hässliches Knacken hinter sich und wandte sich um. Wahrscheinlich ein paar gebrochene Knochen. Ja. Die würden sich schon wieder erholen.

    „Schwarze Val’kyre!“, hörte sie eine Stimme sagen. Die oberste der weißen Val’kyren bedachte sie mit strengem Blick.

    „Mein Herr ruft mich.“, erwiderte Dakeria nur und ohne eine weitere Erklärung machte sie sich auf den Weg zur Burg.

    ---

    „Eure Majestät, bei allem Respekt… wir können uns keine weitere Niederlage leisten! Wenn wir noch ein einziges Mal angegriffen werden, wird unsere Verteidigung nicht halten können. Die Val’kyren sind erschöpft. Die Krieger auch. Und der Feind steht vor unserer Türschwelle!“

    Xerxes schwieg. Er wusste ohnehin nicht, was er sagen sollte… als Kronprinz war er nicht für den Verlauf des Krieges zuständig. Noch nicht. Sein Vater hatte sich mit den Generälen im Ratssaal verschanzt. Deswegen war es nun seine Aufgabe geworden, sich die Bedenken der Leute anzuhören. Und seine eigenen zugegebenermaßen zynischen Gedanken dabei zu unterdrücken.

    Wenn bloß…

    Plötzlich schwang die Tür der großen Eingangshalle auf und eine einzige blasse Gestalt trat ein. Xerxes atmete erleichtert aus. Endlich. Sie war zurück.

    Ein Tuscheln erfüllte den Saal und die Menschen tauschten neugierige Blicke aus. Die meisten von Ihnen hatten die schwarze Val’kyre noch nicht ein einziges Mal gesehen. Und diejenigen, die sie kannten wussten lediglich, dass sie als kühl und distanziert galt.

    Dakeria beachtete sie nicht und kniete vor ihrem Gebieter nieder: „Eure Majestät.“

    Xerxes Blick blieb auf ihr ruhen. Sie war noch blasser als früher. Dünner. Doch sie hatte nichts von ihrer einstigen Schönheit verloren… bis er ihre Augen sah. Kalt und leblos. Das gefiel ihm nicht.

    Dennoch klang seine Stimme warm, als er sprach: „…du warst lange fort.“ Dann wandte er sich an seine Diener: „Räumt den Saal. Ich möchte mit meiner Val‘kyre allein sprechen.“

    Während die Diener den Saal leerten, betrachtete sie ihren Herrn. Er war abgemagert. Seine Haut wirkte fahl und er war blasser geworden. Seine rubinroten Augen waren blutunterlaufen und das schwarze Haar hing in langen Strähnen über sein Gesicht. Der Kinnbart war ungepflegt. Und vielleicht kam es ihr nur so vor, aber die Narbe, die sich über sein rechtes Auge zog, wirkte irgendwie frischer… so, als hätte er sich aufgekratzt.

    Als der letzte Diener den Raum verließ stand er auf und ging auf sie zu. Und für diesen Moment fiel all der königliche Ballast von ihm ab. Er umarmte sie.

    Sie bemerkte, dass sie recht hatte. Er hatte abgenommen. Sie erschrak ein wenig.

    „Alles in Ordnung?“, fragte er schließlich, als er sie wieder losließ. Nicht ganz. Seine Hand umklammerte immer noch ihren Arm, als fürchtete er, sie würde wieder wegfliegen.

    „Ihr… scheint ein paar schlaflose Nächte gehabt zu haben.“, erwiderte sie und versuchte sich einen Reim darauf zu machen. Sie sah ihn an. Früher hatte er immer versucht, Abstand zu ihr zu wahren... auch wenn das nicht immer geklappt hatte.

    „…es geht mir gut.“, sagte er und das Lächeln schwand aus seinem Gesicht, „…ich bin nur froh, dass dir nichts passiert ist.“

    „Ich habe meine Ausbildung bei Meister Razuel abgeschlossen.“, sagte sie. Es war ungewohnt, dass Xerxes ihr ohne Grund so nahekam. Sie kannte den Geruch seiner Haut. Die Art, wie er sich bewegte. Doch die Tatsache, dass ihre Herzfrequenz sich erhöhte, wenn er sie umarmte, war neu.

    „Verstehe… und wo hast du Razuel gelassen?“

    Dakeria schwieg einen Moment. „Meine letzte Prüfung bestand darin, ihn zu töten.“, sagte sie leise, aber deutlich. Xerxes suchte in ihrem Gesicht nach irgendeiner Gefühlsregung – vergeblich. „…das klingt sehr nach ihm.“, sagte er irgendwann, „…ich habe mich schon gefragt, warum er keine Briefe mehr schickt.“

    Sie machte eine Pause – gerade genug, damit ihr Herr diese Nachricht hoffentlich verarbeiten konnte – dann sah sie ihn eindringlich an: „Eure Majestät, mir wurde zugetragen, dass wir uns im Krieg befinden. Bitte bringt mich auf den aktuellen Stand.“

    Xerxes sah sie nur an. Sein Blick war undurchschaubar. Dann strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht: „Später. Ich möchte zuerst von deiner Reise erfahren.“

    Dakeria runzelte die Stirn und sah ihn vollkommen irritiert an. Was war mit ihm los? Normalerweise kam er immer sofort auf den Punkt… und normalerweise hatte er auch keinen Grund ihr so nahe zu kommen. Naja… früher schon… doch seit er der Prinz von Talruin war…

    „Razuel schrieb, dass du dort einen Verbündeten gefunden hättest. Jemanden der dir geholfen hat, das schwarze Oratorium zu bergen.“, sagte Xerxes schließlich. Irrte sie sich, oder war da ein Hauch von Misstrauen in seiner Stimme?

    „Das ist korrekt. Grael hat sich als außerordentlich nützlich erwiesen.“, bestätigte sie monoton.

    „Verstehe… und… er ist ‚nur‘ ein Verbündeter?“ Der Zweifel in seiner Stimme war nun unüberhörbar.

    „Ich habe mich auf keine Bindung eingelassen, die meine Mission beeinträchtigen könnte.“, erwiderte sie.

    Er sah sie eindringlich an: „Bist du sicher?“

    Sie hielt seinem Blick stand: „Ja. Ich habe es überprüft.“

    Nun sah Xerxes für einen Moment irritiert aus. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er kannte sie. Er wusste, dass sie etwas eigen war… eine gefühlsmäßige Analphabetin. Und er bereute schon innerlich die Frage, die er jetzt stellte: „Und wie überprüft man so etwas?“

    Dakeria ließ sich mit ihrer Antwort Zeit. Das tat sie sonst nie… Xerxes bereitete sich auf das Schlimmste vor.

    „Ich habe ihn geküsst.“

    Nun wurde es still. Sehr still. Für Xerxes fühlte es sich wie ein Schlag in die Magengrube an.

    „Du hast… -was?!“

    Dakerias emotionsloser unschuldiger Blick machte es nicht besser: „Ich wollte herausfinden, ob ich irgendwas dabei fühle.“

    Xerxes versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch er spürte einen Kloß im Hals: „…und zu welchem Schluss bist du gekommen?“

    „Er hat mich nicht weggestoßen. Meine Herzfrequenz war minimal erhöht, aber noch immer im Normalbereich.“, sagte sie, als würde sie einen medizinischen Bericht vortragen.

    Xerxes wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Dakeria schien seine Reaktion zu bemerken und frage nachdenklich: „…war das unangemessen?“

    Xerxes rieb sich die Schläfen: „…ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wo ich anfangen soll…“

    Dakeria dachte noch eine Weile darüber nach. Ihr Gebieter schien sehr besorgt zu sein. Sie verstand nur nicht, wieso.

    „…ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass er eine nützliche, aber nicht tiefergehende oder längerfristige Bindung ist. Ein Verbündeter.“, erklärte sie langsam. Sie hoffte, dass sie damit nicht wieder etwas sagte, das Xerxes Probleme machen könnte.

    Dieser verdrehte lediglich die Augen und ein schwaches Grinsen erschien auf seinen Lippen.

    …sie hat gerade einen Mann geküsst… und es klingt, als wertet sie einen Einsatz aus…

    „Darcy.“, sagte er und Dakeria zuckte zusammen. So hatte er sie seit… - seit damals nicht mehr genannt. Ihre Aufmerksamkeit war ihm nun sicher.

    „Du kannst Gefühle nicht einfach wie einen Schwertgriff testen.“

    „Warum nicht?“, fragte sie überrascht.

    Xerxes lachte, obwohl es sich anfühlte, als schnüre man ihm die Luft ab. Dakeria blickte ihn nur verwirrt an. In dieser Hinsicht hatte sie sich kein Stück weit verändert…

    „Vertraust du ihm?“, fragte er schließlich.

    „Ja.“, sagte sie ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.

    Xerxes schwieg. Es dauerte einen Moment, bis er aussprach, was ihn nun beschäftigte: „…Mehr als mir?“

    Dakeria legte den Kopf schief: „Nein. Wieso sollte ich?“

    Er sah sie an: „Weil du bei mir nicht getestet hast, ob ich nur ein Verbündeter bin.“

    „Das war nie notwendig.“, Dakerias Stimme wurde leiser, „…ohne euch wäre ich nicht hier, sondern in irgendeinem Gefängnis in Demacia. Ihr habt mich damals beschützt, ohne mich überhaupt zu kennen…“

    Xerxes schwieg. Er spürte, wie ihm leichter ums Herz wurde. Es stimmte… damals, vor so vielen Jahren… Dakerias Ziehfamilie war einem Attentat zum Opfer gefallen. Und Dakeria besaß magische Fähigkeiten und wurde von den Demacianern gejagt. Sie war ihm direkt in die Arme gelaufen… und wenn er Demacia nicht noch mehr gehasst hätte, hätte er sie wahrscheinlich festgehalten und das Lösegeld kassiert. Stattdessen hatte er sie in eine Seitengasse gezogen. Damals wusste er allerdings noch nicht, dass sie wie eine Klette an ihm kleben würde.

    Seine Mundwinkel hoben sich leicht bei dieser Erinnerung. Damals, vor so vielen Jahren… damals, als er nur als Scream – als Auftragskiller bekannt gewesen ist. Und nicht als Sohn eines korrupten Königs.

    Sein Blick fiel wieder auf Dakeria, welche ihn immer noch so ansah, als wartete sie auf eine Antwort. Er verschränkte die Arme: „Und warum musste ER einen Test bestehen?“

    „Weil er und Ihr zwei verschiedene Personen seid.“, erklärte Dakeria seelenruhig. Eine vollkommen neutrale Feststellung.

    Xerxes sah sie noch eine Weile an: „War das wirklich alles?“

    „Nein.“, sagte Dakeria, „Ihr habt mich nie angelogen. Mich nie verkauft. Mich nie gezwungen jemand zu sein, der ich nicht bin. Ihr habt zwar versucht, mich loszuwerden, aber es war offensichtlich, dass ihr meine Gesellschaft dennoch akzeptiert habt…“

    Xerxes musste wieder grinsen. Natürlich. Als ob er sie jemals losgeworden wäre. Er hatte lediglich irgendwann aufgegeben, sie loswerden zu wollen.

    „…außerdem seid Ihr warm gewesen.“, beendete Dakeria den Satz nüchtern.

    Xerxes blinzelte: „…ich war… warm?“

    Dakeria nickte : „Ja. Ich habe neben euch besser geschlafen.“

    Nun musste Xerxes wirklich grinsen. Stimmt ja… Dakeria hatte die Angewohnheit, sich im Schlaf an ihn zu kuscheln. Am Anfang war es ihm ziemlich unangenehm gewesen… diese fremde Frau, die wie eine Klette an ihm hing und sich auch noch an ihn kuschelte und nicht wach zu kriegen war… er hatte sie jedes Mal weggeschoben, doch irgendwann hatte er es aufgegeben. Sie kam sowieso jede Nacht zurück.

    Nun wurde ihm wieder bewusst, wie seltsam es gewesen war, allein aufzuwachen. Nicht im Dreck, sondern in einem richtigen Bett ohne Flöhe oder Bettwanzen… doch etwas fehlte. Und dieses Etwas war sie. Sie war immer an seiner Seite gewesen. Nun jedoch war sie seit Jahren von ihm getrennt gewesen…

    Er sah sie an: „Vielleicht solltest du dich tatsächlich ausruhen. Du bist sicher müde von der Reise…“

    „Nein.“, entgegnete Dakeria scharf und Xerxes seufzte innerlich. Sie ließ nicht locker. „Bitte setzt mich nun über die bisherigen Kriegshandlungen ins Bild.“

    „…Dakeria… es gibt nichts, was du noch tun könntest.“, erwiderte er.

    „Das entscheide ich.“, ihre Augen waren von einem geradezu unheimlichen Eifer erleuchtet.

    „…Dakeria… du bist nicht einmal eine Kriegsfürstin.“, versuchte er zu sagen. Doch dann fiel ihm wieder ein, wer die Befugnis hatte, sie zu einer solchen zu ernennen: nämlich er selbst.

    Und ihr Blick war definitiv eindeutig.

    „Nein.“

    „Eure Majestät…“

    „Darcy… bitte.“

    „Ich heiße Dakeria.“

    Er hielt inne. Genau das hatte sie früher auch immer gesagt, wenn er sie mit diesem Spitznamen aufzog.

    Er musterte sie… und seufzte. Sie würde nicht klein beigeben: „Meinetwegen. Ich ernenne dich zur Kriegsfürstin.“

    „Soweit ich weiß, müssen die anderen Kriegsfürsten der Ernennung zustimmen.“, fiel ihr auf. Xerxes unterdrückte ein genervtes Schnauben: „Dakeria… alle anderen Kriegsfürsten sind tot.“

    Sie blickte auf: „Oh…. Ich verstehe. Damit hat sich diese Formalität geklärt.“

    Dann setzte sie sich: „Bitte setzt mich nun über den bisherigen Kriegsverlauf ins Bild. Wer greift uns an? Seit wann? Wie groß ist ihre Armee? Wie viele Soldaten bleiben uns noch? Ist die Versorgungskett-!“

    Xerxes gebot ihr mit einer Handbewegung zu schweigen. Dann setzte er sich ihr gegenüber. Seine Augen hingen noch an ihr, als versuchte er sich jedes Detail ihres Gesichts einzuprägen. Seine Stimme klang merkwürdig hohl: „…während du weg warst… gab es einen Konflikt mit dem Orden. Sie haben sich von uns abgewandt. Lediglich ihre weißen Val’kyren sind uns – oder besser gesagt, meinem Vater noch ergeben. Unsere Bündnisse wurden zerschlagen. Handelsrouten blockiert. Mehrere Vasallen sind übergelaufen und unsere Flotte wurde vernichtet… jetzt stehen sie vor Talruin. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Stadt fällt.“

    Dakeria schien das lediglich als Information abzuspeichern. Sie zeigte keinerlei Reaktion, sondern stellte lediglich weitere Fragen: „Verbleibende Truppenstärke?“

    Xerxes schüttelte den Kopf: „Die Val’kyren und ein paar Soldaten sind alles, was uns geblieben ist. Einem weiteren Angriff können wir nicht standhalten.“

    „Was ist mit der Bevölkerung?“, hakte sie nach.

    „Bauern und Schmiede. Das sind keine Soldaten.“, sagte Xerxes nur. Ihm gefiel dieser Eifer in ihrem Gesicht nicht….

    „Ich verstehe. Ich werde neue Soldaten auftreiben.“, sagte sie und Xerxes lachte hohl: „Und wie? Dakeria, sämtliche Wege sind blockiert. Es wird keine Hilfe kommen.“

    „Dann suche ich in unseren eigenen Reihen.“

    „Glaubst du, wir hätten das nicht schon versucht?“, Xerxes knirschte mit den Zähnen. Er kannte sie. Er hatte schon viele Kämpfe mit ihr gewonnen. Nur das hier war keine Straßenschlacht.

    „Ich werde eine Strategie entwickeln.“, sagte Dakeria schließlich und verließ den Saal. Xerxes sah ihr nach. Er konnte nur hoffen, dass er mit ihr fliehen konnte… sobald sie es zuließ.

  • Kapitel 7: Ein Rabe unter Schwänen

    Dakeria trat hinaus auf die verdreckte Straße. Sie musste zunächst herausfinden, inwiefern die Versorgungskette noch vorhanden war. Ohne Versorgung, keine Soldaten. Die Rechnung war simpel. Sie brauchte eine Liste aller noch verfügbaren Ressourcen, der Versorgungslage, der verbleibenden Truppenstärke, sowie der Aufstellung des Feindes.

    Sie sah sich um. Es waren nicht viele Menschen auf der Straße. Die meisten zogen einen Karren, auf dem Verwundete geladen waren. Sie erkannte das Blut schon aus der Ferne. Der Karren kam vor einem notdürftig aussehenden weißen Zelt zum Stehen. Andere Karren transportierten starre bleiche Körper ab – die Leichen. Dakeria entschied, als erstes dorthin zu gehen. Die Wahrscheinlichkeit auf aktuelle Informationen war dort derzeit am höchsten.

    Dakeria beschleunigte ihre Schritte und betrat das Lazarett. Sofort stieg ihr der Geruch von faulendem Fleisch, Schweiß und Blut in die Nase. Es stank bestialisch und es wimmelte von Fliegen. Die Luft war erfüllt von Schmerzensschreien und Sanitätern, die einander hektisch Dinge zuriefen.

    Dakeria sah sich um. Die wenigen Heiler hatten alle Hände voll zu tun, auch wenn sie nicht genug hatten, um die Verwundeten versorgen zu können. Sie sah zu, wie ein Sanitäter Stoffbahnen aus den Zeltwänden schnitt, um diese als Verbände nutzen zu können. Die Flaschen mit Heilsalben und Antibiotika waren bereits aufgebraucht, von Heiltränken ganz zu schweigen. Mehrere Patienten teilten sich eine Liege und die Heiler versuchten mehrere Personen auf einmal zu behandeln. Sie hatten schlichtweg zu wenige Hände.

    „Kann ich helfen?“, fragte Dakeria schließlich. Die nächste Heilerin sah sie mit zusammengekniffenen Augen an: „Habt ihr überhaupt irgendeine Ahnung von dem, was wir hier tun?“

    „Ich habe bereits mehrere kleinere Verletzungen behandelt.“, Dakeria zog einen Verband aus ihrer Beintasche – sie hatte stets ein Notfallset dabei, falls sie auf ihrer Mission verletzt werden sollte. Sie zog außerdem zwei kleine Heiltränke und eine Salbe für Brandverletzungen heraus. Xerxes hatte früher darauf bestanden, dass sie es mitnahm. Auch wenn sie es bisher noch nie gebraucht hatte.

    „Euch schickt der Himmel!“, sagte ein anderer Sanitäter und griff sofort nach der Brandsalbe.

    Dakeria sagte nichts und half der Heilerin an ihrem Patienten einen Druckverband anzulegen. Gleichzeitig nutzte sie die Gelegenheit, um an Informationen zu kommen: „Wie schlimm ist es?“

    „Pfft. Das seht ihr doch.“, murmelte sie, die Augen immer noch auf den Patienten gerichtet. Ihr Gesicht war zu höchster Konzentration erstarrt.

    „Wie viele Verwundete kommen täglich rein?“, fragte Dakeria nun. Die Heilerin schwieg zunächst.

    „Zu viele, um Zeit mit zählen zu verschwenden.“, sagte sie schließlich.

    „Ich brauche eine Zahl. Wie viele Leute kehren kampffähig zurück? Welche Medikamente fehlen?“

    Die Heilerin schien nun etwas verärgert: „Seht ihr denn nicht, dass wir beschäftigt sind?!“

    Dakeria erwiderte ihren Blick vollkommen ausdruckslos: „Doch. Darum frage ich jetzt.“

    „Wir sind euch dankbar für eure Hilfe. Aber ich muss euch jetzt leider bitten zu gehen.“, die Stimme der Heilerin hatte sich verändert. Sie klang aufgebracht. Und genervt.

    Dakeria verneigte sich: „Wie ihr wünscht.“

    Dann verließ sie das Zelt. Offenbar musste sie anders an Informationen kommen…

    Sie wandte sich gerade zum Gehen, als sie zwei weitere Sanitäter hinter dem Zelt reden, hörte: „…wenn wir bis morgen nicht noch mehr Verbände auftreiben können, verlieren wir die nächsten zehn ebenfalls…“

    Dakeria blieb stehen und wandte sich zu dem Sprecher um: „Wie viele Weber befinden sich noch in der Stadt?“

    „Ich…äh…-was?“, der Sanitäter, der die Brandsalbe genommen hatte, sah sie verwundert an.

    „Weber.“, wiederholte Dakeria.

    „Äh… keine Ahnung… die Weberei ist im unteren Ring. Keine Ahnung, ob sie überhaupt noch steht, aber…-!“

    „Vielen Dank.“, beendete Dakeria das Gespräch und ging, ohne ein weiteres Wort. Sie brauchten Stoffe… die Chance war gering, aber vielleicht konnten die Weber noch irgendwoher etwas auftreiben. Dakeria bahnte sich ihren Weg zum unteren Ring, in dem die meisten Handwerker ihre Werkstatt hatten. Normalerweise herrschte hier ein geschäftiges Treiben. Händler gingen ein und aus. Doch nun waren die staubigen Straßen bis auf ein paar Totengräber leer.

    Die Luft roch nicht wie üblich nach Metall und Rauch. Die Schmiede war leer. Die Öfen erloschen. Wahrscheinlich war selbst das Erz knapp geworden. Sie sollte später überprüfen, wo geschürft wurde.

    Sie lief weiter. Ein paar Häuser weiter brannte es. Irgendwas schien das Dach zertrümmert zu haben. Dem Einschlag zufolge ging sie von einem Katapult aus. Zum Glück war dieses Haus direkt zwischen zwei bereits vollständig heruntergebrannten Ruinen gelegen. So konnte sich das Feuer nicht weiter ausbreiten.

    Sie überlegte. Auf den umliegenden Bergen hatte sie keinerlei großes Kriegsgerät gesehen. Sie ging also erst einmal davon aus, dass die Val’kyren das Katapult zerstört hatten. Doch auf eine Vermutung konnte sie sich nicht verlassen. Sie musste sie später überprüfen.

    Endlich kam die Weberei in Sicht. Anders als bei den meisten Häusern waren die staubigen Fenster nicht zugezogen. Es brannte ein schwaches Licht.

    Dakeria betrat die Webstube. Dutzende Webstühle und Spinnräder standen still. Die Weber saßen auf ihren Schemeln und blickten sie überrascht an: „Was wollt ihr?“

    „Stoffe. So viel ihr mir geben könnt.“, sagte sie knapp.

    Einer der Weber lachte nur trocken und ein anderer stieß ihn mit dem Ellbogen in die Rippen. Dann erklärte er: „Unsere Schafe sind alle tot. Ohne Wolle haben wir nichts, aus dem wir etwas herstellen könnten.“

    „Was ist mit anderen Materialien? Leinen aus Flachs zum Beispiel?“, hakte sie nach.

    „…das hat man hier seit Jahren nicht mehr angebaut. Das Meiste haben wir importiert. Aber unsere Handelsschiffe sind schon seit Ewigkeiten nicht mehr zurückgekommen.“, sagte ein Weber in der Ecke.

    „Was ist mit Hanf?“, fragte Dakeria nun.

    „…ein paar Seile vielleicht.“, murmelte jemand, „Aber die sind teilweise schon kaputt. Nicht für die Armee zu gebrauchen.“

    „Schneidet sie auf.“, ordnete Dakeria nun an.

    Die Weber blickten zu ihr, als hätte sie den Verstand verloren. Doch Dakeria ignorierte die Blicke: „Bringt alles, was ihr noch habt zum Lazarett. Sie brauchen Verbände. Oder andere saugfähige Materialien. Stimmt euch mit den Sanitätern ab.“

    Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, trat sie wieder hinaus und dachte über ihre nächsten Schritte nach. Sie brauchte mehr Informationen.

    Da sie nun eine Kriegsfürstin war, könnte sie einfach zum Kriegsrat gehen und Informationen verlangen. Doch sie wusste bereits, wie das enden würde. Die Generäle schrien sich gegenseitig an und würden einer Val’kyre wie ihr ohnehin keine relevanten Informationen zukommen lassen. Sie brauchte einen anderen Plan… am besten Informationen von den Soldaten selbst.

    Ihr Blick fiel auf das Gasthaus. Erschöpfte Soldaten brauchten Erholung…

    Und die Wahrscheinlichkeit, dort auf einige davon zu treffen, war hoch. Vielleicht konnte sie dort das ein oder andere aufschnappen.

    ---

    Brief eines Sanitäters

    „Diese neue Kriegsfürstin ist mir unheimlich. Obgleich manche sie lediglich als Schoßhund des Prinzen sehen, vermeine ich etwas anderes zu erkennen. Sie schritt heute durch unser Lazarett, als ginge sie durch ein Lagerhaus. Kein Zögern. Kein Mitleid. Kein Entsetzen. Sie fragte nach Zahlen. Nach Vorräten. Nach Verbänden. Nicht ein einziges Mal fragte sie nach den Namen der Sterbenden. Hört sie denn nicht ihre Schreie? Sie sagte, sie wolle diesen Krieg gewinnen. Doch ich frage mich, wie viele dafür sterben müssen…“

    ---

    „…wie ich höre, ist deine Val’kyre zurückgekehrt.“

    König Arvid hatte den Saal betreten, ohne dass Xerxes es bemerkt hatte. Er bereitete sich bereits innerlich auf eine Standpauke vor und hielt dem kühlen Blick seines Vaters stand: „Das stimmt.“

    Der König lief zu den großen Fenstern, von denen aus er die ganze Stadt im Blick hatte. Er sah Dakeria durch die Straßen wandeln.

    „Sie scheint nicht zu wissen, wann eine Schlacht verloren ist.“, sagte er.

    Xerxes trat neben ihn: „Oder vielleicht sieht sie Möglichkeiten, die wir noch gar nicht in Betracht gezogen haben.“

    Arvid schnaubte: „Du setzt großes Vertrauen in diese Frau.“

    „Deswegen habe ich sie zur Kriegsfürstin ernannt.“, bemerkte Xerxes. Er versuchte angestrengt ein Grinsen zu unterdrücken, als er sah, wie sein Vater mühsam versuchte, nicht die Beherrschung zu verlieren. Doch dieser atmete tief durch und erklärte mit zusammengebissenen Zähnen: „Als König wirst du es dir nicht leisten können, einer einzelnen Person derart zu vertrauen.“

    Xerxes blieb vollkommen entspannt. Sein Blick ruhte auf seiner Val’kyre: „Nein… aber jemandem zu Misstrauen, der sein ganzes Leben für mich und dieses Reich opfert, halte ich für den größeren Fehler.“

    ---

    Dakeria betrat das Gasthaus. Die Stimmung war gedrückt und kaum jemand schien überhaupt Notiz von ihr zu nehmen. Die Soldaten starrten in ihre mehr oder weniger leeren Bierkrüge. Sie bahnte sich ihren Weg bis hin zu einem Tisch in der hinteren Ecke des Raumes. Nah genug, um die Gespräche zu belauschen, aber weit genug weg, um nicht gestört zu werden.

    Sie war schließlich nicht gekommen, um mit jemandem zu sprechen. Ihr war bewusst, wie man sie hinter ihrem Rücken nannte. Die einzige schwarze Val’kyre von Val’garath. Den ‚Raben‘. Dunkel. Anders. Ein Rabe unter Schwänen. Doch das störte sie nicht.

    Die Soldaten waren laut. Die meisten tranken sich ihren Frust von der Seele.

    „…dieses Gesöff ist ja kaum zu ertragen! So lasches Bier hab ich schon lange nich mehr gehabt!“, sagte einer und ein anderer Soldat, der einen blutigen Verband um den Kopf trug, pflichtete ihm bei: „Jaow. Das Zeug wird immer wässiger!“

    Verstehe. Der Wirt scheint das Bier zu strecken. Möglicherweise wird das Korn rationiert.

    Dakeria nahm diese Information auf und sah sich weiter um. Eine kleine Familie kauerte in einer Ecke, zusammen unter eine zerissene Decke gedrängt. Im Hinterzimmer waren weitere.

    Ein paar andere Soldaten sprachen über das Tor der Hauptstadt: „…wenn die nicht bald was machen, steht der Feind in ein paar Tagen in der Stadt. Lange hält das nicht mehr…“

    Ein anderer sprach über die Munition: „…Schmied sagt, es gibt mein Eisen mehr…“

    Dakeria hörte nur zu. Beobachtete. Notierte.

    Nach einigen Stunden setzte sich jedoch jemand zu ihr. Sie kannte das bärtige, wettergegerbte Gesicht. Gyron. Ein alter Haudegen und einer der wenigen, die schon einmal eine Schlacht mit ihr bestritten hatten.

    Er nickte ihr ernst zu: „Nun, da du hier bist, sehe ich vielleicht doch noch eine Chance, kleiner Rabe.“

    Dakeria sah ihn nur ausdruckslos an: „Ihr nennt mich jetzt also auch ‚Rabe‘.“, stellte sie fest. Gyorn grinste: „Die jungen Burschen haben sich den Namen ausgedacht.“, er nahm einen kräftigen Zug aus seinem Krug, „Und ich hab ihn übernommen.“

    Dakeria kniff die Augen zusammen: „Warum?“

    Gyorn lehnte sich zurück und strich sich den Bierschaum vom Bart: „Na weil er zu dir passt. Raben sind erstaunlich kluge Vögel. Wusstest du, dass sie sich Gesichter merken können? Sie bemerken Dinge, die die meisten außer Acht lassen würden.“

    Dakeria legte den Kopf schief, wie ein Hund, der etwas nicht verstand.

    „Sie beobachten erst. Dann handeln sie. Und sie verschwenden ihre Kräfte nicht für Dinge, die nichts bringen.“, er schmunzelte, „Außerdem werden sie von den anderen gemieden. Damit habt ihr wohl einiges gemeinsam.“

    Dakeria schaute in ihren Krug. Sie versuchte den Zusammenhang zu verstehen. Schließlich sagte sie nur: „Ich wusste nicht, dass Raben so intelligent sind.“

    Gyorn lachte laut und polternd auf, sodass sich einige sogar zu ihm umdrehten: „Das überrascht mich jetzt!“

    „Warum?“, fragte Dakeria.

    „Na weil du doch der beste Beweis dafür bist!“

    Sie senkte den Blick. Sie schien nachzudenken. Aber Gyorn unterbrach ihren Gedankengang: „Also? Wie sieht dein Plan aus?“

    Nun war Dakeria wieder in ihrem Element. Sie blickte auf: „Die Versorgungskette sichern, so gut es geht. Und mehr Soldaten auftreiben. Danach entwickele ich eine neue Strategie.“

    „Probleme, um die sich eine Kriegsfürstin kümmern sollte.“, bedachte Gyorn. Ihn beschlich ein ungutes Gefühl – doch es legte sich, als Dakeria sagte: „Seine Majestät Prinz Xerxes hat mich zur Kriegsfürstin ernannt.“

    Gyorn gluckste: „Wann ist das denn passiert? Soweit ich weiß, bist du doch erst seit ein paar Stunden hier!“

    Dakeria schien die Frage nicht so recht zu verstehen: „Direkt nach meiner Ankunft.“

    Gyorn lächelte. Natürlich hatte Xerxes das getan… wenn seine geliebte Val’kyre es verlangen würde, würde er sich wahrscheinlich sogar den Arm eigenständig abhacken.

    „Bezüglich der Soldaten wurde ich bereits informiert, dass sämtliche Anstrengungen bereits unternommen wurden. Ich werde prüfen, ob das zutrifft. Zudem möchte ich euch bitten, ein paar Männer aufzutreiben, um das Schlachtfeld nach Metallen und weiteren Materialien abzusuchen. Alles, was uns von Nutzen sein könnte.“

    „Das werde ich. Aber erst morgen früh. Die Männer sind erschöpft. Sie haben den ganzen Tag gekämpft.“, erwiderte Gyorn. Dakeria schien darüber nachzudenken. Früher hätte sie das Prinzip von Erschöpfung nicht verstanden. Mittlerweile schon.

    „Dann schickt die Frauen.“, sagte Dakeria stattdessen.

    Gyorn verschluckte sich beinahe an seinem Bier: „Die Frauen? Die werden mich verfluchen! Mich für verrückt erklären!“

    „Dann erklärt ihnen den Zweck. Und informiert mich, sobald ihr aufbrecht. Ich werde euch Deckung geben.“, erwiderte Dakeria, kurz angebunden.

    „Du willst dir beim Orden wirklich keine Freunde machen, was?“, grummelte Gyorn nun.

    Dakeria schüttelte den Kopf: „Seine Majestät hat mich darüber informiert, dass der Orden sich ohnehin gegen uns gewandt hat. Es gibt also keinerlei Gründe an unsinnigen Traditionen festzuhalten.“

    Die Art, wie sie ihn ansah, gefiel ihm nicht: „…du meinst das wirklich ernst.“

    Sie hob eine Augenbraue: „Ja. Warum sollte ich es nicht ernst meinen?“, fragte sie verwundert.

    „Weil kein General seine Leute auf ein Schlachtfeld schickt, um Schrott zu sammeln.“, erwiderte Gyorn grinsend.

    „Es ist kein Schrott. Es sind Waffen, die noch nicht geschmiedet wurden. Ressourcen, die noch nicht genutzt wurden.“, erklärte Dakeria bestimmt.

    „Selbst wenn wir alles einsammeln, werden wir kaum länger als ein paar Tage, vielleicht ein paar Wochen durchhalten.“, gab Gyorn zu bedenken.

    Dakeria stand auf: „Ich werde mich umsehen. Vielen Dank für die Gesellschaft. Ich muss jetzt gehen.“

    Gyorn nickte nur. Kurz bevor sie den Raum verließ, rief er ihr über die Tische noch etwas zu: „Kleiner Rabe!“

    Sie wandte sich um.

    „Lass dir Zeit… ich bin mir sicher, dass du etwas finden wirst, das wir seit Jahren übersehen.“, sagte er ruhig. Dakeria nickte nur und verschwand schließlich in der kühlen Abendluft.

    Ein paar Soldaten warfen Gyorn skeptische Blicke zu: „Ihr vertraut der schwarzen Val’kyre?“

    Gyorn nickte nur und brummte: „Von allen vertraue ich ihr am meisten. Ich habe schon mal eine Schlacht mit ihr bestritten… naja. Mehr als eine. Sie hat sich verbessert.“

    Im Gastraum war es still geworden. Aller Augen waren auf den alten Veteranen gerichtet. Gyorn entging das nicht. Er brummte: „Also, wenn ich hier schon meine alten Geschichten zum Besten geben soll, brauch ich definitiv noch ein Bier.“

    Ein paar fingen an zu lachen und jemand stellte ihm einen neuen Krug hin. Gyorn nickte anerkennend. Er strich sich über den Bart: „…also gut… es ist schon ein paar Jahre her… wir waren an einer Küste, irgendwo hinter Demacia stationiert. Niemandsland… ich weiß noch, dass wir zusätzliche Söldner angeheuert hatten.“ Gyorn blickte in die Ferne, als sei er völlig in Gedanken versunken. Und wahrscheinlich war er das auch. Er erinnerte sich an die Schlacht, als sei es seine erste gewesen.

    „Die Schlacht war bereits verloren, bevor ich es überhaupt begriff. Nicht militärisch – noch nicht. Aber die Männer waren erschöpft und der Vormarsch kam nur langsam voran. Damals kämpfte ich noch unter der Flagge des Ordens… ein rechtschaffener Kommandant, der sämtliche Regeln befolgte.“

    Ein paar Soldaten kicherten, doch Gyorn winkte gutmütig lächelnd ab: „Ja, ja das war ich tatsächlich. Jedenfalls – ihr kennt die Regeln. Frauen sollten laut dem Orden nicht aufs Schlachtfeld. Aber das hat Dakeria natürlich nicht davon abgehalten.“

    Sein Grinsen wurde bei der Erinnerung noch breiter: „Sie hat sich einfach als Mann verkleidet. Die Haare unter dem Helm versteckt in einer Rüstung, die ihr viel zu groß war. Und ich habs wirklich erst bemerkt, als sie mit mir sprach…. Sie hat versucht mich zu warnen. Mehrfach. Ich hab nicht zugehört. Vielleicht weil mein Stolz ein bisschen verletzt war.“

    Ein paar lachten und Gyorn grinste weiter: „Ja, ja, lacht ihr nur. Damals war ich ein stolzer Mann!“

    Er schüttelte den Kopf: „Sie kann ziemlich lästig werden, wenn man ihr nicht zuhört.“

    „Was hat sie danach gesagt?“, fragte jemand aus den hinteren Reihen. Gyorn sah kurz rüber. Ein junger Soldat. Wahrscheinlich war dies seine erste Schlacht.

    „Dass wir nicht weit kommen würden. Hätte ich ihr zugehört, hätte ich gewusst, dass der Feind bereits Schützengräben ausgehoben hatte. Wir hatten keine Zeit gehabt, das Gelände auszukundschaften. Ich handelte strikt nach den Vorgaben des Ordens. Und warf Dakeria aus der Einheit. Hab ihr gesagt, sie soll gehen.“, Gyorn gluckste, „Und ja… sie ist gegangen. Allerdings nicht sehr weit.“

    Er nahm einen tiefen Zug aus seinem Krug: „Sie hat sich einfach zwischen ein paar Felsen versteckt. Nur mit einer Armbrust bewaffnet und mit Schnee im Mund, damit man ihren Atem nicht sah.“

    Ein paar Soldaten tuschelten und Gyorn deutete mit dem Krug zu ihnen: „Ja, Schnee. Kühlt die Luft aus dem Mund ab, sodass man keinen Dampf sieht. Solltet ihr euch vielleicht für eure nächsten Einsätze merken.“

    Das Tuscheln erstarb und ein paar der jüngeren Soldaten nickten tatsächlich. Dann fuhr er fort: „Sie lag dort wahrscheinlich schon seit Stunden. Beobachtete das Feld. Die Gräben. Alles… ich hab sie gar nicht bemerkt, als wie vorrückten.“

    Er stellte den Krug ab und seine Miene wurde plötzlich ernst: „…und dann trat genau das ein, wovor sie mich gewarnt hatte.“

    Es wurde still. Die Erinnerung schien zu schmerzen.

