Ich hatte das große Glück, das man mich damals schlicht vergessen hat und ich so erst mit 23 zur Musterung antreten musste. Der Spaß hatte einen halben Tag gedauert, die Leute da waren überwiegend extrem unfreundlich. Nur der letzte Typ im Anzug, der vor zwei deutschen Fahnen saß und mir das Endergebnis mitteilte, war sehr nett. Der gute klärte mich dann auch gleich darüber auf, dass man mich gar nicht mehr einziehen könne, weil ich zu dem Zeitpunkt der Musterung schon zu alt war. Ich hätte freiwillig gedurft, da ich aber trotz T2 (warum auch immer) weder in einen Panzer noch in einen Jet durfte, habe ich dankend abgelehnt. Er lachte, ich lachte - war ein netter Plausch.
Viele meiner damaligen Kollegen und Bekannten, die zum Wehrdienst oder ersatzweise Zivildienst angetreten sind, sprachen von einer schönen und lehrreichen Zeit die sich nicht missen wollten. Nur selten gab es negative Stimmen. Ich für meinen Teil konnte mich dadurch das man mich nicht wollte, auf meine Ausbildung und anschließend Arbeit konzentrieren. Es gab bei mir allerdings durchaus eine Zeit in der ich mir den Wehrdienst hätte vorstellen können, vor allem gegen Anfang meiner Ausbildung.
Nun ist ja ein verpflichtender Sozialdienst wieder Thema.
Ich bin da tatsächlich eher zugeneigt. In vielen Bereichen fehlt es an Personal. Gerne wird das ganze auch Fachkräftemangel genannt. Diesen könnte man sicherlich auch anders beheben, z.B. durch faire Löhne oder geziehlte Zuwanderung von geeigneten Leuten. Es fallen aber in vielen Bereichen viele einfachere Tätigkeiten an, die das Personal auch noch zu stemmen hat. Früher haben solche Aufgaben dann die Zivi's gemacht, dies fiel dann irgendwann weg.
Ein Pflichtjahr könnte hier eine gewisse Abhilfe schaffen - eben für die einfacheren Tätigkeiten. Das würde das reguläre Personal sicherlich entlasten.
Allerdings muss die Tätigkeit dann auch fair entlohnt werden. Ich rede nicht von einem Gehalt welches eine ausgebildete Kraft bekommt, der "Zivi" muss aber seinen Lebensunterhalt damit bestreiten können. Ggf. müsste er dann unbürokratisch und unkompliziert an zusätzliche Hilfen wie z.B. Wohngeld kommen können. "Taschengeld" oder Minimalsätze dürfen da nicht sein. Die Menschen dürfen nicht ausgebeutet werden.
Es müssen auch verschiedene Tätigkeitsfelder angeboten werden. Es ist z.B. nicht jeder dafür geeignet mit alten Leuten umzugehen. Evtl wäre auch ein Ersatzprogramm denkbar, vielleicht wieder eine Art Wehrdienst oder ähnliches.
Außerdem müsste ein solcher Sozialdienst für alle gelten, für Männer und Frauen, ohne Ausnahmen. Je nach Karriereweg (Schule, Ausbildung, Studium) müsste sich der Dienst nach hinten verschieben lassen können. Dementsprechend müsste auch die Altersgrenze gesetzt werden.
Als positiven Nebeneffekt könnte ich mir vorstellen, das manch ein Berufszweig wieder etwas attraktiver wird. Gerade in einer Zeit in der den Leuten eingetrichtert wird, dass man ohne Studium nichts ist, könnte das durchaus dabei helfen das Augenmerk auch wieder in solche Bereiche zu lenken. Als kleinen Anreiz könnte man vielleicht noch das Pflichtjahr auf eine mögliche Ausbildung anrechnen.
Also insgesamt finde ich den Gedanken ein soziales Pflichtjahr einzuführen durchaus gut. Die Rahmenbedingungen müssen aber passen, damit niemand ausgebeutet wird und möglichst viele Leute positive Erlebnisse mitnehmen.