Harry - Trainingsgelände innerhalb der Basis
Ich war sicherlich nicht jemand, der Catfights aus Prinzip ablehnte; Im Gegenteil. Aber die Szene die sich da vor meinen Augen abgespielt hatte mich sehr nachdenklich gemacht. Ich war hier schliesslich kein Zuschauer in den Slums von Animus, der stoned und gröhlend am Arenarand stand und eine Wette auf die halbnackte Siegerin am Laufen hatte - man würde mich früher oder später selbst in den Ring zerren...
Gut nur, das ich zumindest mal schön meinen Mund gehalten hatte als Flora uns scherzhaft danach fragte, was man beachten müsse um sich nicht selbst zu verletzen. Denn Nikes Temperament schien nicht mehr die Geduld für Spielchen aufbringen zu wollen.
Und ehe ich die Dummheit begehen konnte eine schnippische Antwort vom Stapel zu lassen wandte sich Nike schon an Flora, indem sie ihr Schwert zog und es Flora entgegen hielt.
"Das ist doch kein Kindergarten hier. Wir wär's wenn wir dir die Grundlagen zeigen?" meinte sie. Wobei mich ihre Forschheit doch etwas überraschte, vor allem weil sie Flora vor kurzem noch mit einiger guten Prise Achtung als Thunderforcemitglied betitelte.
Ich hatte zwar keine Ahnung was die Thunderforcesache bedeutete, aber so wie Nike davon gesprochen hatte war es wohl kaum eine harmlose Sonntagshäkelrunde.
Aber wenn Nike damit Floras Ego angekratzt hatte, so lies diese es sich zumindest nicht anmerken. Sie verstand Nikes Aufforderung und machte sich entschlossen dazu bereit, Nikes Angriff zu erwarten.
Nike provozierte den Kampf indem sie mit ihrer Klinge leicht gegen Floras Schwert stupste - und dann begann eine Art von Schwertkampf, der sich in aller Deutlichkeit von jenen Unterschied die ich in Animus zur Genüge vorgeführt bekommen hatte.
Denn die Typen im Trainingslager die mir Lektionen einbläuten waren stämmige Kerle, die ein Schwert so benutzten wie ein Holzfäller eine Axt. Es gab keinen festen Stil, sie legten einfach nur ihre immense Kraft und die Wucht ihrer Körper in die Schläge und mulchten einen Gegner - also mich - damit sorgfältig zu Kompost.
Aber was Flora und Nike aufführten, das glich sehr viel mehr einem tödlichen Tanz, der den Regeln von Konzentration und Körperkontrolle folgte. Ihre Schwerter schepperten nicht einfach aneinander, bis eines der beiden in Stücke geschlagen war. Der Kampf war von Präzision und Effizienz geprägt - was ihn in meinen Augen in seiner Gefährlichkeit bei Weitem von allem Unterschied, was ich kannte.
Doch während ich schweigsam ihren Kampf beobachtete erkannte ich in seinem Fortschreiten allmählich auch die Unterschiede in dem Stil der Beiden. Denn Nikes direkte Art spiegelte sich auch im Kampf wider, sie führte das Schwert voller gefährlicher Entschlossenheit und Eleganz, aber wirkte dabei etwas ungeduldig, so als versuchte sie Flora erst festzunageln um sie dann hinwegzufegen. Aber wenn ich Nikes Art in Gedanken mit einem reissenden Fluss verglich, so schien mir Flora wie die Forelle darin.
Sie versuchte gar nicht erst, den schnellen Strom aufzuhalten, sie schwamm scheinbar ruhig und ohne grossen Kraftaufwand darin - und schnellte im entscheidenden Moment zur Seite um sich sofort mit einem Schlag ihrer Klinge wieder in eine günstigere Position zu bringen. So als konzentrierte sich Nike darauf die Forelle zu fangen - doch Flora liess den ganzen Fluss nicht aus den Augen.
Ich hatte auch nicht schlecht gestaunt, als Nike einen Augenblick lang innehielt und mit einem Murmeln einen lilafarbenen Schleier hinter Flora erscheinen lies, der sich als Barriere für Floras Rückzugsmöglichkeit nach Hinten herausstellte. Einen Moment lang hatte ich mich noch gefragt wie sowas möglich war, musste die Frage dann aber erstmal hinten anstellen.
Denn Nike wähnte sich nur kurz im Vorteil, Flora in die Enge treiben zu können. Doch Flora war scheinbar davon keineswegs überrascht worden - sie schien auf den Moment gewartet zu haben. Denn um die Barriere errichten zu können musste Nike wohl etwas von ihrer Konzentration und Kraft aufwenden, und diesen Moment hatte Flora genutzt um den Sack zu zumachen.
Sie schnellte Nikes unpräzisen Schlag abwehrend auf Nike zu und packte sie mit einer Hand am Handgelenk. Und während Flora Nikes Hand durch einen gekonnten Griff dazu zwang das Schwert loszulassen hatte Flora ihr mit der freien Hand das Schwert an die Kehle gesetzt.
Dann lies Flora Nike los, trat einen Schritt zurück und steckte mit der Bemerkung auf die kleine Schwäche in Nikes Deckung ihr Schwert zurück in die Scheide. Nike seufzte leicht, wobei ich weniger ihre Müdigkeit dahinter vermutete, sondern dass Nike so wie es offenbar ihrer Art entsprach kein grosses Vergnügen aus Niederlagen schöpfte. Aber sie fasste sich rasch und schilderte Flora freundlich ihre Hoffnung sie durch die Barriere etwas in Nachteil bringen zu können.
Flora aber fixierte Nike kurz mit ihrem Blick und fasste nach einem hellgrünen Taschentuch um es Nike zu reichen, welche offenbar leicht aus einem kleinen Schnitt im Halsbereicht blutete. Nike wiegelte das Angebot zwar beschwichtigend ab, tupfte sich dann aber doch das Blut ab während sich die beiden noch kurz über den Kampf unterhielten.
Zu kurz, wie ich fand, denn unvermittelt rückte ich wieder in den Fokus von Nikes Aufmerksamkeit. "Er ist also dein Schützling" fragte sie Flora, und da mir weder die Betitelung gefiel, noch die Antwort, die Flora vielleicht darauf gab, noch das man in der dritten Person von mir sprach und beschloss in dieser Sache einzugreifen.
"Also genau genommen ist ER am liebsten sein eigener Herr..." spöttelte ich während ich einen Schritt auf Nike zutrat. "...und ER kann sogar ganz gut selbst hören und sprechen."
Das Wort kämpfen ebenfalls zu meinen Fähigkeiten hinzuzufügen vermied ich dabei sehr bewusst...
"Netter Kampf übrigens, den du abgeliefert hast. Ich bin beeindruckt." Fuhr ich dann fort und überlegte ob ich einem Kampf mit ihr eher durch Überheblichkeit oder falschem Grossmut entgehen könnte, denn nach der kleinen Vorführung von Nikes Fähigkeiten würde ein Kampf mit ihr alles andere als ein Spaziergang für mich werden - und das Funkeln in Nikes Augen wirkte noch dazu nicht so, als wäre ihre Kampfeslust schon befriedigt. Ich entschied mich für Ersteres:
"Es würde mir sehr gefallen mit dir zu kämpfen, aber ich würde sagen du hast dir etwas Ruhe verdient. Vielleicht klappts ja morgen..." sagte ich tonlos, während ich mich schon hoffnungsvoll zum Gehen umwandte.