    „…erst ein Pfeil… dann zehn… dann hunderte. Unsere Schilde reichten kaum aus. Wir kamen nicht weiter.“

    Er atmete schließlich aus und sie Anspannung fiel ein wenig von ihm ab: „Ja… wir waren verloren… aber dann sah ich, wie ein paar der feindlichen Schützen fielen.“

    Er grinste wieder: „Zuerst dachte ich, dass der Wind sich irgendwie gedreht hätte, damit die Pfeile die Richtung änderten.“

    Die Soldaten brachen in Gelächter aus und Gyorn meinte nur: „Ja, ja. Lacht ihr nur. Jedenfalls… irgendwann bemerkte ich, dass das kein Zufall sein konnte. Jemand half uns. Und verdammich noch eins – die Treffer saßen. Und dann entdeckte ich sie… allein zwischen den Felsen… dieses dumme Gör.“

    Gyorn schnaubte: „Ich dachte, wenn wir das überleben, mach ich sie nen Kopf kürzer!“ Dann hielt er inne und fügte nüchtern hinzu: „Naja. Wahrscheinlich hätte ich das doch nicht getan. Aber ihr wisst, was ich meine.“

    Ein paar lachten.

    „Aber ich war ziemlich sauer.“, sein Blick wurde wieder ernster. „Dann kamen neue feindliche Schützen hinzu und der Pfeilhagel wurde stärker. Unsere Männer kamen nicht voran… und dann sah ich sie.“

    Gyorn schüttelte den Kopf. Nach einer Pause fügte er hinzu: „Die idiotische Frau, die nur mit einem Messer bewaffnet mitten aufs Schlachtfeld rannte.“

    Ein Teller wurde fallen gelassen und das Gelächter erstarb augenblicklich: „Was?!“

    „Sie ist direkt in den Schützengraben gesprungen. Auch wenn sie auf dem Weg dorthin von mehreren Pfeilen getroffen wurde. Und sie hatte nur ein Messer dabei.“Gyorn sah in die Runde und hob eine Schulter, „Ein paar Schützen versuchten, auf sie zu schießen. Aber der Graben war so eng, dass sie sich kaum bewegen, geschweige denn zielen konnten. Und dann begann sie zu tanzen.“

    Es wurde wieder still.

    „…sie… tanzte?“, wagte es jemand zu sagen.

    Gyorn nickte und lächelte schwach: „Ja… zumindest sah es aus wie ein Tanz. Sie bewegte sich zwischen ihnen, wich aus und schlug zu. Jeder Schritt bedeutete einen Toten. Die waren am Ende so sehr mit ihr beschäftigt, dass sie keine Zeit mehr hatten, auf uns zu schießen… so war sie schon damals.“

    Er sah in die Runde, nahm noch einen kräftigen Zug und fuhr fort: „…als der letzte Schütze fiel, kam sie endlich aus dem Graben raus. Und dann ging sie einfach seelenruhig zurück zu uns. Sie kämpfte weiter. Nicht als Soldatin. Schließlich hatte sie keinen Rang mehr, seit ich sie rausgeworfen hatte. Sie hat einfach beschlossen, dass sie nun an unserer Seite kämpfte.“

    Seine Stimme versagte. Seine Hand fuhr unbewusst über eine alte Narbe: „…und dann wurde ich getroffen. Schwer. Unsere Linie brach auseinander… ich lag dort und wusste, dass mein letztes Stündlein geschlagen hatte.“

    Gyorn sah auf den Platz, an dem Dakeria zuvor gesessen hatte: „…und dann tauchte sie wieder auf. Diese idiotische Frau.“

    Er schüttelte erneut den Kopf: „Sie hat gar nichts gesagt, sondern einfach versucht, mich hochzuhieven und wegzubringen. Dass das eine dumme Idee war, brauch ich euch glaube ich nicht sagen. Ich hab mindestens dreimal so viel gewogen, wie sie und noch dazu trug ich eine Rüstung, die nass vom Schnee war. Aber sie hat es trotzdem getan.“

    Die Spannung im Raum war fast greifbar. Kaum einer wagte noch zu atmen, aus Angst Gyorns Stimme nicht weiter zu hören. Dieser trank noch einen Schluck und fuhr fort: „…Sie hatte mehrere Pfeile abbekommen. Einer in ihrer Schulter. Einer im Bein. Einer in ihrer Seite. Sie strauchelte. Fiel hin. Stand wieder auf. Und fiel wieder hin. Der Feind sah sie schon gar nicht mehr als Bedrohung. Sie sah sowieso aus, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Aber sie lief weiter.“

    Gyorn atmete langsam aus.

    „Sie brachte mich und dann auch noch zwei, drei andere zurück. Als wir im Lager ankamen, wäre sie beinahe umgekippt.“, ein mattes Lächeln erschien wieder auf seinem Gesicht: „Aber dafür hatte sie natürlich keine Zeit.“

    „Warum?“

    „Weil sie sich um die Verwundeten kümmerte.“, er griff wieder nach seinem Krug, „Und mich mit Fragen bombadierte. Vielen Fragen.“

    Gyorn seufzte gespielt genervt und imitierte Dakerias Stimme: „Warum ist der Soldat da zusammengebrochen?“

    Er nickte nur: „…weil sein Kamerad vor seinen Augen gestorben war. Dakeria sagte lediglich, dass das taktisch unklug sei. Sie verstand es nicht… verstand einfach nicht, warum Menschen manchmal nicht rational handelten, obwohl es ihnen schaden konnte… also fragte sie weiter.“

    Gyorn sah ins Feuer: „Warum weinen die Soldaten? Warum verlieren sie den Mut? Warum kämpfen sie weiter, obwohl die Situation aussichtslos ist? Warum folgen sie einem Befehl, der offensichtlich ihren Tod bedeuten konnte?“

    „…das war auf jeden Fall die längste Nacht meines Lebens.“, grinste er schließlich. Er setzte sich wieder auf: „Und dann fragte ich sie was. Warum sie hier war und weiterkämpfte, obwohl sie keinen Grund dazu hatte. Und da deutete sie auf ihren Söldnerkameraden – keine Ahnung wie er wirklich hieß, sie hat ihn immer nur ‚Scream‘ genannt – und sagte, dass sie immer an seiner Seite kämpfte.“

    Eines der Waschweiber warf ein: „Und? Sah er wenigstens gut aus?“ Sie und ihre Kolleginnen kicherten. Gyorn winkte ab: „Seh ich aus, wie jemand, der das beurteilen kann? Ist ja auch egal… also. Ich hab sie dann gefragt: ‚Könntest du noch normal reagieren, wenn dein Kamerad stirbt‘? … und da sagte sie nichts mehr. Und dann hab ichs verstanden.“, er ließ den Krug sinken, „Sie war ihm aufs Schlachtfeld gefolgt, obwohl sie dort nicht hätte sein dürfen. Sprang in Schützengräben und schleppte sich mit Pfeilen im Körper durch das Schlachtfeld. Nicht weil es taktisch sinnvoll gewesen wäre. Sondern weil er ihr wichtig war.“

    Stille legte sich über den Raum und Gyorn lehnte sich zurück: „Und irgendwann in der Nacht war Dakeria verschwunden. Ich wusste nicht, was sie vorhatte… aber ich konnte mich auch kaum bewegen. Nach ihr zu suchen war vollkommen unmöglich. Also warteten wir. Wir versuchten zu schlafen, weil wir am nächsten Morgen wieder ausrücken wollten.“

    Gyorn verdrehte die Augen: „Natürlich hatte ich diese närrische Frau wieder unterschätzt.“

    Ein paar Zuhörer lächelten verhalten.

    „Sie hatte ihren Kameraden mitgenommen und das ganze Feld präpariert. Keine Ahnung, wo sie überhaupt die Sprengfallen herhatten… Aber sie hat uns Zeit verschafft. Der Feind wusste nicht, welche Sprengfallen überhaupt scharf waren und welche ungefährlich.“, Gyorn setzte wieder den Krug ab, „Dakeria hatte verstanden, dass unsere Soldaten nicht mehr weiterkämpfen konnten. Also passte sie das Spielfeld an. Sie verschaffte uns genug Zeit, um uns auszuruhen, die Verwundeten zu versorgen, Rüstungen zu flicken und die Waffen zu reparieren.“

    Er schnaubte: „Und ich bekam endlich Zeit darüber nachzudenken, wie zum Teufel ich eine Frau aus meiner Einheit werfen konnte, die das Schlachtfeld anscheinend besser vorbereitete als mein gesamter Stab.“

    Ein paar lachten und Gyorn hob seinen Krug erneut: „An diesem Tag übertrug ich ihr das Kommando.“

    Es wurde schlagartig wieder still. Das war mehr als eine Regelverletzung des Ordens, sondern eine bewusste Befehlsverweigerung. Es hätte Gyorn den Kopf kosten können.

    „Obwohl sie noch nie eine Armee geführt hatte?“, fragte schließlich jemand.

    Gyorn gluckste: „Obwohl sie absolut keine Ahnung hatte, wie man eine Armee führt! Aber … sie wusste, wie man Möglichkeiten erkennt. Und wisst ihr, was ihre erste Ansprache als Kommandantin war?“

    Gyorn sah in die Runde: „Sie entschuldigte sich.“

    Die Soldaten sahen ihn überrascht an.

    „Ja. Sie hat sich entschuldigt. Für die Fehler, die sie gemacht hatte…“, er hob den Krug, „Und für die Fehler, die sie noch machen würde. Sie war keine große Kriegerin. Keine große Kommandantin. Noch nicht.“

    Gyorn nahm einen letzten Schluck: „Aber sie hat nie aufgehört, Fragen zu stellen. Und sie war bereit, zuzuhören. Und darum vertraue ich ihr…“, er sah wieder ins Feuer, „Nicht, weil sie immer Recht hatte. Das hatte sie nämlich nicht… sondern weil sie nie aufgehört hat, herauszufinden, warum sie falsch lag.“

    Er stellte den Krug ab, „Sie hat Fehler gemacht. Viele. Verdammt viele. Aber sie hat aus jedem etwas gelernt. Und wenn sie heute sagt, dass vielleicht etwas übersehen wurde... dann würde ich verdammt nochmal lieber herausfinden, was sie meint, bevor wir sie wieder ignorieren.“

    ---

    Dakeria bekam von all dem nichts mit. Sie stand bereits am Tor.

    Wenn Gyorn ihrer Anweisung folgte, würde der Bergungstrupp frühestens bei Nacht ausrücken können. Es wurde bereits langsam dunkel.

    Einerseits war das gut. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Feind sie entdecken würde, war geringer. Andererseits wäre die Sicht auch schlechter. Fallen, Minen und Ressourcen könnten leicht übersehen werden.

    Das Risiko für den Trupp war zu hoch. Sie musste die Sache selbst in die Hand nehmen. Sie war schon auf dem Weg zum Schlachtfeld, als sie innehielt.

    …ich muss Gyorn informieren.

    Dann wandte sie sich um. Sie breitete ihre Flügel aus und flog wieder zurück zum Gasthaus.

    Gyorn saß noch immer am Tisch. Er war umringt von Menschen. Wahrscheinlich hatte er wieder eine seiner alten Geschichten zum Besten gegeben. Doch nun, als sie ankam, wurde alles still.

    „Ich habe den Plan geändert.“, sagte sie knapp.

    Gyorn setzte sich auf und bedeutete, den anderen zu gehen: „Und?“

    „Ich werde mich allein zum Feld begeben und das Gelände sichern. Folgt mir erst, wenn ich euch ein Zeichen gebe.“, erklärte sie.

    Gyorn schwieg einen Moment. „Bist du sicher?“

    „Ja.“ Dakeria zögerte nicht einen Moment bei ihrer Antwort. Natürlich tat sie das nicht… diese närrische Frau. Gyorn schüttelte den Kopf: „Und wenn du nicht zurückkehrst?“

    „Dann bleibt ihr, wo ihr seid.“, antwortete sie ruhig.

    Gyorn verdrehte die Augen: „Du hast wirklich ein Talent dafür, andere zu beunruhigen.“

    Dakeria sah ihn daraufhin fragend an: „Das war nicht meine Absicht.“

    Er brummte: „Nein. Natürlich war es das nicht.“

    Sie legte den Kopf schief: „Das ist ineffizient. Ich muss euch leider bitten, eure Beunruhigung abzulegen. Ich empfehle mich.“

    Gyorn lachte leise, während sie schließlich wieder das Gasthaus verließ. Gyorns Worte schwirrten ihr immer noch im Kopf rum. Doch das konnte warten. Die Nacht brach bald an. Sie wollte möglichst noch vorher auf dem Schlachtfeld ankommen.

    ---

    Die Luft war kühl und roch nach verbranntem Eisen, als sie landete. Ihr Blick wanderte über das Schlachtfeld. Im letzten Abendlicht zeichneten sich noch die Überreste der letzten Schlacht ab. Verbrannte Wagen. Leichen, manche schon vom Schnee bedeckt. Zersplitterte Schilde.

    Es war still. Nur der Wind war gelegentlich zu hören und wirbelte feinen Schneestaub auf.

    Es wirkte fast, als sei die Zeit stehengeblieben. Verstreute Waffen lagen unweit ihrer toten Herren. Umgestürzte Wagenteile ragten aus dem Eis. Hie und da glitzerte etwas metallisches – Pfeile und Speerspitzen. Manchmal auch Rüstungsteile. Der Bergungstrupp würde die Leichen untersuchen müssen – vielleicht konnte man einige Rüstungen des Feindes weiterverwenden.

    Die Fußspuren waren schon leicht vom Wind verweht und feiner Schnee überdeckte einige davon. Doch manche waren tiefer und besser erkennbar. Dakeria betrachtete die Richtung, in die sie gelaufen sind. Ihre Rückzugsroute führte durch eine Engstelle zwischen zwei Felsen. Ein guter Ort für eine Falle.

    Etwas am Boden zog ihren Blick auf sich. Ein Pfeil… doch die Federn am Ende waren… ungewöhnlich. Kein Vogel von dieser Insel oder aus dieser Gegend. Sie mussten von weit hergereist sein. Dakeria tippte auf Ionia oder Ixtal. Wenn sie tatsächlich so weit gereist sind, nur um ein relativ kleines Land zu erobern… mussten sie einen verdammt guten Grund dafür haben. Und sie würde herausfinden, welchen.

    Außerdem mussten die Soldaten nach einer solchen Reise erschöpft sein. Allerdings war das nur eine Vermutung. Sie würde sie überprüfen müssen.

    Als sie sich wieder aufrichtete, durchbrach eine schwache Stimme die eigentümliche Stille.

    „Val…Val’kyre…“

    Dakeria sah sich um. Die Stimme kam von links. Sie lief ein Stück in die Richtung und fand mehrere Leichen – und einen Soldaten. Er war am Leben. Noch. Sein Gesicht hatte bereits sämtliche Farbe verloren, die Lippen blau von der Kälte. Sie legte den Rest von ihm frei, der unter dem Schnee bedeckt war. Vermutlich hatte er sich mit letzter Kraft eingegraben, um nicht zu erfrieren. Es war eine unkluge Entscheidung – bei der Schwere seiner Verletzungen war es ein Wunder, dass er noch immer lebte. Tod durch Erfrieren wäre die angenehmere Option gewesen. Mehrere tiefe Stichverletzungen in der Bauchgegend. Viel Blutverlust. Sein Körper war zu lange unterversorgt gewesen.

    „Ich kann nichts mehr für euch tun.“, sagte sie nüchtern. Der Soldat sah sie lediglich an. Nicht ängstlich. Sondern erleichtert.

    „…ich weiß… ich… war so ein Idiot… ich… wollte… ihn noch einmal… wiedersehen…Petre…“

    Dakeria hielt inne. Ein törichter Wunsch. Oder war es das, was man Hoffnung nannte? Razuel sagte einst, dass Hoffnung die Menschen dazu bringen konnte, erstaunliche Dinge zu tun. Oder sehr verzweifelte Dinge. Sie war sich nicht sicher, ob langsamer und qualvoller zu sterben, statt einfach zu erfrieren, dazugehörte. Also sagte sie nichts. Sie wandte sich zum Gehen.

    „… Val’kyre…“, sprach der Soldat erneut und sie blieb stehen, „…werden wir… gewinnen?“

    Sie wandte sich nicht um: „Ja. Ich habe es so beschlossen.“

    Ihr Blick glitt über das Schlachtfeld, das immer mehr in der Dunkelheit verschwand. Sie würde Licht brauchen…

    „…gut… dann war… mein Tod… nicht umsonst.“

    Dakeria drehte sich wieder zu dem Soldaten um. Sein Lebenslicht war fast erloschen.

    „Ich kann aus eurem Tod noch einen Nutzen ziehen. Wäre euch das recht?“, fragte sie kühl.

    Der Soldat sah sie nur mit trüben Augen an und nickte, kaum merklich. Dakeria verlor keine weitere Zeit. Ihre Haut riss auf, als sie die Lebensenergie des Soldaten kanalisierte und daraus ein Licht formte. Der Soldat fiel leblos zu Boden. Dakeria selbst musterte ihre Hand. Die arkanen Risse leuchteten durch ihren Handschuh hindurch. Würde wahrscheinlich bis morgen dauern, bis sie sich regeneriert hatte. Ihr Körper war nicht dafür geschaffen, ihre tatsächlichen Kräfte einzusetzen. Aber wenigstens hatte sie nun ein kleines grünes Feuer in ihrer Handfläche.

    Nun huschte sie vorsichtig durch die Reihen. Keine Fallen. Interessant. Aber taktisch ineffektiv. Zudem fand sie viele verschiedene Rüstungen. Sie erkannte den verstärkten Stahl aus Noxus. Die dicken, mit Leder und Fellen gefütterten Rüstungen aus Freljord. Leichte, hitzeresistente Rüstungen aus Shurima. Und einige, die sie selbst nicht einordnen konnte. Eine mögliche Erklärung für die fehlenden Fallen wäre, dass die Krieger aus verschiedenen Reichen kamen und es keine Zeit gab, sie in verschiedene Fallen aus fremden Ländern einzuweisen. Aber auch das war lediglich eine Mutmaßung.

    Was sie allerdings mit ziemlicher Sicherheit nun wusste: Der Feind hatte globale Verbündete. Womöglich auch Söldner. Verschiedene Rüstungen, verschiedene Waffen und wahrscheinlich auch ein ganzes Sammelsurium aus verschiedenen Kampftechniken. Sie überlegte einen Moment. Wenn ihre Theorie korrekt war, konnte sie daraus einen Vorteil ziehen. Womöglich würde es dauern, wenn sie Verstärkung anfordern müssten. Außerdem wusste sie, dass manche Krieger aus anderen Ländern nicht an val’garathische Kost gewöhnt waren – im besten Fall könnte sie Vorräte zerstören oder sie mit giftigen einheimischen Beeren versetzen. Doch das wäre lediglich ein simpler Schritt. Dennoch sollte sie es im Hinterkopf behalten.

    Sie richtete sich auf und sah nach Süden. Sie hatte bereits auf ihrem Weg hierher einige Schiffe gesehen. Das bedeutete, sie musste die Meere im Auge behalten. Am besten eine Seeflotte aufstellen. Im schlechtesten Fall mussten Späher genügen.

    Ihr Blick fiel wieder auf den Boden. An Metallen würde es jedenfalls nicht mangeln, sofern der Bergungstrupp gründlich arbeitete. Die verschiedenen Rüstungen bestanden aus verschiedenen Materialen. Sie würde sie nach Eigenschaften sortieren lassen. Verstärkter Stahl für die Verteidigungsanlagen. Hitzeresistentes Material für alles, was auch nur ansatzweise heiß werden konnte. Leder und Felle als Kälteschutz.

    Sie kniete sich hin und zog eine Leiche aus dem Schnee. Um seinen Hals ging an einem kleinen Lederband ein Fläschchen mit einer grünen Flüssigkeit. Es war halb leer. War das…?

    Dakeria entkorkte es und fächerte sich vorsichtig den Geruch zu. Ein Heiltrank. Kein Zweifel. Sie stopfte ihn in ihre Tasche und begann weitere Leichen zu untersuchen. Es waren nicht viele. Am Ende hatte sie vielleicht zwanzig Stück beisammen. Besser als nichts.

    Sie fragte sich, warum der Feind die Toten nicht barg… sie hatten ihr jede Menge Ressourcen zurückgelassen. Sie müsste sie lediglich verarbeiten.

    Vielleicht hatten sie überstürzt fliehen müssen. Aber gegen eine schwache Armee machte das kaum Sinn. Vielleicht eine natürliche Ursache? Ein Blizzard, der die Sicht erschwerte?

    Dakeria schüttelte den Kopf. Nichts als Mutmaßungen. Sie würde später die Soldaten befragen müssen.

    Sie lief weiter über das Schlachtfeld. Es war, als erzählten die Toten ihr ihre Geschichte. Ein Leichnam, bekleidet mit dünner Rüstung, schmächtig – eigentlich als Soldat ungeeignet. Vermutlich noch nicht einmal volljährig. Sie bezweifelte, dass er hierhergekommen war, weil er eine Wahl hatte.

    Dort, eine Kriegerin, neben ihr ein weißer Wolf. Ein Gefährte… oder ein Reittier. Er war mit seiner Herrin gestorben. Den vielen Wunden zufolge musste es ein langer harter Kampf gewesen sein.

    Dakeria betrachtete gerade einen Leichnam eines heimischen Soldaten, als sie etwas spürte. Die Energie eines Lebenden. Schwach. Sehr schwach. Aber da. Sie schien aus der Richtung der verbrannten Siedlung zu kommen.

    Dakeria trat näher. Das Haus war bis auf die Grundmauern abgebrannt. Doch bei genauerer Betrachtung erkannte sie die Griffe einer Kellerluke im Schnee. Lautlos öffnete sie die Tür und folgte der knorrigen Treppe nach unten. Der Raum war relativ groß und mit Regalen vollgestopft. Offenbar ein Vorratslager. In einer Ecke standen Säcke mit Kartoffeln und Äpfeln. Das dürfte den Bergungstrupp ebenfalls interessieren.

    Ein erstickter Laut drang aus einer Ecke und Dakeria formte ihr Licht zu einer grün leuchtenden Klinge –

    Es war ein Kind. Ein Mädchen mit dunkler Haut, verschiedenfarbigen Augen und strahlend hellblauen stacheligen Haaren. Sie schien nicht älter als zehn zu sein. Ihre großen Augen starrten voller Furcht auf die Klinge.

    Doch Dakeria machte zunächst keinerlei Anstalten, diese zurückzustecken. Kinder wirkten unschuldig – es konnte immer noch eine Falle sein. Das Mädchen trug zudem ein altes shurimanisches Amulett um den Hals.

    „Steh auf.“, Dakerias Stimme war ruhig. Nicht drohend, lediglich kühl und fokussiert. Das Mädchen zitterte dennoch am ganzen Leib und ihre Beine schienen ihr nicht so recht gehorchen zu wollen. Sie strauchelte und fiel hin. Dakeria wartete. Dann schaffte sie es vorsichtig aufzustehen. Dakeria achtete auf jede ihrer Bewegungen. Wenn dieses Kind eine Waffe bei sich hatte, war sie jedenfalls gut versteckt. Ihre Kleider waren ein paar Nummern zu groß für sie. Sie trug keine Rüstung und war sichtlich abgemagert. Interessant. Warum hungerte sie, wenn neben ihr Säcke mit Nahrung standen?

    „Wie lautet deine Mission?“, fragte Dakeria schließlich.

    Das Mädchen wagte es nicht, sie anzusehen und legte ihre Hände auf den Hinterkopf. Sie zitterte. Ob wegen Dakeria oder wegen der Kälte, vermochte niemand zu sagen.

    „…ich… soll mich verstecken. D-das – das hat Laneesha gesagt.“, brachte sie abgehackt hervor. Dakeria senkte ihre Klinge immer noch nicht: „Laneesha. Ist das deine Kommandantin?“

    „S-sie ist mei-meine Schwester!“, große Tränen füllten die Augen des Kindes. Dakeria wartete, dass sie weitersprach.

    „…sie-sie hat nicht gehorcht…. Da-darum hat man mich an die Front gest-stellt… als Strafe.“, sagte sie schließlich. Dakeria suchte ihr Gesicht nach dem kleinsten Anzeichen einer Lüge ab – doch sie schien glaubwürdig. Fürs erste.

    Interessant.

    „Was war ihr Vergehen?“, fragte Dakeria weiter.

    Das Kind schniefte: „…sie…wir… haben Lebensmittel genommen. Von den anderen.“

    „Warum?“, hakte die Val’kyre nach.

    „…es… es gab Streit. Weil nicht genug für alle da war. Laneesha wollte, dass ich etwas mehr bekam.“, das Mädchen sah zu Boden und dicke Tropfen perlten von ihrem Gesicht auf den Boden.

    Dakeria ließ die Klinge wieder zu einem Licht werden, was das Kind ungemein zu beruhigen schien: „Wie ist dein Name?“

    „L-Liv.“, ihre großen Augen musterten die Val’kyre nun mit einer Mischung aus Angst und Neugier.

    „Du unterstehst jetzt meinem Kommando, Liv. Sind noch andere hier?“, fragte Dakeria weiter.

    Liv schüttelte den Kopf. Dann hockte sie sich auf den Boden und bedeckte ihre Augen mit den Händen und schluchzte.

    Dakeria sah sie verständnislos an: „Warum weinst du?“

    Liv schüttelte erneut den Kopf: „We-wenn ich dir h-helfe, töten sie meine Schwester!“

    Dakeria schwieg. Ja, das war eine Möglichkeit. Aber es war auch nicht sicher, ob ihre Schwester überhaupt noch am Leben war.

    Sie sah Liv scharf an: „Ich werde deine Schwester finden. Und dann verlasst ihr diesen Ort. Verstanden?“

    Zu ihrer Überraschung war da zum ersten Mal ein Funken Hoffnung in Livs Augen: „Versprecht ihr es?“

    Dakeria nickte nur. Ihr Blick fiel wieder auf die Säcke mit Vorräten… „Liv? Wenn du die ganze Zeit hier versteckt warst, warum hast du dann nichts davon gegessen?“

    Das Kind sah verständnislos drein: „Das kann man essen?“

    Dakeria sah sie prüfend an: „Ja. Kennst du keine Kartoffeln?“

    „Kartoffeln sehen anders aus.“, widersprach sie, „dunkler und nicht so gelb.“

    „Das, was du beschreibst, sind Süßkartoffeln.“, entgegnete Dakeria.

    „Die sind aber gar nicht so süß!“, sagte Liv, energisch den Kopf schüttelnd. Dakeria schwieg. Wenn das so weiter ging, würde sie nur wertvolle Zeit verlieren. Ihre Stimme wurde eine Spur kälter und das Kind zuckte zusammen: „Komm jetzt mit. Bleib in meiner Nähe und keine verdächtigen Bewegungen – verstanden?“

    Liv nickte nervös. Dann kletterten sie die alte Treppe hinauf und traten erneut ins Freie. Dakeria sondierte die Umgebung. Keinerlei Lebensenergie. Gut. Sie wandte sich wieder an Liv: „Was weißt du über den Kriegsverlauf?“

    „Ich…äh….-was?“, stammelte diese. Sie schien die Frage gar nicht zu verstehen. Dakeria versuchte, die Frage präziser zu stellen: „Der Kriegsverlauf. Was ist passiert? Wer gehört zum Lager deiner Schwester? Wie viele Kämpfer habt ihr? Und wer führt sie an?“

    Liv schien immer noch überfordert. Dakeria atmete tief durch und dachte nach. Sie musste die Frage einfacher formulieren: „…woran kannst du dich noch erinnern?“, fragte sie schließlich.

    „…viele Leute. Es… es waren viele Leute. Manche haben komisch gesprochen…“, sagte Liv.

    So weit, so gut. Dakeria dachte nach: „Welche Waffen hast du gesehen?“

    Liv schien einen Moment zu überlegen: „…komische Säbel. Hämmer. Speere. Und ein Haus das Steine werfen konnte, aber das haben die mit den weißen Flügeln kaputt gemacht.“

    „Ich verstehe. Eine letzte Frage noch, Liv. Warum kämpft deine Schwester für sie?“

    Liv scharrte mit den Füßen und Dakeria wartete geduldig auf ihre Antwort.

    „…Geld. Laneesha braucht Geld. Unsere Familie ist - …sie… sind nicht mehr da. Laneesha kümmert sich um mich. Darum musste ich mitkommen.“, erklärte das Mädchen.

    Dakeria nickte nur. Eine Söldnerin also. Wie erwartet.

    Plötzlich bemerkte sie eine Bewegung am Rande der Siedlung. „Duck dich!“, befahl sie Liv.

    Doch das Kind erstarrte nur: „W-was ist denn?“

    Dakeria antwortete nicht. Sie lauschte. Schritte die im Schnee knirschten. Eine Person. Langsam. Unregelmäßig. Womöglich verwundet. Es klang, als würde ein Bein nachgezogen.

    Sie drückte Liv nach unten und sah die Umrisse einer Person zwischen den Schneeschleiern. Sie verwandelte ihr Licht wieder in die grüne Klinge. Eine Vorsichtsmaßnahme. Doch Liv riss die Augen auf: „Nein! Das ist Laneesha!“

    Dakeria ließ den Blick auf der Gestalt ruhen, die sich langsam weiter durch den Schnee quälte. Auf diese Entfernung hätte sie niemand erkennen können. Liv musste außergewöhnlich gute Augen haben. Diese stürzte bereits nach vorn, ehe Dakeria sie aufhalten konnte.

    Eine heisere Stimme drang durch die Stille: „…Liv?“

    Kaum eine Sekunde später hing das Kind in ihren Armen und Dakeria schloss vorsichtig zu den Beiden auf. Laneesha sah aus wie eine ältere Version von Liv. Sie hatte dieselbe dunkle Haut und dasselbe hellblaue Haar. Nur dass es bei Laneesha lang war und in kunstvollen goldverzierten Knoten über ihre rechte Schulter fiel. Ihre bernsteinfarbenen Augen ruhten auf Dakeria und ihre Hand lag auf dem Köcher, in dem nur noch vier Pfeile steckten: „Ihr habt sie gefunden?“

    „Sie hatte sich im Keller versteckt.“, erwiderte Dakeria emotionslos. Offenbar genügte das als Antwort, denn Laneesha sah wieder zu ihrer Schwester und ging sicher, dass ihr nichts fehlte. Dakeria beobachtete sie währenddessen. Ihr Bein war schwer verletzt und eine lange Blutspur führte genau zu ihnen.

    „Dein Bein muss versorgt werden.“, sagte Dakeria knapp, „Es führt sie zu uns.“

    Dann verhärtete sich ihr Blick. Sie hörte etwas. Schwere Schritte im Schnee. Metall. Sie wandte sich wieder zu den Schwestern um: „Wir sind nicht allein.“

    Laneesha ließ Liv los und zog einen ihrer Pfeile. Sie wollte ihn gerade in die Sehne legen, als Dakeria ihr Einhalt gebot: „Warte. Lass sie näherkommen.“

    „Warum?“, fragte Laneesha. Ihre Stimme klang bereits schwach. Sie würde nicht mehr lange durchhalten.

    „Wenn du jetzt schießt, schneiden sie uns den Fluchtweg ab. Wenn wir eingekesselt sind, kann ich deine Schwester nicht kampflos hier rausbringen.“, sagte Dakeria. Ihre Augen waren vollkommen auf die Soldaten fixiert. Dann verwandelte sie sich – große schwarze Schwingen brachen aus ihrem Rücken hervor. Gut erkennbar für den Feind.

    „Eine Val’kyre!“, rief jemand. Genau das, was Dakeria wollte.

    „Liv, Laneesha – versteckt euch.“, ordnete sie an. Und Laneesha verstand, was sie da tat. Sie verschaffte ihnen noch ein bisschen Zeit.

    Der Hauptmann brüllte gegen den Wind: „Lasst die Val’kyre nicht entkommen! Vergesst die anderen!“

    Dakeria wartete, bis die Soldaten auf sie zustürmten. Dann erhob sie sich in die Luft – gerade hoch genug, damit sie ihr folgen mussten. Sie führte sie nach Osten. Weg von Laneesha und Liv.

    Es funktionierte. Sie manövrierte sie durch eine Felsspalte. Dann wendete sie scharf und ließ diese hinter den Soldaten einstürzen. Sie waren von Liv und Laneesha abgeschnitten. Doch das stachelte ihren Zorn nur noch mehr an.

    Dakeria lächelte. Dieses Lächeln hatte sie schon oft gezeigt. Es provozierte. Manche hielten es für Grausamkeit. Andere für Überheblichkeit. Doch tatsächlich diente es nur einem Zweck: Den Gegner im Glauben zu lassen, sie hätte die Kontrolle. Und genau das brachte sie dazu, unüberlegt zu handeln.

    Sie flog wieder weiter, die andere Seite der Felsspalte passierend. Doch sie merkte, dass der Trupp sich zog.

    Offensichtlich waren sie erschöpft. Zumindest ein paar davon. Ein Mann kam nicht mehr hinterher.

    Dakeria wendete abermals scharf und stürzte mit einem einzigen Hieb hinab. Sie spaltete seinen Helm. Gerade genug, um ihn außer Gefecht zu setzen, ohne seinem Schädel etwas anzutun.

    Es genügte, um die Soldaten wieder auf Trab zu halten. Sie flog durch eine weitere kleine Siedlung. Die Häuser waren verlassen, aber noch intakt. Die Dächer waren von einer dicken Schneedecke begraben.

    Ein paar Soldaten wollten hinaufklettern: „Über die Dächer! Wir schneiden ihr den Weg ab!“

    Doch ihr Kommandant hielt sie zurück: „Nein! Zusammenbleiben!“

    Allerdings schien er seine Einheit nicht besonders gut unter Kontrolle zu haben, denn ein paar Soldaten lösten sich aus der Formation und ignorierten seinen Befehl. Sie rannten über die Dächer – welche prompt unter dem Gewicht ihrer schweren Rüstungen nachgaben. Sie stürzten ein. „Lasst sie liegen! Der Val’kyre nach!“, schrie der Kommandant.

    Dakeria überlegte im Flug über die Ausgangssituation des Kommandanten. Hätte er die Soldaten geborgen, hätte er Soldaten dafür abstellen müssen. Tut er es nicht, würde das bedeuten, dass er zwei verwundete Soldaten unter Trümmern begraben im Schnee liegen ließ. Sie würden qualvoll sterben. Keine gute Ausgangslage, was man auch tut. Interessant. Sie sollte sich das für ihre späteren Strategien merken.

    Ein Blick nach hinten bestätigte ihr, dass die Soldaten ihr immer noch hinterherjagten. Sie flog nun über eine glatte Ebene.

    Ein Pfeil zischte an ihrem Ohr vorbei. Genau auf so etwas hatte sie gewartet. Sie ließ die Flügel einknicken und verdrehte den Körper leicht – so, als würde sie unkontrolliert abstürzen. Direkt auf einen kleinen Felsvorsprung.

    Die Soldaten stürmten siegessicher hinterher. Sie waren schon halb bei ihr, als der Boden unter dem Gewicht ihrer Stiefel nachgab. Oder besser gesagt das Eis. Sie standen auf einem zugefrorenen See. Dakeria war früher öfters hier gewesen, bevor man sie zur Val’kyre ernannt hatte. Er war tief, fror aber nie komplett zu. Die Eisschicht war dick genug, um ein paar normale Menschen zu tragen – doch keine Armee in schwerer Rüstung.

    Dakeria sah schweigend zu, wie die Risse unter den Soldaten größer wurden. Wie sie schließlich einsanken und erkannten, dass sie sie in eine Falle gelockt hatte. Die ersten versuchten noch, sich gegenseitig aus dem Wasser zu ziehen. Einer schien bereits aufgrund des Temperaturunterschieds das Bewusstsein verloren zu haben. Die schweren Rüstungen zogen sie immer weiter nach unten. Sie sogen sich mit Wasser voll. Panik brach aus. Ein paar warfen ihre Waffen fort und versuchten verzweifelt das Metall, das sie schützen sollte, loszuwerden. Wieder andere schlugen verzweifelt auf das Eis ein.

    Dakeria beobachtete das Schauspiel. Sie konnte den Augenblick beinahe greifen. Der Moment, in dem der Überlebenswille dem Tod wich. Schon damals bei Vrelen hatte sie sich gefragt, was wohl in den letzten Augenblicken eines Lebens geschah. Angst. Das hatte sie bei ihm gesehen. Panik – das erkannte sie nun bei den Soldaten. Doch was war mit Razuel? Er war beinahe friedlich gestorben, obwohl er starke Schmerzen haben musste. Sie wusste selbst, wie es sich anfühlte, wenn man das Messer dreht, das im eigenen Fleisch steckt. Warum hatte er im Tod so friedlich ausgesehen?

    Sie fand keine Antwort. Aber das war für den Moment nicht wichtig. Sie sollte zu Liv und Laneesha zurückkehren. Ein letztes Mal noch vergewisserte sie sich, dass ihr niemand folgen konnte. Dann brach sie auf.

  • Kapitel 8 – Der Rabe und das Küken

    Sie flog langsam zurück, den Blick auf den Boden gerichtet, bis sie Laneeshas Blutspur sah. Sie führte sie wieder zu den verlassenen Häusern. Doch dieses Mal hatten sie sich nicht im Keller versteckt. Vielleicht hatten sie es versucht, doch mit Laneeshas Wunde wäre der Abstieg ein weiterer Alptraum für die ohnehin schon angeschlagene Soldatin gewesen.

    Sie hockten in den Ruinen. Diese boten keinerlei Schutz vor irgendwas, doch Dakeria konnte bereits spüren, warum sie nicht weitergegangen waren.

    Laneeshas Lebensenergie entwich immer mehr. Diese saß eng an ihre Schwester gedrängt vor den Überresten einer Feuerstelle. Nicht entzündet. Gut so. Das hätte weitere Feinde angelockt.

    Dakeria trat schweigend näher und Laneesha hob langsam den Kopf, als sie die Val’kyre sah: „…habt ihr sie besiegt?“

    Dakeria schüttelte den Kopf: „Sie haben sich selbst besiegt. Ich habe lediglich die Weichen gestellt.“ Ihr Blick fiel auf Laneeshas Wunde. Es sieht so aus, als hätte sie bereits versucht, sich mit einem Heiltrank zu helfen… es war fast weg. Aber… der Heiltrank hatte nicht genügt, um den Blutverlust zu stoppen.

    „Übel… stimmts?“, sagte Laneesha. Sie warf der Val’kyre einen Blick zu. Sie wusste, dass sie nicht mehr zu retten war. In ihren Augen war jedoch noch etwas anderes. Eine stumme Bitte.

    Pass auf sie auf…

    Dakeria nickte, kaum merklich.

    Es schien Laneesha zu genügen, denn diese wandte sich wieder an ihre Schwester: „…Liv. Sieh mich an.“ Das Schluchzen in ihren Armen wurde lauter. Das Kind war noch so jung… und trotzdem schien auch sie verstanden zu haben, dass ihre Hoffnung verloren war.

