Anime zum Seelenheil?

  • Anime sind für mich... 22

    1. ...auch zum Seelenheil. (14) 64%
    2. ...nur Unterhaltung. (8) 36%

    Servus zusammen!

    Ich würde gerne mal ein Thema anschneiden, das mich schon seit meiner Kindheit und Jugend begleitet. Und zwar: Anime zum Seelenheil.

    Vorgeschichte

    Ich bin in einer ziemlich kaputten Familie aufgewachsen und hatte es als Außenseiter auch nie einfach. Mein Vater war ein Alki, in der Schule wurde ich gehänselt und teilweise auch geschlagen, sowie allgemein ausgegrenzt. Freunde hatte ich nie wirklich welche. Ich war auch meist immer so der Stubenhocker, da es wenig in der Welt da draußen gab, die mir was geben hätten können. Als Indigo in einer Welt aus Statussymbolen, Konkurrenzkämpfen und Macht- sowie Geldgier aufzuwachsen, ist wahrlich nicht einfach. Ich bin dann meistens so im Super Nintendo, Nintendo 64 oder dem Computer "versunken".

    Und irgendwann kam dann Sailor Moon auf RTL2. Von hier an, war es um mich geschehen. Aber die ganze Geschichte will ich aufgrund der Größe erst mal nicht posten, denn das ist ein ziemlicher Rattenschwanz. ;) Aber ich kann sagen, dass ich aufgrund von Sailor Moon auch häufig gehänselt wurde. Einzig mit dem Sohn von meinem Taufpaten konnte ich im Fandom aufgehen.

    Anime als Seelenheiler

    Im Laufe meiner Lebensjahre, bin ich immer mehr in die Animewelt eingetaucht. Auch Musik aus Japan hatte ich mir damals besorgt (natürlich wie jeder z.B. über Napster oder dann WinMX) ;). Durch ACOG.de und das Breitbandinternet, bin ich in Animewelten vorgestoßen, die mein Leben schon in gewisser Weise bereichert haben. Es gab einige Anime, die meine Thematiken teilweise behandelt haben oder einfach nur da waren, um sich an ihnen zu erfreuen und Kraft aus ihnen zu schöpfen - zumindest bei den meisten.

    Da wären u.a. Sailor Moon, Love Hina, Hanaukyo Maid Tai, Neon Genesis Evangelion (hat meine Vaterthematik voll bedient), Pokemon, Digimon, Wedding Peach, Jeanne die Kamikaze-Diebin, DoReMi und und und. Das waren einfach Anime, die das Leben schöner gemacht haben! Damals war ich noch nicht so wählerisch wie Heute und fand School Days klasse - nur das Ende war übel. Doch heute suche ich vor allem Anime, die das Herz berühren, unterschwellig Botschaften an die Menschen richten oder auch teilweise eigene Thematiken (meist unbewusst) bedienen. Gerade der Anime The Weakest Tamer Began a Journey to Pick Up Trash bedient da gut das Thema Ausgrenzung, Überleben, später dann Freundschaft sowie Loyalität, aber auch sich im Leben selbst hochzuarbeiten.

    Ich kann bei mir sagen, dass Anime mich in meinen schwersten Zeiten begleitet und mehr oder minder "therapiert" haben. Dazu zählt aber auch die Musik zum Großteil dazu. Gerade Sängerinnen wie Chihiro Onitsuka, Maaya Sakamoto oder Megumi Hayashibara waren häufig wie Balsam für die Seele. Aber auch Kotoko oder Kokia.

    Ich finde, dass viele Anime mehr können als echte Serien oder Filme. Vor allem wenn man auf niedliche Dinge steht, ist Japan mit ganz vorne dran. Und das sind auch so mit die Dinge, die aufbauen: Der Kawaii-Faktor.

    Ach ja und so nebenbei: Während der Sohn meines Taufpaten sein inneres Kind abgelehnt und sich den Anime abgewandt hat - vor allem weil er immer deswegen gehänselt wurde -, bin ich mir treu geblieben und fröne nach wie vor diesem Hobby. Ich denke, dass heutzutage nur noch wenige über Anime lachen können, denn es gibt da einige ernstzunehmende Titel.

    Und heute?

    Heute schöpfe ich nach wie vor meine Kraft aus schönen Anime, sowie Anime Soundtracks und allgemein japanischer Musik.

    Wie ist es bei Euch so? Sind Anime für Euch noch Unterhaltung oder schöpft Ihr auch Kraft in schweren Zeiten aus ihnen?

