Vor einigen Tagen erschien eine recht interessante Reportage darüber, wie mit Fotografien und Dokumenten (in diesem Falle Häftlings-Briefe aus Konzentrations- und Vernichtungslagern) welche schon seit Jahren immer wieder auf Ebay zum Kauf angeboten werden, umgegangen werden soll?
Ist es moral-ethisch vertretbar, solche Relikte als Privatperson zu verkaufen und zu kaufen?
Welches Klientel hegt daran ein Interesse?
Sollten solche nicht eher in Museen, Gedenkstätten oder Archiven Einzug halten, als bei Privatpersonen?
Hier das Video:
Laut dem in der Reportage zu Wort kommenden Gedenkstätten-Leiter des KZ-Buchenwald ist diese Problematik wohl schon seit vielen Jahren bekannt und bis jetzt auch ungelöst. Das ihn das aktuelle Ausmaß an solchen Auktionen überrascht, verwundert mich doch ein wenig... Wenn ein Problem schon seit Jahren bekannt ist, sollte man dann nicht regelmäßig oder noch besser ein durchweg wachsames Auge darauf haben, gerade wenn es sich um KZ-Briefe oder andere -Relikte aus besagten Lagern handelt?
Das solche Gedenkstätten diese nicht käuflich erwerben, macht wohl dahingehend Sinn, das man solche Händler oder den Markt allgemein nicht finanziell unterstützen möchte. Kann ich verstehen. Solche Institutionen sind in der Regel eher auf Schenkungen angewiesen. Doch da frage ich mich wiederum: Wieso keinen Kontakt zum jeweiligen Verkäufer suchen, um ihn eventuell von einer Schenkung an die jeweilig betreffende Gedenkstätte zu überzeugen?
Solche Angebote auf Ebay löschen lassen? Eine Möglichkeit, aber das Problem besteht weiter - und wenn die Artefakte nicht auf Ebay unter den Hammer kommen, dann wo anders. Militaria-Händler und -Shops sowie andere Online-Auktionen gibt's wie Sand am mehr.
Ist der Handel mit solchen allgemein verboten? Nein - jedoch bestehen strenge Regularien für Händler, die mit Artefakten aus der NS-Zeit Handel treiben. Hier geht es aber vor allem um die Einhaltung des §86 StGB.
Das man im Video die Käufer solcher Gegenstände nur in die Kategorie A: >>Die sich einen "Schauer" verschaffen wollen<< oder B: >>Weil man "Anhänger" dieser Verbrechen ist.<< steckt, halte ich für recht befangen.
Aus rein geschichtlichem Interesse kann dies nicht geschehen?
Klar, es gibt unzähliche Bücher, Schriften, Dokumentationen uvm zum Holocaust - aber auch diese sind selbst nach über 80 Jahren der Forschung nicht lückenlos. Es kommen immer wieder neue Erkenntnisse, Fotografien, Dokumente usw. aus der Versenkung empor (zumeist eben aus Privathaushalten), die meiner Ansicht nach auf Menschen, die sich ausgiebig mit dieser Thematik auseinandersetzen - ich beziehe mich hier in erster Linie auf Privatpersonen - eine so große Faszination ausüben, das wohlmöglich der Wissensdurst die moralischen Bedenken überwiegt. Auch mag der Aspekt, etwas aus dieser Zeit in Händen zu halten, eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Eben ein Stück Zeitgeschichte.
Was ich eher kritisch sehe ist nicht der Käufer selbst, sondern sein vorhandenes Wissen über diese Verbrechen, jene Zeit und wie er diese zu nutzen weiß.
Durchweg sind offizielle Lager-Briefe - ganz gleich ob aus Auschwitz I, Dachau, Buchenwald, usw. sehr positiv verfasst - dem Häftling geht's gut, er ist bei bester Gesundheit, die Versorgung und Behandlung ist human - da könnte mancher Kleingeist auf den Trichter kommen: "Ha, so schlimm war es wohl doch nicht - schau, ich hab es hier schwarz auf weiß mit dem Brief aus Auschwitz!" - Das diese Briefe einer strengen Post-Zensur unterstanden, muss man immer im Hinterkopf behalten. Hier könnten eben bei fehlendem Wissen falsche Eindrücke entstehen, die es zu vermeiden gilt. Gerade bei der jüngeren Generation scheint das allgemeine Wissen zum Holocaust eh mehr und mehr zu verwässern...
Immerhin braucht man sich bei den Menschen, die sich solche Briefe oder Fotos käuflich erwerben, keine Sorgen darüber zu machen, dass sie auf fiktive KI-generierten Holocaust-Bilder, wie sie seit Kurzem zu Hauf in den sozialen Netzwerken kursieren, hereinfallen, doch das ist wieder eine andere Geschichte.
Aber wie seht ihr das?