    Endlich schaffte sie es, den Blick ihrer Schwester zuzuwenden. Ihre Augen waren rot und verquollen. Laneesha lächelte schwach: „…ich…muss gehen. Und gleichzeitig werde ich immer bei dir sein. Verstanden? Du bist nie vollständig allein… die Val’kyre wird… auf dich aufpassen…“, ihre Stimme wurde leiser und schwächer. Ihre Kraft ließ nach und sie ließ Liv langsam los.

    „…ich hab… dich lieb.“

    Ein letzter Atemzug… und dann… schloss sie ihre Augen. Für immer.

    Liv dünner Leib war erfüllt von Schluchzen und Zittern. Dakeria stand nur da… sie wusste, dass Menschen nach dem Tod einer geliebten Person Zeit brauchten. Doch Dakeria konnte ihr nicht allzu viel Zeit geben.

    „Wir müssen gehen.“, sagte sie. Doch Liv rührte sich nicht vom Fleck. Dakeria ging ihre Optionen durch. Keine davon gefiel ihr. Schließlich legte sie ihre Hand auf Livs Schulter: „Liv. Wir müssen gehen. Laneesha sagte, dass ich auf dich aufpassen soll. Du unterstehst meinem Kommando…“, sie hielt inne. Ihr war etwas eingefallen, das sie bei den Saltatio Anima gelernt hatte. „Liv. Gibt es in deiner Familie ein Abschiedritual?“

    Das Kind nickte zitternd. „W-wir nehmen den Toten den Schmuck ab. Und geben ihn den Lebenden, weil man ihn im Tod ja nicht mehr braucht.“, sagte sie. Dakeria erkannte, dass sie bemüht war, ihre Stimme fest klingen zu lassen.

    „Zeige mir bitte, wie das geht. Wir dürfen leider nicht länger bleiben.“

    Liv nahm mit zitternden Fingern die goldenen Verzierungen aus dem Haar ihrer Schwester. Dann sah sie zu Dakeria: „Kannst du sie mir anstecken?“

    Die Val’kyre war überrascht. Sie hatte noch nie mit Haarschmuck gearbeitet. Und Livs Haar war ziemlich widerspenstig. Am Ende hatte sie zwei Strähnen, die ihr Gesicht einrahmten, an denen die kleinen goldenen Perlen hingen. Für mehr war keine Zeit gewesen – außerdem war Dakerias Begabung darin faktisch nicht vorhanden.

    „Wir müssen nun gehen. Komm mit.“, wiederholte Dakeria und wandte sich um. Dann bemerkte sie, wie eine kleine kalte Hand nach ihrer griff. Sie sah an sich runter. Liv blickte zurück und wischte sich mit dem Ärmel noch einmal über die Augen: „…Danke.“

    „Wofür?“, fragte Dakeria irritiert, „Sie ist gestorben. Ich konnte nichts für sie tun.“

    „Du hast dafür gesorgt, dass ich mich verabschieden konnte.“, erwiderte Liv leise. Diese warf ihrer Schwester noch einen letzten Blick zu und verließ dann mit Dakeria die Ruinen. Sie gingen vorsichtig in Richtung der Hauptstadt, nur von Dakerias Licht geleitet. Irgendwann kamen die Tore Talruins in Sicht. Dakeria gab den Wachen ein Zeichen, woraufhin die großen Torflügel langsam und knarzend aufgezogen wurden.

    Der Bergungstrupp samt Gyorn stand bereits dahinter. Zwei Soldaten und neun Frauen, allesamt mit Körben, Säcken und Handwagen ausgestattet. Ein paar von ihnen tuschelten hinter hervorgehaltener Hand.

    „Das Gelände ist gesichert.“, sagte Dakeria nur. Gyorn nickte, doch sein Blick war auf die schmächtige Gestalt gerichtet, die sich halb hinter Dakeria versteckt hielt: „Wer ist das?“

    Dakeria wandte sich um und bedeutete ihr, näherzukommen: „Liv.“

    Liv stolperte ein wenig näher an Dakeria heran und klammerte sich an ihrem Mantel fest. Es wurde schlagartig still.

    „Sie gehört zum Feind!“, rief jemand aus den hinteren Reihen und Dakeria bemerkte, dass einer der Soldaten nach seinem Speer griff.

    „Ihr bringt den Feind in unsere Stadt?!“

    „Ein Kind.“, korrigierte Dakeria vollkommen ruhig. Liv hatte Angst. Das spürte sie.

    „Der Feind schickt Kinder vor! Das haben wir schon mal erlebt!“

    „Eine Spionin!“

    „Wir sollten sie sofort wegsperren!“

    „JETZT HALTET MAL ALLE DEN RAND!“, Gyorns tiefe dröhnende Stimme übertönte alle und sie verstummten. Der riesenhafte Veteran ging vor Liv in die Hocke. Es reichte nicht ganz, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein: „Sieh mich an.“

    Doch Liv wagte es kaum, den Blick zu heben. Ihre großen Augen waren rot vom Weinen, das Gesicht eingefallen. Sie war viel zu dünn und ihre Kleidung war zu groß. Sie zitterte noch immer am ganzen Leib und ihre Augen huschten zwischen Gyorn und den Speeren hin und her. Ihre Finger klammerten sich noch stärker in Dakerias Umhang.

    Gyorn erhob sich schließlich wieder und wandte sich an seine Mannschaft: „Sieht sie für euch wie eine Spionin aus?“

    Und nun sprach niemand. Sie sahen nicht den Feind, sondern das Kind. Schwach. Unterernährt. Zitternd. Das Misstrauen flammte ein wenig ab. Nicht genug, um ihr zu vertrauen – doch genug, um keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen.

    „Sie bleibt.“, sagte Dakeria schließlich, „Von ihr geht keine Gefahr aus.“

    Einer der Soldaten schnaubte: „Und wenn ihr euch irrt?“

    Dakeria sah zu ihm und sagte: „Dann trage ich allein die Verantwortung.“ Damit war für sie das Gespräch beendet. Gyorn nickte: „Gut. Dann ist die Sache entschieden…“

    Und in Gedanken fügte er hinzu: Der Rabe hat sich also ein Küken zugelegt. Bei dieser Vorstellung musste er ein wenig grinsen. Nun schien auch eine der Frauen sich endlich ein Herz gefasst zu haben. Sie kam ein wenig näher: „Du siehst ja fürchterlich hungrig aus.“

    Ein Magengrummeln war Livs Antwort darauf. Dakeria wollte gerade etwas sagen, als eine andere Stimme die Nacht durchbrach: „Dakeria!“

    Sie wandte sich um. Xerxes eilte zu ihr. Er sah so aus, als hätte er überall nach ihr gesucht. Sein Haar war zerzaust, der Mantel offen. Er sah sie unwirsch an: „Wo warst du?“

    „Ich habe das Gelände ausgekundschaftet, eure Majestät.“, erwiderte Dakeria, als hätte sie nur eben einmal saubergemacht. Xerxes schüttelte den Kopf: „Und warum wurde ich darüber nicht informiert?!“

    Sie sah ihn an: „Ich habe Gyorn informiert.“

    „Aber mich nicht.“, erwiderte Xerxes. Eine Falte hatte sich auf seiner Stirn gebildet, wie immer, wenn er sich nicht sicher war, ob er erleichtert oder wütend sein sollte. Dakeria dachte einen Moment nach: „…das ist korrekt.“

    Gyorn bedeutete seinem Trupp auszurücken und wandte sich dann zu den Beiden: „Hoheit, ich wusste selbst erst kurz vorher davon. Wir hatten keine Zeit, um-!“

    Doch Xerxes bedeutete ihm mit einer Handbewegung zu gehen. Dieser warf Dakeria nur einen mitleidigen Blick zu und tat schließlich wie geheißen.

    „Tu das nie wieder.“, sagte Xerxes nun. Sein Blick haftete an seiner Val’kyre.

    Diese legte jedoch den Kopf schief, wie immer, wenn sie eine Frage nicht verstand: „Allein auszurücken?“

    „Nein.“, sagte Xerxes genervt. Nach einer kleinen Pause atmete er aus und fügte hinzu: „…zu verschwinden, ohne dass ich weiß, ob du noch lebst.“

    Dakeria schüttelte den Kopf: „Die Wahrscheinlichkeit meines Todes lag unter fünf Prozent.“

    Xerxes antwortete nicht. Er gab den Versuch auf, ihr zu erklären, warum sie ihn gerade in den Wahnsinn getrieben hatte. Schon wieder.

    Stattdessen nahm er ihre Hand in seine: „…du bist gerade erst zurückgekommen. Verlass mich nicht schon wieder.“

    „Dafür kann ich nicht garantieren, eure Majestät.“, sagte sie. Was war los mit ihm? Früher waren sie auch oft auf lebensgefährlichen Missionen gewesen…

    Xerxes seufzte: „Gut… dann… bleib wenigstens heute Nacht bei mir. Dann schlafe ich besser.“

    Nun lugte Liv neugierig hinter Dakerias Umhang hervor. Ihr Blick huschte von Dakeria zu Xerxes: „…ist das dein Freund?“

    „Mein Lehnsherr und mein Verbündeter.“, erwiderte Dakeria nüchtern.

    Xerxes ignorierte die Bemerkung und hob eine Augenbraue: „Wer ist das?“

    „Liv.“, sagte Dakeria erneut, „Ich habe sie in einem Keller auf dem Schlachtfeld gefunden. Sie wird hierbleiben.“

    Xerxes strich sich mit den Fingerspitzen über die Schläfe.

    …Das wird den anderen gar nicht gefallen… ein Kind aus den Reihen des Feindes… was hat sie sich dabei nur gedacht? …und dennoch hat sie sie hergebracht…

    Er musterte das Mädchen und Liv trat noch einen Schritt näher an Dakeria heran. Vielleicht hatte sie Angst vor seinen roten Augen. In manchen Gegenden waren sie ein Zeichen des Unheils. Xerxes kannte diesen Blick zur Genüge. Er sah wieder zu Dakeria: „Schön. Und wieso hast du sie mitgebracht?“

    „Weil sie dort gestorben wäre.“, erklärte Dakeria, als wäre die Antwort doch offensichtlich.

    Xerxes dachte nach. Er wusste, dass Dakeria ein Faible für hoffnungslose Gestalten hatte. Wahrscheinlich der Grund, warum sie IHM damals gefolgt war. Er lächelte bei der Erinnerung leicht. Dennoch: „Dakeria… selbst, wenn von ihr momentan keine Gefahr ausgeht. Du kannst nicht einfach entscheiden, eine Fremde in die Hauptstadt zu bringen.“

    Die Val’kyre hielt inne. Er hatte Recht. Sie hatte nicht die Befugnis dazu: „Und wie würdet Ihr entscheiden, eure Majestät?“

    Xerxes wollte antworten. Er war der Kronprinz. Natürlich lag die Entscheidung letztendlich bei ihm. Doch Livs Finger hatten sich schon so in Dakerias Umhang gekrallt, dass ihre Knöchel weiß wurden.

    „Sie hat Angst.“, stellte Dakeria fest. Xerxes wandte sich wieder dem Kind zu, doch Liv wich sofort zurück.

    „Ich werde dir nichts tun.“, sagte er. Doch Liv sah als Antwort nur zu Dakeria, statt zu ihm. Als würde sie auf eine Bestätigung warten. Sie schätzte die Meinung der Val’kyre höher, als die des Prinzen der eigentlich über ihren Verbleib entscheiden würde – obwohl sie Dakeria wohl erst seit wenigen Stunden kannte. Und dennoch vertraute sie ihrem Urteil.

    „Du musst dich nicht vor ihm fürchten, Liv.“, sagte diese nun. Liv schien sich ein klein wenig zu entspannen, auch wenn Xerxes Aussehen ihr immer noch Angst zu machen schien.

    Dieser resignierte: „Liv, du siehst hungrig aus.“, er wandte sich an Dakeria, „Bringen wir sie rein.“

    Die Val’kyre nickte und Livs Finger schlossen sich wieder um ihre Hand. Sie blickte irritiert nach unten, doch das Mädchen ließ ihre Hand nicht los. Xerxes musste sich ein Grinsen verkneifen. Als er sich wieder eingekriegt hatte, wandte er sich wieder an Dakeria: „Sie untersteht deiner Verantwortung.“

    „Ich hatte nichts anderes erwartet, eure Majestät.“

    Natürlich hatte sie das nicht. Während Dakeria und Liv zwischen den Häusern verschwanden, seufzte er. Seinem Vater wird das absolut nicht gefallen…

    Jemand eilte auf ihn zu. Ein Diener seines Vaters. Xerxes rollte mit den Augen.

    …er hat seine Augen und Ohren wirklich überall…

    „Eure Majestät! Der König möchte euch unverzüglich sprechen!“, sagte der Diener. Er war völlig außer Atem. Xerxes blickte zum Schloss. Wenn er seinem Vater das Ganze erklären müsste, würde es wohl Stunden dauern. Arvid war ohnehin nicht gut auf Dakeria zu sprechen.

    „Ich werde mich morgen darum kümmern.“, erwiderte Xerxes nun.

    Der Diener sah ihn mit einem gequälten ich-hatte-es-ja-geahnt-Blick an: „Mylord, mit Verlaub, aber-!“

    „Dies ist mein letztes Wort. Tritt zur Seite.“, unterbrach Xerxes ihn ruhig. Seine Stimme war etwas kälter geworden und der Diener wich kaum merklich von ihm zurück.

    „Wie ihr befielt. Ich werde es seiner Majestät ausrichten…“, mit diesen Worten eilte der Diener wieder davon.

    ---

    „Du solltest langsamer essen.“

    Liv blickte überrascht von dem Brot auf, welches sie bereits zur Hälfte hinuntergeschlungen hatte. Es sah anders aus, als in ihrer Heimat und war irgendwie säuerlicher – aber lecker. Dakeria saß neben ihr und beobachtete sie. Schließlich erklärte diese: „Dein Körper ist noch nicht wieder darauf ausgelegt, größere Mengen an Nahrung zu sich zu nehmen. Wenn du so weitermachst, wird dir schlecht werden.“

    „Aber ich hab Hunger!“, klagte Liv und legte traurig das Brot zurück. Dakeria schob ihr stattdessen eine Schale mit einer heißen Brühe hin: „Versuch es damit. Es wird dich aufwärmen und deinem Körper besser bekommen.“

    Liv zog die Schüssel zu sich, ungeachtet der Temperatur – sie war ziemlich heiß – doch das war ihr fürs erste egal. Sie hob bereits den Löffel, als die Val’kyre sie abermals ermahnte: „Langsam.“

    Liv grummelte. Doch sie gehorchte und versuchte die Suppe löffelweise zu trinken.

    Am Rand des Saals stand Xerxes und betrachtete die Beiden schweigend. Dakeria hatte sich verändert. Dass sie keine Ahnung von Menschen oder Emotionen hatte, war nichts Neues. Doch die Art, wie sie nun mit ihm sprach… wie mit einem Fremden… gefiel ihm nicht. Sie war kälter geworden. Distanzierter. Und seit Razuel sie ausgebildet hatte, hatte er sie kaum gesehen. Sie war ständig unterwegs… Ausbildung. Aufträge. Schlachten. Und jedes Mal, wenn sie zurückkehrte, schien es, als hätte sie wieder einmal mehr einen Teil ihrer Menschlichkeit eingebüßt. Und trotzdem saß sie nun da… die treue Kriegsfürstin. Die einem Kind aus dem feindlichen Lager erklärte, wie es eine Suppe zu trinken hatte. Dieses Bild löste etwas in ihm… offenbar war sie wohl doch noch die Alte. Irgendwo da drin.

    „Du kannst in meiner Nähe bleiben.“, hörte er sie sagen. Livs Augen leuchteten auf: „Wirklich?“

    „-bis ich deine weitere Unterbringung geklärt habe.“, beendete Dakeria den Satz. Liv grummelte und Dakeria sah sie irritiert an.

    Ja… sie war definitiv noch dieselbe…

    Dakeria erhob sich schließlich, als der Bergungstrupp zurückkehrte. Gyorn erzählte ihr von ihren Funden und Dakeria gab weitere Anweisungen bezüglich des weiteren Vorgehens. Sie bemerkte erst, dass Liv eingeschlafen war, als ihr Kopf gegen ihren Arm sackte.

    Xerxes trat grinsend näher: „Gyorn. Ich möchte, dass du Liv bewachst.“

    „Ich…bin doch gar nicht…müde…“, murmelte Liv in Dakerias Umhang. Dakeria schien zum ersten Mal nicht so recht zu wissen, was sie tun sollte. Gyorn schien ebenfalls peinlich berührt. Schließlich war es eine der Küchenmägde, die Gyorn anwies, Liv in den Nebenraum zu bringen, während sie ein Bett für sie vorbereitete. Der bärtige Riese trug das Kind fort und Dakeria und Xerxes blieben allein zurück.

    Dakeria sah Liv nach… Und Xerxes sah für einen Moment etwas vor seinem geistigen Auge. Nicht Liv. Ein blasses Kind mit dunklen Haaren und hellen Augen, dem Dakeria erklärte, dass Sand sich nicht eignete, um Kuchen zu backen. Und sich selbst, wie ER Dakeria erklärte, dass Kinder nunmal komische Dinge taten…

    „Eure Hoheit?“, riss Dakeria ihn aus seinen Gedanken.

    Er sah sie an. Sein Lächeln schwand ein wenig.

    Er kannte diesen Blick. Sie analysierte ihn schon wieder: „Ihr seht aus, als würde euch etwas beschäftigen. Geht es um Liv?“

    „Nein.“, erwiderte er. Dann schwieg er einen Moment.

    „Darf ich fragen, was euch dann beschäftigt?“, fragte sie weiter. Natürlich fragte sie weiter. Xerxes kannte ihre Ausfragerei besser als sonst jemand. Und sie würde definitiv nicht klein beigeben. „…es geht um dich.“, sagte er schließlich. Er setzte sich zu ihr und sah auf die Flamme der kleinen Kerze auf dem Tisch: „… wann hast du… aufgehört, mich Scream zu nennen?“

    „Weil das ein Deckname war. Meister Razuel hat mir eure echte Identität erklärt. Zudem wurde mir beigebracht, euch mit dem nötigen Respekt zu begegnen.“, erklärte Dakeria sachlich.

    Xerxes musste unvermittelt lächeln: „Mit dem nötigen Respekt? Darcy, als wir noch zusammen gereist sind, hatte weder ich Respekt vor dir noch du vor mir. Du hast mich ständig herausgefordert. Mit mir gestritten. Und meine Entscheidungen andauernd infrage gestellt.“

    Dakeria schwieg. Für eine ganze Weile.

    „…das war früher.“, sagte sie leise.

    Xerxes sah sie an. Unter der emotionslosen Maske versuchte er irgendeine Art von Gefühlsregung zu erkennen. Schließlich gab er es auf: „…Darcy…“

    „-ich heiße Dakeria.“, sagte sie automatisch. Dann hielt sie inne.

    Xerxes lächelte. Genau wie früher…

    „…weißt du noch, wie du mir damals überall hin gefolgt bist, obwohl ich dir ständig gesagt habe, dass du verschwinden sollst?“, fragte er schließlich. Dakeria warf ihm einen undurchdringlichen Blick zu: „Ja. Das war äußerst ineffizient von euch.“

    „Ineffizient? Ich hab dich das eine Mal an einen Pfahl angebunden und trotzdem hast du am Abend neben mir gepennt!“

    Nun lächelte sie ebenfalls matt. Ja… so war es gewesen…

    „Warum erzählt ihr mir das?“, wollte sie schließlich wissen. Xerxes lehnte sich zurück und sah ihr in die Augen: „Weil du mir gefehlt hast.“

    Dakeria dachte nach. Gefehlt. Sie versuchte, das Gefühl zu bestimmen. Am Anfang ihrer Ausbildung bei Razuel konnte sie nicht schlafen. Sie war es gewohnt gewesen, neben Xerxes aufzuwachen. Wenn er nicht neben ihr lag… war etwas anders. Als hätte etwas… gefehlt.

    „…ich glaube, ihr habt mir auch ‚gefehlt‘.“, schlussfolgerte sie schließlich, „Eure Nichtanwesenheit hat am Anfang meinen Schlaf beeinträchtigt. Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt. Meister Razuel lehrte mich, derartige Gefühle abzulegen. Sie behindern mein Urteilsvermögen.“

    Xerxes sah sie lange an. Er wusste nicht so recht, was er dazu sagen sollte… wie auch? Bisher waren so etwas wie Gefühle nie ein Thema zwischen ihnen gewesen. Er selbst hatte es schließlich erst bemerkt, nachdem sie fort war…

    „Kannst du mir wenigstens einen Gefallen tun?“, fragte er schließlich und Dakeria sah ihn aufmerksam an. „…nenn mich wieder Scream.“

    Dakeria legte den Kopf schief: „Das ist nicht euer Name. Und eures Standes nicht würdig.“

    „Tu es trotzdem. Mein Stand ist mir egal. Ich will wieder dein Gefährte sein.“, sagte Xerxes, obwohl ihm bereits klar war, was sie nun sagen würde.

    Sie wich seinem Blick aus: „…das ist nicht mehr möglich.“

    Xerxes lehnte sich zurück: „Wie früher? Nein. Aber ich will dich trotzdem an meiner Seite wissen.“

    „Das tut Ihr ohnehin.“, gab Dakeria zu bedenken. Sie hatte Recht. Schließlich war es als seine Val’kyre ihre Aufgabe, ihn zu schützen.

    Er verdrehte die Augen, gespielt genervt: „…Darcy…“

    „-ich heiße Dakeria.“, erwiderte sie sofort.

    Er grinste: „…, wenn du mich früher schon anders genannt und normal behandelt hast, sollte es keinen Grund geben, das zu ändern. Ich will nicht, dass mein Rang für dich überhaupt eine Rolle spielt.“

    „Das tut er aber.“, warf Dakeria ein.

    Xerxes gab auf: „Schön… dann sieh es eben als einen Wunsch deines Prinzen: Nenn mich Scream. Und behandle mich wieder wie einen Gefährten. Okay?“

    Sie dachte nach und nickte schließlich: „…, wenn das euer Wunsch ist, werde ich dem nach kommen müssen... Scream.“

    Er grinste. Für den Moment schien eine Last von ihm zu fallen. Da war sie wieder… seine Darcy.

    Er stand auf und reichte ihr die Hand: „Komm schon. Legen wir uns schlafen.“

    Dakeria nickte und zusammen verließen sie die Halle.

    ---

    Es war schon fast Mitternacht, als sich die Tür zu König Arvids Arbeitszimmer öffnete.

    „Eure Majestät?“

    „Tritt ein.“, sagte der König. Er blickte kurz von dem Schreiben auf, das vor ihm ausgebreitet lag und musterte den Diener. Er war allein zurückgekommen. Und sah nervös aus. Kein gutes Zeichen.

    „Seine Hoheit, Prinz Xerxes, lässt verlauten, dass er… euer Gespräch erst morgen früh aufsuchen wird.“, seine Stimme zitterte.

    Der Ausdruck in Arvids Gesicht glich einer Statue. Kalt. Unergründlich. Nur die Ader, die an seiner Stirn leicht hervortrat, verriet dass ihm diese Nachricht ganz und gar nicht gefiel. Sein Sohn war aufmüpfig. Wie immer, wenn diese… Val’kyre in der Nähe war. Arvid hatte es schon früher bemerkt. In ihrer Nähe vergaß sein Sohn nur zu gern, wer er ist. Und erinnerte sich viel zu gern daran, wer er einst war. Jemand wie SIE war Gift für das Königshaus. Ein Prinz konnte es sich nicht leisten, Entscheidungen nach persönlichen Vorlieben zu treffen. Und Dakeria war definitiv eine solche Vorliebe. Dass sie noch dazu ohne Razuel zurückgekehrt war, bedeutete dass sie nicht so schnell wieder gehen würde…

    Sein Sohn ließ ihr zu viele Freiheiten. Sie schleppt ein feindliches Kind an, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Wahrscheinlich hatte Xerxes sie wie früher auch in der Nacht zu sich beordert. Der König wollte sich gar nicht vorstellen, was sie dort trieben…

    „Eure Hoheit?“ Der Diener stand immer noch da. Er wartete auf eine Anweisung.

    „Du kannst wegtreten.“, sagte Arvid schließlich.

    Sobald sich der Diener entfernt hatte, trat er ans Fenster. Er würde morgen mit seinem Sohn reden. Er würde ihn noch zur Vernunft bringen.

    ---

    Es war seltsam, Dakeria wieder bei sich zu haben. Seltsam vertraut, obwohl sie einander seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Xerxes legte den Arm um sie und Dakeria kuschelte sich an ihn. Ihre Augen waren noch wach und sie hatte wieder diesen Gesichtsausdruck… wie immer, wenn sie über irgendetwas grübelte.

    „Darcy…“, sagte er leise.

    „Ich heiße Dakeria.“, antwortete sie sofort.

    Er grinste: „Du denkst zu viel nach… ruh dich aus.“

    Sie sah ihn an. Abwägend… wahrscheinlich rechnete sie aus, wie viel Schlaf ihr Körper tatsächlich benötigte. Wenn sie immer noch tagelang wach bleiben konnte, war es nicht viel.

    Er stupste ihr auf die Nase: „Das war ein Befehl.“

    Obwohl er es eigentlich als Scherz gemeint hatte, schloss Dakeria die Augen und legte den Kopf auf seine Brust: „Wie ihr wünscht.“

    Xerxes wusste nicht, ob das gut oder schlecht war. Genauso wenig ob es gut, oder schlecht war, dass er bemerkte, wie nahe sie ihm war. Er strich ihr gedankenverloren über das schwarze Haar…

    …und schlief schließlich ein.

  • Kapitel 9 – Immer dieselbe Leier

    Am nächsten Morgen wurde er von einem lauten Räuspern geweckt. Xerxes blickte verschlafen auf. Ein Kammerdiener stand in seinem Zimmer und wirkte peinlich berührt. Zunächst verstand er nicht, wieso… dann bemerkte er, dass Dakeria immer noch in seinen Armen schlief.

    „Ähem… eure Hoheit? Euer Vater wünscht euch unverzüglich zu sprechen.“, der Diener bemühte sich, den Blick nicht auf Dakeria zu richten und sah würdevoll zu einer Vase in der Ecke. Es war eine wirklich schöne Vase. Sie war handbemalt und hatte nur zwei Bruchstellen an den Rändern.

    Xerxes gähnte: „Verstehe… ich werde gleich da sein.“

    Der Diener verschwand schneller als sonst aus seinem Gemach. Xerxes sah wieder zu Dakeria. Ihre Gesichtszüge waren viel weicher im Schlaf… menschlicher. Und sie wirkte wesentlich jünger. Fast wie damals… Er berührte vorsichtig ihre Schulter und sie sah ihn schlaftrunken an.

    „Ich muss zu einer Audienz bei meinem Vater.“, erklärte er. Dakeria nickte im Halbschlaf und murmelte: „Ist meine Anwesenheit erforderlich?“

    Xerxes grinste. Sie schien tatsächlich gut geschlafen zu haben. Normalerweise war ihr Körper immer sofort in Alarmbereitschaft und sie war sehr schnell wach zu kriegen. Aber jetzt schien sie beinahe zu entspannt zu sein.

    „Nein… du solltest nach Liv sehen. Fürs erste.“, sagte er.

    Dakeria richtete sich langsam auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen: „Ich habe verstanden.“

    Xerxes ließ sie liegen und zog sich schließlich um und machte sich nun auf den Weg zu seinem Vater.

    Dieser erwartete ihn bereits ungeduldig in seinem Arbeitszimmer und Xerxes wusste bei dem Ausdruck auf seinem Gesicht, dass dies ein sehr langer Morgen werden würde…

    „Du hast sie in deinem Bett schlafen lassen.“, begann der König das Gespräch.

    „War das eine Frage?“

    „Nein.“

    Xerxes gähnte. Wieder dieselbe alte Leier…

    „Sie ist es gewohnt. Früher hat sie immer in meiner Nähe geschlafen.“, erklärte er.

    „Früher warst du noch nicht mein Thronfolger!“, sagte Arvid gereizt. Die Ader an seiner Stirn trat leicht hervor.

    „Doch.“, erwiderte Xerxes. Sein Blick verfinsterte sich, „Nur damals war ich frei.“

    Arvid stand auf: „Die Zeiten haben sich geändert! Ich verlange von dir, dass du dich auch dementsprechend benimmst!“

    Xerxes schwieg. Es hatte sowieso keinen Sinn…

    Doch Arvid war noch nicht fertig. „Du gibst dieser Frau viel zu viele Freiheiten!“, fuhr er fort, „Sie darf zurückkehren, ohne Razuels Verschwinden genauer zu erklären, sie darf Leute von ihren eigentlichen Aufgaben abhalten. Auf eigene Faust losziehen. Leute zum Schrott sammeln abstellen. Ohne Konsequenzen ein FEINDLICHES Kind in unsere Stadt bringen! Was hast du dir nur dabei gedacht?!“

    Xerxes blieb vollkommen ruhig, was Arvid wohl noch wütender mache. Aber das war ihm egal: „Dass sie weiß, was sie tut. Ich kenne sie besser als sonst jemand.“

    Arvids Stimme war zu einem Knurren geworden: „Das hat dein Kammerdiener auch gesagt. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie das aufgenommen wird?!“

    „Es interessiert mich nicht.“ Das war die Wahrheit.

    „Nein…“, Arvid warf ihm einen vernichtenden Blick zu, „Natürlich tut es das nicht.“ Xerxes hielt seinem Blick weiterhin ruhig stand: „Dakeria hat innerhalb eines Tages mehr Informationen beschafft als der gesamte Kriegsrat innerhalb einer Woche. Sie hat die Versorgungskette fürs Erste gesichert. Du solltest ihr dankbar sein.“

    „Und dann verschwindet sie allein auf ein Schlachtfeld und kehrt mit einem fremden Kind zurück.“

    Xerxes schwieg. Das war Arvid nur recht: „…welches sie auch noch ohne jede Rücksprache in unsere Stadt gelassen hat, wohlgemerkt.“

    „Liv wäre sonst gestorben.“, sagte Xerxes.

    Arvid hob eine Augenbraue: „Gerade jemand mit deiner unliebsamen Vergangenheit sollte bei diesem Thema besser niemandem belehren.“

    Xerxes wurde still. Dem konnte er nichts entgegenwerfen. Schließlich klebte wesentlich mehr Blut an seinen Händen als an denen seines Vaters. Oder denen eines jeden Offiziers in Val’garath. Damals, als Auftragskiller, hatte er nie etwas bereut.

    Arvid drehte sich zum Fenster: „Ich verlange, dass du diese Frau aus deinem Dienst entlässt.“

    „Und warum? Weil sie genau das tut, was sie soll?“, Xerxes wurde langsam wütend, „Ohne Dakeria hätten wir mindestens zehn weitere Tote zu beklagen. Sie hat Heiltränke und Verbände beschafft. Materialien. Ein Kind aus dem sie vielleicht noch Informationen herausbekommen kann. Sie kämpft für Val’garath – obwohl du es längst aufgegeben hast!“

    Es wurde still. Bedrohlich still.

    „Das ist genug.“, Arvids Stimme war leise geworden. Xerxes kannte diesen Ton. Er war gefährlicher als jeder Schrei.

    „Du vergisst, mit wem du sprichst.“, sagte Arvid, „Diese Frau ist keinen Tag hier und schon wiedersetzt du dich mir.“

    Xerxes Blick verhärtete sich: „Ich wiederspreche dir, weil ich anderer Meinung bin.“

    „Seit sie wieder da ist, meinst du.“, warf Arvid ein.

    „Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun.“

    „Ist das so?“, Arvid musterte seinen Sohn, „Du verschiebst eine Audienz mit deinem König, weil du dich lieber mit ihr vergnügen willst. Du ernennst sie ohne weitere Absprache zur Kriegsfürstin! Lässt sie Entscheidungen treffen, die einem General zustehen würden. Du erlaubst ihr, den Feind in die Hauptstadt zu bringen. Und wenn ich ihre Entscheidungen infrage stelle, verteidigst du sie als hätte ich dich persönlich angegriffen.“

    Xerxes schwieg wieder.

    „Du bist ihr Prinz, Xerxes. Nicht ihr Gefährte.“

    Etwas an dem Wort störte ihn: „Ich bin beides.“

    Arvids Blick wurde wieder eiskalt: „Nein… ein König kann sich diesen Luxus nicht leisten.“

    „Ich bin kein König.“

    „Aber du wirst einer sein.“, sagte Arvid. Xerxes verstummte. Die Realität holte ihn wieder ein… als Dakeria sich letzte Nacht an ihn gekuschelt hatte… hat er sich seit sehr langer Zeit wieder wie damals gefühlt. Frei. Es war so einfach gewesen… ohne Regeln zu leben.

    „Ob du etwas anderes willst, ist nicht von Bedeutung.“, vollendete Arvid seinen Gedankengang, „Du hast Pflichten.“

    „Ich weiß.“, sagte Xerxes nun.

    „Dann erwarte ich von dir, dass du dich auch dementsprechend verhältst.“

    Arvid setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Xerxes hingegen sah zum Fenster hinaus. Unten im Hof herrschte ein aufgeregtes Treiben. Menschen bewegten sich zwischen Karren und notdürftig angelegten Versorgungsstellen. Und er sah wieder Rauch aus der Schmiede aufsteigen. Dakerias Werk. Sie war lediglich einen einzigen Tag zurück… und plötzlich geriet wieder Bewegung in die Menschen.

    „Meine Pflicht besteht darin, dieses Reich zu schützen.“, sagte er langsam.

    Arvid blickte zu ihm auf: „Das ist richtig.“

    Xerxes wandte sich zu ihm um: „Dann werde ich nicht die fähigste Kriegsfürstin entlassen, die wir haben. Nur weil dir nicht gefällt, dass sie in meinem Bett schläft.“

    Eine angespannte Stille legte sich über die Beiden.

    „Sie bleibt.“, sagte Xerxes nun.

    „Das entscheidest nicht du.“

    Nun verschwand Xerxes Lächeln und machte einem Ausdruck Platz, den er nur trug, wenn er kurz davorstand, jemanden zu ermorden: „Dakeria untersteht mir. Ihr Eid bindet sie an mich. Wenn du sie aus meinem Dienst entlassen willst, brauchst du MEINE Zustimmung.“

    Arvid hielt einen Moment inne. Zornesröte stieg ihm ins Gesicht: „Und die verweigerst du deinem König?!“

    Xerxes hielt seinem Blick eisern stand: „Ja.“

    Und die Art, wie er das sagte, war endgültig. Lange Zeit sagte keiner von Beiden etwas. Xerxes wandte sich wieder dem Fenster zu und sah Dakeria nach.

    „…du warst auf einem guten Weg.“, hörte er seinen Vater schließlich sagen, „…du hast endlich angefangen zu verstehen, was eines Tages von dir verlangt werden würde… und dann kommt SIE zurück und erinnert dich an das, was du warst.“

    Nun verstand Xerxes langsam. Sein Vater hasste Dakeria nicht wegen ihrer Eigenmächtigkeit.

    „Du meinst Scream.“

    Arvids Blick wurde scharf: „Diesen Namen dulde ich nicht in meinem Haus.“

    Xerxes schwieg einen Moment. Dann lächelte er kühl: „Dakeria hätte jetzt vermutlich gesagt, dass ein Name nicht aufhört zu existieren, nur weil er dir nicht passt.“

    Er wandte sich zum Gehen: „Das Gespräch ist beendet.“

    Arvid wandte sich um: „Ich habe dich noch nicht entlassen.“

    „Dann entlasse ich mich selbst.“

    Und mit diesen Worten verließ er den Raum.

    ---

    Dakeria bekam von all dem nichts mit. Sie kontrollierte gerade die Versorgungsketten und Liv klebte zunehmend an ihr. Eigentlich hatte sie die Magd von gestern gebeten, auf sie aufzupassen. Doch kaum war sie aus der Tür raus gegangen, stand Liv bereits wieder neben ihr. Sie hatte ein ausgesprochenes Talent dafür, unbemerkt auszubüxen.

    „Du musst mir nicht überall hin folgen.“, sagte Dakeria schließlich, während sie zum Feldlager lief, um zu sehen, inwiefern ihre improvisierten Zulieferungen hilfreich waren und was noch benötigt wurde.

    „Soll ich gehen?“, fragte Liv und blieb stehen. Dakeria ebenfalls. Sie sah das Kind an. Das war nicht das, was sie gemeint hatte: „Nein.“

    Sie setzte sich wieder in Bewegung und Liv eilte ihr hinterher, wie ein Küken das seiner Mutter folgt. Dakerias Blick fiel noch einmal auf den Anhänger um Livs Hals: „…Liv. Du kommst aus Shurima, richtig?“

    Das Mädchen dachte nach: „…ich weiß nicht. Wir sind eigentlich immer umhergezogen.“

    Dakeria nickte: „Verstehe. Und was ist das für ein Amulett um deinen Hals?“

    Liv betätschelte es. Es war eine große runde goldene Scheibe mit seltsamen Zeichen darauf: „Ein Glücksbringer. Meine Mama hat ihn mitgegeben, bevor…“

    Ihre Stimme versagte. Dakeria versuchte den Blick zu deuten. Trauer… Trauma… „Was ist passiert?“, fragte sie.

    Liv schwieg einen Moment. „…da waren böse Leute, die unsere Wagen angezündet haben.“, sagte sie langsam. Dakeria blieb abrupt stehen. Etwas an Livs Erzählung rüttelte eine Erinnerung in ihr wach. Rauch… Schreie… Enorme Hitze… dann Gesichter. Die Val’kyre wandte sich ab. Sie wollte nicht darüber nachdenken.

    Ihre Stimme wurde leiser. „Ich war auch mal eine Reisende…“

    Liv sah nun überrascht zu ihr auf: „So wie wir? Hast du früher gesungen?“

    Ein mattes Lächeln schimmerte nun auf dem Gesicht der Val’kyre: „…ja…“

    ---

    Brief eines Sanitäters

    „Ich habe mich geirrt. Heute trafen endlich Verbände ein… aus alten Seilen. Leinen. Stoffen, die längst niemand mehr für wertvoll hielt. Ich möchte nicht wissen, wo sie einiges davon her hat… aber unsere Vorräte reichen wieder. Fürs erste zumindest. Die Schmiede arbeiten nun mit eingeschmolzenen Rüstungen. Wir können unsere Leute besser ausrüsten… und es sterben weniger. Ich weiß nicht, ob die Kriegsfürstin Mitleid empfindet. Aber ich wagte zu behaupten, dass sie niemanden sinnlos sterben lässt.

    ---

    Der Tag zog sich in die Länge und Dakeria bemerkte, dass Liv durchaus nützlich sein konnte. Nun, da sich ihre Angst ein wenig gelegt hatte, konnte sie sich wieder an wichtige Informationen erinnern – auch wenn Dakeria immer noch Schwierigkeiten hatte, ihre Fragen kindgerecht zu formulieren. Wie waren sie hierhergekommen? Was gab es in den Lagern zu essen? Wie war die Stimmung unter den Soldaten?