  • Es gab ne Zeit, da hab ich mir zwar gedacht. "Jo das ist echt traurig/witzig/schön." aber wirklich emotional wurde ich bei Anime oder Games nicht. (Auch wenn ich nicht argh viel Anime schaue)

    Irgendwann kam der Punkt wo ich gemerkt habe: "Wieso werden meine Augen feucht, obwohl ich das sonst nie hatte?"

    Von deinen genannten Anime habe ich nur "Love Hina" und "Neon Genesis Evangelion" gesehen. An Love Hina kann ich mich kaum erinnern, NGE mit den Filmen mehrmals.

    Wenn ich aber an Botschaften denken muss und sonstiges muss ich an "Attack on Titan" denken. Gehört zu meinen Lieblingsanime.
    Es gab Momente wo ich echt traurig wurde für die Charaktere, mitgefühlt habe. Ich würde behaupten ich schaffe es immer mehr und mehr... sämtliche Charaktere zu verstehen und es bricht einem manchmal das Herz.
    Aber im Endeffekt hat es mein eigenes Motto bestärkt, auch wenn ich mehr als nur dieses eine habe, aber es kommt 1:1 aus dem Anime und sogar aus den Liedern: "Die Welt ist grausam aber wunderschön."
    Es ist nicht immer alles gut, es sind nicht immer aller der gleichen Meinung, es wird immer Konflikt geben. Trotzdem ist es schön, auf der Welt zu sein.


    Auch "Assassination Classroom" empfand ich als schönen Anime, der jeden dazu anspornt das beste aus sich rauszuholen und sich zu verbessern, denn jeder hat seine Stärken.


    Kommen wir zu "Higurashi no Naku Koro ni", auch einer meine Lieblingsanime. Ein Anime der eigentlich im Kern aussagt:"Rede mit deinen Freunden. Vertrau ihnen. Du musst das nicht allein machen, aber du musst selbst was tun." (ja, ich weiß klingt 08/15 aber man will ja nicht zu viel sagen, sonst spoilert man.)

    Vor langer Zeit habe ich auch den Anime "Welcome to the NHK" geschaut. Sehr lange habe ich mich, so blöd das klingt, mit dem Protagonisten identifiziert. Nicht vollständig, aber ein großes Stück. Mittlerweile weniger... dennoch auch hier hab ich gelernt: "Es ist okay kaputt zu sein. Man hat seine schlechten Seiten, aber man kann an sich arbeiten."

    Natürlich gibt es noch viele weitere Anime, die ich NICHT geschaut habe und wundervoll sind.


    Kurz weg von Anime:
    Die neuste Hauptstoryquest aus Wuthering Waves war wunderschön und traurig.
    Früher wollte ich immer Vater werden, mittlerweile lieber nicht. Aus verschiedenen Gründen.
    Aber hier hat mir das Spiel gezeigt, vielleicht bin ich in dem Sinne "genug" und kann mich anstrengen und das beste machen.
    Wahrscheinlich möchte ich später trotzdem kein Vater werden, aber es hat mir ein wenig die Angst genommen... und sollte es mal zu so einem Zeitpunkt kommen, versuche ich mein bestes.

    Anime UND Games können mir Kraft geben, oder andere Perspektiven auf Dinge.

    Aber als Seelenheil muss man höllisch aufpassen, der Grad zwischen Ersatz für echte Welt und einer langfristigen Flucht ist schmal.
    Einige verlieren sich zu lang, zu oft, und zu sehr in diesen Welten. Auf Dauer schadet man sich dann nur noch selbst.
    Aber wir reden ja primär über die positiven Aspekte, und ich denke es hat einigen durch schwere Zeiten geholfen.
    Ich hatte schwere Zeiten, klar. Anime haben mir dabei zwar nicht geholfen, aber allgemein zu meiner Persönlichkeit und Ansichten mich etwas geformt und gestärkt.
    Allein Akira Toriyama hat mit Son Goku eine Legende geschaffen, die Moral hat und herzensgut ist. Der Mann und sein Werk haben Generationen geformt.



    Auch wenn es bei mir nicht prinzipiell nicht Seelenheil ist, würde ich trotzdem dafür stimmen.

