Harry - Etwa auf halbem Weg zwischen der Waldgrenze an welcher er sich von den anderen abgesetzt hat und der Ostschleuse
Mittlerweile hatte ich ein gutes Stück des Weges zur Ostschleuse zuückgelegt. Sicherlich wäre ich sogar noch etwas schneller gewesen, hätte mich nicht jedes knackende Ästchen und jeder Windstoss nervös zusammen zucken lassen. Was dazu führte, dass ich mich erst jedesmal gut umsehen musste ehe ich weiterging, denn wohl war mir in diesem Wäldchen nicht, schliesslich war ja irgendwie nun alles und jeder hinter mir her.
Warum mussten - (Sorry Nike.... xD") - die schlimmen Dinge auch immer mir passieren? fragte ich deshalb mein Selbstmitleid, meinen einzigen treuen Gefährten in dieser Gegend, als ich mürrisch gegen einen seltsam geformten Stein trat.
Zu meiner Überraschung jedoch entfuhr dem Ding kein felsiges Klacken als es zwei Meter von mir entfernt gegen einen toten Baumstumpf schlug; Das Ding zerbarst in mehrere Teile, was meine Erwartungshaltung sehr überraschte - und mein Interesse weckte. Also näherte ich mich und griff nach den Überresten. Offenbar verbarg sich in der kugelförmigen, etwas stacheligen Hülle ein bräunlich glänzender Gegenstand, den ich vor langer Zeit irgendwo schonmal gesehen hatte... Ich begutachtete und betastete die glatte Frucht sorgsam und nachdenklich - und nach einer gefühlten Ewigkeit fiel der Groschen auch! Das war kein Stein! Das war eine Kastanie!
Ich hatte seit meiner Kindheit keine mehr gesehen, geschweige denn gegessen, seit dem selbstverschuldeten sozialen Abstieg meiner Eltern. Klar, dass ich eine Weile brauchte, für die Erkenntnis was mir da in die Hände gefallen war - die Dinger waren nichts für niederen Abschaum und Mienenarbeiter; Wenn es heute überhaupt noch Kastanien gab, dann verschwanden die, genauso wie schon damals, allein in Animus´ fettesten und reichsten Mägen
So gluckste nicht nur mein Ego vor Freude angesichts dieser Genugtuung! Denn anders als die wenigen mageren und überreifen Blaubeeren und harten Wurzeln auf die ich bisher gestossen war waren Kastanien überaus nahrhaft und für eine ganze Weile haltbar, und wenn ich es schaffte sie irgendwie zu rösten noch dazu überaus schmackhaft! Sorgsam und guter Dinge steckte ich also meinen aus der Schale befreiten Fund in die Manteltasche und prüfte meine Umgebung. Da! Nur ein paar Schritte von mir entfernt lag noch eine! Und dort noch eine!
Hier und dort lag eine weitere verstreut, und ich bemühte mich gedankenverloren sie im mageren Gras des Waldbodens auszumachen, und obwohl ich oft nur noch auf leere Hüllen und Bäume stiess, da sich offenbar auch die Tiere etwas den Dingern machten war ich angesichts der Ausbeute, die kaum noch in meine Taschen passte guter Dinge. Vielleicht war ja noch nicht der ganze Tag verloren freute ich mich, während mich mit dem fortschreiten der Sammelaktion eine andere Frage umzutreiben begann.
Und die betraf natürlich das Rösten der Kastanien; Würde ich es wohl schaffen ein Feuer zu machen? Ja, mit etwas Glück schon, an etwas dürrem Holz und trockenen Gräsern, die ich als Zunder nutzen konnte mangelte es durch Schutz der Baumkronen trotz des Regens von vorgestern Abend nicht.
Blos... ob es auch klug war ein Feuer anzumachen?
Ich knirschte mit den Zähnen, angesichts einer Überlegung die mir übelst auf die Vorfreude schlug. Ein offenes Feuer, mitten in einem Wald voller Schattenhyänen? Dämonen machten ja wohl keine Lagerfeuer - zumindest hatte ich noch nie davon gehört, und das bedeutete dass ich mit einem offenen Feuer ein hohes Risiko einging mich selbst auf den Grill zu befördern. Denn wenn nur Menschen Feuer machten, dann war der Rückschluss dass man dort wo es Feuer gab auch Menschen fand sicher Teil des kleinen Dämonen-eins-mal-eins.
Mit einem durch diesen Gedanken merklich angesäuerten Gesichtsausdruck bückte ich mich nach einem weiteren Stück dieser Gottesgeschenke, welches sich aber zu meiner Überraschung etwas sonderbar anfühlte. Prüfend betrachtete ich die Stachelkugel in meiner Hand, die sich etwas härter und spitzer anfühlte als üblich. Prüfend versuchte ich die Kastanie, die wohl noch nicht ganz reif war aus ihrer Hülle zu puhlen, als das Ding mit einem Klacken aufsprang und ich im Kern keine Kastanie erblickte - sondern eine Art Auge! Von blutigen Äderchen durchzogen wirkte es, wie das Auge einer geschlachteten Kuh, die rotgelbe Iris jedoch, die ihren Blick wild und stechend in der gräulich weissen Substanz des Augenkörpers umherwarf lies mich erkennen, dass das Ding alles andere als tot war!