    Morgen würde sie einen Schlachtplan entwerfen. Doch nun wurde es langsam dunkel. Dakeria gab Liv in Gyorns Hände. Am Anfang hatte Liv noch große Angst vor dem bärtigen Riesen gehabt. Allerdings stellte sich heraus, dass er nicht nur Geschichten von früheren Schlachten, sondern auch wunderschöne Gutenachtgeschichten zum Besten geben konnte. Zudem hatte er ihr ein kleines Stofftier besorgt. Dakeria wollte zunächst protestieren, da man die Stoffe sinnvoller nutzen sollte – doch als sie Livs Gesicht sah, beließ sie es dabei.

    Sie war schon auf halbem Weg zu ihrem Schlafgemacht, als es ihr wieder einfiel. Xerxes war in der letzten Nacht nicht über ihren Fortschritt informiert worden.

    Sofort machte sie kehrt und suchte nach ihm. Sie traf ihn auf dem Weg in seine Gemächer, doch er winkte ab. Er wirkte, als hätte er einen ziemlich anstrengenden Tag gehabt. Doch es lag Wärme in seinem Blick, als er sie sah. Diese alte, vertraute Wärme…

    Dakeria lag auch in dieser Nacht wieder neben ihm. Xerxes hatte es gar nicht erst ansprechen müssen, dass er sie bei sich haben wollte. Es fühlte sich wie eine Selbstverständlichkeit an. Sie lag wieder in seinem Arm und er strich ihr gedankenverloren über das schwarze Haar: „…du hast dich ziemlich verändert, Darcy.“

    „Das war beabsichtigt. Meister Razuel hat mich darauf vorbereitet, euch zu dienen.“, erklärte sie leise. Xerxes hielt einen Moment inne. Seine Hand hing immer noch in ihrem Haar: „Und was war so falsch an der Dakeria, die mit mir gereist ist?“

    Sie schien die Frage nicht zu verstehen: „Nichts. Aber sie ist auch nicht weg.“

    Xerxes lächelte und ließ sich leicht zurückfallen: „…das stimmt…“

    Es wurde still zwischen den Beiden.

    Dann bemerkte er etwas.

    Sie starrte ihn an. Mehrere Minuten. Er musste unvermittelt grinsen: „Was?“

    „Ihr… seid auch noch derselbe.“, stellte sie fest. Vielleicht war das auch eine Frage. Es war schwer zu sagen.

    „Für dich schon.“, sagte er.

    Dakeria dachte darüber nach. Doch ihre Gedanken wurden unterbrochen, als Xerxes sie näher an sich zog. Er hielt sie fester als sonst. So als würde er sie nicht wieder loslassen wollen. Seine roten Augen sahen sie an. Nicht distanziert. Sondern so wie früher…

    Erst als seine Lippen die ihren berührten, bemerkte sie, was gerade geschah.

    Was war das?

    Ihr Herz schlug schneller… ihre Atmung wurde flacher… ihr wurde warm… und irgendwas in ihr… wollte nicht, dass dieser Moment endete. Doch das tat er. Xerxes ließ wieder von ihr ab.

    Sie sah ihn überrascht und irritiert an. Ein leichter Hauch von rosa war auf ihrem blassen Gesicht zu erkennen. Und eine winzige Spur von Enttäuschung.

    „Ich dachte, es sei nicht notwendig zu testen, ob ich eure Verbündete bin.“, sagte sie schließlich vollkommen ernst. Xerxes lächelte traurig: „Nein… das war es nie.“

    Er setzte sich wieder auf. Nach einer langen Pause fügte er hinzu: „Früher hättest du auch keine Verbündeten… getestet.“

    Doch Dakeria verstand gar nicht, worauf er hinauswollte: „Ihr habt mir nie beigebracht, woran ich einen guten Verbündeten erkenne.“

    Er sah sie an.

    …sie versteht es einfach nicht… ich hätte es ahnen müssen…

    Dakeria überlegte, hin und hergerissen. Was sollte das? Was WAR das? Eine Form von Zuneigung? Eine Vertrauensbekundung? Sie fand keine Antwort. Also tat sie das, was sie am besten konnte: sie fragte nach.

    „Warum habt ihr das getan?“

    „Weil ich es wollte.“, gab Xerxes zu, was sie allerdings noch mehr zu verwirren schien.

    Er hatte keinen triftigen Grund? Aber… das ergibt doch keinen Sinn…

    Sie konnte die Situation nicht einordnen. Und das Schlimmste: irgendein Teil von ihr wollte offenbar nicht, dass er aufhörte. Das Gefühl war neu.

    Hatte er sie vielleicht auf die Probe gestellt? Gefühle durften ihre Entscheidungsfähigkeit nicht beeinflussen. Das wäre problematisch.

    Sie konzentrierte sich wieder auf das, was sie gespürt hatte. Ihr Herz hatte schneller geschlagen, obwohl sie nicht erschöpft war. Keine Gefahr. Keinerlei körperliche Belastung. Und dennoch hatte sich ihr Puls beschleunigt. Sie fand keine Erklärung dafür.

    Sie berührte mit den Fingerspitzen ihre Lippen.

    „Alles in Ordnung?“, fragte Xerxes. Dakeria zuckte zusammen. Für einen Moment hatte sie gar nicht mehr realisiert, dass er noch da war.

    „…ich weiß es nicht.“, sagte sie ehrlich.

    Er musterte sie und war nicht sonderlich überrascht, dass sie vollkommen verwirrt war: „Du denkst schon wieder zu viel nach.“

    „Ich versuche zu verstehen, was passiert ist.“, erklärte sie.

    Xerxes verdrehte die Augen: „Ich habe dich geküsst.“

    „Das habe ich bemerkt.“, sagte Dakeria knapp. Xerxes grinste nur: „Dann sind wir schon weiter, als ich dachte.“

    Dakeria sah ihn nur verständnislos an. Was sollte das schon wieder heißen?

    Er sah wieder zu ihr: „…hat es dir gefallen?“

    Sie überlegte. Die Antwort war eindeutig: „Ja.“

    Xerxes fiel ein Stein vom Herzen. Doch dann – „Ich habe auch Grael geküsst.“

    …natürlich hatte sie das…

    Xerxes riss sich zusammen, als Dakeria ihre Beobachtungen fortführte: „…es war anders.“

    Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht: „Das beruhigt mich ungemein.“

    „Damals war mein Puls ebenfalls erhöht. Allerdings deutlich weniger. Meine Atmung-!“

    „Dakeria…“

    „-ging ebenfalls schneller. Allerdings hatte ich danach nicht das Bedürfnis, das nochmal zu-!“

    „Darcy!“

    Dakeria sah ihn irritiert an. Warum unterbrach er ihre Analyse?

    Xerxes grinste nur: „Leg dich schlafen. Sonst zermarterst du dir noch die ganze Nacht über den Kopf darüber.“

    Sie legte den Kopf schief: „War das ein Befehl?“

    Sein Blick wurde sanfter und seine Hand strich ihr wieder durchs Haar: „…nein.“

    „Dann werde ich wohl weiter darüber nachdenken.“, erwiderte sie.

    „Das hatte ich befürchtet…“

  • Kapitel 10: (K)eine Strategie

    Als Xerxes am nächsten Morgen aufwachte, war die andere Seite des Bettes leer. Er richtete sich auf und sah sich um. Ihre Rüstung war ebenfalls weg. Wahrscheinlich hatte sie die ganze Nacht wach gelegen und vor sich hin gegrübelt.

    Er grinste bei der Vorstellung. Dann zog er sich an und begann nach ihr zu suchen.

    Liv war ebenfalls weg. Schließlich entdeckte er die Beiden im Saal des Kriegsrats. Es war ein Raum mit hohen Decken, verziert mit dicken Bannern des Königreiches. In der Mitte befand sich ein großer Eichentisch, auf dem eine detailgenaue Karte von ganz Val’garath abgebildet war. Die samtbezogenen Stühle drum herum wurden nur von zwei Gestalten besetzt: dem Kind und der Kriegsfürstin.

    „…dann werden wir diese Route nehmen.“, hörte er Dakeria sagen, doch Liv schüttelte den Kopf: „Das geht aber nicht.“

    „Warum nicht?“, Dakeria betrachtete den Punkt auf der Karte. Es war eine Siedlung, bestehend aus vier, vielleicht fünf Häusern.

    „Da… da ist nichts mehr.“, sagte Liv und nun war ihr Dakerias Aufmerksamkeit sicher: „Erklär mir das.“

    „Früher standen dort viele Häuser. Aber die haben sie abgebaut. Und bei einem Haus hat sich dann ein Loch aufgetan und da ist jemand reingefallen. Wir mussten zurücklaufen, weil das Loch dann größer geworden ist.“

    Dakeria schwieg. Sie blickte auf den Punkt, den sie dort markiert hatte. Wenn der Feind schon Häuser abträgt, könnte das auf Ressourcenmangel hindeuten. Soweit sie wusste, hatten sie bereits mehrere Wälder gerodet. Ein paar Holzhäuser würden keinen großen Unterschied machen. Vielleicht war es auch der Versuch gewesen, eine Falle zu errichten.

    Dakeria zog eine andere Karte aus ihrer Tasche. Die Siedlung lag genau über einem Minenschacht. Val’garath war voll davon. Das erklärte das Loch… allerdings – wenn der Feind von den Schächten wusste, hatten sie ein gewaltiges Problem. Zudem war ihre Karte nur mit den derzeit aktiven Minenschächten versehen. Sie musste herausfinden, wo die Stollen verliefen, die nicht mehr genutzt wurden…

    Ihre Gedanken wurden unterbrochen und sie zuckte zusammen, als sie eine warme Hand auf ihrer Schulter spürte. Xerxes.

    Er lächelte matt: „Hast du überhaupt geschlafen?“

    „Ja.“, erwiderte sie, die Augen wieder auf die Karte gerichtet.

    „Und wie lange?“

    Er verkniff sich ein Grinsen, während Dakeria etwas genervt dreinsah. Sie mochte es nicht, wenn man ihre Gedanken unterbrach. „Ausreichend.“, sagte sie knapp. Er setzte sich neben sie und Dakeria fuhr sich mit dem Finger gedankenverloren über die Lippen. Nun musste Xerxes wirklich grinsen. Und das bemerkte sie: „Was?“

    „Nichts, nichts…“

    Dakeria warf ihm einen misstrauischen Blick zu, bevor sie sich wieder in die Karte vertiefte.: „Ist dieser Weg noch passierbar?“

    Liv nickte: „Ja, da sind wir am Anfang hergekommen.“

    Dakeria stutzte. Diese Route war nicht die, die sie bisher angenommen hatte. Ihr Blick wurde scharf: „Zeig mir, wo ihr hergekommen seid.“

    Liv beugte sich etwas weiter über den Tisch, um die ganze Karte nutzen zu können. Dann fuhr sie mit dem Finger die Strecke zum Lager entlang: „Irgendwie so, glaube ich. Wir haben da eine Nacht geschlafen und dann waren wir hier.“

    Dakeria schwieg. Sie war angespannt. Kein gutes Zeichen.

    „Was hast du?“, fragte Xerxes.

    „Sie haben Talruin längst umzingelt.“, Dakerias Stimme war kühl.

    „Was?“

    Die Val’kyre versetzte ein paar Markierungen: „Ihre Truppenflotte legt im Osten an. Ihre Versorgungsschiffe im Süden. Und ihre Kriegsschiffe im Nordwesten. Sie müssen mehrere Lager aufgestellt haben. Livs Einheit war lediglich ein Spähtrupp.“

    Genau in diesem Moment ging die große Flügeltür auf und einer der Offiziere betrat den Saal. Sein Blick fiel von Dakeria auf Liv: „Ihr lasst den Feind in unsere Karten sehen?!“

    Liv versteckte sich hinter Dakeria. Der raue Ton hatte ihr Angst gemacht.

    „Sie ist meine Informantin.“, erwiderte Dakeria nur ruhig, was dem Offizier jedoch gar nicht zu passen schien: „Ihre Leute töten unsere!“

    „‘Ihre Leute‘ sind tot.“, Xerxes richtete sich auf und der Offizier wurde sofort still. Der Prinz deutete auf die Karte: „Wusstet ihr von den Lagern im Nordwesten?“

    „Welche Lager?“, fragte der Offizier und trat nun näher.

    Dakeria hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache und wandte sich an Liv: „Liv. Wie viele Lager hast du gesehen?“

    „Ich… ich weiß nicht…“, stammelte das Kind. Dakeria versuchte ihre Stimme sanfter und bestimmter klingen zu lassen, um ihr ein wenig die Angst zu nehmen: „Dann zeig mir jeden Ort, an dem du Zelte oder Soldaten gesehen hast.“

    Es schien zu funktionieren. Liv betrachtete die Karte und deutete zögernd auf eine Stelle im Nordwesten: „Hier ungefähr waren Zelte. Ganz Viele.“

    Dakeria setzte eine neue Markierung darauf: „Wo noch?“

    „Da. Da waren auch noch welche. Und hier und hier.“, die Linie der neuen Markierungen zog sich nach Westen, „Und da haben wir übernachtet.“

    Plötzlich öffnete sich die Tür des Saals erneut. Weitere Mitglieder des Kriegsrates traten ein. Doch als sie die Val’kyre und das Kind sahen, verstummten die Gesoräche. Liv rückte unwillkürlich näher an Dakeria heran.

    „Was hat ein Kind hier zu suchen?“

    „Sie ist meine Informantin.“, wiederholte Dakeria gleichgültig.

    Nun betrat König Arvid selbst den Saal. Sein Blick fiel auf die versammelten Offiziere… dann auf seinen Sohn… auf Dakeria… und schließlich auf Liv. Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich: „Was hat SIE hier zu suchen?“

    „Mit Verlaub, eire Majestät – sie hilft mir, die Bewegungen des Feindes zu rekonstruieren.“, sagte Dakeria ruhig. Arvid trat an den Tisch. Sein hasserfüllter Blick war nun auf Dakeria gerichtet: „Das habe ich nicht gemeint. Dies ist eine Sitzung des Kriegsrats!“

    „Die Sitzung hat noch nicht begonnen.“, stellte Dakeria fest und runzelte die Stirn. Xerxes verkniff sich ein Grinsen. Sein Vater sah aus, als platzte ihm gleich der Kragen und Gyorn, der nur wenige Meter neben ihm stand, wich sicherheitshalber ein paar Schritte zur Seite.

    „Dann beginnt sie jetzt!“, fauchte Arvid. Sein Blick traf Liv: „Raus!“

    Das Mädchen erstarrte. Sie blickte angsterfüllt zu Dakeria. Diese blieb immer noch vollkommen ruhig: „Eure Majestät, dieses Kind besitzt Informationen, die für die Sitzung relevant sind.“

    „Dann könnt ihr diese Informationen doch weitergeben.“, sagte einer der Offiziere. Dakeria drehte sich zu ihm: „Ich verfüge noch nicht über alle.“

    „Dann hättet ihr sie vorher befragen sollen!“

    „Genau das tue ich doch gerade.“

    Arvids Kopf war rot vor Wut und Xerxes fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Das würde wieder ein langer Morgen werden…

    „Dakeria.“, sagte er schließlich. Sie wandte sich augenblicklich um: „Ja, eure Hoheit?“

    „Das war keine Aufforderung zur Diskussion.“, erklärte er. Sie schwieg einen Moment. Dann erhob sie sich und verneigte sich: „Ich bitte um Verzeihung.“

    Dann wandte sie sich an Liv: „Warte draußen auf mich.“

    Das Mädchen zögerte und ließ die Val’kyre nicht los: „Kommst du wieder?“

    Dakeria sah sie irritiert an. Eigentlich wollte sie fragen, was sie damit meinte, doch bei den Blicken der Offiziere beließ sie es dabei: „ja.“

    Nun ließ Liv ihre Hand los und schlurfte langsam zur Tür. Ihr Blick huschte zwischen den Gesichtern der Offiziere nervös hin und her. Gyorn schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, ehe sie die Tür hinter sich schloss.

    Langsam wandte sich Arvid nun an Dakeria: „Und ihr auch.“

    Doch nun mischte sich Xerxes ein: „Vater.“

    Doch Arvid ignorierte ihn: „Ich möchte mit meinen Offizieren sprechen.“

    Falsche Antwort. Xerxes stand auf: „Sie ist meine Kriegsfürstin.“

    „Xerxes…“

    „-sie bleibt.“

    Arvid sah nun zu seinem Sohn. Die Kälte in dessen Blick überraschte selbst ihn. Er sagte nichts.

    „…meine Anwesenheit ist nicht erforderlich.“, sagte Dakeria irgendwann.

    „Doch, das ist sie.“, fuhr Xerxes nun sie an und bedeutete ihr, sich wieder zu setzen.

    „Und warum sollte sie das sein?“, knurrte Arvid. Wieder trat eine angespannte Stille ein. Die Luft schien beinahe zu explodieren. Dann jedoch unterbrach einer der Offiziere das Schweigen – Gyorn. Er räusperte sich vernehmlich: „Ihr habt gerade von Lagern im Nordwesten gesprochen…“

    Dakeria wandte sich um: „Das ist korrekt.“

    Gyorn versuchte nun den Blick des Königs zu erhaschen und fuhr fort: „…Lager, von denen wir offenbar nichts wissen.“

    Arvid gefiel nicht, was er da hörte. Noch dazu aus dem Mund dieser… Val’kyre. Dennoch wandte er seinen Blick nun der Karte zu. Es waren einige neue Markierungen darauf.

    „Was für Lager?“, fragte er schließlich. Seine Stimme klang immer noch zornig, wenn auch nicht mehr ganz so wie vorher.

    „Genau das versuche ich gerade herauszufinden.“, sagte Dakeria und deutete nach Nordwesten, „Livs Einheit ist über diese Route gekommen.“

    „Das wissen wir bereits.“, sagte jemand, doch Dakeria schüttelte den Kopf: „Nein.“ Dann nahm sie eine der Markierungen und versetzte sie. Ihr Blick war hochkonzentriert: „Wir gingen davon aus, dass ihre Einheit von Osten ausgerückt ist. Aber das ist nicht möglich.“

    Nun traten einige Offiziere näher: „Und warum?“

    Dakerias Finger glitten über die Karte: „Weil sie diesen Weg genommen haben. Hätten sie genau die Route genommen, von der wir ausgegangen sind, hätten sie vermutlich mehrere Tage gebraucht. Liv erinnert sich allerdings nur an eine Übernachtung zwischen dem Aufbruch und ihrem Eintreffen auf dem Feld.“

    Nun traten auch die letzten Offiziere neugierig an den Tisch. Arvid schwieg angespannt. Doch Dakeria ignorierte ihn und setzte die Markierung zurück nach Nordwesten: „Dort befindet sich mindestens ein weiteres Lager.“

    „Mindestens?“

    „Liv hat mehrere gesehen. Allerdings haben sie nur an einem einen längeren Halt gemacht. Ihre Truppenflotte ankert im Osten. Auf meinem Weg hierher habe ich im Süden Versorgungsschiffe gesehen. Und nach Livs Schilderung kommen weitere Truppen aus Nordwesten.“, sie setzte zwei weitere Punkte, „Das sind keine zufälligen Bewegungen.“

    Xerxes trat an ihre Seite und betrachtete das Gewirr aus Markierungen. Dann begriff er: „Sie sind auf drei Seiten.“

    „Mindestens.“, berichtigte Dakeria ihn.

    Es wurde unruhig im Raum. Einer der Männer fluchte: „Dann sind wir umzingelt!“ Doch Dakeria hob den Blick: „Das können wir noch nicht mit Sicherheit sagen.“

    „Und was sollte sie davon abhalten?“, fragte jemand.

    Dakeria blieb ruhig: „Wir wissen noch nicht, ob sie stark genug sind, um den Kreis zu schließen. Ihre Truppen hungern. Verstärkung oder Vorräte von Außerhalb zu holen, würde sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.“

    Arvid sah sie nun scharf an: „Und woher wollt ihr das so genau wissen?“

    Dakerias Blick blieb gleichgültig: „Von dem Kind, das ihr gerade herausgeschickt habt.“

    Arvid verstummte. Dann wandte er sich an seine Offiziere: „Wann wurde der Nordwesten das letzte Mal ausgekundschaftet?“

    „Vor … etwa drei Wochen, Hoheit.“, sagte jemand.

    „DREI Wochen?!“

    „Uns fehlten Männer.“, erklärte Gyorn. Nun mische sich Dakeria ein: „Wie viele?“

    Doch Arvid schob sie zur Seite. Das gefiel ihr nicht. Sie sah dem König direkt in die Augen: „Eure Majestät, bei allem Respekt…“

    „GEH.“, zischte Arvid sie an. Dann deutete er auf seinen Sohn: „Und du auch!“

    Doch Xerxes war davon gänzlich unbeeindruckt und sah wieder zur Karte. „Sie verteilen ihre Truppen um Talruin.“, stellte er fest, „Warum greifen sie dann nicht an?“

    Dakeria antwortete nicht sofort. Das war die entscheidende Frage…

    Eine zahlenmäßig überlegene Streitmacht. Mehrere Landungspunkte. Genug Soldaten, um Talruin von allen Seiten unter Druck zu setzen… und dennoch kein Angriff. Stattdessen schickten sie Späher aus. Rationierten Nahrung. Schickten Schwache und Kinder an die Front. Zerlegten Gebäude.

    „…,weil sie es nicht können.“, sagte Dakeria schließlich.

    „Sie haben uns umzingelt!“

    „Nein. Sie haben sich lediglich verteilt. Ihre Armee ist zu groß für die Versorgung. Sie hatten gar keine andere Wahl als sich aufzusplitten.“, Dakeria deutete nach Süden, „Ihre Nahrung kommt vermutlich von hier. Wenn Livs Aussagen stimmen, reichten ihre Vorräte bereits nicht mehr aus. Trotzdem müssen sie mehrere Lager versorgen. Je weiter sie vorrücken, desto mehr müssen sie ihre Versorgungswege anpassen. Einige ihrer alten Routen sind bereits nicht mehr passierbar.“

    Einer der Offiziere verschränkte nun die Arme: „Und was schlagt ihr vor? Greifen wir ihre Versorgungsschiffe an?“

    „Nein.“

    Aller Augen waren nun auf sie gerichtet, während sie ruhig erklärte: „Wenn wir ihre Schiffe angreifen - sofern unsere Flotte überhaupt noch kampftauglich ist – wissen sie, dass wir ihre Schwachstelle gefunden haben. Es würde sie dazu bringen, ihre Versorgung nur stärker zu schützen.“

    „Dann also die Lager.“

    „Nein.“

    „Was dann?“, fragte der Offizier nun aufgebracht.

    Dakeria schwieg. Xerxes kannte diesen Blick… sie ging sämtliche Optionen in ihrem Kopf durch.

    Schließlich brach sie das Schweigen mit einem einzigen Wort:

    „Nichts.“

    „NICHTS?!“

    „Vorerst.“, fügte Dakeria hinzu. Sie nahm einen Stein von der Karte und setzte ihn um ein paar Zentimeter zurück: „Wir werden lediglich diese Stellung hier aufgeben.“

    „SEID IHR VON ALLEN GUTEN GÖTTERN VERLASSEN?!“

    Xerxes bedeutete dem Offizier zu schweigen und Dakeria ignorierte den Kommentar ohnehin. Sie versuchte den Blick des Königs zu erhaschen: „Wir zwingen sie dazu, sie zu besetzen. Jede Stellung braucht Soldaten, Munition und Nahrung.“

    „…du willst sie also weiter auseinanderziehen.“, schlussfolgerte Arvid schließlich. Er hatte ihr die ganze Zeit über zugehört, aber dieses Mal lag echtes Interesse in seiner Stimme.

    „Das ist korrekt, eure Majestät.“, sagte sie. Doch Arvid war noch nicht überzeugt: „Warum greifen wir ihre Versorgungswege nicht direkt an?“

    Dakeria sah zur Karte: „Wenn wir das tun, bliebe ihnen nur noch eine Wahl, um nicht zu verhungern. Nämlich Talruin anzugreifen und sich unsere Vorräte gewaltsam zu nehmen. Das möchte ich vermeiden.“

    Xerxes sah zu seinem Vater. Dessen Gesichtsausdruck blieb allerdings vollkommen unergründlich.

    Dakeria fuhr unbeirrt fort: „Wir lassen ihnen ein paar Vorräte. Nicht genug, um zu überleben, aber genug, um sie daran zu hindern uns anzugreifen.“

    „Seid ihr wahnsinnig?!“, rief wieder einer der Offiziere, doch dieses Mal war es der König selbst, der ihm Einhalt gebot: „Das genügt.“ Er trat näher und sah Dakeria zum ersten Mal in die Augen: „Es würde dauern, bis dein Plan aufgeht, Val’kyre.“

    „Das ist mir bewusst.“, antwortete sie wahrheitsgemäß.

    Der Offizier schnaubte wieder: „Und in der Zeit sollen wir einfach NICHTS tun?“

    Dakeria sah in die Runde: „Nein.“ Ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos, als sie erklärte: „Wir sorgen lediglich dafür, dass jeder Tag, den sie in Val’garath verbringen, noch unangenehmer wird, als der davor.“

    Der Offizier wollte noch etwas sagen, doch Arvid gebot ihm erneut zu schweigen. Xerxes erkannte etwas in seinem Ausdruck, das er noch nie gesehen hatte… Anerkennung.

    „Angenommen, sie durchschauen, was du tun willst…“, begann Arvid.

    „-dann ändern wir unsere Strategie.“, beendete Dakeria den Satz.

    Arvid legte die Stirn in Falten: „Das ist keine Antwort.“

    „Doch. Schließlich weiß ich nicht, was der Feind tun wird.“, erklärte sie sachgemäß. Nun sah Arvid sie prüfend an: „Du hast also keinen Plan.“

    „Nein.“, erwiderte Dakeria zu seiner Überraschung, „Ein vollständiger Plan würde bedeuten, dass der Feind sich genauso verhält, wie ich es mir vorstelle. Es wäre höchst fahrlässig, so zu denken.“

    Arvids Mundwinkel zuckten. Xerxes bemerkte es und grinste. Sein Vater versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken. Ausgerechnet bei der Frau, die er nicht ausstehen konnte. Offenbar geschehen doch noch Wunder…

    „Angenommen, sie besetzen die aufgegebene Stellung nicht…“, fragte der König nun.

    „-dann haben wir nichts gewonnen.“, sagte Dakeria.

    „Was, wenn sie ihre Lager zusammenlegen?“, fragte er weiter.

    „Das würde meine Vermutung mit dem Versorgungsengpass bestätigten.“, erwiderte sie.

    „Und wenn sie doch angreifen?“

    „Dann wäre meine Schlussfolgerung falsch und ich müsste mir eine neue Strategie überlegen.“

    Arvid nickte schließlich. Er schwieg einen Moment. Dakeria nutzte die Pause, um ihren nicht vorhandenen Plan weiter auszuführen. „Es gibt Möglichkeiten.“, sagte sie., „Wir könnten sie mit kleineren Angriffen in Alarmbereitschaft halten. Dafür sorgen, dass sie keine Sekunde schlafen. Das Gelände unpassierbar machen, damit sie noch längere Wege für die Versorgung zurücklegen müssten.“, sie erinnerte sich an das Gespräch mit Liv, „…wir könnten sie über alte Minenschächte führen, die ohnehin einsturzgefährdet sind.“

    Arvid hob die Hand und Dakeria schwieg sofort.

    Er gab es nur ungern zu… aber diese Frau hatte tatsächlich Ahnung von dem, was sie tat.

    „…ich werde deinen Vorschlag prüfen… - Holt das Mädchen wieder rein.“, ordnete er an. Er bemerkte, dass sein Sohn ihn feixend ansah und wich seinem Blick ungerührt aus.

    Der Saal leerte sich nach mehreren Stunden. Arvid hatte ihr schließlich einen Abschnitt zugewiesen, in dem sie ihre Strategie ausprobieren durfte. Kurz bevor sie ging, sprach der König noch einmal zu ihr: „… deine Strategie besteht darin, sie kampflos zum Aufgeben zu zwingen. Du willst sie zermürben.“

    Dakeria blieb stehen: „Das ist korrekt.“

    „Und wenn sie nicht aufgeben?“, fragte Arvid schließlich.

    „Jeder Mensch hat eine Grenze.“, sagte Dakeria daraufhin, „Meister Razuel hat mir das mehr als deutlich gemacht.“

    Dann verließ sie den Raum. Arvid sah ihr nach.

    …Jeder Mensch hat eine Grenze…

    Die Art, wie sie dies sagte, ließ selbst ihm das Blut in den Adern gefrieren….

  • Kapitel 11: Runa

    Dakeria lief nach der Sitzung direkt zu Gyorn, um sich auf den neusten Stand zu bringen: „Wie viele kampffähige Soldaten haben wir derzeit?“

    Gyorn kratzte sich am Hals: „…nicht viele. Im besten Fall hundertsechzig.“

    „Ich brauch eine Zahl, auf die ich mich verlassen kann.“, erwiderte Dakeria ausdruckslos.

    „Dann… sagen wir hundervierundvierzig.“, sagte Gyorn.

    Dakeria nickte. Sie hatte bereits mit wenigen Soldaten gerechnet… aber das war… fast nichts. Dann fragte sie: „Und wie viele brauchen wir, um Talruin im Notfall zu verteidigen?“

    Gyorn gefiel dieser Gesichtsausdruck bei ihr nicht: „…wenigstens hundert.“

    Dakeria dachte nach. Sie hatte also womöglich vierundvierzig Mann, um ihren Plan durchzusetzen. Für einen groß angelegten Einsatz zu wenige. Aber für ihre Strategie würde es vielleicht reichen. Vorrausgesetzt, sie würden auch tun, was sie von ihnen verlangte. Realistisch schätzte sie mit der Hälfte. Zu wenige…

    „Wen hast du alles in die Rechnung mit aufgenommen?“. Fragte Dakeria weiter.

    „Unsere Krieger. Jeden, der schonmal eine Schlacht gesehen hat.“, erwiderte Gyorn langsam.

    „Was ist mit den anderen?“, hakte sie nach. Gyorn sah sie müde an: „Rabe… niemand hier kann kämpfen.“

    Doch die Val’kyre winkte ab: „Das müssen sie auch gar nicht. Ich brauche keine Krieger, sondern Menschen, die das Gelände kennen. Sämtliche Routen und Schleichwege. Und ich brauche eine Karte der alten Minenschächte.“

    Das gab Gyorn zu denken. Schließlich sagte er: „…die alten Minenschächte? Die sind schon seit Jahren inaktiv. Ich glaube, außer der alten Runa gibt’s niemanden mehr, der sich daran noch erinnert. Die meisten sind nichtmal kartiert.“

    Dakeria stand auf: „Wo finde ich diese Runa?“

    Eine Sorgenfalte bildete sich auf Gyorns wettergegerbten Gesicht: „Sitzt im Gefängnis.“

    „Weswegen?“

    Gyorn schwieg. Ungewöhnlich. Dakeria fragte weiter nach: „Weswegen, Gyorn?“

    Der alte Veteran seufzte: „…sie hat die Regeln missachtet. Bei einem Minenunglück.“

    „Welche Regeln?“

    Gyorn schüttelte den Kopf: „…sprich am besten selbst mit ihr. Sie ist ne ehrliche Haut. Und… grüß sie von mir.“

    Dakeria blickte ihn misstrauisch an. Es war neu, dass er ihr Informationen vorenthielt. Ihr blieb wohl nichts anderes übrig, als das Gefängnis aufzusuchen…

    Ohne ein weiteres Wort verschwand sie zwischen den staubigen Häusern.

    ---

    In der Zwischenzeit sprach Xerxes mit seinem Vater. Er lächelte: „Du musst zugeben, dass sie einen ziemlich guten Plan hat.“

    „Sie hat KEINEN Plan.“, sagte Arvid genervt und ohne von dem Schreiben auf seinem Tisch aufzublicken. Xerxes selbstgefälliges Grinsen ertrug er dieses Mal nicht. Dieser lächelte nur: „…und genau das ist die einzige Möglichkeit, die uns im Moment noch bleibt.“

    ---

    Das Gefängnis von Talruin war leicht zu übersehen. Der Eingang befand sich direkt in den Berg gehauen und vor einer Stahltür standen zwei grimmig aussehende Wachen. Sie ließen Dakeria nur widerwillig hinein.

    Es war dunkel und nur wenige Fackeln beleuchteten die grauen steinernen Gänge. Die Zellen waren in den Fels gehauen und mit Gitterstäben versehen. Unten war jeweils eine kleine metallene Klappe, durch die in rostigen Töpfen Wasser und Nahrung hineingeschoben werden konnte. Auch wenn man den grauen Klumpen in den winzigen Behältern kaum als Essen bezeichnen konnte.

    Die Zellen verliefen über mehrere Stockwerke immer weiter in die Tiefe. Es gab nur wenige Wärter und die, die sie antraf, wollten einer schwarzen Val’kyre keine Auskunft geben. Also sah sich Dakeria selbst um.

    Ihr fiel auf, dass die meisten Insassen überraschenderweise aus Frauen bestanden. Viele blickten abfällig zu ihr, spuckten sie an oder gaben höhnische Kommentare ab. Doch Dakeria ignorierte all das und lief die Zellen ab. Die Meisten von ihnen sahen nicht alt genug aus, um zu Gyorns Beschreibung zu passen. Und je tiefer sie in das Verließ vordrang, desto dunkler wurde es. Ein wenig erinnerte sie das Gefühl an damals, als sie mit Grael in den unterirdischen Archiven Helias gearbeitet hatte. Allerdings war es dort wesentlich sauberer. Und nicht ganz so kalt.

    Nur wenige Insassen besaßen etwas, das ihnen, abgesehen von ihrer Kleidung, Schutz vor der Kälte gab. Kälte, Hunger und kein Weg hinaus – kein Wunder, dass die meisten schlechte Laune hatten.

    Am Ende einer Reihe blieb sie vor einer Zelle stehen. Eine alte Frau blickte zurück. Ihr strähniges graues Haar war zu einem unordentlichen Knoten zusammengebunden und ihr Gesicht war gezeichnet von Narben. Ihre Augen hatten die Farbe von Matsch und ihre Kleider waren staubig und zerschlissen. Obwohl die Rationen karg waren, sah sie dennoch besser genährt aus als die Meisten. Zudem hatte sie einen Flachmann neben sich liegen, den sie mit dem rechten Arm zum Mund führte. Es roch nach irgendeinem Alkohol. Der linke Arm fehlte ihr.

    „Seid ihr Runa?“, fragte Dakeria.

    Die alte Frau blickte sie misstrauisch an und erwiderte mit einer Fistelstimme: „Kommt druf an, wer fragt.“

    Die Val’kyre trat etwas näher: „Ich heiße Dakeria. Und ich brauche eure Fähigkeiten.“

    „Lass gut sein, Runa!“, rief jemand von draußen. Runa antwortete, indem sie in den leeren Napf neben ihrer Pritsche ausspuckte.

    Dakeria blieb ruhig: „Warum wurdest du eingesperrt?“

    „Ham dir die feinen Pinkel da oben dat nich erzählt?“, fragte Runa. Ihre Stimme klang zwar misstrauisch… aber zumindest frei von Abscheu.

    „Gyorn sagte, ich soll dich selbst danach fragen.“, erklärte Dakeria schließlich.

    Der Name schien etwas auszulösen: „Gyorn?! Also lebt die alte Pissnelke noch?“

    Dakeria war von dieser Wortwahl dezent irritiert, doch sie ließ es sich nicht anmerken: „Ja. Ich soll euch von ihm grüßen.“

    Runa sah sie an und schwieg einen Moment.

    „…wat willst du?“, fragte sie schließlich.

    „Ich brauche jemanden, der sich mit den alten Minenschächten auskennt.“, sagte Dakeria.

    „Kannste verjessen. Unpassierbar.“, meinte Runa. Doch Dakeria gab noch nicht klein bei und zog nun eine Karte aus ihrer Tasche. Sie deutete auf einen Punkt: „Kannst du mir sagen, welcher Schacht dort ist und wo er endet?“

    Runa sah sie immer noch abschätzig an: „Warum sollte ick dir helfn?“

    Dakeria schwieg zunächst. Ihre Möglichkeiten waren begrenzt: „Ich kann versuchen, dich hier rauszuholen.“

    Runa lachte nur trocken: „HA! Na denn viel Glück, Mädel.“

    Dakeria blieb jedoch ernst und fragte erneut: „Warum haben die dich hier eingesperrt? Gyorn sagte, es hätte etwas mit einem Minenunglück zu tun.“

    Die Farbe verließ Runas Gesicht. Ihre trüben Augen sahen eine Spur trauriger aus. Sie deutete mit ihrem verbliebenen Arm auf die Karte: „Schacht sieben. Da hab ick früher jearbeitet.“

    „Das beantwortet meine Frage nicht.“, sagte Dakeria und packte die Karte wieder weg.

    Runa kratzte sich am Kinn. Sie schien sich nur ungern erinnern zu wollen: „…vor zwanzich Jahrn… gabs nen Unfall. Nen Stützpfeiler is zusammenjebrochen. Anordnung war, dass alle die Mine sofort verlassn.“

    Sie machte eine Pause und Dakeria wartete, dass sie weitersprach.

    Runa nahm einen Zug aus ihrem Flachmann und fuhr fort: „…ick hab meine Leute wieder reinjeschickt. Warn noch vier drinnen. Wollten die noch rausholn, bevor alles zamkracht.“

    „Hast du es geschafft?“, fragte Dakeria.

    Runa schüttelte den Kopf: „Nur zwei. Die annern hams nich überlebt. Mein Arm jenauso wenig.“

    Dakeria sah sie an: „Wenn du trotzdem zwei Leute gerettet hast, warum sperrt man dich dafür weg?“

    Runa sah zum ersten Mal überrascht aus: „Ick hab meene Leute in Jefahr jebracht, Mädel!“

    „Du hast zwei deiner Leute gerettet.“, korrigierte Dakeria nüchtern.

    Runa musterte sie mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugier. Sie nahm einen weiteren Schluck aus ihrer Flasche und blickte finster in eine Ecke: „Jupp. Sahen die wohl nich so. Hab die Regeln jebrochen. Außerdem…“, sie deutete auf ihren nicht vorhandenen Arm, „Bin ick nen Krüppel. Die sperrn gern Leute wie mich wech. Stört dat Stadtbild oder so.“

    Dakeria blickte nur verständnislos drein, was Runa wiederrum in schallendes Gelächter ausbrechen ließ: „Ha! Nu guck dir nur mal an! Hätt nie jedacht, dat ick mal ne Val’kyre seh, die meene Verhaftung infraje stellt!“

    „Sie ist nicht gerechtfertigt.“, erwiderte Dakeria ausdruckslos.

