[Review] Mary Godwin

  • Richtig, ein Manga über DIE Mary Godwin, die Autorin von Frankenstein.

    Mary Godwin - Jin Su Yoo, Soul Ah Park.



    Preis
    € (D) 6,50
    € (A) 6,70
    SFr. (UVP) 12,50
    Seitenzahl
    208
    ISBN
    978-3-86719-342-9
    Verfügbar
    03.2008


    Mary Godwin ist eine junge Engländerin, die mit ihrem Geliebten Percy Shelley in Genf wohnt über die Ferienzeit. Er und Mary sind nicht verheiratet, aber sie haben ein gemeinsames Kind. Seine Ehefrau und Kinder hat er verlassen um mit Mary und ihrer Schwester aus England zu fliehen und frei zu leben.
    In Genf sind sie angesehene Personen der englischen Gesellschaft, die ebenfalls in Genf die Ferien verbringen. Zusammen mit Lord Byron und Lord Polydor veranstalten sie regelmäßig Lesezirkel, in denen aktuellen Unterhaltungsliteratur besprochen wird. An einem Abend fordert Byron alle Anwesenden auf, sich bis zum nächsten Treffen die gruseligste Geschichte der Welt auszudenken. In der Nacht darauf hat Mary einen Alptraum und nachdem sie einem Gespräch über Experimente mit Reflexen von Byron lauscht, kommt ihr zum ersten Mal die Idee von einem Monster, dass von einem Arzt zum Leben erweckt wird, von einem Arzt, der das Geheimnis des Lebens erforschen will.
    Als sie die Geschichte zum ersten Mal in dem Lesezirkel erzählt, sind alle begeistert und ihr Mann Percy fordert sie auf, die Geschichte nieder zu schreiben. So beginnt sie langsam, Stück für Stück ihre Figuren zu entwickeln und dem Arzt Victor Frankenstein ein Gesicht und eine Geschichte zu geben. Ihr zur Seite steht dabei ihr unheimlicher Diener Jean, der immer eine Maske trägt, wegen Brandnarben, sagt er. Jean mischt sich unverfroren in den Schreibprozess ein, denn er liest die Geschichte, obwohl es den Dienstboten untersagt ist. Aber er hilft Mary auch über Schreibblockaden hinweg und gibt ihr ausschlaggebende Anreize für die Charakterentwicklung des Monsters. Während er für Mary immer unentbehrlicher wird, treibt er hinter ihrem Rücken fiese Intrigen gegen die Dienerschaft und ihre Familie. Mary kann sich seinem Bann nicht wirklich entziehen, merkt aber auch, dass dieser junge Mann extrem gefährlich ist.


    Ich bin schwer begeistert von dem Manhwa. Der Zeichenstil ist zwar recht locker und nicht unglaublich detailreich, aber ich habe bei diesem Manhwa wirklich das Gefühl, dass er in Europa spielt. Die Kleidung ist dem Alltag angepasst, die Gesichter sind nicht eindeutig japanisch, sondern eher europäisch und es werden (damals) aktuelle Gedanken und Themen diskutiert. Alles Sachen, die sonst für einen Manga/Manhwa nicht unbedingt typisch sind. Wenn man das Werk mit anderen vergleicht, merkt man erst, wie sehr sich das Zeichner/Autor-Duo um Authentizität bemüht hat. Mary ist eine eigenständige Frau, die aber darunter leidet, dass Frauen von der Gesellschaft völlig unmündig gehalten werden. Ihre Schwester ist leichtlebig und etwas naiv, muss aber schwer dafür büssen, dass sie schwanger ist, ohne einen Ehemann zu haben. Gleichzeitig versucht sich Percy von seiner Ehefrau Harriet zu trennen und muss schwer um das Sorgerecht kämpfen oder überhaupt um das Recht seine Kinder zu sehen. Neben dem Scheibprozess bekommt man sehr viel vom viktorianischen England mit und es gibt eine doch recht schillernde Welt außerhalb von Mary's Buch.


    Der Manhwa ist mit zwei Bänden abgeschlossen. Leider ist das Ende etwas seltsam und passt nicht ganz zu der realistischen Welt, die vorher gezeigt wird. Aber trotzdem steht der Manga auf meiner "Kaufen"-Liste. Meiner Meinung nach ein recht seltener Manhwa, in seiner ganzen Art und Struktur, aber dafür umso lesenswerter.




  • Vielen Dank, KON! :) Ohne deine Rezension wäre ich nie auf diesen zweibändigen Manhwa aufmerksam geworden - und dabei liebe ich Mary Shelleys Roman "Frankenstein"!