Entsetzt zuckte ich zusammen und lies das Ding fallen, während ich einen Satz nach hinten tat, und voller Überraschung und Ekel betrachtete ich, wie es am Boden aufschlug, sich wieder zur Kugel schloss und es gemeinsam mit einem halben Dutzend anderer falscher Kastanien eine Anhöhe hinter mir hinauf schob, wo sie über dem gewaltigen Baumstamm, der am Boden lag und den Hügel abschloss aus meinem Blickfeld verschwanden!
Was zum Teufel war das denn?! fragte ich mich erschrocken, aber nach einer Antwort zu suchen, dafür blieb mir keine Zeit. Denn nicht nur, dass diese Kastanien keine Kastanien waren, die Anhöhe war auch keine Anhöhe - und der Baumstamm kein Baumstamm! Denn dieser spaltete sich plötzlich krachend der Länge nach entzwei, und gab mit einem tiefen Gröhlen den Blick frei auf einen schleimtriefenden Rachen aus ocker, schwarz und rot! So tief wie der Schlund der Hölle und zu beiden Seiten bewehrt mit Zähnen, die wie zerbrochene Baumrinde aussahen! Und dann dieser Gestank!
Ich fiel entsetz einen Schritt zurück und kämpfte damit weder zu Erbrechen, noch das Gleichgewicht nzu verlieren, während ich schockiert mit ansah wie sich die stacheligen Augen zu beiden Seiten des Stammes sammelten, und sich von schlangenartigen, schwarzen Ästen packen liessen. Und etwa einen halben Meter in die Höhe bringen, wo sie nun wild an den Enden der Äste taumelten und unregelmässig mit ihren Augenlidern klackten während sie nacheinander ihren Blick auf mich fokusierten.
Ich stand wie festgefroren da in meinem Entsetzen! Was zur Hölle war das? fragte ich mich, während etwas versuchte meine Beine zu umklammern. Reflexartig zuckte ich zur Seite und blickte zu Boden, aus welchem Ranken schossen wie verwunschene Sprösslinge einer Fichte und sich um meine Stiefel zu schliessen versuchten, aber dort wo sie das Metall berührten lies sie ein Zischen, das so klang wie verdampfende Wassertropfen auf einer Herdplatten plötzlich zurück zucken.
Doch auch von der Seite schloss sich nunmehr das lebendig gewordene Dickicht an mich heran, wie eine Zange schien es mich vor dem Schlund dieses Dings einkesseln zu wollen und ich spürte, wie sich ein daumendicker Ast, den ich vor einem Moment noch für tot und morsch gehalten hatte plötzlich um meinen Hals zu legen versuchte, während die Spitze des Astes nach einem Weg durch meinen Mantelkragen durch hin zur Halsschlagader suchte!
Ich spürte schon, wie die Spitze die Haut durchstach als meine Hand es endlich schaffte den Weg hinab zu meinem Schwert zu finden. Ein paar panische Schnitte später traf einer der Schläge die Ranke, die mich angsichts meines Widerstandes plötzlich zu würgen versuchte und der abgeschlagene Teil fiel von mir ab und kräuselte sich unkontrolliert vor mir am Boden.
In Panik tauchte ich nach unten Weg, als unter einem gequältem Gröhlen dieses Dings ein weiterer armdicker, verzweigter Ast nach mir packen wollte um zu beenden, was angefangen war und ich stürzte einige Meter von dem Ding weg, ehe ich mich mit dem Schwert in der Hand aufrappelte und mein Selbsterhaltungstrieb die Kontrolle übernahm.
Dieser beschloss eiligst Fersengeld zu geben, angesichts dessen dass sich dieses Ding, das mindestens aus der Hälfte dessen bestand was ich vor einer Minute noch für den Waldboden gehalten hatte raunend und gröhlend in Bewegung setzte, während die stacheligen Augen dieses Dings, die wie zu gross geratene Hagebutten wirkten mich trotz ihres tänzelns fest im Blick hielten, während sich an den Flanken des Dämons ein Dutzend Schattenhyänen in Stellung gebracht hatten.
Ihre Schreie wirkten so wütend und enttäuscht, als entgingen ihnen gerade die Reste des Aases, die der grössere Dämon vielleicht übrig lies.
Ich stürzte einige Meter ziellos voran, während das Geschöpf aus der Hölle mir nach zu setzen begann während seine zunächst noch etwas steifen Bewegungen schneller und geschmeidiger wurden - und die Schattenhyänen mich einzukesseln versuchten.
Meine Gedanken rasten und waren nicht im Stande dem puren Reflex der Flucht etwas entgegen zu setzten, ich lief so schnell mich meine Beine trugen und versuchte mich der Richtung entgegen zu setzen in die man mich zu treiben versuchte. Im Zickzack stürzte ich voran, in Richtung des Flusses von dem mich das Waldding immer wieder forttreiben wollte. Warum es dies tat? Ich wusste es nicht, und ich kam auch nicht auf die Idee seine Motive zu hinterfragen - ich versuchte lediglich nicht zu stolpern. Es wäre mein sicheres Ende.
Spoiler anzeigen
Sorry wegen des Dämons, der gar nicht im Lexikon steht; Eine genauere Beschreibung reiche ich bei Bedarf gern nach, aber was sein Aussehen betrifft muss ich ihn leider eurer Fantasie überlassen. Es sei denn ich finde mal was passendes - oder aber jemand meldet sich freiwillig dazu bereit, mir seine zeichnerische Kunstfertigkeit zur Verfügung zu stellen... =3