    Runa wurde wieder ruhiger und blickte zu den anderen Gefangenen: „Dat isse seltn, Mädel…“

    „Wie meint ihr das?“, fragte Dakeria. Doch Runa schüttelte nur den Kopf.

    Schließlich stand Dakeria wieder auf: „Ich werde sehen, was ich für dich tun kann, Runa.“

    Die alte Frau nickte nur. Doch als Dakeria sich zum Gehen wandte, rief sie ihr hinterher: „HEE, Val’kyre!“

    Dakeria drehte sich um und Runa zeigte ein zahnloses Grinsen: „Sach Gyorn, dass er mir immernoch ne Flasche Gin schuldet!“

    Dakeria zögerte. Dann nickte sie und machte sich auf den Weg zurück.

    Sobald sie draußen war, wurde sie von Gyorn abgefangen: „Na, wie liefs?“

    Sie sah ihn ausdruckslos an: „Runa lässt verlauten, dass du ihr noch eine Flasche Gin schuldest.“

    Der bärtige Riese lachte schallend: „Dann ist sie noch ganz die Alte!“

    Doch Dakeria lachte nicht mit: „Seit wann schuldest du ihn ihr?“

    Gyorn dachte nach: „…seit…uff… Ungefähr … zwanzig Jahren?“

    Dakeria sah ihn missbilligend an. Gyorn zuckte jedoch nur mit den Schultern: „Was? Ich kann nicht einfach Alkohol ins Gefängnis schmuggeln.“

    „Andere schon.“, sagte Dakeria und dachte an Runas Flachmann. Mit wesentlich ernsterer Miene fuhr sie fort: „Sie könnte nach Talruins Gesetz zum Schuldausgleich sogar Zinsen verlangen.“

    Gyorn räusperte sich laut und vernehmlich: „Also… ich glaube ohnehin nicht, dass sie mich gern sieht, daher… ich war es, der sie damals verhaften musste.“

    Dakeria wurde ruhig. Dann sprach sie aus, was sie die ganze Zeit schon beschäftigte: „Ihre Verhaftung ergab für mich keinen Sinn.“

    „Du hast es erfasst.“, brummte Gyorn, „Die haben sie nicht verhaftet, weil sie gegen die Regeln verstoßen hat. Sondern weil sie sich aufgelehnt hat. Sie hat für die Leute vom Orden noch nie ins Bild gepasst. Hast sie ja gesehen.“

    Dakeria sah ihn scharf an: „Was hat der Adwaner-Orden damit zu tun?“

    Nun veränderte sich Gyorns Blick. Fast nervös. Als hätte er vor irgendwas… Angst.

    „Nichts.“, sagte er. Doch Dakeria erkannte die Lüge in seinen Augen sofort: „Was verschweigt ihr mir?“

    Die Farbe wich aus Gyorns Gesicht und seine Stimme wurde leiser und merkwürdig hohl: „Kleiner Rabe… glaub mir. Halt dich einfach da raus. Vergiss, was ich gesagt habe.“

    Dakeria schwieg. Sie wollte noch etwas sagen, doch Gyorn war bereits gegangen.

    Seltsam…

    Vielleicht wusste Xerxes etwas darüber. Es konnte nicht schaden ihn zu fragen. Aber erst später. Zuerst sollte sie wohl oder übel zum König.

    ---

    Kurze Zeit später klopfte es an der Tür. König Arvid sah von seinem Schreibtisch aus. Es war die Val’kyre.

    „Ich bitte um Erlaubnis, eine Gefangene entlassen zu dürfen.“, sagte sie.

    Natürlich. Erst dieses Kind. Und nun will sie auch noch eine Gefangene befreien. Was kommt als Nächstes?

    „Nein.“, sagte Arvid nur. Ihm schwante bereits, dass er sie Val’kyre nicht so leicht loswerden würde. Als er aufblickte, stand sie immer noch dort. „Ist noch etwas?“, fragte er.

    Dakeria erklärte: „Mit Verlaub, eure Majestät… aber Runa ist die Einzige, die einen Überblick über die alten Minenschächte besitzt. Ohne ihre Mithilfe besteht die Möglichkeit, dass-„

    „Ich sagte Nein.“, wiederholte Arvid.

    „Das habe ich verstanden. Ich möchte von euch lediglich eine Begründung hören.“, erwiderte Dakeria ruhig. Der König sah zu ihr auf: „Du willst wissen, warum? Du hast bereits ein Kind aus den feindlichen Linien hierhergebracht.“

    „Das ist korrekt.“, sagte Dakeria.

    „Und nun willst du auch noch eine Gefangene befreien.“, fuhr Arvid leicht genervt fort.

    „Auch das ist korrekt. Aber es ist keine Begründung.“, warf Dakeria ein, ungeachtet des königlichen Gemütszustandes. Vielleicht war auch dieser ausdruckslose Blick, der Arvid nicht gefiel. Schließlich erklärte er: „Du wusstest nicht, ob Liv relevante Informationen für uns hat. Dennoch hast du sie angeschleppt. Ein Kind, das genauso gut ein Spion sein könnte. Ich zweifle an deinem Urteilsvermögen, Val’kyre.“

    „Und eine Person wegzusperren, die zwei Bergarbeiter gerettet hat, zeugt nicht von schlechtem Urteilsvermögen?“, fragte Dakeria nun. Sie klang vollkommen neutral. Nicht einmal so, als wollte sie ihn damit verhöhnen. Arvid warf ihr einen finsteren Blick zu: „Das geht dich nichts an.“

    „Doch. Ich brauche sie, um die Strategie, auszuarbeiten, für die ihr mir bereits eure Zustimmung gegeben habt.“, erklärte Dakeria sachlich.

    Arvid schnaubte.

    Verdammt…

    Er atmete tief durch.

    „…sie wird NICHT befreit.“, sagte er schließlich. Dakeria wollte bereits etwas erwidern, doch er schnitt ihr das Wort ab, „ABER ich erlaube dir, sie für die Mission einzustellen. Unter strenger Bewachung und weiterhin gefesselt. Sie bekommt keinen Zugang zu Waffen und untersteht deiner Verantwortung. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

    Dakeria nickte: „Ich habe verstanden. Vielen Dank.“

    „Gut. Jetzt lass mich in Frieden.“, grummelte Arvid und wies zur Tür.

    Dakeria hatte sie kaum hinter sich geschlossen – als sie Xerxes direkt in die Arme lief. Dieser schien bei bester Laune zu sein: „Du wirst ihn noch zur Weißglut bringen.“

    Dakeria sah ihn irritiert an: „Das war nicht meine Absicht.“

    „Ich weiß.“, sagte er lächelnd. Dakeria musterte ihn. Er sah besser aus als nach ihrer Ankunft. Unweigerlich blieb ihr Blick an seinen Lippen hängen. Dann sah sie wieder weg und wollte bereits gehen, doch Xerxes hielt sie fest: „Warte. Bring mich auf den neusten Stand.“

    Dakeria sah ihn wieder an: „Wie viel habt ihr mitbekommen?“

    Xerxes lächelte: „Genug.“

    Das ergab keinen Sinn.

    „Warum fragt ihr dann?“, fragte sie verwirrt. Xerxes strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Die Berührung irritierte sie. Er merkte es: „Weil ich nach einem Grund suche, um mit dir zu reden.“

    Sie sah ihn nur an und legte den Kopf schief: „Seit wann braucht ihr einen Grund dazu?“

    Er hielt inne: „Seit du jedes Mal verschwindest, sobald du dir etwas in den Kopf gesetzt hast.“

    Dakeria dachte darüber nach. Vielleicht hätte sie ihm Bescheid sagen sollen, wohin sie ging. Xerxes seufzte nur. Dann bemerkte er, wie sich ihr Blick veränderte. So als ob sie etwas fragen wollte, aber nicht wusste, ob sie es durfte.

    „Ist etwas?“, fragte er stattdessen.

    Dakeria schwieg zunächst weiter. Schließlich sagte sie: „…der Kuss…“

    Xerxes grinste wieder. So ist das also. Es beschäftigt sie immer noch.

    „Würdet ihr mich nochmal küssen?“, fragte Dakeria leise.

    Er hob eine Augenbraue: „Kommt drauf an, warum du fragst.“

    Eine Sekunde später wünschte er, er hätte die Frage nicht gestellt. Denn Dakeria antwortete ihm so unromantisch, wie er es (leider) von ihr gewohnt war: „Euch zu küssen hat sich anders angefühlt. Ich muss wissen, ob dies konstant bleibt.“

    Xerxes brauchte einen Augenblick, um das zu verstehen: „…Darcy… ich bin kein Forschungsobjekt.“

    Sie sah ihn verständnislos an: „Das stimmt. Aber anders kann ich nicht prüfen, was der Unterschied zwischen euch und Grael war.“

    Xerxes seufzte erneut. Tief einatmen. Tief ausatmen. „Darcy… du kannst das so nicht prüfen.“

    Nun wirkte sie erstaunt: „Warum nicht?“

    Xerxes schüttelte nur den Kopf und wandte sich zum Gehen, als – „Würdet ihr mich dennoch küssen?“

    Er blieb stehen: „Warum?“

    Dakeria ließ sich mit ihrer Antwort Zeit. „…weil es sich gut angefühlt hat.“

    Nun grinste er wieder und drehte sich noch einmal zu ihr um: „Später. Ich verspreche es.“

    ---

    Runa warf den Topf in eine Ecke. Der Fraß, den es hier im Knast gab, war schlimmer als Elnukkscheiße.

    Nun bemerkte sie, dass die anderen Gefangenen unruhig wurden. Seltsam. Sie hörte Schritte auf dem steinernen Boden und das… Klirren von Schlüsseln. Hatte diese verrückte Val’kyre es tatsächlich geschafft?

    In der Tat… da war sie. Begleitet von Gyorn, der alten Pissnelke.

    „Grüß dich, Runa.“, sagte er. Runa musterte ihn. Sein Bart ist länger und grauer geworden und die Haare wurden auch langsam weniger. War ja klar. Das Alter machte eben vor niemandem halt. Dennoch – dass sie hier standen, konnte nur eines bedeuten…!

    „Haste meinen Fusel dabei?“, krächzte Runa und lachte.

    Nun ergriff Dakeria das Wort: „Runa. Ich habe die Erlaubnis seiner Majestät, dich für einen bestimmten Zeitraum aus deiner Zelle zu holen, um mich bei meiner Mission zu unterstützen. Bist du damit einverstanden?“

    Runa rülpste: „Nu ja, ick hab ja nich wirklich ne Wahl, nich? Alles is besser, als hinter Gittern zu versauern.“

    Dakeria wertete das als ein Ja und Gyorn schloss auf ihren Wink hin die Zelle auf. Runa wuchtete ihren Körper nach oben. „Wat is mit Handschelln?“, fragte sie und wedelte mit ihrer verbliebenen Hand umher. Diese war mit einer Art Gürtel an ihr verbunden, da ihr die andere Hand fehlte.

    Dakeria schüttelte den Kopf: „Dafür habe ich leider keine Befugnis.“

    „Auch jut.“, sagte Runa. Dann holte sie aus und rammte Gyorn ihre Faust in den Bauch: „Dat is dafür, dass du mir innen Rücken jefalln bist!“

    Dakeria sah nur zu, während die anderen Wachen bereits ihre Schwerter zogen. Doch Gyorn winkte, japsend und nach Luft schnappend ab: „Alles gut, das hab ich verdient!“

    Dakeria fing Runas Blick auf: „Können wir?“

    „Jupp. Aber sach ma – wenn wir draußen sin, können wa wat spachteln jehn? Hab mordsmäßig Hunger. Un zu so nem Schlückchn Gin würd ick och nich nee sagn.“

    „Das ist nicht Bestandteil der Mission.“, sagte Dakeria irritiert. Gyorn zwinkerte ihr zu: „Na, na… auf leerem Magen lässt die Konzentration nach. Stimmts, Dakeria?“

    Die schwarze Val’kyre dachte darüber einen Moment nach… „Das ist korrekt.“

    Runa grinste: „Na denn…“ Anschließend schlenderte sie gemütlich aus dem Zellentrakt hinaus. Dakeria, Gyorn und die Wachen folgten. Es war seltsam still. Als Runa nach draußen geführt wurde, schien sich die gesamte Atmosphäre im Gefängnis geändert zu haben. Ungefähr einhundert Augen waren nun auf die kleine Formation gerichtet, die langsam das Gebäude verließ.

    Draußen angekommen, wurde Runa vom Licht geblendet. Sie lächelte: „Hätt nie jedacht, dass ick nochmal die Sonne seh…“

    Und zu ihrer Überraschung entließ Dakeria sogleich die beiden Wachen, die sie begleitet hatten. Nur Dakeria und Gyorn blieben übrig.

    „Warum hastn dat jemacht?“, fragte Runa neugierig.

    „Wenn euch euer Vertrauen gewinnen möchte, muss ich mir zuerst das Eure verdienen.“, erwiderte Dakeria ausdruckslos, „Zumal mir aufgefallen ist, dass ihr nicht besonders gut auf meine Wachen zu sprechen seid.“

    „Dat is wahr.“, sagte Runa und spuckte auf den Boden, „Hunde des Ordens… die könn mir jestohln bleiben.“

    „-Runa.“, ermahnte Gyorn sie, doch Runa lachte nur: „Was? Haste immernoch Schiss?“

    Dakeria musterte die Beiden schweigend. Runa schien jedenfalls keine Angst vor dem Orden zu haben. Wenn sie Informationen brauchte… vielleicht war Runa bereit, ihr welche zu geben.

    Gyorn räusperte sich: „Also… wolltest du nicht was essen? Worauf hast du Lust?“

    „Mir egal. Alles is besser als der Fraß ausm Knast.“, sagte Runa und verdrehte die Augen.

    „Fischbrötchen?“

    „Immer. Aber vergiss net – du hast mir meenen Gin versprochn!“

    ---

    Nach einem kurzen Fußmarsch hatten sie den Marktplatz erreicht – oder zumindest das, was davon noch übrig war. Der Boden war von Ruß bedeckt, der Schnee zum Teil geschmolzen. Einige Häuser waren nur noch Schutt und Asche. Die wenigen Händler hatten ein überaus dürftiges Sortiment. Doch zu Runas Glück gab es noch jemanden, der auch Fischbrötchen verkaufte.

    Sie setzten sich ein wenig abseits auf eine Mauer und Runa biss herzhaft in ihr Brötchen. „Bei alln jutn Göttern!“, schwärmte sie.

    Dakeria sah sie fragend an: „Ist etwas nicht in Ordnung damit?“

    Runa grinste nur: „Mädel, friss mal zwanzich Jahre jedn Tach den Knastfras… da wird dir selbst dat wien Festmahl vorkommn!“

    Dakeria schwieg wieder. Zwanzig Jahre… „Wie alt bist du, Runa?“, fragte sie schließlich und Runa verschluckte sich beinahe: „Ma fragt ne Dame doch nich nachm Alter!“

    „Warum nicht?“, fragte Dakeria, offensichtlich überrascht. Runa brach in schallende Gelächter aus. Die Val’kyre verschränkte die Arme: „Ich habe nichts witziges gesagt.“

    Runa grinste nur und wandte sich an Gyorn: „Sach ma, wo habtn ihr die ausjegrabn?“

    Dieser resignierte: „Lange Geschichte…“ Es hatte keinen Sinn, Dakeria ausgerechnet jetzt in umgangssprachliche Formulierungen einzuweisen. Das würde ewig dauern.

    „Ich wurde nicht ausgegraben.“, sagte Dakeria und legte den Kopf schief.

    „Das ist eine Redewendung.“, erklärte Gyorn nur und wandte sich dann wieder an Runa: „Runa, wenn du fertig bist, können wir uns endlich die Minen ansehen?“

    „Wat is mit meinem Gin?“, war Runas Antwort.

    „Später.“, sagte Gyorn.

    „Verdammich noch eins!“, fluchte Runa und nahm einen weiteren Bissen.

    Dakeria schwieg. Ihre Gedanken drifteten ab… zu Xerxes… zu seinem Versprechen…

    Unwillkürlich berührte sie ihre Lippen mit den Fingerspitzen. Zu ihrem Unglück bemerkte Runa es: „Wat machstn da? Hat dich eener jeknutscht?“

    Dakeria schreckte hoch.

    „Ja.“, sagte sie trocken. Dann fügte sie noch hinzu: „Es war angenehm.“

    Nun schien Runa irritiert: „Öhm… jut für dich?“

    Dakeria beschloss, das Thema zu wechseln. Es wäre vielleicht nicht gerade gut für Xerxes, wenn man davon erfuhr. Sein Vater war ohnehin schon nicht gut auf sie zu sprechen, auch wenn Xerxes das nicht im Geringsten zu stören schien.

    „Du sagtest, der Orden hätte dafür gesorgt, dass man dich wegsperrt.“, sagte sie schließlich.

    Gyorn fiel das Lächeln aus dem Gesicht: „Dakeria – lass es. Ich bitte dich.“

    „Warum?“, fragte sie und Runa begann wieder zu grinsen: „Ick mag se.“

    Gyorn warf der alten Frau einen bösen Blick zu: „Runa.“ Die Drohung in seiner Stimme schien die alte Bergarbeiterin allerdings nicht zu stören: „Nee. Det Mädel muss et wissen.“

    Der Veteran schüttelte den Kopf: „Du bringst sie damit nur noch mehr in Gefahr.“ Sein Blick fiel wieder auf Dakeria. Und wieder hatte er die Soldatin vor Augen die leichtsinnig in die Schützengräben sprang, um ihnen Zeit zu verschaffen. Sie war waghalsig. Das würde kein gutes Ende nehmen. Doch Runa schien das anders zu sehen: „Besser ne Jefahr zu kenn, statt blind reinzuflitzen, wa?“

    Gyorn beschloss sich nicht weiter einzumischen. Er kannte Dakeria leider zu gut. Wenn sie Informationen wollte, würde sie auch welche bekommen. Egal wie.

    „…ich hol dir den Gin.“, sagte er nur mit merkwürdig hohler Stimme. Dann ging er. Runa und Dakeria blieben allein zurück. Dakeria sah ihm nach: „Was hat er?“

    „Schiss.“, sagte Runa nur.

    „Aber warum?“

    „Na weil der Ordn seene Augn überall hat. Die ham mehr Einfluss als der König, verdammich noch eins!“, grummelte Runa und aß weiter. Dakeria überlegte. Früher, als sie Talruin zum ersten Mal betrat, hatte sie ein paar Leute vom Adwaner-Orden gesehen. Sie trugen weiße Roben und blieben meist unter sich. Kaum vorstellbar, dass sie derart viel Macht über das Reich hatten. Und seit sie zurück war, hatte sie keinen einzigen von ihnen mehr gesehen.

    „Wie ist das möglich?“, fragte sie Runa schließlich. Diese schien jedenfalls keine Angst zu haben und zuckte mit den Schultern: „Nu, die versteckn sich oben im Tempel. Irjendwo im Nordn, bissel abseits von hier. Habn Arvid aufn Thron geholfn und nen kleenen Skandal von ihm vertuscht – irjendwat mit ner Mätresse un unehelichn kinnern. Jednfalls spieln dafür alle nur noch nach deren Regeln.“

    Dakeria dachte an Xerxes. Seine Mutter war eine Bürgerliche gewesen. War es vielleicht das, was Runa meinte?

    „Welche Regeln meinst du?“, hakte sie schließlich weiter nach. Runa schien in Plauderlaune zu sein und lehnte sich zurück: „Nu ja… die sortiern Leute aus, nich? Leute wie mich. Leute die unbequem jewordn sin. Ham viele wegjesperrt un berufn sich auf Adwana.“, der Name ließ Dakeria kurz innehalten, doch Runa bemerkte es nicht und fuhr ungehindert fort, „Irjendsone Göttin von dennen. Mit beschissenen Jeboten sach ick mal. Darfst keene Magie anwendn. Dich in keenen verliebn, der det selbe Jeschlecht hat. Musst die Schnauze haltn,“ Runa blickte auf ihren Arm, „Keen Krüppel sein.“

    „Prinz Xerxes sagte, der Orden habe sich nach Anbeginn des Krieges von uns abgewandt.“, bemerkte Dakeria. Runa nickte nur: „Det is jut möglich. Könnt wettn, dass denen eener aufn Schlips jetretn is. Die kontrolliern alles. Handelsroutn. Ham jute Kontakte, die Arschgeign. Un nu versorgn die den Feind mit Infos. Da wett ick meenen juten Arm druf!“

    Dakeria überlegte: „Wenn der Orden sich abgewandt hat – warum fürchtet sich Gyorn dann noch vor ihnen?“

    „Das tue ich nicht.“, sagte eine dröhnende Stimme. Gyorn war zurückgekehrt und hielt eine staubige Flasche in den Händen, die er neben Runa abstellte. Diese rollte mit den Augen: „Is klar.“

    Dakeria pflichtete ihr bei: „Du weist eindeutige Zeichen von Furcht, Angst oder Trauma auf. Deine Stimme wird leiser. Du zuckst bei der Erwähnung jedes Mal zusammen. Du wirst nervös und willst unbedingt das Thema wechseln. Folglich: Ja. Du hast Angst.“

    „Verdammich Mädel, du bist ja richtig jut!“, grinste Runa.

    Dakeria wollte etwas einwerfen, als sich plötzlich eine Gestalt ihnen näherte: „Darcy.“

    Sie sah sofort auf, als sie ihn erkannte, und ihre Miene erhellte sich für einen Augenblick: „Scream.“

    Er stutzte einen Augenblick. Ein kurzes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

    Runa kaute etwas langsamer und blickte abwechselnd zu den beiden. Scream? Warum nennt det Mädel den Prinzen denn Scream?

    „Wie ich sehe, hast du die Gefangene bereits in deine Mission integriert und ausreichend versorgt.“, sagte er, den Blick auf die Reste von Runas Fischbrötchen gerichtet.

    „Das ist korrekt.“, stimmte Dakeria zu.

    „Und du hast Gyorn dazu gebracht, ihr Alkohol zu bringen.“, fuhr er fort. Sie sah ihn an: „Er schuldete ihn ihr.“

    „Seit zwanzich Jahrn!“, rief Runa dazu. Dakeria schien etwas einzufallen: „Stimmt… Runa, du könntest laut Gesetz auch Zins-mmmpf!“, Gyorn hielt Dakeria sicherheitshalber den Mund zu, bis Xerxes ihm bedeutete sie loszulassen. Er trat näher und seine Hand strich ihr über die Schulter. Diese Berührung schien sie alles vergessen zu lassen. Er sah sie an: „Sei vorsichtig.“

    „Das bin ich immer.“

    „Bist du nicht.“, sagte er, „Darcy, ich kenne dich besser als sonst jemand.“

    „Meine Einschätzung der Gefahrenlage-„, begann sie, doch Xerxes schnitt ihr das Wort ab: „Darcy.“

    Sie verstummte sofort und sah, dass er grinste: „Komm einfach wieder zurück.“

    Sie legte den Kopf schief: „Ich hatte nichts anderes geplant.“

    „Gut.“, sagte er. Dann wandte er sich an Gyorn, „Gyorn, mein Vater verlangt, dich unverzüglich zu sprechen.“

    Gyorn warf einen Seitenblick auf Dakeria und Runa. Die beiden allein zu lassen, könnte schlimme Folgen haben… für Dakerias Neugier und vor allem für seinen Geldbeutel. „Kann das warten?“

    „Ich fürchte nicht.“, erwiderte Xerxes kopfschüttelnd. Gyorn fuhr sich durch die verbliebenen Haare: „…ich bring die beiden noch zum Schacht.“

    Xerxes nickte: „In Ordnung. Komm danach gleich zurück.“

    „Mach ich.“

    Der Prinz warf Dakeria noch einen letzten Blick zu… dann lief er zurück zum Schloss. Gyorn und Dakeria richteten sich zeitgleich auf und Runa schlang den Rest ihres Fischbrötchens hinunter. Auf dem Weg zur Mine war die alte Frau auffällig still und grinste in sich hinein. Erst als Gyorn sich verabschiedet hatte und sie allein in den Minen waren, brach sie in schallendes Gelächter aus. Dakerias irritierter Blick ließ sie nur noch lauter lachen.

    „Was?“, fragte Dakeria nun. Die alte Frau stützte sich an einer Felswand ab: „Mädel – du bist mir ja eene!“

    „Was meint ihr?“

    „Nüscht!“, grinste Runa und rieb sich die Tränen aus den Augen. Dakeria verstand das nicht: „Weint ihr?“

    Runa lachte weiter: „Ick heul vor Lachn! Du un der Prinz – det…!“, sie konnte den Satz vor Lachen nicht mehr beenden. Dakeria fand das nicht lustig: „Was ist mit ihm?“

    „Der wars! Der hat dich jeknutscht!“

    Dakeria schwieg und wurde eine Spur rosa im Gesicht. War das so offensichtlich? Woran hatte sie es erkannt? „…ja.“, sagte sie schließlich. Es nützte nichts, zu lügen.

    Runa prustete erneut los, als sie Dakeria – die emotionslose Kriegsfürstin – so sah: „Mädel, wie de den anjeguckt hast!“

    Dakeria runzelte die Stirn: „Ich habe ihn angesehen. Das ist nichts ungewöhnliches.“

    Runa sah sie feixend an: „So guckste aber Gyorn nich an.“

    „Natürlich nicht.“, erwiderte Dakeria verwirrt, „Gyorn ist nicht Xerxes.“

    Runa musste wieder lachen. Es dauerte einige Minuten, bis sie sich endlich wieder eingekriegt hatte. Danach begannen sie endlich die Gänge zu erkunden. Doch für Runa war das Thema offenbar noch nicht beendet: „Nen hübscher Kerl.“

    „Was?“, Dakeria hob den Blick von ihrer Karte.

    „Dein Prinz.“

    Dakeria dachte nach. Darüber hatte sie sich noch nie Gedanken gemacht. Sie kannte Xerxes… wahrscheinlich kannte sie seinen Körper besser als jeder andere, da er sich gefühlt bei jeder Mission verletzt hatte und sie es war, die ihn zusammengeflickt hatte. Aber ob er gut aussah? War das überhaupt wichtig? Woran machte man das fest?

    Runa bemerkte ihre Schweigsamkeit: „Wasn? Jefällt er dir nich, oder wat?“

    „Doch… glaube ich.“, antwortete Dakeria schließlich.

    „Aber?“
    „Ich habe mir nie Gedanken um sein Aussehen gemacht.“, sagte Dakeria. Vielleicht war es ihre Ehrlichkeit oder diese absolute Unschuld in ihrem Blick, die Runa wieder zum Lachen brachte: „Du bist mir ja eene!“

    Dakeria blickte wieder ausdruckslos in die Minen. Es war besser, sich auf die Mission zu konzentrieren. Doch Runa hielt sie zurück: „Nich weiter.“

    Dakeria sah sie überrascht an. Sie konnte keine Gefaher erkennen. „Warum?“

    Runa schien angestrengt auf irgendwas zu warten: „Hörste wat?“

    Dakeria lauschte in die Dunkelheit: „Nein.“

    Die alte Bergarbeiterin nickte nur. Dann stieß sie einen schrillen Pfiff aus und ein kleiner Singvogel kam kurz darauf aus dem Schacht hinter ihnen entgegen geflattert. Er zwitscherte ununterbrochen und landete auf Runas Hand.

    „Was hast du vor?“, fragte Dakeria nun.

    „Ihn vorschickn. Wenn er aufhört zu singn, könn wa nich weiter. Dann is et jefährlich.“

    Der kleine gelbe Vogel saß auf ihrer schrumpeligen Hand und sah Runa neugierig an. Diese stieß einen weiteren Pfiff aus und der Vogel verschwand zwitschernd im Schacht vor ihnen. Doch bereits nach wenigen Minuten verstummte das Lied.

    „Gas.“, erklärte Runa knapp, „Wir müssen schleunigst hier raus.“

    Dakeria reagierte sofort und zog Runa mit, zurück in Richtung Ausgang. Diese stieß beim Laufen weitere Vogellaute aus – bis ihr endlich eine Vogelstimme antwortete. „Det reicht!“, keuchte sie und rang nach Luft, „Hier simma wieder sicher.“

    Dakeria sah zurück in den Schacht: „Was war das für ein Gas?“

    „Wat weeß ick! Wir wärn fast verreckt, so fix wie det ging!“, japste Runa. Dakeria überlegte laut: „Breitet es sich aus? Sammelt es sich?“

    „Ick weeß es nich, Mädel.“

    Die Val’kyre ging ihre Optionen durch. Sie musste mehr herausfinden. Sie wandte sich wieder an Runa: „Diese Vögel… ist es möglich, dass man weitere Gase mit ihnen ortet?“

    „Wenne lebensmüde jenuch bist, ja.“

    Die Tatsache, dass Dakeria daraufhin nur seelenruhig nickte, ließ Runa nur mit dem Kopf schütteln: „Un was haste dann vor?“

    „Das Gas gegen unseren Feind einsetzen.“, erklärte Dakeria nur. Sie schien den Ernst der Lage immer noch nicht zu verstehen, weshalb Runa noch einmal nachsetzte: „Un wen willste einsetzn, um dat zu kartiern? Da setzte Leben aufs Spiel, wenne einen hier runter schickst!“

    Doch Dakeria hatte sich bereits entschieden: „Bring mir diese Vogellaute bei.“

    Runa sah sie entgeistert an. …jetzt hat se se nich mehr alle…

    „Ich werde die Gaslecks finden.“, sagte Dakeria noch einmal. Runa musterte sie ein wenig. Entweder war sie sehr von sich überzeugt, oder vollkommen übergeschnappt. Aber sie sah irgendwie weder für das eine noch für das andere passend aus. Runa zog ihren Flachmann aus der Tasche. Nach dem Gespräch brauchte sie erstmal einen Schluck: „…nu versteh ick, warum se dich Kriegsfürstin nenn. Nutzt allet, wat et jibt, um den Feind kaputtzuschlaagn.“

    „Das ist nicht korrekt.“, erwiderte Dakeria kühl. Runa blickte auf und Dakeria fügte hinzu: „Manchmal reicht es, wenn sie glauben, dass ich es tue.“

    Die alte Frau verstand nicht, wovon die Val’kyre da sprach. Es interessierte sie auch nicht. Aber der Gedanke, dieses komische Mädchen im Schacht zu verlieren, gefiel ihr auch nicht gerade. Vielleicht sollte sie ihr ins Gewissen reden. Sie schraubte langsam ihre Flasche zu.

    „Er isn schöner Kerl.“, sagte sie wieder.

    „Wer?“

    Runa grinste: „Du weißt jenau, wen ick meen.“

    Dakeria schwieg. Ja, sie wusste es.

    „Dem wird’s nich jefalln, wenne dein Leben aufs Spiel setzt, Mädel.“

    Dakeria atmete aus: „Das ist mir bewusst.“ Dann wurde sie still und Runa glaubte bereits, sie zur Vernunft gebracht zu haben, als Dakeria plötzlich weitersprach: „Runa? Was würde dich davon abhalten, in einen Schacht zu steigen?“

    Runa war überrascht, ob des plötzlichen Themenwechsels: „Irjendeenen?“

    Dakeria nickte: „Irgendeinen.“

    Auf Runas runzeliger Stirn bildete sich eine Denkfalte: „Nu ja… wenner geflutet is, freilich. Wenn Gas austritt. Totes Federvieh…“

    „Was noch?“, fragte Dakeria.

    „Wenn ick Blut seh.“

    Dakeria bedachte Runa nun mit einem Blick, der besagte, dass sie das genauer erklären sollte. Runa verstand den Wink: „Ja meene Fresse! Wenn da schon eener verreckt is, geh ick doch net runter!“

    Dakeria dachte kurz nach und notierte sich nun auch das. Dann fragte sie: „Und was würde dich dazu bringen in einen Schacht zu steigen? Woran würdest du auf den ersten Blick erkennen, dass er wahrscheinlich sicher ist?“

    „Öhm… wenn ick seh, dass da Spuren sin. Un Vorräte, freilich.“, meinte Runa. Als sie abermals Dakerias Blick sah, zuckte sie mit den Schultern: „Wenn ick hunger hab, warum nich?“

    Dakeria verstand. Sie schrieb weiter: „Was noch?“

    „Öhm…“, Runa kratzte sich an der Stirn, „…wenn ick nen Licht seh.“

    Dakeria hielt inne: „Licht?“

    „Freilich. Wenn da draußen eener hinter mir her is un ick seh ne Lampe? Da weeß ick, dass da schon eener drin war.“

    Dakeria wurde wieder still und überlegte. Runa gefiel dieser Ausdruck nicht: „…ick will langsam nich wissen, wat in deinem Kopp vor sich jeht.“

    Dakeria sagte immer noch nichts. „Wat haste vor?“, fragte die alte Bergarbeiterin, doch Dakeria schien immer noch nachzudenken. Langsam zählte sie eins und eins zusammen: „Sach mir nich, du willst die herlockn.“

    „Doch.“, antwortete Dakeria endlich, „Wir kartieren jetzt die sicheren Tunnel. Lassen sie glauben, diese seien nicht sicher. Und dann locken wir sie in die Tunnel, die du meiden würdest.“

    Runa lief ein Schauer über den Rücken, während Dakeria das sagte: „Du willst denen nichmal was antun.“

    „Das ist korrekt.“, sagte Dakeria. Nun grinste die alte Frau wieder: „Bist ziemlich durchtrieben für ne Val’kyre…“ Dakeria sah sie überrascht an: „Ist das so?“

    „Die, die ick kenn nutzn ihren Kopp höchstens als Rammbock.“, sagte Runa. Dakeria sah sie nur ausdruckslos an: „Das ist ineffizent.

  • Kapitel 12: Es ist kompliziert…

    In den nächsten Stunden begannen sie damit, die sicheren Tunnel zu kartieren. Runa kannte erschreckend viele davon noch immer auswendig. Einige Gänge waren bereits eingestürzt, oder standen unter Wasser. Andere waren noch passierbar, obwohl die morschen Stützbalken nur wenig vertrauenserweckend wirkten.

    Runa blieb stehen: „Den Gang dürfts jar nich mehr gebn.“

    „Warum?“, fragte Dakeria, dicht hinter ihr stehend.

    Runa pfiff einen Vogel herbei. Während dieser immer tiefer in dem Schacht verschwand, erklärte sie: „Der führt weiter nach Ostn. Einsturzjefährdet.“

    Nach etwa zehn Minuten verstummte das Lied des Vogels und Dakeria und Runa machten sich auf den Rückweg. Noch im Laufen markierte Dakeria den Ort auf der Karte: „Führt der da entlang?“

    Die alte Frau nickte knapp.

    Gut… dort war die Stelle, wo der Soldat aus Livs Erzählung eingebrochen sein soll. Vermutlich tot. Gleichzeitig sollte sie die Stelle untersuchen… wenn dort nun Gas austritt, könnte das Gebiet gefährlich sein, je nachdem ob es sich nach dem Einbruch verzogen hatte, oder nicht.

    Als sie endlich nach draußen traten, war die Sonne bereits am Untergehen. Runa wandte sich der Val’kyre zu: „Nu? Wat is dein Plan?“

    „Morgen wirst du mir diese Vogellaute beibringen. Dann kann ich die Gaslecks markieren.“, erklärte Dakeria seelenruhig, doch Runa schüttelte nur den Kopf: „Hab ick nich jesacht, dass dat lebensjefährlich is? Weiß dei Prinz schon davon?“

    Dakeria schüttelte den Kopf. In diesem Moment kamen die Wachen wieder zurück, um Runa wieder in ihre Zelle zu bringen. „Die Zeit ist um.“

    Runas Gesicht wurde eine Spur düsterer. Die warf noch einen Blick auf die untergehende Sonne: „Nu denn… war nett, mal wieder draußn zu sein.“

    „Morgen brauche ich dich erneut.“, erinnerte Dakeria sie, doch Runa warf ihr nur einen zweifelnden Blick zu und erwiderte, ohne ihren trockenen Humor: „Wenn se dich lassn.“

    „König Arvid hat mir seine Erlaubnis erteilt.“, warf Dakeria ein. Runa ließ sich bereits wieder die Handschellen anlegen: „Jaow. Für heute.“

    Irgendwie störte es Dakeria, dass Runa wieder gefesselt wurde: „Von ihr geht keine Gefahr aus.“

    Doch die Wache grunzte nur: „Vorschrift.“ Runa schnaubte nur: „Lass jut sein, Mädel. Kenn ick schon.“

    „Wir sehn uns Mädel.“, sagte Runa zum Abschied. Dann führten die Wachen sie unsanft fort. Dakeria sah ihnen hinterher. …sie hat sich daran gewöhnt….

    Dann machte sie sich auf den Weg zum Schloss. Kaum hatte sie das Arbeitszimmer des Königs betreten, bemerkte sie eine bekannte Gestalt in der Ecke – Xerxes.

    König Arvid blickte kurz auf und seufzte: „Was willst du dieses Mal?“

    Dakeria zögerte. Es war taktisch unklug, sofort mit ihrer Bitte zu beginnen. Der König war ohnehin schon genervt genug von ihr. Daher sagte sie lediglich: „Ich möchte euch über meine Fortschritte informieren.“

    Xerxes sah bei dieser Nachricht beinahe erleichtert aus. Vielleicht würde es dieses Mal sogar ein Gespräch ohne Kampf werden…

    Sein Vater bedeutete ihr, einzutreten: „Dann sprich.“

    Dakeria breitete ihre Karte auf dem Tisch aus: „Ich habe mit Runas Hilfe sämtliche sicheren Minenschächte markiert.“

    „Und was ist mit diesen?“, Arvid deutete auf ein paar Stellen, die mit einem schwarzen Kreuz markiert waren.

    „Unpassierbar. Entweder verschüttet, Geflutet oder es tritt Gas aus.“, sagte Dakeria knapp, „Ein paar davon werde ich allerdings morgen noch überprüfen müssen.“

    „Gas?“, Xerxes trat näher.

    Dakeria sah kurz zu ihm: „Ja. Runa hat Singvögel, die ihr ein Gasleck anzeigen. Ohne ihre Hilfe würde ich womöglich nicht hier stehen.“ Als sie sah, wie sich sein Gesichtsausdruck änderte, bereute sie den letzten Teil ihrer Aussage.

    „Du…-WAS?“

    Dakeria ignorierte ihn und wandte sich wieder dem König zu: „Runa ist nützlicher, wenn sie frei agieren kann. Ohne Fesseln und Gitter.“

    Arvid massierte sich die Schläfen. Natürlich… deswegen war sie hier.

    „Sie bleibt im Gefängnis.“, sagte er knapp.