    Den Manga finde ich ebenfalls sehr gut! Vor allem bin ich beeindruckt, wie gut es die Autorinnen gelungen ist, einen historischen Manhwa zu zeichnen, der das, was über die Entstehung von "Frankenstein" und Marys Leben bekannt ist, geschickt aufgreift, ohne es zu verfälschen. Sie haben den Diener Jean als mysteriöses, "dämonisches" Element gekonnt in die Story verwoben. Und dabei gelingt es ihnen quasi "nebenbei", den "Frankenstein"-Roman mit Mary Shelleys Leben zu verknüpfen und ebenfalls zu erzählen!
    Besonders der Schluss ist beeindruckend. :lovex:


    Zwei kleinere Kritikpunkte habe ich allerdings auch:

    • Lord Byrons Hausarzt hieß nicht "Polydor", sondern John Polidori. Wenn der Manhwa etwas länger geworden wäre, hätte man seinen Charakter vielleicht noch etwas mehr ausbauen können. Er war schließlich ebenfalls eine faszinierende Figur und hat mit (bzw. als wahrscheinlichster Autor von) "The Vampyre" eine düstere Vampirgeschichte vorgelegt, die wie "Frankenstein" als Ergebnis des "Gruselgeschichten-Schreibwettbewerbs" entstanden ist.
    • Die Ablehnung, die Mary anfänglich ihrem Sohn William gegenüber zeigte, lässt sich psychologisch als parallele Reaktion zu der Abscheu lesen, mit der Viktor Frankenstein reagiert, als das "Monster" zum Leben erwacht. Es hätte sich vielleicht angeboten, auch diesen Aspekt deutlicher herauszustellen, wo Marys Leben doch schon mit der Geschichte des Romans verknüpft wird.


    Wer den Roman "Frankenstein" noch nicht gelesen hat, sollte meiner Meinung nach zur ersten Version von 1818 greifen und nicht zu der überarbeiteten Ausgabe von 1831. Den Grund fasst der Buchklappentext von "Frankenstein. Die Urfassung" aus der Reihe "WWL - Winkler Weltliteratur" (erschienen im August 2006) kurz und prägnant zusammen:

    Zitat

    "Das Interessante an der Urfassung von 1818: die Autorin ist weniger am Klischee des wahnsinnigen und gotteslästerlichen Wissenschaftlers interessiert als vielmehr am Bild eines Menschen, der sich als Wohltäter beweisen will, der aber an der Last seiner Verantwortung scheitert und sich ihr am Ende trotzdem stellen muss. Die […] Urfassung von "Frankenstein" scheint aus heutiger Sicht in vielen Aspekten moderner als die überarbeitete Fassung von 1831 - eine überraschend hellsichtige Allegorie auf die Entstehung des Bösen durch Ausgrenzung und Vernachlässigung."


    Wer an noch einer Adaption der Entstehungsgeschichte interessiert ist, dem empfehle ich auch den Film "Gothic" aus dem Jahr 1986 von Ken Russell. :)

    "... and then off to violin-land, where all is sweetness and delicacy and harmony ..."
    -- Sherlock Holmes to Dr. John Watson in Arthur Conan Doyle's "The Red-Headed League"


    "Each of us has Heaven and Hell in him, Basil," cried Dorian with a wild gesture of despair.
    Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray. Chapter 13.

  • Schöner Manhwa der ganz unterhaltsam eine klassische mit einer neuen Gruselstory mixt. Ist auch nur zwei Bände lang aber dennoch schon im Zeichenstil, und es hält sich sehr an der Vorlage. Der Manhwa war letztes Jahr sogar noch zu bestellen, vielleicht kriegt ihr ihn noch ^^ Kauf lohnt sich allemal für freunde anspruchsvollem Grusels :thumbup:

  • Danke an Libertine. Sie hat mir den Manhwa auf einer Convention gezeigt.
    Die Geschichte hat mich schnell gepackt. Sie war nicht immer vorhersehbar, sodass es mir nie langweilig wurde.
    Die Zeichnungen gefallen mir sehr gut, da ich mich eh für den zeitlich älteren Stil interessiere.

    Einmal editiert, zuletzt von Anmafan ()

  • ich habe den Manhwa mehrfach gelesen, ihn mir aber noch nicht zugelegt, Geldgründe...
    die Geschichte war packend, vor allem da ich mich erst kurz vorher für Frankenstein zu interessieren begann. solche Geschichten sind total meins. auch mir haben es Kleidung und Frisuren der Zeichnungen angetan. vor allem das Ende war sehr interessant, da ich es auch mehrfach lesen musste um es zu verstehen und auch jetzt noch nicht sicher bin es verstanden zu haben, was ebenfalls sehr gut zu der Geschichte passt, sie ist ein wenig unbegreiflich...

    "Beauty lies in the eye of the beholder."

    (William Shakespeare)