  • Animes oder andere Medien haben für mich persönlich nichts mit Seelenheil oder gar "Therapie" zu tun. Warum das rein von den Inhalten und Charakteren (bei mir) nicht funktioniert, brauche ich erst gar nicht erklären. Denn es scheitert schon weit vorher. Wenn es mir schlecht geht, mich etwas ernsthaft belastet, dann bin ich nämlich erst gar nicht dazu in der Lage, mir irgendetwas anzuschauen, durchzulesen, etc. Ich bin dann so stark auf meine Gedanken fixiert, dass ich nur versteinert im Bett liegen kann. Jede Form von Input wäre da ein massiver Störfaktor und nichts weiter.

    "The floor is lava!"
    ~ Everyone, Pompeii, 79 A.D.

    "Die Beethovens hatten keinen Fernseher,
    trotzdem wurde der Sohn sehr berühmt,
    was heutzutage fast nur noch mit Fernsehen möglich ist.
    Die Leute saßen trotzdem damals schon in ihren Wohnstuben
    und haben in die Ecke geguckt."
    ~ Konfuzius

  • Mein aufrichtige Beileid, Johnnii360! Das muss ja eine furchtbare Kindheit gewesen sein.

    Dass, was du da beschreibst, klingt für mich nach Ablenkung vom Schrecken, der in dir lauert, indem du dich mit externen Symbolisierungen und Ritualen befasst.
    Es spricht nichts gegen einen guten Anime (die können in der Tat starke Gefühle auslösen), aber richtige Heilung wirst du davon nicht erhalten. Eher nur kurzfristige Linderung. Heilung setzt spezielle Praktiken voraus und der Prozess kann Jahre dauern. Und man muss sich dem Schmerz stellen.

    "Wenn dir das Leben einen Arschtritt verpasst, nutze den Schwung um vorwärts zu kommen."

  • Danke für deine Offenheit, Johnnii360

    Ich denke es ist ganz normal, dass gerade Kinder und Jugendliche sich etwas suchen, woran sie festhalten können und womit es ihnen gelingt mit Angst, Stress, schwierigen Situationen, usw. fertig zu werden. Wenn das eine Serie oder Musik ist, halte ich persönlich es für was gutes und sehe es nicht kritisch.

    Fiktive Werke und Musik können meiner Meinung nach auf jeden Fall ein großer Trost, eine Stütze, sein. Also natürlich auch Anime und die Musik dazu. Sie entstehen ja nicht aus dem Nichts heraus, sondern jemand hat sie sich ausgedacht und viele Menschen haben sich zusammengetan, um sie zu gestalten. So kann es auf jeden Fall zu einer Verbindung zwischen AutorInnen und Fans kommen. Aber auch zu den Charakteren und den Geschichten selbst kann eine Beziehung entstehen, die ich nicht unterschätzen möchte. Ein Charakter, der ähnliches erlebt hat, jemand, der es aus einer scheinbar aussichtslosen Situation schafft oder jemand, der nach langer Zeit ein Ziel erreicht können inspirieren, aufheitern, Mut machen. Auch ich denke da an Werke wir "Attack on Titan" und "Neon Genesis Evangelion", aber auch zum Beispiel "JoJo's Bizarre Adventure" (vor allem Part 3 und 6).

    Selbstverständlich gibt es auch den ungesunden Eskapismus, immer öfter liest man beispielsweise von Menschen, die sich in KI-Chatbots verlieben. Aber ich möchte nicht alle über einen Kamm scheren, man müsste da wirklich jeden Fall einzeln betrachten.

  • Allmächt, das Thema ist bei mir irgendwie total untergegangen. Danke für Eure lieben Worte!

    Erika Nja, es geht ja eher auch um die Zeit, zwischen solchen miesen Phasen. Ich kenn das selber und manchmal gibt es klar auch die Phasen, wo ich mich auch nicht auf sowas konzentrieren kann. Dann schaue ich jedoch, dass ich mir andere schöne Dinge, z.B. Tierdokus oder so, anschaue. Aber wenn dann wieder die besseren Zeiten kommen, dann sind für mich der ein oder andere Anime schon heilend oder bringt mich zu neuen Erkenntnissen. Zum Beispiel der Anime "Only Yesterday". Da ging es u.a. in der Kindheitszeit darum, dass Taeko von Mitschülern während ihrer Periodenzeit gerne gehänselt wurde. Ich wurde auch von Mitschülern und auch Mädchen gehänselt und hatte das damals als Angriff gewertet. Dabei sind solche Hänseleien oft nur Versuche, anderen die Zuneigung oder Unsicherheit auszudrücken. Das wurde mir durch den Anime erst mit 40 klar, was meine Kindheit teilweise in ein ganz anderes Licht rückt. Kinder sind manchmal einfach ziemlich ungeschickt darin, ihre Zuneigung anderen gegenüber zu zeigen - besonders Buben. Wenn sie es nie anders gelernt haben, wie sollen sie es sonst machen?