    Dakeria gefiel das nicht: „Ihre Inhaftierung-!“

    „-hatte einen Zweck. Ich gestatte dir lediglich, sie bis auf Weiteres unter deinem Kommando zu führen.“, beendete Arvid das Gespräch. Dakeria schwieg. Sie wollte eigentlich noch etwas sagen, doch sie entschied sich dagegen. Eine weitere Diskussion hatte keinen Sinn. Sie hatte, was sie brauchte.

    Also verneigte sie sich: „Wie ihr befehlt.“

    Arvid atmete langsam aus. …Na endlich.

    Dakeria verließ den Raum, doch kaum war die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen, bemerkte sie, dass Xerxes ihr gefolgt war. Sein Gesicht war von Sorge gezeichnet: „Was hast du dir dabei gedacht?!“

    Dakeria sah ihn verwundert an: „Könntet ihr euch etwas präziser ausdrücken?“

    „Du wärst fast gestorben!“, knurrte er. Dakeria runzelte die Stirn: „…ja. Das Risiko bestand.“ Sie sah überrascht aus: „Warum ist das jetzt relevant?“

    Xerxes trat näher. Diese verdammte…!

    „Weil ich dich nicht verlieren will.“, seine Stimme klang kühl und merkwürdig tonlos.

    Dakeria schien den Ernst der Lage immer noch nicht einzusehen: „Früher habt ihr mich auch immer wieder in lebensgefährliche Situationen geschickt.“

    Das stimmte…

    „Das war etwas anderes. Wir sind keine Söldner mehr… und damals wusste ich, dass du irgendwie da rauskommen würdest. Notfalls hätte ich dich geholt…“, er machte eine Pause. Seine Stimme wurde leiser, „…damals war ich zumindest an deiner Seite.“

    Dakeria legte den Kopf schief: „Also wollt ihr mit mir gemeinsam sterben?“

    Xerxes lächelte matt. Er gab ihr keine Antwort darauf. Vielleicht weil er die eigentliche Antwort gar nicht aussprechen wollte. Und Dakeria akzeptierte das.

    Es wurde wieder still zwischen ihnen.

    „…ihr habt mir noch etwas versprochen.“, sagte sie schließlich. Xerxes brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie meinte. Dann lachte er.

    DARAN erinnert sie sich also…

    „Heute Abend.“, antwortete er schließlich. Und für Dakeria war das genug. Sie nickte: „Verstanden. Wenn ihr mich nun entschuldigen würdet… ich muss nach Liv sehen.“

    Und dann blieb er allein zurück. Zumindest dachte er das. Bis er die Stimme seines Vaters aus dem Raum hinter ihm hörte: „WAS hast du ihr versprochen?“

    Xerxes verkniff sich ein Grinsen: „Nichts, was dich interessieren dürfte.“

    König Arvid trat aus dem Raum. Es war schwer zu sagen, was in ihm vorging. Sein Gesichtsausdruck war irgendwas zwischen resigniert und genervt. Aber zumindest hatte er Dakerias Nutzen eingesehen. Dennoch: „Wenn es diese Val’kyre betrifft, interessiert es mich sehr wohl.“

    „Dann wirst du wohl mit dieser Ungewissheit leben müssen.“, sagte Xerxes lediglich. Arvid musterte ihn. Dieses selbstgefällige Grinsen kannte er. Es erinnerte ihn unangenehm an den jungen Mann, den Razuel vor Jahren zurück nach Talruin gebracht hatte… Scream. Allein dieser Name…

    „Du nimmst deine Stellung immer noch nicht ernst.“, sagte er schließlich. Xerxes atmete genervt aus. Nicht schon wieder…

    Arvid fuhr fort: „Der Kammerdiener findet diese Frau in deinem Bett. Jetzt läuft sie durchs Schloss und erinnert dich daran, dass du ihr heute Abend etwas versprochen hast.“

    Xerxes musste sich langsam das Grinsen verkneifen. Wenn er wüsste…

    „Du bist offensichtlich nicht mehr objektiv, was diese Frau betrifft.“, sagte Arvid schließlich. Xerxes rollte mit den Augen: „Ich habe auch nie etwas anderes behauptet, oder? Sie ist meine Gefährtin.“

    Der König sah, dass er so nicht weiterkam. Er atmete tief durch: „…sie ist fähig. Das bestreite ich nicht mehr.“

    Xerxes hob eine Augenbraue. Aus dem Mund seines Vaters war das ein geradezu unerhörtes Lob.

    Arvid verschränkte die Arme: „Und genau das macht sie so gefährlich. Du vertraust ihr blind und vergisst dabei, dass auch sie Fehler machen kann.“

    „Das weiß ich. Vielleicht besser als sonst jemand.“, erwiderte Xerxes nur.

    „Und wenn sie einen Fehler macht, der sie das Leben kostet – könntest du danach noch weiterleben?“

    Dieser Satz traf. Xerxes hatte sich darüber noch nie ernsthaft Gedanken gemacht… und er kannte im Moment auch keine Antwort darauf.

    „Sie ist jahrelang mit Razuel unterwegs gewesen. Du weißt, dass er ihr eingetrichtert hat, sich an ihren Eid zu halten. Und wenn es ihr Leben kostet. An deiner Stelle würde ich diese Bindung, die ihr habt, nicht weiter vertiefen.“

    „Das entscheidest nicht du.“, sagte Xerxes mit zusammengebissenen Zähnen.

    „Nein.“, sagte Arvid, „Es ist lediglich ein Rat.“

    Xerxes schwieg. In dem Punkt hatte sein Vater womöglich recht…

    „…und du misstraust ihr, bevor du überhaupt weißt, wer sie ist und was sie tut.“, sagte er schließlich, „Runa war ein Risiko – und hat ihr das Leben gerettet, obwohl du sie im Gefängnis verotten lässt. Weil der Orden es will. Mag sein, dass ich nicht objektiv bin, aber du bist es genauso wenig.“

    Arvid sagte nichts mehr. Einen Moment starrten beide einander an. Dann ging er zurück in sein Arbeitszimmer und schloss die Tür. Xerxes blieb allein zurück. Das war nur ein halber Sieg… denn irgendwie hatte sein Vater recht. Er wusste nicht, was er tun würde, sollte Dakeria jemals sterben…

    ---

    Dakeria kehrte am Abend zu ihm zurück. Er saß am Fenster… schon seit Stunden überlegte er, wie er das Thema bei ihr am besten ansprechen sollte… doch nun, da sie wieder da war, schien sein Kopf leer. Neben ihm stand ein halb geleerter Becher, den er schon seit geraumer Zeit nicht angerührt hatte.

    „Scream?“, sagte Dakeria. Er blickte zu ihr auf und lächelte: „Darcy.“

    Sie trat näher: „Ich habe nach Liv gesehen. Gyorn kümmert sich um sie. Runa wurde ebenfalls wieder in ihre Zelle gebracht.“

    „Mhm.“, machte er nur. Sie setzte sich neben ihn. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch er spürte Dakerias Blick. Diese legte den Kopf leicht schief: „Ihr verhaltet euch anders.“

    Natürlich hatte sie es bemerkt. „Ich bin müde.“, sagte Xerxes nur, wohlwissend, dass Dakeria die Lüge durchschaute: „Das seid ihr häufig.“

    Xerxes lachte freudlos auf: „Danke.“

    „Das war keine Kritik.“, erwiderte Dakeria rasch. Dann wurde sie leise. Für einen Moment jedenfalls: „Ist etwas während meiner Abwesenheit passiert?“

    „Nein.“, die Antwort kam zu schnell.

    „Habt ihr schlechte Nachrichten erhalten?“, fragte sie weiter, „Oder hat sich die militärische Lage verändert?“

    „Darcy.“

    Sie verstummte augenblicklich.

    „Es ist nichts.“, sagte er, doch Dakeria schien ihm nicht zu glauben: „Dann verstehe ich euer Verhalten nicht.“

    Er sah sie an. Die Stimme seines Vaters echote in seinem Kopf: Und wenn sie einen Fehler macht, der ihr das Leben kostet… könntest du danach noch weiterleben?

    „Scream?“, Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Sie sah ihn an. Dieselben hellen Augen. Dasselbe schwarze Haar. Dieselben Gesichtszüge. Und plötzlich wusste er nicht mehr, wie er ihre Abwesenheit ertragen hatte… nein. Er hatte sie nicht ertragen. Er hatte in der ersten Zeit schlechter geschlafen. Kaum etwas gegessen. War schlechter gelaunt. Erst seit sie zurück war, hatte sich das etwas geändert. Und trotzdem hatte sein Vater nun etwas ausgesprochen, dass er nicht mehr aus dem Kopf bekam. Was, wenn sie nicht zurückgekehrt wäre? Oder irgendwann nicht mehr zurückkommt?

    „Ihr habt Schmerzen.“, sagte Dakeria. Xerxes brauchte einen Moment, um diesen Satz zu verstehen… : „…was?“

    Sie betrachtete ihn genauer: „Euer Gesichtsausdruck… seid ihr verletzt?“

    „Nein.“, sagte Xerxes. Seine Hand strich über ihre Wange. Dakeria hielt vollkommen still… ihre Augen folgten seiner Bewegung. Doch sie schien sich mit seiner Antwort nicht zufrieden zu geben: „Ihr wolltet mir etwas sagen.“

    Xerxes hielt einen Moment inne: „Wollte ich das?“

    „Ja.“, Dakeria Blick war scharf… und gleichermaßen besorgt. Xerxes hob eine Augenbraue. Sorge? Es war selten, dass sie Gefühle zeigte. Ausgesprochen selten. Sein Verhalten schien sie wirklich zu beunruhigen. Sie fuhr fort: „Ihr habt ausgesehen, als würdet ihr nach den richtigen Worten suchen.“

    Xerxes lächelte matt. Verdammt. Sie kannte ihn. Wahrscheinlich besser als jeder andere. Und vielleicht war das das Problem. Er zog seine Hand nicht von ihr weg. Im Gegenteil. Er zog sie näher an sich.

    Dakeria erstarrte dieses Mal nicht. Vielleicht, weil sie wusste, was kommen würde. Vielleicht, weil sie darauf gewartet hatte. Vielleicht –

    Ihre Gedanken brachen ab. Sie spürte seine Hand in ihrem Nacken, während er sie küsste. Dakeria schloss die Augen. Ihr Herz schlug viel zu schnell. Es gab keinen Grund dafür – keine Gefahr. Keine Erschöpfung. Nichts. Und wieder breitete sich dieses fremdartige Gefühl in ihr aus… Wärme… Nähe… etwas wofür sie immer noch keine vernünftige Bezeichnung gefunden hatte.

    Sie legte zögernd ihre Hand auf seine Brust und spürte den Herzschlag darunter. Ebenfalls beschleunigt. Gut. Offenbar reagierte nicht nur ihr Körper irrational. Dakeria ließ es einfach geschehen.

    Dann löste er sich von ihr – für einen Moment. Dakeria folgte seiner Bewegung unwillkürlich. Ihre Lippen berührten seine erneut. Xerxes hielt für einen Moment inne. Dann ließ er es geschehen. Dakeria war ebenfalls überrascht. Sie hatte das nicht beabsichtigt. Oder zumindest hatte sie nicht bewusst entschieden, ihn zu küssen.

    Dakeria hörte irgendwann auf, nachzudenken. Für einige Augenblicke zumindest. Sie wusste nicht, wie lange sie schon so dasaßen. Zeit war plötzlich erstaunlich schwierig einzuschätzen.

    Irgendwann löste sich Xerxes von ihr. Seine Stirn blieb an ihrer. Sein Gesicht war so nah, dass sie jede noch so kleine Veränderung darin erkennen konnte. Und da war wieder etwas. Irgendwas stimmte nicht. Dasselbe wie zuvor. Sie konnte nur noch nicht bestimmen, was es war.

    „…geht es euch besser?“, fragte sie schließlich. Xerxes lachte leise: „Ja.“

    Dakeria musterte ihn. Das war nicht die ganze Wahrheit… aber sie kannte Xerxes gut genug, um darauf zu vertrauen, dass er ihr sagen würde, wenn es relevant wäre.

    „Dann hatte es einen Nutzen.“, schlussfolgerte sie. Sein Lächeln wurde breiter: „Darcy…“

    „Was?“

    „Mach es nicht kaputt.“

    Dakeria sah ihn verwundert an. Was machte sie kaputt? Sie verstand es nicht. Was sie aber mittlerweile verstand war, dass sie seine Berührungen mochte. Er strich ihr erneut über die Wange. Dakeria schloss die Augen: „Die Reaktion war stärker.“

    Xerxes verkniff sich einen Kommentar dazu: „Ja.“

    Sie sah ihn an und legte den Kopf schief: „…ihr wolltet mir etwas sagen.“

    Er hielt inne. Da war sie wieder. Die Frage, der er gerade für einige Minuten entkommen war: „…nicht mehr.“

    Dakeria legte die Stirn in Falten: „Wieso nicht?“

    „Weil ich gerade lieber hier bin.“ Seine Stimme klang leiser, während er sie wieder zu sich zog. Dakeria verstand das nicht… aber sie vertraute ihm. Also legte sie dieses Mal ihren Kopf an seine Brust. Sie hörte seinen Herzschlag… langsamer als zuvor. Offenbar hatte sie Recht. Es ging ihm tatsächlich besser. Und dennoch… „Scream?“

    „Hm?“

    „Wenn euch etwas beschäftigt, könnt ihr es mir sagen.“, erinnerte sie ihn. Xerxes Hand verharrte für einen Moment in ihrem Haar: „…ich weiß.“

    Dakeria wartete. Er sagte nichts mehr. Dann schloss sie die Augen. Doch die Antwort genügte ihr nicht. Zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr, hatte sie das Gefühl, dass Xerxes etwas vor ihr verbarg. Sie wusste nur noch nicht was. Oder warum.

    ---

    Am nächsten Morgen lag sie noch immer in seinem Arm. Sie sah ihn an. So, als würde sie sich jedes noch so kleine Detail einprägen.

    Xerxes gähnte: „Wie lange bist du schon auf?“

    „Seit sieben Minuten und zwanzig Sekunden.“, antwortete Dakeria blitzschnell.

    „…Aha.“, murmelte er, „Und wie lange davon starrst du mich schon an?“

    „Seit sieben Minuten und zwanzig Sekunden.“, wiederholte sie. Er lächelte matt. Dann bemerkte er wieder diese winzige Gefühlsregung in Dakerias Gesicht. Sie sorgte sich noch immer.

    „Ihr habt euch gestern Abend seltsam verhalten…“, sagte sie schließlich. Er setzte sich auf: „Das ist jetzt nicht wichtig.“

    Normalerweise würde Dakeria nun mit ihm aufstehen – doch dieses Mal blieb sie im Bett und analysierte ihn weiter. Er bemerkte ihren Blick. Doch er sagte nichts darauf. „…ihr möchtet nicht darüber reden.“, hörte er sie schließlich sagen. Er hielt inne. „…nein.“

    Nun stand Dakeria auf: „…in Ordnung.“

    Er blickte zu ihr. Es war ungewöhnlich, dass sie so einfach aufgab. War das jetzt ihre neue Strategie, wenn sie nicht weiterkam?

    Doch sie war noch nicht fertig. Ihr Blick traf seinen: „…wenn es allerdings meine Aufgaben betrifft, erwarte ich, dass ihr mich darüber informiert.“

    „Das tut es nicht.“, erwiderte er sanft. Allerdings…: „Was hast du heute vor?“

    „Ich werde Runa holen und mit ihr die Minen weiter erkunden. Außerdem möchte ich sie bezüglich der anderen Gefangenen befragen.“, erklärte sie.

    „…aha.“, sagte er nur. Er sah sie eindringlich an: „Darcy… tu mir einen Gefallen. Mach nichts, was dir möglicherweise das Leben kosten könnte.“

    Sie hob eine Augenbraue: „Scream… du weißt genau, dass meine Regeneration-!“

    „Ich weiß.“, unterbrach er sie mit gequältem Blick. Und endlich sprach er aus, was er die ganze Zeit über dachte: „…ich will dich nur nicht verlieren.“

    Dakeria sah überrascht aus. Das machte es schlimmer. Er kannte sie. Wahrscheinlich hatte sie die Möglichkeit ihres eigenen Todes bisher kaum in Betracht gezogen. Aber Xerxes war einst ein Auftragskiller gewesen. Er wusste, dass man regenerative Fähigkeiten unterbrechen konnte. Wahrscheinlich wusste sie es auch. Und trotzdem würde sie sich wieder in Gefahr begeben.

    „…ich werde meine Maßnahmen überdenken, sollte ein relevantes Risiko bestehen.“, war das Beruhigendste, das sie sagen konnte. Xerxes rollte mit den Augen.

    Dann wurde sie still. Dakeria bewegte sich nicht vom Fleck. Er drehte sich wieder zu ihr um: „Ist noch was?“

    Dakeria wartete einen Moment. Sie musterte ihn schon wieder von oben bis unten. Normalerweise hatte sie dafür einen konkreten Anlass.

    „Was?“, fragte er.

    Dakeria sah ihn vollkommen ausdruckslos an: „Runa sagte, ihr seid hübsch.“

    Xerxes blinzelte. Das war nicht die Art Information, mit der er gerechnet hatte. Am besten fragte er gar nicht erst nach, woher sie das wusste… aber eine andere Frage interessierte ihn dann doch: „Und? Teilst du ihre Einschätzung?“

    Wieder dieser Blick. Sie sah ihn an. Jedes Detail. Augen. Haare. Jede einzelne Gesichtsfalte. Er musste sich langsam das Grinsen verkneifen. Sie nahm die Frage tatsächlich ernst. Er hätte es ahnen müssen: „Darcy, du musst daraus keine wissenschaftliche Abhandlung machen.“

    Doch ihr prüfender Blick blieb bestehen: „Ich weiß.“

    Ihre Augen blieben noch einen Moment auf ihm ruhen. Dann kam sie endlich zu einem Ergebnis: „Ich teile ihre Ansicht.“

    Er grinste: „Das freut mich.“

    „Auch wenn ich nicht weiß, an welchen Kriterien man das festmacht.“

    „Darcy…“

    „Ja?“

    „Lass es gut sein.“, sagte er. Er schien ziemlich zufrieden. Doch Dakeria nickte nur. So als ob sie noch etwas sagen wollte… Sein Lächeln verging: „Was hast du?“

    Sie schien einen Moment zu brauchen, um die richtigen Worte zu finden. Dann fragte sie ihn mit todernster Miene: „…findet ihr mich auch hübsch?“

    Auf die Frage war er nicht vorbereitet. Und vor allem nicht, wie sie gestellt wurde: „…Darcy… das klingt, als würdest du wissen wollen, wie morgen das Wetter wird.“

    „Das war nicht meine Frage.“, sagte sie verwundert. Xerxes lächelte und trat wieder näher: „…ja. Ich finde dich sehr hübsch.“ Dakeria sah ihn nur unverwandt an: „Seit wann?“ Xerxes wurde still. „…schon sehr lange.“, gab er zu.

    „Schon als wir noch zusammen gereist sind?“, fragte Dakeria weiter. Xerxes verkniff sich ein Grinsen. Sie bezeichnete mehrere Auftragsmorde einfach als ‚zusammen reisen‘… : „Ja.“

    „Warum habt ihr mir das nie gesagt?“, fragte sie nun, aufrichtig überrascht. Er rollte mit den Augen. Natürlich fragte sie das. „Was hätte ich denn sagen sollen? Darcy, du gehst mir furchtbar auf die Nerven, aber wenigstens siehst du gut aus?“, fragte er nun. Dakeria dachte tatsächlich einen Moment darüber nach: „Das wäre wohl die Wahrheit.“

    „Es wäre unangebracht gewesen.“, erwiderte Xerxes grinsend.

    „Ist das so?“ Dakeria schien nicht ganz überzeugt.

    „Definitiv.“

    Das gab ihr zu denken. Sie streifte sich langsam ihre Rüstung über – oder besser gesagt, das was sie als Rüstung bezeichnete. Die Stoffbahnen am Rock stammten noch aus ihrer Zeit bei den Spielleuten. Nicht einmal er durfte sie berühren. Da war sie ziemlich eigen. Ihre Handschuhe waren an den Unterarmen mit Leder und Metall verstärkt. Schulterplatten trug sie keine. Ihr bauchfreies Stoffoberteil stammte ebenfalls noch von ihrer Spieltruppe, nur dass sie es mit einem metallenen Mieder und einer leichten Brustplatte versehen hatte. Die Stiefel waren das Einzige, was nicht aus jener Zeit stammte…Das meiste Rüstzeug hatte er ihr gegeben, damit sie nicht jedes Mal verwundet wurde. Die vorherigen Besitzer waren ohnehin tot. Aber Dakeria entschied stets selbst, was sie davon behielt. Sie schien ihre Rüstung mit ihrer einstigen Tänzerkleidung kombiniert zu haben. Und doch sie erinnerte immer noch stark an die Frau, die er einst aufgegabelt hatte.

    Und doch war etwas anders… sein Blick blieb an ihr hängen, während sie sich umzog. Eigentlich ein vertrauter Anblick. Dakeria hatte nie eingesehen, warum sie etwas vor ihm verstecken sollte. Was ihn eigentlich störte, war dass er nun genauer hinsah. Nein… die Bezeichnung war nicht richtig. Dass er vielleicht das erste Mal aktiv hinsah. Er wandte schnell den Blick ab. Er hatte gerade erst festgestellt, dass er sie küssen durfte. Er wollte nicht direkt wissen, was sein Körper nun von dieser neu entdeckten Nähe hielt.

    „…Darcy?“, fragte er. Sie sah ihn an. Diese hellen Augen… „Ja?“, fragte sie. Er wandte wieder den Blick ab: „Pass auf dich auf.“

    Sie nickte nur. Und dann verschwand sie.

    ---

    Runa wartete bereits auf sie. Sie wippte ungeduldig mit dem Fuß, so als hätte sie bereits erwartet, dass Dakeria die Erlaubnis von Arvid bekommen würde: „Bistn büschn spät dran.“

    Dakeria blieb stehen und schloss die Zelle auf: „Ich hatte eine… Audienz.“

    Runa grinste: „Is klar. Lass mich ratn. Dein Prinz?“ Dakeria antwortete nicht. Aber das musste sie auch nicht. Runa verstand sofort, dass sie recht hatte.

    Wenige Minuten später saßen sie in einem der Minenschächte.

    „Höher.“, sagte Runa. Dakeria ahmte erneut den Vogellaut nach, den sie ihr gezeigt hatte. Die alte Frau schüttelte den Kopf: „Noch höher.“

    Dakeria versuchte es erneut. Und nun kam tatsächlich ein kleiner gelber Singvogel hereingeflattert und ließ sich auf ihrem Arm nieder. Runa blickte säuerlich grinsend zu ihr: „Dat haste jetz nich so schnell jeschafft, oder? Mein lieber Scholli… ick hab Wochen für jebraucht.“

    Dakeria blickte den kleinen Vogel emotionslos an. „Ich war früher Sängerin in einer Spieltruppe.“, erklärte sie knapp. Runa wirkte überrascht: „Det hätt ick nich jedacht.“

    Die Val’kyre sagte nichts darauf und breitete ihre Karte auf dem harten Steinboden aus. Es gab vierundzwanzig Schächte, die nicht mehr benutzt wurden. Davon galten laut Runa vierzehn als sicher. Drei waren geflutet. Fünf weitere eingestürzt. Und die anderen…

    Runa bemerkte ihren Blick. Sie seufzte: „Willste dat immer noch machn?“

    Dakeria blickte nicht einmal auf: „Was meint ihr?“

    „Na die Gaslecks. Ick gloob dein Prinz würd mich nen Kopp kürzer machen, wenn dir wat passiert.“, grummelte Runa unwirsch. Außerdem gab sie es ungern zu – aber selbst sie würde diese merkwürdige Val’kyre vermissen. Doch Dakeria ignorierte ihre Frage einfach. Sie sah aus, als wollte sie darüber nicht nachdenken. Runa nahm einen Schluck aus ihrem Flachmann.

    „…er ist hübsch.“, sagte Dakeria plötzlich und Runa verschluckte sich beinahe. Dann begann die alte Bergarbeiterin zu grinsen: „Na sach bloß! Haste dem des jesacht?“

    „…Ja.“, erwiderte Dakeria ohne den Blick von der Karte zu heben und setzte eine kleine Markierung. Runa rückte näher. Sie würde die Val’kyre jetzt nicht auf dem Trockenen sitzen lassen: „Un?“

    „…er findet mich ebenfalls äußerlich attraktiv.“, sagte Dakeria knapp. Runa prustete in ihren Becher: „Det dacht ick mir! Nu? Wat machste eigentlich noch hier?“

    Endlich sah Dakeria von der Karte auf. Ihr Blick zeigte vollkommenes Unverständnis: „Wir müssen die Minenschächte kartieren.“

    Runa verdrehte die Augen: „Versteh eener die jugend von heute…“

    Dakeria richtete ihren Blick wieder auf die Karte: „Ich bin bereits ausgewachsen.“

    „Dat war ne Redewen… ach weeste wat? Verjiss et.“, murmelte Runa, feierlich grinsend. Sie nahm noch einen Zug aus ihrem Flachmann: „Mach den Ruf nochmal.“

    Und Dakeria tat, was sie verlangte. Wieder flog ein kleiner Vogel zu ihr. Die alte Frau nickte anerkennend: „Jut. Und nu den annern.“

    Dakeria stieß nun den Laut aus, der das Signal zur Sicherheit gab. Die Vögel flogen wieder fort und Runa nickt: „Passt.“

    „Dann gehen wir zurück.“, sagte Dakeria und räumte ihre Karte weg. Sie erhob sich – doch Runa tat es nicht. Dakeria hob eine Augenbraue.

    „Wat? Wat heißt zurück? Wir solln doch die Lecks markiern.“, sagte Runa nun.

    „Das werde ich. Allein.“, antwortete Dakeria. Runa sah sie nur fassungslos an: „Mädel… dat is selbstmord. Du bist wichtiger als ick.“

    Die Val’kyre dachte einen Moment darüber nach. Sie war wichtig. Für den Kriegsrat. Für Liv. Für Xerxes. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit, dass sie umkam, verschwindend gering. Im Gegensatz zu Runa: „Wir gehen jetzt zurück. Und dann werde ich mich allein um die Lecks kümmern.“

    Das gefiel der alten Dame nicht: „Un wat soll ick deenem Prinzen sagen, wenne krepierst?“

    Dakeria gefiel die Wendung dieses Gesprächs nicht: „Dann war meine Planung fehlerhaft.“

    „Ick hau dir glei eine.“, grummelte Runa.

    „Warum?“ Dakerias komplett ahnungslose Miene ließ die alte Bergarbeiterin seufzen: „Nu klar. Der wird sich freun, wenn ick ihm sach: ‚joah die Perle is krepiert. Aber se hat nur nen Fehler inner Planung jehabt.“

    Dakeria schwieg. Zu sterben war für sie eine Sache. Sie hatte sich schon vor langer Zeit damit abgefunden, dass ihre Regeneration irgendwann versagen könnte. Sie hatte allerdings nie daran gedacht, wie Xerxes ohne sie weiterleben könnte. Und gleichzeitig war der Gedanke ohne ihn…

    Nein. Sie erinnerte sich an Razuels Worte: Lass keine Gefühle zu. Sie werden deine Entscheidungen beeinflussen. Und er hatte Recht. Sie war nachlässig geworden.

    Dakeria atmete tief durch: „Du wirst zurückgehen. Das ist mein letztes Wort.“

    „Nö.“, sagte Runa stur. Doch Dakeria richtete sich nun an die Wachen: „Das war ein Befehl.“

    Runa fuchtelte sie finster an, doch die Val’kyre erklärte: „Ich erfülle nur meine Pflicht.“

    „Mädel… deine Nervn hätt ick jerne…“

    Die Wachen zogen sie grob in Richtung Ausgang. Dakeria sah ihnen nach, wie sie in der Dunkelheit verschwanden. Dann lief sie in den Schacht und beorderte einen Vogel zu sich. Sie folgte seinem Zwitschern. Vergewisserte sich immer wieder, dass der Vogel noch sang. Bis er es nicht mehr tat.

    Dakeria öffnete ihre Tasche. Sie zog zwei Dinge heraus: ihre Karte, auf der sie die Gefahrenstelle markierte - und ein altes Stück Stoff, mit dem sie die Strömungsrichtung bestimmte. Zudem notierte sie sich, wo es wieder Frischluft gab. Erst dann lief sie zurück.

    Nächster Schacht. Prüfen. Notieren. Weg markieren… doch dieses Mal will sie mehr wissen. Sie hielt den Stoffrest noch immer in der Hand und folgte der Strömung bis in einen Seitenschacht. Nach einigen Schritten bewegte sich der Stoffstreifen stärker… ungewöhnlich. Sie blieb stehen. Hier irgendwo musste die Quelle sein.

    „Gaskonzentration ab hier erheblich erhöht.“ Sie setzte eine weitere Markierung auf ihrer Karte… und bemerkte, dass ihre Hände unpräziser wurden.

    Sie hielt inne. Sie bewegte ihre Finger. Zu langsam. Verdammt. Ihre Regeneration konnte die Schäden des Sauerstoffmangels beheben. Aber nicht den fehlenden Sauerstoff selbst. Sie musste zurück. Und zwar schnell.

    Sie schaffte es aufzustehen. Ihre Beine wollten ihr nicht so recht gehorchen. Sie stützte sich an einer Wand ab und wankte. Mist.

    Sie musste schneller sein, wenn sie nicht das Bewusstsein verlieren wollte.

    Dakeria verwandelte sich. Ihre Flügel trugen sie schneller durch den Schacht, zurück zum Ausgang. Sie sah zuerst das Licht… dann Runa und die Wachen. Und noch jemanden.

    …erst dann wurde alles schwarz um sie.

    ---

    Als sie wieder zu sich kam, hörte sie sofort seine Stimme: „Ich hatte dir gesagt, du sollst auf dich aufpassen, verdammt!“

    Sie spürte seine Hand in ihrer. Langsam nahm ihre Umgebung wieder schärfere Umrisse an. Sie lag direkt beim Ausgang der Mine. Xerxes hielt sie fest. Runa saß nur wenige Meter entfernt und wirkte erstaunlich erleichtert: „Dachte schon du …“ sie beendete den Satz nicht. Das musste sie auch gar nicht. Xerxes Gesicht sagte bereits alles.

    Dakeria richtete sich langsam auf: „Es geht mir gut. Meine Regeneration kam lediglich kurzzeitig nicht hinterher.“

    Sie spürte, wie sich der Druck auf ihrer Hand erhöhte. Mit ihrer anderen Hand griff sie nach ihrer Tasche: „Ich habe…“

    „Nein.“, sagte Xerxes kalt, „Lass das. Du bist gerade beinahe… - scheiße. Darcy, tu das nie wieder. NIE WIEDER. Kapiert?!“

    Sie sah ihn an. Er wirkte wütend.

    „Hab dir doch jesacht, dass er sauer wird.“, murmelte Runa im Hintergrund. Dakeria nickte nur schweigend. Dann zog sie trotzdem ihre Notizen hervor und zeigte sie Runa: „Ich glaube die drei Schächte sind miteinander verbunden. Die Stellen, wo das Gas austritt, liegen dicht beieinander.“

    Xerxes sah aus, als müsste er sich gerade arg zusammenreißen. Er ließ Dakeria nicht los, doch diese war bereits wieder mit den Gedanken wo anders. Runa warf dem Prinzen einen mitleidigen Blick zu und schaute auf die Karte: „…det is jut möglich.“, ihre alten Augen schienen sich an etwas zu erinnern, „früher jabs da nen Grubenbrand.“

    „Hat man ihn gelöscht?“, fragte Dakeria aufmerksam.

    „So jut et ging. Haben Branddämme jestellt.“, erwiderte Runa schulterzuckend. Dakeria dachte nach. Auch wenn ein Teil ihrer Aufmerksamkeit auf Xerxes Hand lag, die sie immer noch festhielt. „Hat man geprüft, ob das den Brand gelöscht hat?“

    „Wat weeß ick? Ick war schon seit Jahrn nimmer da.“, Runa nahm wieder einen Zug aus ihrer Flasche, „Aber ick wette mit dir, dat die det Ding eenfach links liegn gelassen ham. War sowieso nix mehr zu holn.“

    Dakeria blickte auf ihre Karte. Runa kannte den Blick. Sie überlegte. Bei ihren letzten Entscheidungen wäre sie fast umgekommen. Darum fragte sie mit einem Seitenblick auf Xerxes vorsichtig nach: „Un? Wat haste jetz vor?“

    „Nichts.“, antwortete Dakeria. Xerxes atmete erleichtert aus. Sie warf ihm einen fragenden Blick zu. Runa hingegen grinste: „Nüscht? Na dat is ja mal wat neues.“

    „Ich habe die Informationen, die ich benötige. Fürs erste.“, erklärte Dakeria schließlich. Xerxes Hand wurde ein wenig lockerer.

    „Och jut.“, sagte Runa. Sie schwieg einen Moment, den Blick auf die Val’kyre gerichtet: „Jut, dass de net jestorbn bist.“

    Dakeria sah überrascht zu ihr und die alte Frau fügte sehr hastig hinzu: „Na ick meen, sonst käm ick nie raus anne frische Luft!“

    …das brachte Dakeria auf eine Idee: „Runa? Wie viele Menschen sitzen mit dir im Gefängnis.“

    Sie hörte Xerxes leise murmeln: „…ich hatte es geahnt…“, doch sie schenkte ihm keine Beachtung. Runa kratzte sich am Kinn: „…Uff… so hunnertfuffzig? Komm welche, jehn welche.“

    Dakeria nickte… „Und warum sitzen sie?“

    „Seh ick aus wie ne Tratschtante?!“

    Die Val’kyre wollte etwas sagen, aber Xerxes bedeutete ihr, besser zu schweigen – was ihm wiederrum einen bösen Blick von Runa einfing. Diese nahm einen weiteren Zug aus ihrer Flasche: „…ick weeß nur nen paar. Sharai un Vayu – Jägerinnen. Und nen Liebespaar. Von denne kannste noch wat lernen, Mädel! Jednfalls fand der Ordn ihre Beziehung beschissen. Un weil se Waren jeschmuggelt ham. Un weil Sharai nen großes Maul hat.“

    Dakeria war gerade dabei sich die Namen zu notieren, als sie innehielt: „Was hat die Größe ihres-?“

    „Schreibs einfach auf.“, unterbrach Xerxes sie grinsend. Dakeria tat wie geheißen und Runa war das nur recht: „…wo war ick? Ach ja. Naomi… ne Magierin. Vielleicht die einzige im Knast. Hat ne Sonderzelle. Un dann jibts noch Zaod, dat is ne blöde Bucke sach ich dir… hat paar Leute verjiftet.

    „Kennt sie sich mit Arzneien oder Kräutern aus?“, fragte Dakeria. Runa nickte: „Ick nehms an. War mal ne Apothekerin. Ist trotzdem ne blöde Bucke.“

    Dakeria ignorierte den Kommentar. Wenn Zaod eine Apothekerin war, wäre sie für Gifte und auch für Heilungen äußerst nützlich. Xerxes schien ihre Gedanken zu lesen: „…wir können nicht auf ihre Loyalität vertrauen.“ Dakeria nickte nur, während Runa weitersprach: „…Un Liam jibts och noch. Komischer Kauz. Hat immer ne Maske auf. Keene Ahnung wat det soll…“

    „Runa!“

    „Jupp, jupp, ick weeß… also der is so ne Art selbsternannter Erfinder. Is aber nen Idiot. Paar Experimente sin inne Luft jeflogn. Hat bisher aber keenem jeschadet. Aber eens von seine Krawallkistn is mal ufs Dach vom Ordenstempel jeflogn.“, Runa lachte, „Hat er Glück jehabt. Dachte die richtn ihn hin.“

    „Tut der Orden das? Leute hinrichten, meine ich?“, fragte Dakeria weiter. Nun war es Xerxes der antwortete: „Das haben sie getan. Früher. Der Galgen und der Pranger wurden abgebaut, nachdem sich der Orden von uns distanziert hat.“

    Dakeria sah ihn an: „Wir müssen später reden.“ Er wusste, was sie damit meinte. Und er war nicht sicher, ob ihm das gefiel. Aber er nickte ihr zu. Sein Ton war schärfer als sonst und seine Hand drückte die ihre noch einmal fester: „Unter anderem.“

    „Aber joah… hinjerichtet hamse viele…“, murmelte Runa nur, ohne die Beiden zu beachten. Dakeria sah wieder zu der Bergarbeiterin: „Woher weißt du das alles?“

    Runa rollte mit den Augen: „Na Mensch, Mädel. Ick hab doch Ohrn. Un die annern ooch. Ma kriegt mehr mit als ma denkt.“

    Dakeria dachte wieder nach: „Welche Gefangenen kennst du noch?“

    Nun grinste die alte Frau wieder: „Langsam versteh ick, warum der König dich net leidn kann.“ Dakeria sah überrascht von ihr zu Xerxes. Dieser nickte: „Ja, ich hab ihr davon erzählt.“ „Warum?“, fragte Dakeria.

    „Weil sie gefragt hat und ich mich irgendwie von dem Gedanken ablenken wollte, dass du gerade dein Leben riskiert hast. Mal wieder.“, konterte er.

    Autsch. Das saß. Dakeria sah nun auf ihre neue Namensliste. „Runa? Wem könnte ich deiner Einschätzung nach vertrauen?“

    …die lässt echt nich locker…

    ---

  • Kapitel 13: Anerkennung

    Stunden später waren Dakeria und Xerxes auf dem Weg zurück ins Schloss, als ihnen ein Bote entgegenlief: „Eure Majestät – ihr werdet im Kriegsrat erwartet!“

    Xerxes nickte nur: „Verstanden.“ Sein Blick fiel auf Dakeria. Er hatte ihre Hand immer noch nicht losgelassen: „Du kommst mit.“

    „Wie ihr befielt.“, sagte sie nur. Zusammen machten sie sich augenblicklich auf den Weg zum Saal. Der König und seine Offiziere waren bereits mitten im Gespräch. Arvid blickte kurz auf, als sein Sohn hereinkam. „Gut. Du hast sie mitgebracht. Was hat sie herausgefunden?“

    Xerxes war überrascht, dass er dieses Mal keinen abfälligen Kommentar abgab – im Gegenteil. Dakeria trat vor und breitete ihre Karte über dem Tisch aus: „Ich habe vor wenigen Stunden die Gaslecks untersucht. Wir haben vierzehn sichere Tunnel. Drei sind geflutet. Fünf eingestürzt. Und der Rest beinhaltet Gas. Ich habe es verfolgt und bin zu dem Schluss gekommen, dass diese drei Tunnel“, Sie fuhr mit dem Finger über die Karte, „womöglich miteinander verbunden sind. Runa meinte, dass es in einem der Tunnel einmal einen Grubenbrand gegeben hatte, der womöglich die giftigen Gase freigesetzt haben könnte.“

    „Das könnten wie für uns nutzen.“, meinte einer der Offiziere, doch Dakeria sah ihn nur kühl an: „Nein.“ Xerxes sah zu ihr. Für jemanden der sich selbst dem Gas aussetzt, um es zu untersuchen, klang sie dabei erstaunlich vernünftig. Dakeria blickte wieder auf die Karte: „Wenn ich einen Branddamm beschädige, ohne die Druckverhältnisse zu kennen, könnte das Gas ebenso gut in unsere eigenen Schächte gelangen. Abgesehen von Runa und mir kann niemand kontrollieren, ob es irgendwo austritt. Ich muss-„

    „Mit anderen Worten, du hast NICHTS.“, schnitt der Offizier ihr das Wort ab. Dakeria blieb vollkommen ruhig. Sie wartete geduldig darauf, dass er weitersprach.

    „Wir müssen handeln!“

    Dakeria wandte sich nun an den König: „Habt ihr meinen Vorschlag, eine Stellung aufzugeben, überprüft?“

    Arvid nickte: „Das habe ich in der Tat…“

    „Eure Majestät, bei allem Respekt – ihr wollt doch nicht ernsthaft den Vorschlag dieser – dieser Val’kyre in Erwägung ziehen?!“

    Arvid brachte den Offizier mit einem Blick zum Schweigen. „Diese Val’kyre hat sich bisher mehr eingebracht als Ihr… und ich werde ihrem Vorschlag nachkommen.“

    Stille legte sich über den Saal. Der König wandte sich wieder Dakeria zu: „Wie würdest du es angehen?“

    Dakeria sah auf die Karte und deutete auf einen Punkt: „Diese Stellung… mit wie vielen Soldaten ist sie besetzt?“

    Gyorn warf einen Blick darauf: „Ungefähr zwanzig.“

    Dakeria überlegte und kam zu einem Entschluss: „Zieht sie ab. Lasst ein paar Vorräte da. Etwas Brennholz. Nicht genug, um auf Dauer durchzuhalten. Lasst es so aussehen, als hättet ihr sie überstürzt aufgeben müssen.“

    „Und dann?“

    „Dann halten wir sie in Alarmbereitschaft.“, Dakeria lächelte ein wenig. Das war beängstigender als ihr gewöhnlicher emotionsloser Gesichtsausdruck. Doch Arvid und Xerxes ignorierten das – im Gegensatz zu den Offizieren, denen diese Frau immer noch nicht geheuer war. Dakeria fuhr ungehindert fort: „Lasst in der Nacht ein Horn zum Angriff blasen. Laternen aufleuchten. Lasst sie immer wieder glauben, dass sie angegriffen werden.“

    „Das werden sie irgendwann durchschauen.“, meinte Gyorn zweifelnd. Dakeria nickte: „Das ist richtig. Deswegen werden wir ihnen eine Pause geben. Zwei Tage Ruhe. Am nächsten Abend schneidet ihr die Pferde los. Pause. Ein Versorgungskarren wird entwendet. Lichter am Himmel. Lasst sie Fußspuren finden. Und dann lasst ihr sie wieder im Glauben, dass sie in Sicherheit sind.“

    König Arvid nickte: „…so sei es.“

    Xerxes trat nun ebenfalls näher an den Tisch. Seine Augen leuchteten – wie damals, als sie noch zusammen gekämpft haben und Dakeria eine besonders raffinierte Taktik vorgeschlagen hatte. „Du willst sie über Tage hinweg in Angst halten, ihnen den Schlaf rauben… sie im Glauben lassen, dass jeden Moment jemand kommt, um sie zu töten.“

    Er erkannte, was sie da tat. Vor vielen Jahren hatte er sich mit ihr in einer ähnlichen Position befunden. Sie hörten immer wieder Geräusche in der Nacht… nur damals war es ein Eichhörnchen gewesen, das die Geräusche erzeugt hatte. Selbst aus dieser albernen Sache hatte sie etwas gelernt…

    „Und du findest das nicht brutal?“, fragte jemand. Dakeria dachte tatsächlich einen Augenblick darüber nach: „Wäre es euch lieber, wenn sie einen qualvollen Tod erleiden?“

    Es wurde wieder still. Einer der Offiziere schnaubte, doch Dakeria sprach weiter: „Wenn wir die Stellung angreifen, sterben unsere Soldaten. Und ihre vielleicht ebenfalls. Wenn wir mein Vorgehen umsetzen, verlieren wir im besten Fall keinen einzigen Mann. Sollte es nicht funktionieren, haben wir Brennholz und ein paar Vorräte verloren.“

    Sie wandte sich wieder der Karte zu: „Wir sollten außerdem vermeiden, einen festen Rhythmus zu entwickeln. Wenn die Störungen immer zur selben Zeit erfolgen, passen sie ihre Wachabläufe an.“

    Gyron nickte: „Kriegen wir hin.“

    „Und niemand greift die Stellung ohne ausdrückliche Erlaubnis an.“

    Einer der Männer sah sie ungläubig an: „Wir sollen direkt vor ihnen stehen und nichts tun?“

    Dakeria hob eine Augenbraue: „Ihr sollt NICHT vor ihnen stehen.“

    „Ihr wisst, was ich meine!“

    „Dann formuliert die Frage präziser.“, sagte Dakeria. Gyorn unterdrückte ein Husten und Arvid rieb sich über die Stirn: „Val’kyre.“

    Sie blickte wieder zum König: „Ja?“

    „Weiter.“

    Dakeria verstand. Sie deutete nun auf die umliegenden Wege: „Ich möchte, dass Patrouillen außer Sichtweite bleiben. Wenn sich gegnerische Soldaten von der Stellung entfernen, werden sie nicht verfolgt.“

    „Warum nicht?!“

    „Weil ich möchte, dass sie gehen.“

    Dakeria interpretierte das erneute Schweigen als Zeichen, dass sie sich genauer erklären müsse. Also tat sie das: „Wenn einer desertiert, haben wir einen Gegner weniger.“, sie schob einen Stein von der Stellung weg, „wenn fünf desertieren, sind es fünf weniger“, sie verschob weitere Steine.

    „Und wenn sie zurück in ihr Hauptlager gehen?“, fragte Gyorn.

    „Dann erzählen sie dort, weshalb sie die Stellung verlassen haben.“

    Jetzt begriff Xerxes, was sie damit sagen wollte: „Du willst, dass sie darüber reden.“

    Dakeria nickte: „Ein toter Soldat kann niemandem erzählen, dass er seit vier Tagen kaum geschlafen hat. Ein Lebender schon.“

    Xerxes Gesicht veränderte sich. Sie bemerkte es sofort. Ihm gefiel die Idee.

    Sie blickte wieder in die Runde: „Außerdem möchte ich, dass die Männer regelmäßig ausgetauscht werden. Niemand bleibt länger als eine Nacht in der Nähe der Stellung.“

    „Unsere Männer? Warum?“, fragte Gyorn weiter.

    Dakeria sah ihn nur irritiert an: „Weil Schlafmangel die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.“

    Nun grinste er: „Mit anderen Worten, du willst deren Leute fertig machen und unsere schön ausschlafen lassen.“

    „Das ist korrekt.“

    „Gefällt mir.“

    König Arvid warf einen erneuten Blick auf die Karte und dann zu der Val’kyre: „Wie lange?“

    „Das kann ich nicht vorhersagen, eure Majestät.“, gestand Dakeria.

    „Tage? Wochen?“, hakte Arvid nach.

    „Bis wir eine Veränderung bemerken.“, sagte sie.

    „Und welche?“

    „Fehler.“

    Arvid hob eine Augenbraue. Nun war es Xerxes, der das Wort ergriff. Er wusste genau, was sie meinte und begann, aufzuzählen: „Unachtsame Wachen. Streit untereinander. Nachlässigkeit bei Patrouillen. Befehlsverweigerung. Desertion. Einen erhöhten Verbrauch von Aufputschmitteln, sofern sie welche besitzen. Oder Gewalt gegen die eigenen Kameraden.“ Er blickte zu seiner Kriegsfürstin. Das konnte sie nicht bei Razuel gelernt haben. Das… waren ihre Beobachtungen aus ihrer Söldnerzeit. Und irgendwie gefiel ihm das.

    Dakeria sah unbekümmert auf die Stellung: „Menschen machen Fehler, wenn sie erschöpft sind.“

    Arvids Blick fiel auf seinen Sohn. Ihm gefiel seine Begeisterung nicht… allerdings hatte er sich bisher im Kriegsrat noch nie so eingebracht, wie jetzt. Er war sich nur noch nicht sicher, ob das jetzt gut oder schlecht war.

    „Und dann greifen wir an.“, sagte der Offizier wieder. Und wieder sagte Dakeria. „Nein.“ Es wurde wieder sehr still und sie fügte schnell hinzu: „Nicht zwangsläufig. Wenn sie die Stellung aufgeben, haben wir unser Ziel erreicht: Zwanzig Soldaten sind nicht mehr einsatzbereit. Sie werden für ihren Ungehorsam womöglich bestraft werden, vermute ich. Zumindest wäre ein weiterer Einsatz fürs Erste unwahrscheinlich. Sie müssten die Einheit wechseln.“

    „Und dann nehmen wir die Stellung zurück!“

    „Nein.“, brachte Dakeria den Offizier erneut zum Schweigen. Das gefiel ihnen nicht.

    „WARUM BEI ALLEN GÖTTERN NICHT?!“

    Dakeria nahm nun den Stein, der Talruins Truppen symbolisierte – und ließ ihn genau dort liegen, wo er war: „Weil ich möchte, dass sie glauben, die Stellung sei uns gleichgültig.“

    Langsam begriff Gyorn: „Damit wir das Ganze wiederholen können.“

    „Korrekt.“

    Xerxes bemerkte, dass sie wieder lächelte. Früher hatte sie so gelächelt, wenn sie etwas Neues entdeckt hatte. Eine neue Melodie. Wenn sie unbedingt verstehen wollte, warum Menschen etwas sinnloses taten. Nun gilt ihre Neugier der Frage, wie man eine Armee systematisch brechen konnte. Interessant. Schließlich war sie früher der vernünftigere Part von ihnen beiden gewesen.

    „…wir versuchen es.“, entschied König Arvid. Und damit war die Sache beschlossen. Dakeria sammelte bereits ihre Unterlagen wieder ein, als er sich noch einmal an sie wand: „Noch etwas. DU wirst nicht an diesen nächtlichen Aktionen teilnehmen.“

    Dakeria legte den Kopf schief: „Warum nicht?“

    Xerxes schloss kurz die Augen. Natürlich fragte sie das…

    „Weil eine Kriegsfürstin nicht benötigt wird, um irgendwo eine Laterne anzuzünden.“, sagte Arvid knapp, „Gyorn wird die Einteilung übernehmen.“

    „Ich habe verstanden.“, sagte sie und nahm ihre Karte. Arvid war überrascht, dass sie nicht widersprach. Doch dann schien ihr etwas einzufallen: „Eure Majestät, ich benötige außerdem eine Liste sämtlicher Gefangener.“

    Arvid erstarrte. Nach einer langen Pause fragte er schließlich: „…warum?“

    „Runa hat mir von einigen erzählt, deren Fähigkeiten für weitere Operationen von Vorteil sein könnten.“, erklärte Dakeria ruhig.

    „Nein.“, Arvids Gesicht wurde vollkommen ausdruckslos. Dakeria sah ihn an: „Ich habe noch keine Bitte formuliert.“

    „Nein.“

    „Ihr wisst noch gar nicht, was ich-!“

    „Dakeria.“, Xerxes begann zu grinsen. Sie sah ihn an: „Was?“

    „Ich glaube dieses Mal weiß er tatsächlich, was du fragen willst.“

    Der König pflichtete seinem Sohn innerlich bei. Er zeigte zur Tür: „Raus.“

    Dakeria blinzelte nur.

    „Die Sitzung ist beendet.“, sagte er. Dakeria sammelte zunächst schweigend ihre Unterlagen ein. Dann begann sie wieder: „Ich wollte noch-!“

    „Raus!“, knurrte Arvid. Und Dakeria ging tatsächlich zur Tür. Doch auf der Schwelle hielt sie noch einmal inne: „Ich benötige die Gefangenenliste trotzdem.“

    „DAKERIA!“

    Sie verließ endlich den Saal und Gyorn folgte ihr hastig, bevor Arvid sich entschied, seine schlechte Laune an ihm auszulassen. Xerxes blieb zurück. Sein amüsiertes Lächeln verschwand jedoch, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war.

    „Dir gefällt ihre Strategie.“, bemerkte Arvid leise. Xerxes antwortete nicht und der König betrachtete nun die Markierungen, die Dakeria zurückgelassen hatte: „Hast du ihr das beigebracht?“

    Xerxes Blick wurde kühl: „Was soll das heißen?“

    „Dass ihr beide euch beunruhigend ähnelt, wenn es darum geht, anderen Leid zuzufügen.“, Arvid sah seinen Sohn an. Doch dieser schüttelte den Kopf: „Nein. Sie war immer der vernünftigere Part. Sie war es die mich davon abgehalten hat, Menschen zu Tode zu foltern – weil es ineffizient viel Zeit in Anspruch nehmen würde.“

    „Und nun?“

    Xerxes lächelte wieder: „Ist sie besser geworden.“

  • Kapitel 14: Abstand

    Es war bereits dunkel, als Dakeria ihre letzten Berichte beiseitelegte. Die Vorbereitungen für kommende Nacht waren abgeschlossen. Gyorn hatte seine Leute eingeteilt. Die Stellung würde noch vor Mitternacht geräumt werden.

    Für heute gab es nichts mehr zu tun. Zumindest nichts Dringendes. Also machte sich Dakeria auf zu Xerxes Gemächern. Sie klopfte nicht. Das hatte sie auch früher nicht getan. Xerxes saß wieder am Fenster und blickte hinaus auf die Lichter der Stadt.

    „Scream.“

    Er drehte sich um und lächelte matt: „Darcy.“

    Sein Gesichtsausdruck war normal. Beinahe. Dakeria trat ein und begann wie gewohnt, die Verschlüsse ihrer Rüstung zu öffnen. Sie spürte Xerxes Blick auf sich… doch als sie sich zu ihm wandte, sah er demonstrativ wieder weg. Seltsam…

    Dakeria hielt einen Moment inne. Dann öffnete sie den nächsten Verschluss. Sein Blick kehrte zurück… und blieb einen Moment zu lange an ihr hängen. Dakeria bemerkte, dass er danach wieder zum Fenster sah. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm. So war er sonst nie.

    „Ist etwas?“, fragte sie schließlich.

    „Nein.“ Die Antwort kam schnell. Fast zu schnell.

    Sie öffnete gerade den Verschluss ihrer Brustplatte, als Xerxes aufstand: „…vielleicht solltest du heute lieber in deinem eigenen Gemach schlafen.“

    Dakerias Finger verharrten an dem Verschluss. Sie blickte auf das Bett… und dann zu ihm: „Warum?“

    Er seufzte: „…Darcy…“

    „Habe ich etwas getan?“, fragte sie. Ihr vollkommen unschuldiger Blick machte es für ihn nur schlimmer. „Nein… hast du nicht. Ich…“, sein Blick fiel wieder auf die Verschlüsse. Dann fuhr er sich mit der Hand durchs Gesicht, „…ich möchte heute lieber allein sein.“

    Dakeria sah ihn noch einen Moment an. Natürlich tat sie das. Gestern Abend hatte sie sich bereits vor ihm umgezogen, als sei es für die das Verständlichste auf der Welt. Und für sie war es das auch. Früher hatte er sie unzählige Male halb nackt gesehen. Sie hatten gemeinsam in Flüssen gebadet, ihre Wunden versorgt, in denselben Zimmern geschlafen. Und Dakeria hatte sowieso nie verstanden, weshalb sie ihren Körper vor ihm verbergen sollte.

    Und Xerxes hatte sich daran gewöhnt… zumindest bis vor ein paar Tagen. Seit kurzem war seine Aufmerksamkeitsspanne, wenn sie sich neben ihm umzog, erheblich größer geworden. Und das war ausgesprochen unpraktisch.

    Dakeria sagte jedoch nichts darauf. Er hatte eigentlich erwartet, dass sie ihm widersprach, doch das tat sie nicht. Stattdessen begann sie, ihre Rüstung wieder zu schließen. Und aus irgendeinem Grund machte es das Ganze nur noch schlimmer.

    „Wie ihr wünscht.“, sagte sie.

    „…Darcy.“

    Sie blickte wieder zu ihm: „Ja?“

    Verdammt.

    Er hätte ihr erklären können, dass er seit kurzem jedes Mal bewusst wegsehen musste, wenn sie sich vor ihm auszog.

    Beim Kriegsrat war das geringfügig anders. Natürlich war sein Blick auf ihren Ausschnitt gefallen, als sie sich über die Karte beugte. Aber sobald sie ihre Taktik ansprach, war das alles vergessen gewesen. Da war ihre alte Verbindung. Sie hatte einen Gedanken begonnen und er hatte ihn beendet. Genau wie früher. Das war einfach gewesen… aber das hier jetzt war es definitiv nicht.

    „…gute Nacht.“, sagte er also nur. Dakeria beobachtete ihn noch einen Augenblick. „Gute Nacht, Scream.“

    Als sie schließlich zur Tür ging, fiel sein Blick auf ihre Hand. Sie hatte Abdrücke, weil er sie so festgehalten hatte. „Warte.“

    Sie blieb stehen und sah zu ihm: „Ist noch etwas?“

    Xerxes Gesicht veränderte sich: „…du bist heute in dieser verdammten Mine fast krepiert.“

    Dakeria sah ihn überrascht an: „Nein.“

    „Nein?!“

    „Ich habe rechtzeitig reagiert.“, erwiderte sie monoton. Xerxes warf ihr einen vernichtenden Blick zu: „Darcy, du bist aus dem Schacht gekommen und bewusstlos zusammengeklappt!“

    „Außerhalb des kontaminierten Bereichs.“, berichtigte sie, „Meine Einschätzung der Konzentration war lediglich fehlerhaft. Ich habe es in den Berichten korrigiert.“

    „Scheiß auf die Berichte! Du konntest kaum noch laufen.“, Xerxes Stimme war lauter geworden. Das gab ihr zu denken. Er war wirklich aufgebracht. Schließlich nickte sie: „Das ist korrekt.“

    Xerxes schloss kurz die Augen. Manchmal fragte er sich, wie er es geschafft hatte, diese Frau nicht zu erwürgen. Falsch. Er hatte es versucht. Mehrfach. Erwürgt. Erstochen. An einen Pfahl gebunden. Und trotzdem stand sie immer wieder vor ihm. Das sollte ihn eigentlich beruhigen. Doch das tat es nicht: „Warum bist du weitergegangen? Runa sagte, dass dir diese Vögel anzeigen, wenn es gefährlich wird.“

    „Ich wollte wissen, wo die Quelle ist.“, erklärte Dakeria geduldig. Das war die falsche Antwort.

    „Du…. – nein.“, seine Stimme war plötzlich unangenehm ruhig, „…Darcy. Was wenn du dort bewusstlos geworden wärst? Wenn du es nicht rausgeschafft hättest?“

    „Dann wäre meine Planung fehlerhaft gewesen.“, sobald dieser Satz ihren Mund verließ, erkannte sie, dass sie es damit nur noch schlimmer gemacht hatte. Sie erkannte das: „…ich schätze, das ist keine zufriedenstellende Formulierung gewesen.“

    „Nein.“, sagte er. Dann legte sich eine unangenehme Stille über sie. Bis er erneut sprach: „…du hast mir heute Morgen noch versichert, dass du deine Maßnahmen überdenken würdest, wenn ein Risiko besteht.“

    „Das habe ich getan. Ich hielt das Risiko für vertretbar.“

    Da war es wieder. Xerxes hatte das unangenehme Gefühl, dass er gerade etwas verstand, was er nicht verstehen wollte. Dass sie womöglich ihr Leben für ihn und sein Reich riskieren würde.

    „Und wann wäre es nicht mehr vertretbar gewesen?“, fragte er schließlich genervt. Dakeria antwortete nicht sofort. Das machte es schlimmer. Normalerweise hätte sie sofort eine Antwort gehabt.

    „Als meine motorischen Fähigkeiten nachließen, habe ich den Versuch abgebrochen.“, sagte sie zu ihrer Verteidigung.

    „Das war nicht meine Frage.“, erwiderte er kühl. Sie sah ihn an, als er näherkam. Irgendwie wirkte sein Gesicht seltsam zerbrechlich, als er sagte: „Wie weit gehst du, bevor du entscheidest, dass etwas dein Leben nicht wert ist?“

    Dakeria schwieg zunächst. Vielleicht, weil sie sein Gesichtsausdruck mehr besorgte als die eigentliche Frage. Schließlich sagte sie leise: „Das hängt vom Ziel ab.“

    Das war wohl die ehrlichste und zugleich schlimmste Antwort, die sie ihm geben konnte.

    Eine lange Zeit sagte keiner von beiden etwas. Dakeria sah ihn immer noch an: „Ihr seid besorgt.“

    „Ja.“, sagte er. Dieses Mal bestritt er es nicht.

    „Wegen der Mine?“, fragte Dakeria nach.

    „Unter anderem.“

    Sie legte den Kopf leicht schief. Unter anderem? Was bedeutete das? Ihre Augen wanderten über sein Gesicht. Seine Körpersprache. Und sie verstand. Zumindest einen Teil. „…deswegen möchtet ihr heute allein sein.“

    Er zögerte. Dakeria sah es. „Teilweise.“, gab er zu.

    „Und was ist der andere Grund?“

    Natürlich fragte sie das. Er sah sie an. Und bereute es sofort. Verdammt. „Das erkläre ich dir heute nicht.“

    Dakeria schwieg. „Verstanden.“, sagte sie. Dann ging sie wieder zur Tür. Und Xerxes ließ sie dieses Mal gehen. Die Tür schloss sich… er wartete.

    „Scheiße.“

    ---

    Dakeria blieb vor seiner Tür stehen. Warum, wusste sie nicht. Es war ungewohnt… sicher, früher hatte er sie andauernd versucht, loszuwerden… aber das hatte damals weniger weh getan als jetzt. Warum? Warum tat es überhaupt weh? Sie schüttelte den Kopf. Razuel hatte recht gehabt. Gefühle behindern ihr Urteilsvermögen. Xerxes hatte einen nachvollziehbaren Grund, wütend auf sie zu sein. Seine Sorge war nicht vollkommen irrational, schließlich war ihre Einschätzung der Gaskonzentration tatsächlich falsch gewesen. Es gab also keinen Grund, sich deswegen schlecht zu fühlen… allerdings… da wäre dann noch dieser zweite Grund, den er ihr nicht genannt hatte.

    Das erkläre ich dir heute nicht.

    Das war seine Entscheidung. Sie musste es akzeptieren, ob es ihr gefiel oder nicht.

    Sie ging weiter. Der Weg zu ihrem Gemach fühlte sich endlos lang an… und nach wenigen Metern bemerkte sie, dass ihre Hand wieder auf ihren Lippen lag. Sie zog sie weg. Das war albern. Gestern hatte Xerxes sie noch geküsst… heute hat er sie beim Ausziehen angesehen und danach weggesehen… und nun wollte er allein schlafen. Dakeria kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass die Ereignisse irgendwie miteinander in Verbindung standen. Sie wusste nur noch nicht wie.

    …er wollte heute allein schlafen… das ist vollkommen in Ordnung. Er brauchte ihre Anwesenheit nicht. Und sie brauchte seine auch nicht. Damit war die Sache doch eigentlich geklärt … oder? Endlich kam sie vor ihrem Gemach an. Sie zögerte einen Moment… und trat schließlich ein. Sie wusste aus Erfahrung, dass ihr mit diesen Fragen im Kopf eine schlaflose Nacht bevorstehen würde...

    ---

    Xerxes lag noch wach. Er war allein. Er brauchte Abstand. Das war die einzig vernünftige Entscheidung gewesen. Er musste nachdenken. Über Darcy. Über die Mine. Über die Tatsache, dass sie ihr Leben riskierte. Und vor allem musste er aufhören daran zu denken, wie sie heute Morgen vor ihm gestanden hatte.

    Er drehte sich auf die andere Seite. Ein Fehler. Die Seite war leer. Normalerweise schlief sie dort. Er drehte sich zurück.

    Verdammt.

    Er kannte ihren Körper. Das war das komische daran. Er kannte jede Stelle, wusste wo ihre Flügel ansetzten. Wusste, dass sie ihre alte Saltatio Anima Robe mit Rüstungsteilen kombinierte und niemand, nicht einmal er die Stoffbahnen anfassen durfte. Er hatte sie verwundet gesehen. Blutüberströmt. Nackt. Es war nie wichtig gewesen.

    Und nun erinnerte er sich an das Gefühl ihrer Haut unter seinen Fingern. Wie sie ihn geküsst hatte. Wie sie auf seiner Brust lag. Und heute Morgen hatte er auch noch festgestellt, dass er sie nicht nur hübsch fand.

    „Großartig.“, grummelte er genervt.

    Ausgerechnet jetzt. Nach Jahren.

    Er schloss die Augen. Sofort sah er sie vor sich. Keine Sekunde später öffnete er sie wieder.

    „Jetzt jagt sie mich schon in meinen Träumen…“

    Sein Blick fiel wieder auf die leere Seite neben sich. „…scheiße.“

    ---

    Dakeria saß auf ihrer Bettkante. Es war still in ihrer Kammer. Das war nichts Ungewöhnliches. Sie hatte jahrelang allein geschlafen. Teilweise unter den schlimmsten Bedingungen. Trotzdem bekam sie kein Auge zu. Also ließ sie es.

    Er fehlte ihr. Seine Wärme. Das leise Geräusch seines Atems. Sein Geruch. Alles vertraut. Dakeria legte sich hin und starrte an die Decke. Das war Unsinn. Sie benötigte ihn nicht zum Schlafen. Dafür gab es keinerlei-

    Es klopfte.

    Dakeria setzte sich blitzschnell auf, als sich die Tür auch schon öffnete. Xerxes sah sie an, „Hey.“

    „Ist etwas passiert?“, fragte sie. Er trat ein und kam etwas näher: „Nein.“

    Schließlich setzte er sich neben sie auf die Bettkante und schwieg. Dakeria sah ihn an. Sie wartete, dass er noch etwas sagte.

    „…ich kann nicht schlafen.“, erklärte er endlich. Dakeria legte den Kopf schief. Damit hatte sie nicht gerechnet: „Ich ebenfalls nicht.“

    Er lächelte matt: „Und? Weißt du schon warum?“

    „Das versuche ich noch festzustellen.“

    Xerxes lachte leise. Sein Blick fiel auf die leere Seite neben ihr. „Darcy?“

    „Ja?“

    „Rück mal ein Stück.“

    Sie tat wie geheißen und er legte sich neben sie. Sie berührten sich nicht. Das machte es fast noch schlimmer. Und Xerxes schien ihre Ansicht zu teilen. „Komm endlich her.“, murmelte er und zog sie zu sich. Er legte den Arm um sie, so wie immer und Dakeria entspannte sich fast augenblicklich. Sie legte den Kopf an seine Brust und spürte, wie sein Herz schneller schlug. Interessant.

    „Darcy.“

    „Ja?“

    „Nicht analysieren.“

    Sie sah auf: „Ich habe doch gar nichts gesagt.“ Doch er rollte nur mit den Augen: „Ich kenne dich.“ Dakeria schwieg. Für ganze fünf Minuten. Dann – „Ihr habt mir den zweiten Grund noch nicht genannt.“

    Xerxes stöhnte: „Darcy…“

    Sie legte den Kopf schief. Sie wollte eine Antwort. Und er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass er ihr früher oder später eine geben musste. Also brachte er es hinter sich. „…ich sehe dich anders.“, sagte er. Sie hob den Kopf: „Inwiefern?“

    Er betrachtete sie. Es war eigentlich die perfekte Gelegenheit… Nur wusste er nicht, wie er ausgerechnet ihr erklären sollte, dass er angefangen hatte, sich sehr bewusst für ihren Körper zu interessieren. „Anders.“, sagte er nur. Seine Hand strich langsam über ihren Rücken. Ihre Haut war weich. Warm. Makellos. Er bemerkte, dass sie ihn immernoch anblickte, als wäre er ihr eine Antwort schuldig. Und streng genommen war er das auch. Dennoch sagte er: „Mehr bekommst du heute nicht.“

    Sie musterte ihn immer noch. Ihr Blick wanderte zu seinem Gesicht. Xerxes wurde misstrauisch: „Was?“

    „Gestern Morgen habt ihr mich beim Anlegen meiner Rüstung ebenfalls angesehen. Und anschließend weggeschaut. Heute habt ihr das wiederholt.“, sagte sie, als wertete sie gerade einen Bericht aus. Xerxes bereute die Frage bereits. Doch Dakeria fuhr fort: „Der relevante Unterschied war, dass ich dieses Mal teilweise unbekleidet war.“

    Er schloss die Augen. Verdammte Val’kyre.

    „…Ja. Es hat etwas damit zu tun.“

    Dakeria dachte darüber nach. Dann nickte sie und legte ihren Kopf wieder gegen seine Brust. Xerxes sah zur Decke: „…du wirst darüber nachdenken. Stimmts?“

    „Ja.“, erwiderte sie. Und nach einigen Sekunden später fügte sie hinzu: „…es stört mich übrigens nicht. Dass ihr mich anseht, meine ich.“

    Er wurde still.

    „Ich wollte lediglich verstehen, weshalb.“, sagte sie schließlich und kuschelte sich an ihn. Und damit war die Sache offenbar für sie erledigt. Für ihn allerdings noch lange nicht.

    ---

    Am nächsten Morgen wurden sie von einem hastigen Klopfen geweckt und kaum hatte Dakeria den Kopf gehoben, kam ihr ein Wust hellblauer Haare entgegen: „Dakeria! Gyorn hat gesagt, du wärst—“

    Liv blieb abrupt stehen. Ihre Augen wurden groß, als sie Dakeria immer noch halb in Xerxes Armen vorfand. Seine Hand ruhte an ihrer Seite, ihre eigene auf seiner Brust. Die Decke war bis zu den Schultern hochgezogen.

    „Was ist?“, fragte Dakeria und richtete sich auf. Liv wurde rot: „Nichts!“

    Dakeria runzelte die Stirn: „Und warum ändert sich dann deine Gesichtsfarbe? Hast du Fieber?“

    „Gar nicht! Ich…“, Liv machte einen Schritt rückwärts und Xerxes presste die Lippen aufeinander., „Ich wollte nur wissen, wo du bist!“

    „Ich bin hier.“, sagte Dakeria irritiert.

    „Das weiß ich jetzt doch.“

    Xerxes gab ein verdächtiges Geräusch von sich und Dakeria sah nun zu ihm: „Was?“

    „Nichts.“

    Livs Blick huschte zwischen den beiden hin und her: „Ihr… mögt euch.“

    Dakeria sah wieder zu dem Kind: „Das ist korrekt. Sonst würde—“ Sie konnte den Satz nicht beenden, weil Xerxes ihr den Mund zu hielt. „Sie wird dich später besuchen. Ist das okay?“, fragte er.

    Liv nickte und lief zurück zur Tür, doch kurz bevor sie den Raum verließ, kicherte sie leise. Dann verschwand sie und die Tür fiel ins Schloss.

    Dakeria sah ihr nach: „Ihre Reaktion war ungewöhnlich. Abgesehen davon – warum habt ihr mir den Mund zugehalten?“

    „Weil sie glaubt, dass wir uns mögen. Und weil du die Angewohnheit hast, dieses Detail sehr genau zu erklären.“, antwortete Xerxes grinsend und ließ sich zurück ins Kissen fallen. Doch Dakeria sah ihn nur verständnislos an: „Wir mögen uns. Dann ist ihre Schlussfolgerung doch korrekt.“

    Er sah zu ihr und bemühte sich nicht darauf zu achten, dass ihre Kleidung etwas unvorteilhaft verrutscht war: „Sie meint eine andere Art von mögen.“

    Dakeria dachte einen Moment darüber nach: „Romantische Zuneigung?“

    Er nickte. Sie schien weiter darüber nachzudenken. Sie mochte seine Nähe. Sie mochte es, wenn er ihre Fragen beantwortete, selbst wenn er sich über sie lustig machte. Sie mochte seine Berührungen… seine Blicke… seine Küsse…

    „…ich nehme an, diese besteht ebenfalls.“, beendete sie ihren Gedankengang. Sie sagte das so trocken, dass er wieder grinsen musste. Doch Dakeria blickte wieder zur Tür: „…euer Kammerdiener hat ebenfalls so merkwürdig reagiert.“

    Xerxes Grinsen verschwand für einen Moment: „Der hatte wahrscheinlich eine etwas andere Vermutung.“

    „Welche?“

    Er zögerte und betete innerlich, dass Dakeria dieses Mal keine weiteren Fragen stellte.

    „Dass wir miteinander geschlafen haben.“

    Sie sah ihn an: „Aber wir haben miteinander geschlafen.“ Er schloss kurz die Augen. Natürlich verstand sie den Kontext nicht. „Ich meine im sexuellen Sinne.“

    „Oh.“, sagte sie nur. Mehr kam nicht. Das war beunruhigend. Xerxes wartete. Sie schien über irgendwas angestrengt nachzudenken und er machte sich auf das Schlimmste gefasst. Dann hellte sich ihr Gesicht vor Erkenntnis auf: „Ihr meint wie damals, als wir das Bordell überfallen haben.“

    Er starrte sie einen Moment an. Dann begann er zu lachen: „Ich hatte das erfolgreich verdrängt.“ Dakeria legte den Kopf schief: „Wieso? Die Mission war erfolgreich.“

    „Darum geht es nicht.“

    Xerxes erinnerte sich noch viel zu gut daran. Sie hatten den Auftrag einen bestimmten Freier zu eliminieren. Alles was sie sonst noch mitgehen lassen konnten, wollten sie mitnehmen. Also sind sie durch das obere Stockwerk gegangen, weil es laut Darcy die taktisch sinnvollere Route wäre. Ungünstigerweise hatte eine der Türen offen gestanden. Und natürlich hatte sie hineingesehen. Nicht aus Voyeurismus. Das wäre wenigstens irgendwie normal gewesen. Nein. Dakeria hatte dagestanden und das Geschehen mit derselben konzentrierten Miene beobachtet, mit der sie sonst verdächtige Spuren untersuchte. Er selbst hatte sie erst einige Schritte später vermisst. Als er zurückgegangen war, stand sie immer noch dort. Er musste zweimal ihren Namen rufen, damit er ihre Aufmerksamkeit bekam.

    Sie hatte ihn schließlich angesehen: „Was machen die da?“ Und er hatte sie nur angestarrt: „Was glaubst du denn?“ Und natürlich hatte sie wieder hingesehen: „Ich weiß es nicht. Darum frage ich.“

    Anschließend hatte er sie am Arm gepackt und weitergezogen: „Das erkläre ich dir später.“

    „Warum bewegen die sich so?“

    „Darcy.“

    „Hat die Frau Schmerzen?“

    „Darcy!“

    „Sie macht Geräusche, die darauf hindeuten könnten.“

    „WIR SIND GERADE DABEI, EIN VERDAMMTES BORDELL ZU ÜBERFALLEN!“

    „Das beantwortet meine Frage nicht.“

    Bei der Erinnerung vergrub Xerxes lachend das Gesicht in einer Hand. Dakeria beobachtete ihn: „Ich verstehe immer noch nicht, warum du damals nicht geantwortet hast.“

    „Weil wir mitten in einer Mission waren!“, sagte er grinsend. Dakeria legte den Kopf schief: „Wir hatten Zeit. Wir standen anschließend noch ungefähr vier Minuten im Treppenhaus.“

    Er sah sie an: „Daran erinnerst du dich?“

    Sie hob eine Augenbraue und Xerxes beantwortete sich die Frage selbst: „Natürlich tust du das.“

    Für einen Augenblick schwieg sie. Dann fragte sie: „Warum vermutet man automatisch, dass zwei Menschen miteinander schlafen, wenn sie gemeinsam in einem Bett liegen?“

    „Weil es vorkommt.“, antwortete Xerxes. Sie legte den Kopf schief: „Es gibt aber auch andere Gründe. Die Schlussfolgerung ist unzureichend.“

    Xerxes ersparte sich dazu einen Kommentar. Dann jedoch kam ihm ein Gedanke: „Darcy? … Bitte frag jetzt nicht, ob ich dir erklären kann, was die Beiden damals gemacht haben.“

    Sie schwieg. Er kannte dieses Schweigen. „Du wolltest genau das fragen, oder?“

    „Ja.“, sagte sie.

    „Nein. Ich muss aufstehen.“

    „Eure nächste Audienz ist erst in zwanzig Minuten.“

    Xerxes erstarrte: „Hast du meinen Terminkalender auswendig gelernt?!“ Sie sagte wieder nichts darauf. Er ließ sich zurück ins Bett sinken. Sie kuschelte sich wieder an ihn, ein kleines, beinahe triumphierendes Funkeln in den Augen. Er lächelte… doch dann kam ihm ein ausgesprochen beunruhigender Gedanke.

    Der Kuss. Sie hatte den Kuss analysiert. Und mit dem Kuss eines anderen verglichen. Ihren Herzschlag beobachtet. Ihre Atmung. Sämtliche körperlichen Reaktionen. Und anschließend hatte sie allen Ernstes einen zweiten Kuss verlangt, um festzustellen, ob das Ergebnis konstant blieb. Sein Blick wanderte wieder zu ihr.

    Dakeria lag ganz unschuldig da und schien immer noch über das Gespräch nachzudenken.

    „Darcy?“, begann er. Sie blickte auf: „Ja?“

    „…damals im Bordell…du… du wolltest nie herausfinden, wie sich das anfühlt, oder?“

    Sie dachte darüber nach. Verdammt. Xerxes Lächeln gefror. Warum dachte sie darüber nach?!
    Schließlich antwortete sie: „Ich wusste damals nicht genug, um einen Nutzen darin zu erkennen.“

    Xerxes atmete aus. Ein Glück. Dakeria runzelte die Stirn: „Warum seid ihr erleichtert?“

    „Kein Grund.“

    Sie musterte ihn: „Doch. Ihr habt gerade deutlich ausgeatmet.“

    „Darcy…“

    „Eure Schultern haben sich entspannt. Außerdem –“

    „Darcy.“, sagte er zum dritten Mal und stupste ihr auf die Nase. Sie schwieg. Offenbar verwirrte sie sein Verhalten lange genug, damit er aufstehen konnte.