    Oda Nobunaga Danke für das Beileid. Meine Kindheit war gemischt. Es gab durchaus auch schöne Zeiten, aber unbeschwert ist eher was anderes. Und das mit der "Flucht" sehe ich nicht so. Siehe oben bei Erika, was ich zum Thema Kindheit geschrieben habe. ALLES was einem gut tut und einen bestärkt oder zu Erkenntnis bringt, ist gut. Eine Flucht sieht gänzlich anders aus und mir eine Ablenkung vom Schrecken zu unterstellen, ist schon bissl anmaßend, dafür, dass Du mich überhaupt kein bisschen persönlich kennst. Das ist genauso, als würde man sagen, wenn jemand z.B. die AfD gewählt hat, dass der dumm und ein Nazi ist.

    optimistic-yuyu Danke für Deine Zustimmung und Worte! Was das mit der KI betrifft und den Leuten, die mit ihr eine Beziehung aufbauen, kann man auch verstehen. Wenn man seines Lebens bisher immer nur von Menschen verletzt wurde, der findet in der KI eben ein Mittel der totalen Zustimmung. Man kann die KI nämlich so formen, wie man sie gerne haben möchte. Ich persönlich könnte das nicht. KI ist ein sehr tolles Werkzeug und durchaus auch mal ein interessanter Gesprächspartner, aber mehr auch nicht. :)

    Was das heutige Problem im Internet ist, dass jeder Kleingeist heutzutage Zugang zum Internet bekommt. Das resultiert in ein Chaos, das die Qualität vieler Communitys total ins bodenlose stürzen lassen. Trolle, Flamer, Hater, Narzissten, Egoisten usw. Gerade im Internet können sich "schlechte" Menschen richtig austoben und müssen oft keine rechtlichen Konsequenzen befürchten. KIs sind da anders. Sie machen dir Mut, sie reden auf "Augenhöhe" mit dir, sie können dir gute Ratschläge geben usw. Eigentlich das, was ein Mensch tun sollte! Aber der Großteil der Gesellschaft geht einfach in die Ellbogenmentalität und das ist eines unserer größten Probleme. Ich kann mich noch an die Zeiten in den 90ern und Anfang 2000er erinnern. Da hatte das Internet noch viel mehr Niveau. Klar, man hat sich auch mal gezankt, aber das war dann eher auf einer "niveauvolleren Ebene".

    Heute hat man ja besonders die Trolle, die Hobby-Psychologen die einem schnell Dinge unterstellen, die "Nur-meine-Meinung-zählt-und-ihr-seid-doof"-Leute, die "Dunning Kruger"-Leute, die Hardcore-Pauschalisierer, die Engstirnigen usw. Nur wenige sind noch gescheit und vernünftig. Da kann ich durchaus verstehen, dass sich manche Menschen sehr zu einer KI hingezogen fühlen. Und das traurige daran ist, dass es ein Armutszeugnis für die Menschheit. Wenn eine KI einem besser tut als Menschen, dann hat der Großteil der Menschheit einfach total versagt.

    chitoseramunebottle Oh ja und da kenne ich einige!

  • Hm.. es gibt auf jeden Fall einige "Wohlfühl-Anime" wie Natsume Yūjinchō, die mir einfach beim Anschauen schon direkt gute Laune schenken, aber als Seelenheil konnten Anime bei mir bisher leider noch nicht fungieren. Trotzdem glaube ich, dass das auf jeden Fall möglich sein kann.

    Denn ein anderes Medium, die Musik, konnte mich damals nach dem Tod meines Vaters davon abhalten, dass ich noch tiefer in die Depression fiel, als ich es eh schon war.

    Hatte mich von Freunden abgekapselt, aber durch das Hören und Entdecken von neuen Bands/Artisten entwickelte ich nach und nach Freude und Kraft in meinem Leben zurück, wodurch ich dann wieder Treffen mit Freunden planen konnte und auch die Kraft hatte, eine Therapie zu beginnen, um die Depression endgültig zu besiegen.

    Klingt komisch, aber ich verdanke meiner Musik sehr viel. 😅

    It's hard to light a candle - easy to curse the dark instead