    Er hatte wirklich unglaubliches Glück gehabt. Hätte sie damals beschlossen, menschliche Sexualität mit derselben Gründlichkeit zu untersuchen, wie heute ihre Reaktion auf einen Kuss, hätte seine Reise mit ihr vermutlich noch deutlich kompliziertere Ausmaße angenommen.

    „Scream?“, ihre Stimme ließ ihn innehalten, „Mittlerweile verstehe ich den Nutzen.“

    Xerxes erstarrte. Langsam drehte er sich zu ihr um. Ein großer Fehler – Dakeria war gerade dabei, wieder ihre Rüstung anzuziehen.

    „Welchen Nutzen?“, fragte er und drehte sich wieder weg.

    „Warum Menschen es tun. Zu Fortpflanzungszwecken.“

    „Ach so.“

    Sie wurde still. Als er wieder hinsah, bemerkte er, dass sie Schwierigkeiten hatte, ihre Brustplatte zu verschließen. Damit hatte sie schon immer zu kämpfen.

    Er trat näher und seine Hände lösten die ihren wie selbstverständlich ab. Er sah sie durch den Spiegel vor ihnen an. Er kannte diesen Anblick. Die Tatsache, dass sie ihm gestattete sie anzustarren, machte es nicht besser. Eher schlimmer.

    Schließlich ließ er sie los.

    Sie drehte sich wieder zu ihm um: „Darf ich heute Nacht wieder bei euch schlafen?“ Die Frage lag ihr schon seit gestern auf der Zunge. Xerxes lächelte matt: „Ja.“

    Aus dem Flur erklang eine Stimme, ein paar Zimmer entfernt. Wahrscheinlich ein Kammerdiener, der bemerkt hatte, dass der Prinz nirgends aufzufinden war.

    „Ich muss gehen. Wir sehen uns später.“, sagte Xerxes. Dakeria sah ihm nach, während er das Zimmer verließ.

  • Kapitel 15: Ein hoffnungsloser Fall

    Dakeria richtete noch ein letztes Mal ihre Armschienen. Dann machte sie sich auf den Weg zu Gyorn. Sie fand ihn nach einigen Minuten im Innenhof, wo er sich erschöpft auf eine Mauer gesetzt hatte. Als er die Val’kyre erblickte, lächelte er und zeigte mit dem Daumen nach oben: „Sie haben die Stellung genommen. Alles läuft nach Plan.“

    Dakeria blieb stehen: „Wann?“

    „Heute Nacht. Vielleicht zwei Stunden, nachdem wir raus sind.“, erklärte der alte Veteran. Und weil er Dakerias Befragung mittlerweile kannte, fügte er hinzu: „Unsere Späher haben ungefähr dreißig Mann ausgemacht. Sie haben alle Vorräte mitgenommen und die Stellung befestigt.“

    Dreißig Leute… mehr als sie erwartet hatte. Dakeria lächelte: „Sehr gut.“ Gyorn entging ihre Miene nicht: „Du freust dich.“

    Schlagartig wechselte Dakeria zu ihrer gewohnten emotionslosen Miene: „Sie haben dreißig Leute an einen Ort verlegt, den wir nicht mehr brauchen. Die Stellung war unsererseits lediglich mit zwanzig Leuten befestigt gewesen – sie haben also sogar mehr als nötig geschickt.“

    Gyorn nickte: „Joah… hast auch wieder recht. Was ist mit heute Nacht?“

    „Nichts.“, sagte Dakeria und erklärte: „Sie erwarten etwas. Darum sollen sie nichts bekommen.“ Langsam verstand er: „Schön. Was ist mit morgen?“

    „Das entscheide ich morgen.“, die Val’kyre wandte sich um – dann schien ihr jedoch etwas einzufallen. Liv hatte gesagt, sie wollte mit ihr sprechen. Also fragte sie Gyorn: „Hast du Liv gesehen?“ Dieser nickte mit dem Kopf nach rechts. Dakeria folgte dem Wink und erblickte Liv auf einer freien Fläche. Sie hielt einen Stein in der Hand und sah schmollend zu ihr. Das verwirrte Dakeria. Und weil Gyorn sie mittlerweile gut genug kannte, erklärte er: „Geh mal zu ihr. Sie vermisst dich.“

    Dakeria wollte noch etwas sagen, doch Gyorn schob sie bereits halb zu Liv rüber und verschwand anschließend. Die Val’kyre wusste zunächst nicht, was sie sagen sollte. Liv zeichnete schweigend mit dem Stein seltsame Muster auf den Boden. Dakeria stand schweigend daneben und sah zu. Irgendwann fragte sie: „Was machst du da?“

    Und Liv sah sie endlich an: „Spielen.“ Spielen? Das begriff Dakeria nicht. Ihr war durchaus bewusst, dass Kinder öfters spielten… allerdings hatte sie den Zweck nie verstanden.

    „Außerdem ist der Stein hübsch.“, fügte das Kind hinzu und zeigte ihn ihr. Es war ein glatt geschliffener Stein auf dem sich feine weiße Rillen abzeichneten. Für Dakeria sah er dennoch aus, wie ein gewöhnlicher Stein. Etwas auffälliger, ja. Aber eben trotzdem ein Stein.

    „Mirkon hat ihn mir geschenkt.“, sagte Liv nun. „Wer ist Mirkon?“, fragte Dakeria nun. Und Livs Augen leuchteten: „Ein Freund von mir! Sein Papa arbeitet im Palast! Er ist Xerxes Kammerdiener!“

    Dakeria dachte darüber nach. War das derjenige, der sie und Xerxes im Bett gesehen hatte? Doch das war nebensächlich. „Es freut mich, dass du neue Freunde gefunden hast.“, sagte die Val’kyre monoton. Liv legte nur den Kopf schief: „…du bist komisch.“

    „Das wurde mir schon öfters gesagt.“, erwiderte Dakeria nur. Dann fiel ihr Blick wieder auf den Boden: „…darf ich fragen, was du da machst?“

    „Malen!“, Livs Laune verbesserte sich schlagartig, als sie Dakeria ihr Bild zeigte, „Siehst du? Da ist ein Haus. Da drüben ist Gyorn – und da bist du und daneben Xerxes.“, sie deutete auf zwei undefinierbare Striche, die eng nebeneinander lagen, „Und da bin ich!“, zum Schluss deutete sie auf die Gestalt zwischen Xerxes und ihr. Dakeria betrachtete das Bild. Es war unförmig, die Proportionen passten nicht und ohne Livs Erklärung hätte sie nicht verstanden, was ihr da eigentlich gezeigt worden war. „Du hast Laneesha nicht gezeichnet.“, stellte sie fest.

    Livs Ausdruck wurde unmittelbar eine Spur trauriger. Sie ließ den Kopf hängen: „Doch. Da oben. Sie schaut von oben zu.“

    Dakeria hätte etwas dazu sagen können… doch bei Livs Gesicht entschied sie, dass es dieses Mal wohl besser war zu schweigen. Stille legte sich über sie.

    „…ich muss zu Runa.“, sagte die Val’kyre schließlich. Liv nickte: „Okay.“, dann sah sie Dakeria wieder an: „Kannst du nächstes Mal mit mir spielen?“

    Die Frage traf Dakeria unvorbereitet. „Ich… mir fehlen relevante Informationen darüber…“, sagte sie. Auf Livs Blick hin fügte sie schließlich hinzu: „…aber ich kann es versuchen.“

    Für Liv schien das genug zu sein. Sie lächelte: „Gut.“

    Und damit verließ die Val’kyre sie.

    ---

    „Hast mich janz schön wartn lassn, Mädel!“, Runa stampfte bereits wartend mit dem Fuß auf, „Nu sach scho.“

    Dakeria hielt beim Öffnen ihrer Zelle inne: „Was meint ihr?“ Die alte Bergarbeiterin rollte nur mit den Augen. Auch wenn sie es nicht geplant hatte, war die Val’kyre und insbesondere ihr Liebesleben wesentlich interessanter als die Knastgeschichten geworden. „Nu was wohl? Wat war nur mit deinem Prinzen?“

    Dakeria dachte nach: „Wir haben geschlafen.“

    Runa starrte sie mit offenem Mund an. Das schien sie am allerwenigsten erwartet zu haben.

    „-nicht im sexuellen Sinne.“, fügte die Val’kyre rasch hinzu, „Xerxes hat mich bereits darauf hingewiesen, dass diese Formulierung missverständlich sein könnte.“ Die alte Frau griff sich mit ihrer verbliebenen Hand ans Herz: „Mensch Mädel… sowat kannste doch nich einfach so raushaun!“

    Dakeria hob eine Augenbraue: „Ich habe nirgendwo etwas rausgeworfen.“

    „Redewendungen sin echt nich so dein Ding, wat?“, grinste die alte Frau und Dakeria schwieg wieder. Zumindest für einen Moment. „Wir haben uns geküsst.“ Runas Grinsen wurde breiter: „Det weiß ick doch schon.“

    „Mehrmals.“ Dakeria durchzuckte ein wohliger Schauer bei dem Gedanken.

    „Mädel!“, sagte Runa und lachte, „Det kannste doch nich einfach nebnbei sagn!“ Die Val’kyre sah sie nur verwirrt an. Sie verstand das Problem nicht. Und Runa gab sich ohnehin nicht nur damit zufrieden: „Un? War jut?“

    „…Ja.“

    „Wie jut?“, wollte die alte Bergarbeiterin wissen. Sie grinste weiterhin. Dass diese komische Val’kyre mit dem Kronprinzen was hatte war schon interessant genug. Aber Dakerias Reaktion machte es nur noch interessanter. Diese dachte nach: „…meine Herzfrequenz—“

    „-NEE!“, Runa hielt sich die Stirn, „Keen verdammter Medizinbericht! Jefällt dir det? Wenn er dich knutscht?“

    Dakeria legte den Kopf schief: „Ja.“

    „Willste dass der des nochmal macht?“

    „Ja.“

    Nun schien Runa endlich zufrieden: „Na siehste. Jeht doch.“ Dakeria schloss nun endlich ihre Zelle wieder auf und Runa wuchtete sich nach oben: „Un? Wat steht heute uffm Plan?“

    Dakeria ließ den Blick über die anderen Zellen gleiten. Runa hatte ihr bereits mehrere Namen genannt. Womöglich waren die Jägerinnen für ihren derzeitigen Plan am nützlichsten. „Bitte sag mir, wo ich Sharai und Vayu finde.“

    Runa schien davon nicht sonderlich begeistert. Sie sah zweifelnd zu ihr: „Mädel… det is nich die beste Idee. Die Vayu, det is ne janz liebe… aber die Sharai? Nee du. Die wirste net von dir überzeujen könn. Glob mir.“ Doch Dakeria sah sie nur eindringlich an. Runa resignierte: „Uff. Wirst nich klein beijeben, wa? Nu jut…“ Runa deutete auf die Zellen, die eine Reihe über ihnen angebracht waren: „Zelle 5.“

    Dakeria lief los, die Treppen hinauf. Bei jedem Schritt spürte sie, wie die Blicke sie verfolgten. Doch es war ihr einerlei. Endlich kam sie im richtigen Gang an und musterte die Gefangenen. Zelle 5 war noch einmal zusätzlich durch eine Metallplatte in der Mitte zweigeteilt, die die beiden Insassinnen voneinander trennte.

    Auf der linken Seite saß eine zierliche Frau mit geflochtenem braunem Haar. Ihre Haut war dunkel und ihre haselnussbraunen Augen musterten Dakeria seltsamerweise ohne Abscheu. Sie wirkte neugierig. Interessant. Die Frau auf der anderen Seite dagegen taxierte Dakeria mit ihren falkengelben Augen misstrauisch. Sie hatte sonnengebräunte Haut und ihr rotes Haar wirkte wild durcheinander und kurz. Sie war etwas kräftiger gebaut, als ihr Gegenüber und ihre Haut war von vielen Narben gezeichnet.

    „Ihr seid Sharai und Vayu.“, stellte Dakeria fest. Die Rothaarige spuckte vor ihr auf den Boden, doch Dakeria ignorierte auch dies: „Mir wurde zugetragen, dass ihr Jägerinnen seid. Wie gut kennt ihr das Gelände außerhalb Talruins?“

    „Geht dich nix an.“, sagte die Rothaarige. Ihre Stimme klang rau und irgendwie verbissen. Dakerias Blick glitt ruhig zu ihr: „Wenn es der Verteidigung Talruins nützen könnte, geht es mich sehr wohl etwas an.“

    „Ich sagte Fick dich.“

    „Das ist anatomisch unmöglich.“, Dakeria wandte sich nun an die andere Frau, „Seht ihr das genauso?“

    „Ich gehe dahin, wo Sharai auch hingeht.“, antwortete diese leise, aber deutlich. Dakeria verstand. Wenn sie Vayu wollte, musste sie also erst Sharai überzeugen. „Ich kann dafür sorgen, dass ihr diese Zellen temporär verlassen könnt. Ihr würdet zeitweise draußen agieren können – unter meinem Kommando.“

    Sharai lachte trocken auf: „Zeitweise? Was soll uns das bringen?“ Die Val’kyre blickte abwechselnd von Vayu zu Sharai. Diese verstand, was sie damit sagen wollte. Sie hätten wieder Zeit zusammen. Dann fügte sie ehrlicherweise hinzu: „Mehr kann ich im Moment nicht versprechen.“

    Sharai runzelte die Stirn. Ungewöhnlich, dass eine Val’kyre Klartext redete.

    „Und was willst du, das wir tun?“, hörte sie Vayu auf der anderen Seite. Sharai warf der Metallplatte zwischen ihnen einen finsteren Blick zu, als könne sie Vayu dadurch sehen: „VAYU!!!“, zischte sie.

    Doch Dakeria wusste, dass sie damit möglicherweise den Hebel gefunden hatte, um die Beiden vielleicht einsetzen zu können. Sie erklärte: „Ich brauche Späher. Leute die das Gelände kennen. Die Fallen stellen können. Die wissen, wie sich Tiere verhalten, wenn sie in die Enge getrieben werden. Und möglicherweise zur Nahrungsmittelbeschaffung…. - Ihr werdet nicht frei sein. Keine Waffen. Und ihr würdet streng überwacht werden.“

    Dakeria brach ab. Sie musste bei dem nächsten Gedanken unmittelbar an Xerxes denken: „…aber ihr könntet zusammen sein.“ Ihre Stimme klang leiser als zuvor und es schnürte ihr die Kehle zu. Doch das schienen die Beiden zum Glück nicht zu bemerken.

    „Vayu – denk nicht mal dran!“, donnerte Sharai durch die Gitterstäbe. „Warum nicht? Sharai…“, Vayu blickte wieder zu der Metallplatte, „…ich will wieder dein Gesicht sehen.“ Das brachte Sharai tatsächlich zum Verstummen. Die Wut verließ ihr Gesicht nicht gänzlich, doch man merkte, das Vayus Worte sie getroffen hatten. „…und wenn wir dabei draufgehen?“, fragte sie schließlich. Die Frage schien wohl eher an Vayu gerichtet zu sein, doch Dakeria antwortete trotzdem: „Dann wäre meine Strategie fehlerhaft.“

    Sharai blickte wieder zu der Val’kyre. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen: „Strategie? So wie du aussiehst, hast du noch nie eine richtige Schlacht gesehen.“

    Dakeria verstand, was sie meinte. Ihr Körper hatte keine einzige Narbe. Keine Unebenheit. Dennoch: „Mein Aussehen hat nichts damit zu tun.“

    „Ist das so?“, Sharai sah das offenbar als Herausforderung, „Dann zeig, was du drauf hast!“

    Dakeria dachte einen Moment nach: „Ich könnte möglicherweise einen Übungskampf arrangieren.“ Diese Idee gefiel ihr sogar recht gut. Dann könnte sie Sharais Fähigkeiten unter vorgegebenen Bedingungen testen. „Bitte entschuldigt mich.“

    Dakeria verließ den Raum und Vayu warf Sharai durch die Metallplatte einen vorwurfsvollen Blick zu: „Sharai…“

    „Du weißt genau, was ich von den Hunden des Ordens halte, Vayu.“

    Und Vayu verstummte. Sie sah der Val’kyre nach.

    ---

    Es klopfte und König Arvid sah von seinem Schreibtisch auf. Er hoffte nur, dass es nicht wieder—

    „Eure Majestät.“

    -die Val’kyre war. Arvid atmete geräuschvoll aus: „Was willst du dieses Mal?“

    Dakeria trat ein. Ihr Gesicht war ausdruckslos, wie immer. Das störte ihn. Normalerweise konnte er schon am Gesicht ablesen, was jemand von ihm wollte. Allerdings konnte er sich bei Dakeria mittlerweile bereits denken, warum sie hier war. Und genau das bereitete ihm Kopfschmerzen.

    „Ich benötige eure Erlaubnis, eine Gefangene zu—“

    „Nein.“, unterbrach er sie.

    „Ich habe doch noch gar nicht— „, begann sie wieder, doch Arvid schnitt ihr erneut das Wort ab: „Nein.“

    Dakeria legte den Kopf schief: „Eure Majestät, bei allem Respekt, aber—“

    „NEIN.“

    Dakeria schwieg. Endlich. Arvid widmete sich wieder seiner Korrespondenz. Doch als er aufblickte, stand sie immer noch da: „Was willst du noch hier?“

    „Ich warte darauf, dass ihr bereit seid, mir zuzuhören.“, sagte Dakeria ruhig. Ein verdruckstes Lachen war zu hören und Arvid warf Xerxes, der in unmittelbarer Nähe stand, einen vernichtenden Blick zu. Schließlich sah er ein, dass es nichts brachte. Wenn er nicht wollte, dass sie morgen noch hier stand, würde er sie wohl oder übel anhören müssen: „Also?“

    Sie trat vor: „Ich bitte um Erlaubnis, eine Gefangene für zwanzig Minuten aus dem Gefängnis entlassen zu dürfen.“

    Diese Bitte war ungewöhnlich. Arvid zog eine Augenbraue hoch: „Zwanzig Minuten? Warum?“

    „Für einen Übungskampf.“, antwortete Dakeria, „Ich möchte ihre Fähigkeiten testen.“

    Der Blick des Königs wurde finsterer und seine Stimme klang schlagartig genervter: „Ich sagte bereits, dass ich dir keine weiteren Gefangenen anvertrauen werde.“

    „Menschen wie sie sind erforderlich, um den Verlauf des Krieges zu unseren Gunsten zu wenden. Wir haben kaum Soldaten. Ihr wisst selbst, dass die Lager im Nordwesten seit drei Wochen nicht ausgekundschaftet worden sind. Mit einem Spähtrupp, der sich ohnehin im Gelände auskennt und keinen Wert für unsere eigentliche Truppenstärke bildet—“

    „Ich verstehe, worauf du hinauswillst, Val’kyre.“, knurrte Arvid. Sie verstummte erneut. Arvid rieb sich die Schläfen. Sie würde ohnehin nicht aufgeben. Also rang er sich zu einer Entscheidung: „Zwanzig Minuten. Sie darf ihre Zelle verlassen, den Trakt aber nicht. Übungswaffen. Danach wird sie unverzüglich wieder weggesperrt.“

    Dass Dakeria sich anschließend respektvoll verneigte und: „Vielen Dank, eure Majestät.“, sagte machte es nur schlimmer.

    Arvid war heilfroh, als sie endlich wieder weg war.

    „Sie wird mich noch den letzten Nerv rauben.“, er wandte sich wieder dem Papier zu.

    „Hat sie das nicht schon längst?“, sein Sohn unterdrückte ein Grinsen. Und als Arvid ihm einen missbilligenden Blick zuwarf, stichelte er weiter: „Du hättest auch Nein sagen können.“

    Der König knurrte: „Das habe ich. Ganze drei Mal.“

    Doch Xerxes erwiderte nur: „Tja. Dann musst du wohl an deiner Ausdrucksweise arbeiten.“

    „…sie will schon wieder Gefangene. Das wird nicht gut ausgehen.“, Arvid blickte nun auf den großen Tintenklecks, der sich auf seinem Papier ausgebreitet hatte und fluchte. Xerxes sah zu der Tür, aus der sie vor wenigen Minuten getreten war: „…sie hat das schon früher getan.“

    „Was? Straftäter befreit?“, fragte Arvid kühl, während er nach einem neuen Satz Papier suchte.

    „Nein.“, Xerxes dachte an ihre erste Begegnung. Ein mattes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, „Menschen genommen, die sonst niemand haben wollte.“

    Er erinnerte sich gut daran. Er erinnerte sich an einen drogenabhängigen Auftragskiller, der vor Jahren lieber allein gearbeitet hatte. Der Menschen mied. Vor dem sich die meisten fürchteten. Und den Dakeria mit ihren Fragen verfolgt hatte, obwohl er mehrfach deutlich gemacht hatte, dass er ihre Gesellschaft nicht wollte.

    „Sie hat schon immer eine Vorliebe für hoffnungslose Fälle gehabt.“, sagte er schließlich.

    Arvid warf ihm einen kühlen Blick zu: „Das ist nicht dasselbe.“

    „Nein.“, erwiderte Xerxes, „…denn damals war der hoffnungslose Fall nur ich.“

    Er dachte noch lange darüber nach. Das war etwas, das Razuel ihr nicht beigebracht hatte. Sicher, sie nutzte es für den Krieg… aber genau so hatte es bei ihm auch angefangen. Das war Darcy. Nicht die Val’kyre. Nicht die Kriegsfürstin. Sondern das Mädchen, das ihm früher gefolgt war…

  • Kapitel 16: Das Duell

    Als Dakeria schließlich zurückkam, war Sharai milde überrascht. Sie hatte eigentlich gehofft, die Val’kyre los zu sein. Stattdessen stand sie nun wieder vor ihr und befahl einer Wache, ihre Zelle aufzuschließen. Sie blickte die Val’kyre nur fragend an.

    „Wir haben zwanzig Minuten.“, sagte Dakeria trocken. Sharai sah sie ungläubig an. Sie hatte den Vorschlag tatsächlich ernst genommen? Runa schien diesen Gedanken zu bestätigen, denn sie saß auf einem alten Fass in der Ecke und schüttelte den Kopf: „Kann immer noch nich globn, dass de den König davon überzeucht hast.“

    Sharai trat langsam aus ihrer Zelle… und drehte sich sofort um. Vayu… Ihre Freundin streckte die Hand durch die Gitterstäbe und Sharai ergriff sie. Vayu sah noch genauso aus, wie in ihrer Erinnerung… etwas abgemagerter und müder. Doch als sie sie endlich berührte, hatte Vayu Tränen in den Augen.

    Dakeria ließ ihnen diesen Moment. Sie beobachtete sie schweigend und verstand langsam, warum Vayu überhaupt bereit gewesen war, ihr zuzuhören.

    „Die Zeit läuft.“, eine der Wachen zerrte Sharai unsanft weg. Diese funkelte zunächst die Wache an und blickte dann abschätzig zu Dakeria: „Du willst also wirklich kämpfen?“

    Als Antwort legte Dakeria einen Teil ihrer Rüstung ab, sodass sie nur noch ihre Stoffkleidung der Saltatio Anima trug. Ihre Gegnerin schien die Geste nicht zu verstehen: „Was wird das?“

    „Ich stelle faire Bedingungen her.“, sagte Dakeria monoton.

    „Ich hab nicht gesagt, dass du dich ausziehen sollst!“

    Runa hingegen klopfte sich auf den Schenkel und grinste: „Ick mag den Tach jetz schon!“

    Sharai ignorierte sie und schnaubte. Dann wandte sie sich wieder der Val’kyre zu: „Wo wir schon dabei sind… keine Magie. Keine Heiltränke oder irgendwelches übernatürliches Zeug. Und keine Val’kyrenkacke, kapiert?!“

    „Ich habe verstanden.“, sagte Dakeria gleichgültig. Dann überreichte eine der Wachen den beiden Kontrahentinnen jeweils eine kleine Übungswaffe aus Holz. Sharai wog sie in der Hand. Besser als nichts. Nicht genug um jemanden ernsthaft zu verletzen. Aber zumindest lag es gut in der Hand. Ihr Blick fiel auf Dakeria, die sich bereits aufgestellt hatte. Ihr Blick war messerscharf. Sharai hob ihr Schwert. Und damit begann der Kampf.

    Dakeria lernte schnell, dass Sharai anders kämpfte, als die Soldaten. Sie fing einen Tritt von ihr ab und beobachtete jede einzelne ihrer Bewegungen. Sharai umkreiste sie wie ein Raubtier. Dakeria wich einem Angriff elegant aus, woraufhin Sharai allerdings einen Vorteil bekam – sie kam nahe genug an einen Tisch mit schwarzem Pulver heran. Vermutlich von den Gefangenen konfisziert. Nun warf sie es auf den Boden und eine schwarze Staubwolke erschwerte Dakeria die Sicht.

    Dakeria konnte nun lediglich anhand ihrer Schritte Sharais Position orten und parierte in letzter Sekunde einen Angriff – dann jedoch spürte sie, wie ihre Lippe aufriss. Blut tropfte hinunter.

    Sharai hatte sich irgendwoher einen Stein verschafft, mit dem sie den letzten Angriff kombiniert hatte. Eine der Wachen wollte einschreiten, doch Dakeria bedeutete ihr mit einer Handbewegung, wegzubleiben.

    „Bist wohl doch keine so große Kriegsfürstin, was?“, hörte sie Sharai sagen. Dakerias Blick war noch auf das Blut auf dem Boden gerichtet. Sie wischte es von ihrer Lippe. Doch sie ließ die Wunde nicht verheilen. Keine Val’kyrenkacke oder sonstige magische Interaktion. So war es vereinbart. Also unterdrückte sie ihre Regenerationsfähigkeit.

    Sharai setzte erneut zum Angriff an, doch Dakeria wich dieses Mal aus und stellte ihr ein Bein. Ihre Gegnerin konnte jedoch beeindruckend gut ihr Gleichgewicht halten und versuchte erneut sie zu treffen. Doch Dakeria schien plötzlich jeden ihrer Angriffe vorherzusehen. Als sie schließlich Sharais Täuschungsmanöver kopierte, knurrte diese: „Das ist mein Trick!“

    „Eine Bewegung hat keinen Besitzer.“, antwortete Dakeria monoton und wich in einer eleganten Bewegung ihrem Schwert aus.

    Sharai beobachtete sie. Konnte sie so schnell ihr Verhalten einstudiert haben? … Nein. Das war unmöglich…

    Dakeria hingegen erkannte offenbar den fragenden Blick in ihren Augen und erklärte neutral: „Du greifst immer mit links an. Dein rechtes Bein ziehst du minimal nach – ich tippe auf eine alte Jagdverletzung. Für Tricks benutzt du jedes Mal die rechte Hand. Zudem beziehst du deine Umgebung in deinen Kampf mit ein. Das respektiere ich.“

    Sharai machte einen Schritt zurück und umklammerte ihr Schwert fester. Unmöglich…

    Nun begann diese komische Val’kyre auch noch zu lächeln! Und bei Gott – es war das mörderischste Lächeln, das Sharai jemals gesehen hatte. Was zur Hölle war los mit der?

    Sie spürte, wie der Schweiß ihre Hände hinunter tropfte und ihre anfängliche Selbstsicherheit schwand ein wenig.

    Nun fiel das Lächeln aus Dakerias Gesicht und machte einer missbilligenden Miene Platz: „Du wirst unaufmerksam.“

    Sharai spuckte aus: „Fahr zur Hölle.“ Sie wartete nun darauf, dass Dakeria einen Zug machte. Doch diese umkreiste sie nur langsam und schien sich mit ihren unnatürlich blassen Augen jedes noch so kleine Detail zu merken. Sharai griff schließlich hinter sich und riss den Wandvorhang ab – sie warf ihn vor sich, um die Sicht ihrer Gegnerin zu blockieren – doch Dakeria war schneller.

    Wie zur Hölle hat sie sich gerade bewegt?!

    Es ging so schnell … und jeder Schritt schien wie eine einstudierte Choreografie eines mörderischen Tanzes zu sein.

    „Sharai!“, hörte sie Vayu noch rufen. Sie stutzte einen Moment – und spürte eine Holzschneide an ihrer Kehle. „Genügt das?“, fragte die Val’kyre. Sharais Blick blieb an Dakerias aufgeplatzter Lippe hängen: „Nö. Jetzt weiß ich wie du kämpft… ich will ne Revanche!“

    Dakeria ließ das Schwert sinken und nickte ausdruckslos: „In Ordnung.“

    „Sharai – du hattest doch, was du wolltest!“, rief Vayu ihr zu. Aber Sharai dachte nicht einmal daran, jetzt aufzugeben: „Ich weiß jetzt wie sie kämpft, wenn ich unvorbereitet bin. Jetzt bin ich vorbereitet.“

    Runa klatschte sich auf den Oberschenkel: „Nu wird’s lustig!“

    Die beiden Kontrahentinnen nahmen erneut ihre Positionen ein. Sharai lächelte gehässig. Die Val’kyre kämpfte defensiv. Dieses Mal würde sie sie überraschen.

    „Noch neun Minuten!“, rief die Wache ihnen zu.

    „Das genügt.“, antwortete Dakeria ruhig. Etwas in ihren Blick hatte sich verändert…

    Sharai stellte sich auf. Die Val’kyre würde warten und beobachten. Also durfte sie ihr keine Chance dazu geben. Sie stürmte vor – doch Dakeria tat genau dasselbe. Sharais Augen weiteten sich.

    Was—

    Die Val’kyre war plötzlich direkt vor ihr. Ihre Bewegungen waren geschmeidig und so präzise, dass Sharai gar keine andere Wahl blieb, als zurückzuweichen. Ein Schlag. Noch einer. Parieren. Ausweichen. Dakeria ließ ihr nicht einmal genug Zeit, um die Umgebung einzubeziehen. Nun parierte sie einen weiteren Schlag und versuchte seitlich auszubrechen, doch Dakeria stellte sich ihr erneut in den Weg.

    „Was soll die Scheiße?!“, fluchte die Jägerin. Dakerias emotionslose Augen blickten sie fragend an: „Was meint ihr?“

    „Du kämpfst anders!“

    „Alles andere wäre ja auch höchst ineffizient.“, sagte Dakeria nur und schlug ihr Holzschwert zur Seite., „Schließlich kennst du meinen vorherigen Kampfstil.“

    Sharai starrte sie an. Doch genau diese Sekunde der Unaufmerksamkeit genügte. Dakeria rammte ihr die Schulter gegen den Oberkörper und die Jägerin taumelte zurück.

    „Du verdammte-!“, sie fing sich gerade noch rechtzeitig und trat nach Dakerias Knie. Doch diese wich zurück. Endlich… Abstand.

    Sharai griff auf den Tisch hinter sich, um ihre Gegnerin glauben zu lassen, dass sie wieder etwas nach ihr werfen würde – doch stattdessen ging wie direkt zum Angriff über. Täuschung links. Angriff rechts. Doch Dakeria wich dieses Mal nicht aus, wie vorher. Sie packte ihr Handgelenk und drehte sich. Sie benutzte exakt dieselbe Bewegung mit der sie Sharai im ersten Kampf beinahe zu Boden gerissen hatte. Fast wie ein Tanz.

    Sharai verlor das Gleichgewicht: „Das war meine Attacke!“

    „Eine Bewegung hat keinen Besitzer.“, erwiderte Dakeria monoton.

    „Hör auf den Scheiß zu sagen!“, Sharai rappelte sich erneut auf und knurrte: „Was ist? Na los, greif schon an!“

    Doch Dakeria blieb wo sie war. Sie wirkte ruhig. Fokussiert. Und beinahe entspannt.

    „Ich sagte, greif endlich an!“, wiederholte Sharai dieses Mal lauter. Doch Dakeria blieb weiterhin ruhig und stumm. Das reichte, damit Sharai der Kragen platzte. Sie stürmte auf die Val’kyre zu—

    …die im letzten Augenblick auswich und ihren Arm packte. Ein kurzer Ruck…

    Sharai landete auf dem Rücken und ihr Holzschwert fiel klappernd zu Boden. Dakeria stand über ihr: „Genügt es dieses Mal?“

    Sharai keuchte und sah zur Decke: „…du bist…ne beschissene Gegnerin…“ Sie rang nach Atem. Die Val’kyre sah sie schief an: „Meine Fähigkeiten haben die deinen in diesem Kampf besiegt.“

    Sharai verdrehte die Augen. Für eine so gute Kämpferin war sie erstaunlich begriffsstutzig: „Das war ein verdammtes Kompliment, du Hohlbirne.“

    Ein Hauch der Erkenntnis flackerte in Dakerias Gesicht auf. Dann reichte sie Sharai die Hand… welche sie nach kurzem Zögern annahm.

    „Hah! Jewonnen!“, hallte Runas Stumme aus dem Trakt. Sie saß vor der Zelle eines anderen Gefangenen und ließ ihre verbliebene Hand durch die Gitterstäbe huschen. Vayu hingegen starrte ihre Freundin an und lächelte sanft. Sharai rollte mit den Augen, erwiderte das Lächeln jedoch. Vayu war schon immer besorgt um sie gewesen…

    „Die Zeit ist um.“, die Wache legte Sharai wieder die Fesseln an und schob sie unsanft zurück in die Zelle. Kurz bevor sich die Tür hinter ihr schloss, wandte sie sich noch einmal um: „Val’kyre. Wenn Vayu mitkommt, komm ich auch mit.“

    Dakeria nickte: „Dann werde ich mit dem König sprechen.“

    Und damit fiel die Zellentür wieder ins Schloss. Dakeria beobachtete, wie Vayu und Sharai ihre Hände gegen die Metallplatte drückten, als könnten sie einander dahinter spüren. Sie selbst legte ihre Rüstung wieder an und wandte sich nun an Runa: „Ich brauche weitere Namen.“

    Die alte Bergarbeiterin rollte mit den Augen: „Mädel, kannste nich einmal am Tach zufrieden sein?“

    „Zufriedenheit wird überbewertet!“, trällerte eine Stimme aus der Zelle hinter ihr. Runa drehte sich genervt um: „Wer hattn dich jefragt?“

    Dakeria trat näher. Der Mann in der Zelle blickte durch eine eiserne Maske zurück.

    „Wer seid ihr?“, fragte sie.

    „Eener der mich grad beschissn hat, det is der!“, grummelte Runa und schüttelte den Inhalt des gewonnenen Säckchens auf den Boden. Es waren Metallteile. Erstaunlich fein gearbeitet. Zahnräder und Unterlegscheiben.

    „Du hast nie gesagt, dass du um Gold wettest.“, gab der Mann mit der Maske zu bedenken.

    „Schnauze Liam.“, grummelte Runa. Doch das schien den Gefangenen nicht zu stören. Liam… der Name sagte Dakeria etwas. Runa hatte erwähnt, dass er ein Erfinder sei. Das erklärte die Metallteile… aber nicht, wie er es geschafft hat, diese in einer Zelle ohne Werkzeuge derart filligran zu bearbeiten. Dakeria dachte nach: „Warum sitzt du hier?“

    „Ich könnte auch da drüben sitzen, wenn dir das lieber ist.“, antwortete Liam. Dakeria hielt inne. Er hatte vollkommen recht. Sie hatte ihre Frage nicht sauber formuliert. Das war ihr Fehler. Also korrigierte sie ihre Frage: „Warum bist du im Gefängnis?“

    „Weil die mich eingesperrt haben.“, war Liams weise Antwort. Dakeria bemerkte, dass ihre Frage wieder falsch gestellt war, doch bevor sie sie erneut formulieren konnte, unterbrach Runa sie: „Lass jut sein, Mädel. Die olle Möhre jagt nur allet inne Luft, wat nich niet und negelfast is.“

    Nun klang Liam beleidigt: „Es war nur EIN Mal…“

    „Un zähln kanner och nich.“, murmelte Runa und schraubte ihren Gin auf.

    „Okay. Vielleicht zwei Mal.“

    „Fünf!“, korrigierte Runa genervt. Dakeria blickte abwechselnd zwischen den Beiden hin und her: „Was ist passiert?“

    „Der olle Pisspott schleust dauernd irjendwelche explosive Scheiße rein. Un zündet jerne, während ick penn.“, sagte Runa und nahm einen ordentlichen Zug aus ihrer Flasche. Liam schien mit der Formulierung nicht ganz einverstanden: „Kleine Korrektur am Rande: ich schmuggel selbst nix rein. Ich mache lediglich Experimente aus zufällig vorkommendem Schwefel, Salpeter und Holzkohle!“ Er klang sehr amüsiert. Runa fauchte zurück: „Was de nich sachst!“

    „Also Schwarzpulver.“, sagte Dakeria nur. Runa sah zu ihr und ihr Gesicht entgleiste: „Och nee..“

    „Was?“

    „Mädel, ick kenn den Blick… sach mich jetz net, dass de DEN DA“, sie deutete mit ihrer verbliebenen Hand auf Liam, der nun irgendeine Melodie vor sich hin pfiff, „rausholn willst.“

    Dakeria verstand den Einwand nicht: „Wenn er meiner Sache nützlich ist, dann ja.“

    Runa schüttelte nur den Kopf. Sie hätte Dakeria eines Besseren belehren können… doch das würde wohl Stunden dauern. Und selbst dann hätte die Val’kyre vermutlich immer noch gute Gegenargumente. Also ließ sie es lieber sein: „Wird spät. Ick muss in meene Zelle. Aber Mädel… halt den bloß von Sprengstoff fern. Oder Metall. Oder Nägln. Oder Waffen. Ach weeste wat? Lass den eenfach nich in die Nähe von irjendwat. Oder irjendwen.“

    „Ich kann dich hööööööören!“, trällerte Liam ihr hinterher.

    „JUT!“, rief Runa zurück und trotttete zu ihrer Zelle, nur wenige Meter weiter.

    Dakeria wandte sich wieder dem selbsternannten Erfinder zu. Seine Finger arbeiteten gerade an einer kleinen Metallapparatur: „Was ist das?“

    „Gar nix.“, sagte Liam. Er klang nicht ausweichend oder so als würde er lügen.

    „Und was wird es, wenn es fertig ist?“, fragte Dakeria weiter nach.

    Nun kratzte er sich am Kinn: „Hm… weiß ich noch nich so genau.“

    Dakerias Blick blieb auf der seltsamen Apparatur ruhen. Sie brauchte mehr Informationen über diesen Gefangenen, bevor sie sich ein Urteil erlauben konnte. Sie brauchte…

    „-Hey, sag mal tut das weh?“

    Dakerias Gedanken wurden unterbrochen, als Liams Finger ihre blutende Lippe berührte. Dann verschwand er unter der Maske: „Hm. Bisschen fade. Hast du Salz dabei?“

    Dakeria sagte nichts. Etwas in ihr verkrampfte sich abrupt. Er hatte ihr Blut gekostet.

    Scheiße.

    Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verschwand sie.

    Sie brauchte seine Gefangenenakte.

    Sofort.